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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volkeblatt Nr. 26 nicht übersehen werden: 1. daß die Lage unserer Brüder in Galizien und auch in anderen Ländern durch die Nichtbeachtung oder Aufheben unserer Gegeuwartsaufgabeu infolge Boykotts oder Vcrdrängeus aus ihren jetzigen Stellungen seitens 0er autochthonen Bevölkerung sich stets trostloser gestaltet; 2. daß wir in absehbarer Zeit die Heimstätte nicht haben werden- und 3. daß, wenn wir sie günstigen Falles erlangen werden, abgesehen von allen anderen Hindernissen, schon aus rein kolonisationstechnischen Gründen die Ueberführung von sehr großen Menschenmengen in kurzer Zeit eine Unmöglichkeit wäre. Wir sind also für unabsehbare Zeiten gezwungen, in unseren gegenwärtigen Vaterländern zu bleiben, und müssen auf die gegenwärtigen Verhältnisse, unter denen unsere Stammesgenossen leben oder besser nicht leben können, unser größtes Augenmerk richten. Aber auch vorn rein zionistischen Standpunkt ist eine durchgreifende sozialpolitische Gegenwartsarbeit eine unabweisbare Notwendigkeit. Denn jede zionistische Arbeit im Lande ist bestenfalls Flickwerk, wenn wir nicht das gesamte Volk in allen seinen Schichten und in allen seinen Bedürfnissen durch eine Organisation erziehen, die sämtliche Interessen des Volkes wahrninunt und die den mannigfachsten und heterogensten Einflüssen unterworfenen Massen eine Stütze und Richtschnur bieten könnte. Man vergißt weiter, welch gewaltiger Erziehungsgedanke darin liegt, wenn das Volk ununterbrochen und systematisch in der nationalsozialen Arbeit sich betätigt. Eine das ganze soziale, wirtschaftliche wie auch kulturelle Leben umlspannende Gegenwartsarbeit würde, indem sie aus verschüchterten, versklavten und demoralisierten Menschen selbstbewußte, freiheitsliebende und modern empfindende Juden großzieht, der beste Erzieher der Massen, werden und könnte gegebenen Falles das erforderliche Menschenmaterial abgeben, das zur Regeneration unseres palästinensischen Heimatsbodens und unseres Volkes notwendig ist. Die Gegenwartsarbeit ist somit nicht nur ein unausweichlicher Akt der Notwehr, des Schuhes vor den Angriffen der autochthonen Bevölkerung, sondern sie ist in moralischer Hinsicht voll größter Bedeutung als Steuer gegen die Platz greifende Demoralisation der Massen. Wir wollen uns nicht täuschen. Wir glauben' nicht, daß dlirch noch so große Aktionen das furchtbare Elend aus Galizien zu vertreiben wäre, aber es ist andrerseits eine unverzeihliche Kurzsichtigkeit, zu behaupten, daß durch ein Sammeln unserer Volkskräfte, durch wirtschaftliche Kräftigung, durch kraftvolles Betonen unserer Rechte und dlirch ein eventuelles Ausnützen politischer Allianzen eine bedeutsame Stärkung I ggMMMKiMMBBCMBBBaBBBMMWBgBBMMWBMMMMH—BMB——WM Koterie gang und gäbe waren, an. Als er nun bei der Wahlewersammlung begann: „Meine Herreil, ich bin Anti—", da ließ inan ihn nicht einmal das Work ganz aussprechen, man hörte nicht an, ob er sagen wollte: Antisemit, Antiliberaler oder vielleicht gar Antichrist; die Vorsilbe allein berauschte sie, und mit tosendem Beifall rief man ihm zu: „Sie sind unser Kandidat", und am Wahltage wurde er lvirklich zum Gemeinderat der Stadt Wien gewählt. Jetzt, da auch dieses Ziel erreicht war, sagte er sich in weiser Selbsterkenntnis: Als künftiger Stadtvertreter muß ich wohl die Lücken meiner zurückgebliebenen Bildung aus füllen und mich auf das Lesen gliier Bücher verlegen. 