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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-30 · 26 (30.6.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
26 (30.6.1905)
Date
1905-06-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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K 3.42 ä Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgeqenaenonnnen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Untere Augartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Mr. 26. Wien- 30. Juni 1905 (27. Kiwnn 5665). VH. Jahrgang. Die politische Lage der Juden in Galizien. Von Oskar Keßler. Die Geschichte der Inden in den letzten Jahrzehnten stellt eine endlos werdende Reihe von jähen elementaren Katastrophen dar, die jedesmal mit einer explosiven Gewalt ausbrechen und dm bis zur Bewußtlosigkeit geschwächten Volksorganisnms nicht zu Ruhe, nicht zur Sammlung seiner erschütterten, aus dem Gleichgewichte gebrachten Kräfte gelangen lassen. Bald heißen sie Dreyfus und spielen sich im kultiviertesten Lande der Welt, in Frankreich ab, bald in Könitz, Polna, Rumänien, Galizien und in ununterbrochener Aufeinanderfolge vor unseren Augen in Rußland. Jedesmal aber erbebt und erzittert der ganze Volkskörper, wie wenn er von einem unterirdischen Feuer gerüttelt wäre, und die kaum begonnene Vernarbung und Sammlung bleibt wirkungslos, weit schon irgendwo eine neue, klaffende Wunde ihn im! tiefsten Innern erbeben macht. Und die Arbeit ruht wieder oder sie wird unterbrochen, wir aber stehen kopflos, ganz den marternden Gefühlen hingegeben und übersehen und vernachlässigen die Aufgaben, die wir bei gesammelter Erwägung der Sachlage hätten vollbringen müssen. Währenddem schreiten die Völker, in deren Mitte wir wohnen und von denen wir beherrscht werden, vorwärts, ohne sich im mindesten! um. uns zu kümmern, und benützen unsere Ohnmacht, um uns aus den hisnun! eingenommenen Positionlenj zu verdrängen und durch sozialpolitische Gesetze, die bei unserem! passiven Verhalten in Galizien stets zu. Ungunsten der Juden ausgelegt werden, unsere kümmerliche Existenz noch unmöglicher zu. machen. Mit jedem neuen Jahre wird unsere Existenz schlechter, trostloser. Die Juden sind für die Polen, auf die es ja in Galizien hauptsächlich ankommt, Luft, eine Quantite negligeable, deren man sich bei Wahlen bedient, um seine Macht zu sichern, denen man aber mit cincmi Fußtritte begegnet, wenn sie es wagen, Gerechtigkeit für sich zu fordern. Trotzdem wäre nach alledem die Annahme verfehlt, daß die Lage der Juden in Galizien gar nicht verbesserungsmöglich wäre, daß sie zu ewigem Darben verurteilt sein müssen. Wir haben ein geradezu klassisches Beispiel an unseren Nachbarn, den Ruthenen, an denen die Polen! gleichfalls im höchsten Grade gesündigt haben und die, obgleich im tiefsten kulturellen und materiellen Elend schmachtend, nach einem verhältnismäßig kurzen Zeiträume von kaum drei Jahrzehnten aus einem Pariavolke zu einem wohldisziplinierten, seine nationalpolitischen wie auch materiellen Interessen mit intensiver Leidenschaft wahrnehmenden Volke geworden sind. Oder um dem Borwurfe, daß die Ruthenen auf eigenem Boden eine Majorität der Bevölkerung ausmachen, zu entgehen, unsere Brüder in der Bukowina, die gerade wegen der Betonung ihres Judentums eine im Verhältnisse zur Lage der Juden in Galizien ungleich günlstigere Stellung einnehmlen und in! allen politischen wie auch wirtschaftlichen Fragen zu einem geachteten, ja gefürchteten Feuilleton. Der Ring -es Polylrates Originalskizzc von Adolf Steinschneider. Es gibt viele Individuen, die man gemeinhin Pechvögel nennt. Solche Menschen trifft kein, tiefeingreifendes Unglück, welches ihr Leben zerrüttet, aber sie werden von den Mückenstichen des Schicksals betroffen. Was sie auch unternehmen! mögen, noch so geschickt mit Sachkenntnis angegriffen, es mißlingt alles durch eine tückische Fügung des Zufalls. Andrerseits gibt es wieder Glückspilze, denen alles, noch so verkehrt und vernunftwidrig unternommen, gerät und gedeihlich ausfällt. Woher das konrmt, warum die eine n lauter Erfolge, die anderen lauter Mißerfolge erlebend Das ist eine Frage, so alt wie die Welt, so lange Menschen existieren, die noch kein Weiser beantworten konnte. Die Römer nannten es Fatum, die Türken nennen es Kismet. Franz Scholz, dessen Lebenslaufbahn hier geschildert werden soll, war ein solcher verzogener Günstling Fortuuas. Schon in seinem Knabenalter fiel alles nach feinem» Wunsch aus. Er hatte sich durch die Volksschulklassen