Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Jüdisches VolksWatt Seite b sch-vittspartei bleiben »vollen" — das hat schon vor Monaten der intellektuelle Urheber des Beschlusses niedergeschrieben — wenn z. B. ein Redakteur des „Prager Tagblatt" zugleich Sekretär des Zionistischen Distriktskomitces für Böhmen sein und das zionistische Kommando führen will, wenn Teplitzer Allsschußmitglieder des „Zion" AusschuWlellen in der dortigen Schulvereins-Ortsgruppe innehaben dürfen, dann: divor^ons! Einer numerischen Stärkung der Partei zuliebe geben wir nicht Grundsätze und Ueberzeugungen auf, schwächen wir -nicht unsere innere Kraft. Wir pfeifen — Pardon, aber mit so prätentiösen Leuten muß man deutlich reden — auf Zionisten der Teplitzer oder überhaupt deutschliberalen Couleur! Als vor dem ersten Kongresse die jüdischnationale Agitation in Oesterreich mit aller Kraft einsetzte, ba war uns allen eines klar: Wer die Assimilation bekämpfen, das opfervolle, demoralisierende Engagement der Juden in frcm'dnationalen Parteien lockern und beseitigen will, für den gilt das Verbot der Zugehörigkeit von Juden zu solchen Parteien ltnb Vereineil als Selbstverständlichkeit, als Axiom. Die Neutralisierung der Juden in den nationalen und Sprachenkämpfen, die unserer Agitation vielfach gelang und immer weitere Kreise zieht, war so logisch und handgreiflich, so sehr ein geradliniger Gedankengang, daß darüber niemals gestritten und diskutiert werden mußte. Und im Jahre 1906, vor dem siebenten Kongresse, wo auch Nichtzionisten von der Gesinnungsrichtung der Unionjuden eine deutschliberale Judenpolitik verwerfen und für überwunden erklären, wo die zionistische Agitation und Aufklärungsarbeit in dieser Frage wirklich einenstarken moralischen und nachhaltigen Erfolg gezeitigt hat, dürfen „Zionisten" allen Ernstes und mit dem eingestandenen Zwecke der versuchten Anbiederung an fremdnationale Parteien den Antrag niederstimmen, daß eine so selststverständliche Bestimmung im Organisationsstatut stehenbleibe. Sie dürfen es wagen, wie es der Teplitzer „Zion" getan hat, drucken zu lassen: „Bezeichnend für die momentane Situation ist, daß den weniaiten Vereillen und Parteigenossen von der Existenz dieses Paragraphen 2 etwas bekannt war, noch bekanntgegeben wuvde." Wort für Wort unwahr und erfunden. Es ist zum Lachen, wenn dieser Teplitzer „Zion" die Begründung seines Antrages, in der fast jeder Satz ein Faustschlag für „jüdischnational empfindende Zionisten" ist, Mit den Worten schließt: „Für unsere grüße Sache!" Zwischen den Zeilen zu lesen: „Und für die Deutsche Fortschrittspartei!" Der Beschluß ist ungeheuerlich und skandalös, blanker Prinztpienverrat und eine aufgelegte Parteiblamage. Seine Durchführung oder Anerkennung müßte zu der: unglaublichsten Konsequenzen führen und jede Agitation lahmlegen. Es wäre das Ende der zionistischen Organisation Oesterreichs, und jene würden recht behalten, die dem westlichen Zionismus Lebensfähigkeit und wirklich jüdisch-kulturelle Entwicklungsfähigkeit absprechen. Die Analogie mit den ungarischen Zionisten, die, am Beginn ihrer Parteitätigkeit, unter wesentlich veränderten politischen Verhältnissen lind unter dein Bann einer ganz anderen politischen und nationalen Terminologie einen ähnlichen Beschluß vor Jahren faßten, trifft llicht zu rmd wir lasten uns die Früchte zehnjähriger Arbeit durch die Neozionisten Nordböhmensnicht rauben, auch wenn sie sich auf die ZustimutuNg Max Nordalls berufen, der auch sie, wie seinerzeit die ungarischen Zionisten, bei der Verballhornung unseres Programmes ermuntert lind gesegnet hat. Die neue Parteileitung kann und darf den Beschluß des Prager Parteitages lücht Widerspruchsunb tatlos hinnehinen, sonst hat sie das Recht verwirkt, an der Spitze einer zionistischen Organisation zu stehen. In solchen Fragen gibt es keine KolNpromisse »nb Konzessionen. D i e A u f r e ch t e r h a l t u n g d es Beschlusses, feine XX in setzu n g i n d i e Praxis bebeutet d i e S p v c n q lt u g u n b A b b r ö ck e l u n g bei* Organisation. Nicht Einigkeitsdusel, sondern bebingungslose Rückkehr zrr starrer Festhaltung an denr alten Prinzip unb Kiampfrus kann uns einen. Wien. Rudolf Nassau. Was jetzt? (Zum Parteitage der österreichischen Zionisten.) Und es kam so! Der österreichische Zionismus hatte die längste Zeit kein Lebenszeichen von sich gegeben. Wohin man schaute, in allen den herrlichen Provinzen und Distrikten mit den schönen Distriktskomitecs, herrschte friedliche Ruhe. Man stritt sich nicht einmal illehr untereinander. Man hatte sich überhaupt nichts inehr zu sagen. Da kam in eine Provinz Leben, es wurde