'Trotz der seit seiner Jugend bestandenen Abneigung gegen das Lesen tat er sich Zwang an lmd wählte vor allem Schillers Werke. Er begann mit den Gedichten. Wenn er auch das meiste nicht verstand, memorierte er unablässig, lernte viel allsweu-dig rmd er nahm sich vor, in der Ratsstube die Mitglieder mit einem Bombardement von Zitaten 31t überschütten und ihnen durch seine Bildung zu imponieren. In. seinem eifrigen Studium kam er mm. zur Ballade „Der Ring des Polykrates" und kam 311 der Stelle, in der Aegyptens König spricht: „Noch keinen sah ich fröhlich enden, auf den mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streu'»". Ta überkam ihn eine jähe Angst, und bebend sprach er: „Ich bin doch auch in gleicher Lage, auch ich habe -Der Götter Gunst erfahren, auch »liv ist alles wohlgeraten, nie ist nur unserer Position und ein Beachten unserer sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Wünsche nicht zu erzielen wäre. Unsere gegenwärtige jüdische Politik oder, besser gesagt, die Politik deö winzigen Häufleins von reichen, assimilierten Juden, die einzig und allein ihrem gefüllten Belltet lind der politischen Blindheit und Unbeholfenheit der breiten jüdischen Volksschichten ihre Bracht 31t verdanken haben, sonst aber mit dem Volk in gar feinem ideellen Zusammenhang stehen und für die es — nlan denke an das österreichische Parlament — zumindest offiziell keine Jlidenfdage gibt, wissen von einem' spezifischen Judenelend nie etwas zu sagen, denir sie keiliieil nur eine Polenfrage. Manchmal, in überaus seltenen Fällen, ivird etlvas, nicht zli lallt, lveilir die jikoische Religioir „bedroht" wird, von religiöser Toleranz gesprochen, sollst aber lverdeil die Verhältilisse ihrem Lauf überlassen. Herr Tr. Byk hat vor eilügeil Jahren ein Kultusgemeiude-Palais in Lemberg errichtet und empfand das Bedürfnis, sich uild sein im übrigen wenig zweckentsprechendes Werk von den Kultusgemriudeoertreteru Galiziens bewunderu zu lasseil. Damals wurde ein galizischer Gemeiuöetag nach zwanzigjähriger Unterbrechuug eiuberufeu und bei dieser Gelegenheit lvlirden die wirtschaftlichen uild politischen Verhältilisse der Juden, freilich gegen Den Willen der Herren Dr. Byk und Genossen, durch das lilutige Eingreifen der Lemberger Zionisten und durch eine unvergeßliche Rede des Gesinuungsgcnosseu Dr. Malz besprochen. rnnt jener Zeit — es find bereits fünf Jahre verstrichen — ist weder von seiten der gegemvärtigen Machthaber noch von seiten der Zionisten kaum etwas gescheheil, wiewohl der zionistische Gedanke nicht nur bei der breiten Volksschichte, sondern auch bei der Intelligenz, die früher assimilatorisch gesinnt war, ungeheure Fortschritte erzielt hat uild wiewohl die Zionisten in diesem Zeitraum in lnanchen Städten und Städtchen die Kutillsgemeinden an sich gebracht haben. Zur Hochschnlbewegnug in Deutschland. (Eiile Blamage der liberalen Presse.) Anläßlich der jüngsten Hochschulbewegung in Deutschland haben die liberalen Blätter des Reiches wie moderne Diogenesse nach Studentenverbindungen gefahndet, die.' in dem Studenten den Kommilitonen, den Menschen sehen und nicht nach seiner K 0 n f e s s i 0 n fragen. Als solche „freiheitliche Studentenschaft" wurden die h a n n 0 ver s ch e n Studenten verschrien, rmd man erinnert sich noch. etwas mißlungen; sollte auch mir der Untergang beschieden ]einV Wer weiß, welches Uw glück mich noch treffen kann." Bald jedoch, beruhigte er. sich, als. er. weiter las, daß man ein Opfer bringen muß, lim die neidischen Götter zu versöhnen. „Sn werde allch ich ein solches bringen," sprach er, „aber nicht durch Wegwerfeir eiiles Ringes, lvie jener, den ein Fischer aus dem Magen eines Fisches lviederbrachte, soirderir durch absichtlich hervorgebrachten Verllist, der zugleich mit einer guten Tat verbunden feinwird." In derselben Straße wohnte ein armer, herabgekommeuer Handwerker, welcher ein kleines, einstöckiges Hälischeu besaß, das weit über seinen Wert mit Hypotheken belastet war. „Diesem! Manne kann geholfen werden," mit den Worten. Karl Moors, er hatte inzwischen die „Räuber," gelesen. Er kaufte ihm das Häuschen um solch einen hohen Preis ab, daß er ihm auf die Hypothekenablösung noch ein ziemliches Bargeld allszahlen konnte. „Jetzt," sprach er, „werden die neidischen Götter mich doch in Ruhe lassen, ich habe Geldverlust und einen Annen glücklich gemacht." .Nach einiger Zeit jedoch lvurde in der Straße die Tramway gebaut uild das Hälischeu, welches ein Verkehrshindernis bildete, mußte demoliert lverden lind der Eiw löslingsbetrag wurde so hoch