mit Mühe, Ach und Weh und mit öfteren Durchfällen endlich durchgewunden und nun wollte ihn sein Vater eine Realschule besuchen, lassen. Doch das Lernen Ivar nie seine Freude gewesen und! nun sollte er noch Schwereres auf sich nehmen. Mit Schaudern und mit Grauen' dachte er an die Qualen, die ihm Geographie und Geschichte, ja sogar dev schrecklichste der Schrecken, die Mathematik und Geometrie, bereiten würden. Ta trat ein ihn. befreiender „gliicklicher" Unglücksfall ein. Er wurde schwer krank und als nach mehrmonatlichem Krankenlager die Genesung erfolgte, wollte fein Vater ihn erstarken' lassen, dachte zu gleicher Zeit, daß, als dem Sohne eines reichen Mannes ihm. Wissen und Gelehrtheit nicht gar so nötig seien, nnd gab den Plan seines weiteren Studiums ans. Wer war froher als Franzi Frei wie der Vogel in der Luft, tummelte er. sich mit Spielkameraden herum in Feld nnd Flur, aß gut, trank gut, wurde kräftig an Körper und — nicht an Geist. Als er das Jünglingsalter erreichte, nahm ihn der Vater in sein Geschäft, ein großes Modewarenlager. Auch da wurde seine Tätigkeit nicht sehr in Anspruch genommen. Das Geschäft war ein altrenommiertes und langjährig geschulte, verläßliche Commis betrieben es. Er brauchte also nur dein jungen Herrn zu spielen und hie und da den Verkäufern zuzuschauen, sonst konnte er' sich dem Vergnügen und dem Wohlleben hingeben. Die Jahre flogen pfeilgeschwind, aus dein Jünglinge wurde ein Mann. Der Vater starb und Hintevließ ihm ein sehr bedeutendes Vermögen, mehrere Zinshäuser und das prosperierende Geschäft. Er stand auf dein Gipfel Faktor geworden sind. Sie liefern uns ein typisches Beispiel, wie lvir unsere auch in Galizien vorhandenen Kräfte anwenden und ausnützen müssen, um gleichfalls im politischen und ökonomischen Leben Galiziens ein gleicheberechtigter und geachteter Faktor zu werden. Diese Formel aber lautet: Wir müssen Juden sein, nach innen! und außen, ganze, unbeugsame Juden, die ein klares Ziel vor Augen haben und daraus losgehen, nicht verschüchterte Sklaven oder freiwillige Lakaien, die nur betteln und winseln, aber nicht fordern, nicht ihre Rechte erzwingen können. Es ist in der ganzen Geschichte beispiellos, daß ein herrschendes Volk oder Klasse dem beherrschten Volk aus bloßem Gerechtigkeitsgefühl irgend welche Rechte eingeräumt hätte. Rechte und Freiheiten mußten stets erkämpft werden, je nachdem! mit größerer oder minderer Gewalt. Die Zionisten Galiziens besaßen viele Jahre vor dem Auftreten Herzls neben der Arbeit stir Palästina ein politisches und wirtschaftliches Gegenwartsprogramm, das aber mit den: Auftreten Herzls, der von den Zionisten die Anspannung aller verfügbaren Kräfte für die Schaffung einer Heimstätte forderte, gänzlich beiseite geschoben und nur in sporadischen Fällen, wo diese Notwendigkeit nicht mehr umgangen werden konnte, hervorgeholt wurde, ohne indes, was ja wegen der wenig planvollen und unorganischen Durchführung desselben selbstverständlich ist, greifbare Erfolge erzielen zu können. Es ist wahr: Die Erlangung einer Heimstätte ist und bleibt unsere allerwtchtigste und unumgänglichste Aufgabe. Aber es darf des Glückes, war alleiniger Chef, und stolz konnte er ausrufen mit des Dichters Worten: „Fest wie der Erde Grund Gegen des Unglücks Macht Steht mir des Hauses Pracht." Er dürfte vielleicht diesen Schillerschen Vers nicht angewendet haben, da ihm, Lektüre eine Terra incognita war, aber Aehnliches dürfte er wohl in seiner Weise gedacht haben. Kein Wunsch blieb ihm unerfüllt. So befand sich in derselben Gasse ein Konkurrenzgeschäft, von einem, Juden betrieben, und mißmutig sah er hie und da Kunden hineingehen. Da trat gerade damals zur rechten Zeit die. Strömung auf, die man Antisemitismus nennt. Das Losungswort entstand: „K!auft nur bei Christen!" und bald zum großen Triumph unseres Franz mußte der Jude die Bude schließen. Nun erfaßte ihn der Ehrgeiz und die Sehnsucht, irgend eine öffentliche Würde zu bekleiden, und auch dieser Wunsch sollte bald in Erftillung gehen. Es wurden Gemeinderatswahlen ausgeschrieben und er beschloß, als Kandidat aufzutreten. Es war natürlich, daß er sich aus Dankbarkeit jener Bewegung, anschloß, die ihn von der jüdischen Konkurrenz befreit hatte. Doch wie sollte er es dahin bringen, eine Kaudidatenrede zu halten, er, welcher nur notdürftig einen kaufmännischen Brief schreiben konnte. Zu diesem Zwecke begab er sich in die Versammlungslokale und eignete sich die Schlagworte, die bei dieser

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