bemessen, daß er deir dreifacheil Betrag erhielt, den er dafür gegeben hatte. Der arme Handwerker, der früher nie so viel Geld besessen hatte, wusste damit wie die liberalen' Blätter diese aus dev Art geschlagenen Studenten mit Lob überschütteten, während die klerikalen, nationalen und antisemitischen Organe über die armen „Verirrteil" herfielen. Nun scheint aber Den hannoverschen Studenten das Lob sehr, lvehe getan zu haben! Wenigstens' geht dies alls einem lamentablen Artikel der „Frailkfurter Zeitung" vom i7. ds. unzweideutig hervor. Dieses Blatt schreibt nämlich: „Die Hochschulbewegung, die zu so lebhaften Kundgebungen geführt hal und der die Durchdringung der Studentenschaft mit freieren Anschaunngen zu danken ist, hat bekanntlich zum Ziele die Beseitigung von Bewegungen und Beschränkmlgen innerhalb des Slndententums und sie hat sich speziell gegen die konfessionellen Absonderungen gerichtet, die in den konfessionellen Verbindungen an den Hochschulen ihren Ausdruck findeil. In der Besprechung dieser von freiheitlichen Gesichtspunkten ausgehenden Bestrebungell haben wir wiederholt betont, daß ihre Vertreter vor allem auch selbst innerlich frei werdeil nlüssell von Vorurteilen und Abstmderungsgelüsten, lvie sie leider im Hochschulwesen und namentlich in den studentischen Verbindungen immer mehr um sich gegriffen haben. Wie berechtigt diese Mahnung war, zeigt folgender Fall, den die „Meitteilnngen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" znr Kenntnis bringen. An der Technischen Hochschule zu Hannover sollte ein Gesangverein viinbet werden und zu der darüber beratenden Versammlung hatte sich auch einjüdischer Student eingefunden. Dieser lvurde zunächst zuvorkommend ausgenommen, erhielt jedoch, lvie er in den „Mitteilungen" schreibt, einige Tage später folgenden Brief: „Sehr geehrter Herr Komi li tone! Zu meinem Bedauern sehe ich mich genötigt, Sie zu bitten, fernerhin davon ab sehen zu wollell, Anschluß ail unsere Kartellvereinigung zu suchen. Als Angehöriger der mosaischen Konfession kölmen Sie, falls Sie sich zum Eintritt melden sollten, bei rins nicht Ausnahme finden. Es int mir dies um so mehr leid, Ihnen dies erklären zu müssen, als Sie ail unseren BejstäeblUlgen einen so regen Anteil genommen habeil. Mit studentischem Gruß L. H." (Berbmduiigszeicheil.) Dazn teilt der Einsender mit, daß veil sämtlicheir studentischen Vereinen und Verbindungen an der. Technischen Hochschule zu Hannover, zirka 30, mir eine einzige, der „akademische Reitkllib," jüdische Studenten aufinillmt. Uns war bekannt, daß an der hannichts anzufailgen und verlegte sich auf Geschäfte, die schlecht gingen, und bald war er so arm lvie zlwor. Statt Verlust also hatte Franz nur Gewinn und dein Armen hatte es gar nichts genützt. Nun uliußte er über andere Opfer grübeln. Er ging in Gesellschaften, lvo Hazardspiele betrieben lvurdeu, und während andere Gewinnstchanreil! suchten, ging sein. Streben nach Verlust im Spiele. Er pointierte unsinnig, doch die widerspenstigen Karten vereitelten seine Absicht uud fielen ihm so günstig, daß er alle in der Gesellschaft Plüiiderte. Unmutig gab er das Spiel mit dem Spiel auf und verslichte Börsespekulationen. Es Um' gerade zu. jener Zeit eine Hausse-Strömung, die Papiere stiegen! täglich. „Um Geld 31t verlieren," dachte er, „loerde ich gegen Don Strom schwimmen uild a la Baisse spekulieren." Er verkaufte in Koutermiue immense Summen von Effekten. Da brach, lvie eigens für ihn bestellt, eine Haudelskrisis in Argentinien aus, welche die Börsen in- London und auf dem ganzen Kdutineut erschütterte. Auch in Wieir wurde die Wirkling verspürt. Es entstand eine Panik, die Papiere fielen rapid und er gewann große Beträge. Da rief er jammernd aus: „Selbst von Amerika aus agitieren die Götter! des Zufalles für — das' heißt gegen mich." Wohl könnte ich für wohltätige Zwecke eine Summe spenden, aber nach meinem Vorbilde mllß es ein. Verlust sein, absichtlich herbeigeführt. Ich werde

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