gearbeitet, unheimlich gearbeitet. In Böhmen! Aus diesem schöllen Kronlande, dem! Wetterwmkel Oesterreists, wurde der erstaunten Welt erst allmählich in Zwischenpausen, dann Woche auf Woche, neue Nachrichten verkündet vom Wiedererwachen der Bewegung, und das „Heil", es kam von Böhmen! Aus dem Erblande der liberalen Judenschaft! Ein Wunder war geschehen, die Blinden wurden mit einem Male sehend, die Tauben hörend. Für den Nationalfonds lonrde gesammelt — jede Woche mindestens ein Beitrag zur Eintragung ins goldene Buch, Verein wurde auf Verein in der böhmischen Provinz gegründet, es wurden sogar in Städten wie Teplitz Schlachteil mit Assimilauten ausgesuchten und spaltenlangc Berichte in den Parteiblättern gebracht, kurz, ' es war alles in schönster Ordnung. Aus den eingefleischtesten Unionjuden wurden über Nacht die enragiertesten Zionisten. Allerdings einen Haken hatte die Sache noch, der Zionismus hatte ein Programm, er verlangte voll seinen Anhängern ein kleines Opfer, ein klein wenig jüdischen Nationalismus, eine Verzichtleistung auf alle die lieben deutschen Schützen-, Turn- und Schulvereine, kurz, eine Aenderung der politischen Gesinnung. Das muß anders werden! Da riluß der Zionismus geändert werden, entweder — oder, unser Vergnügen, unsere Gesinnung lassen wir uns durch! ihn ben-ndoch nicht rauben. So sprachen die neuen „Zionisten". Und einer der Helden, vollbrachte eine heroische Tat, das war der Anfang. Er heißt, wenn ich nicht irre, Margulies und wohnt irgendwo um! Teplitz herum. Er ging hin und schrieb einen Aufklärungsbri-ef an die Liberalen. Das war der erste Ruck, den wir Zionisten außerhalb der glücklichen Provinz erhielten. Was wollte der Mann nur? — so fragten wir uns — er paktiert mit unseren Gegnern, er erklärt, kommentiert den Zionismus? Und wie er ihn kommentiert! Wie sagt er nur: „Keine Gegner der Liberalen"? Wahrhaftig, er macht ihn seinen Freunden mundgerecht. Doch bald beruhigten wir uns wieder. Es war zwar nicht unser alter Zionismus, den wir da in der Erklärung zu hören bekamen und von der alle liberalen Zeitungen so dienstfertig Notiz nahmen, aber etivas Gutes ivar doch bei der Sache: num redete wieder vom Zionismus, und, was die Hauptsache war, es fanden sich auf Grund dieses so fein und zart herausgeklügclten Zionismus des H. Dr. Margnlies Leute in der böhmischen Provillz, bie' als neue Anhänger auftraten, und die alterr Gegner filrgen an, zu verstummen. Was nur ein solcher offener Brief, wenn er nur fein politisch abgefaßt ist, imstande ist! Und man hörte neue Heldentaten, von neuen Eroberungszügen und beruhigte sich schließlich mit dieser „zionistischen" Enunziatioir eines nenerstandenen Messias, der sich in feinem Ruhm sonnte. Und jetzt kam auch schon die Belohnung für alle diese Taten. Das Landeskomitee — so ivar es doch — beschloß, den Parteitag in Prag, der Hauptstadt des schöne» Böhmerlandes, abzuhalten. Ich sagte: „Die Belohnung," rmd so ist es auch. Denn es ist ein bekannter Erfahrungssatz bei unseren österreichischen Parteitagen: Das Land, in dein der Parteitag abgehalten wird, hat von vornherein die Majorität und 'damit die Macht, alles durchzusetzen, was es will. Wieso das kommt? Weil wir Zionisten zu so vielen Beratungen zu sah re Ir haben wie kaum die Anhänger einer anderen! Partei : zrmr Kongresse, zum Partei- und zum Distriktstage. Und was das heißt, aus der Bukowina, aus Galizien und selbst aus der nrähnscheu Provinz auf zwei Tage nach Prag zu fahren, das weiß nur derjenige, der selbst einmal vor eine solche Lage gestellt war. Und schließlich: ivaru'm sollte man sich denn Kosten und Strapazen machen, es ist ja wirklich nicht der Mühe wert, so dachten nicht die Schlechtesten. Man wird etwas Gleichgültiges beschlichen — es lag ja das Programm vor — und dann werden die Distrikte wieder nichts arbeiten oder so viel wie bisher. Der Parteitag begann, von den 60 Delegierten waren reichlich 30 aus Böhmen. Und es kam das Ungeheuerliche! Es wurde ein Antrag eingebracht — ich weiß nicht, von wem und ich weiß nicht, ob er auf einem zionW scheu Parteitage überhaupt zweckmäßig war, denn dieser Antrag besagt etwas Selbstverständliches, das ABC jedes Qiciniften: „D u b ci r f ft feine n f r e md n a t i o n a l e n Vereinen a n - gehöre n" — und der Antrag wurde a bgelehnt. 26 Stimmen fanden sich auf einem zionistischen Parteitage, die für die Ablehnung dieses Antrages stimmten. Und es war die Majorität. Und sie nahmen einen zweiten Antrag an: „Der Zionismus in Oesterreich ist nicht politisch". Beruhige dich, liberaler Spießer, der du dein zionistisches Herz entdeckt hast: Wir tun dir nichts, ivir sind ja nur humanitär, bleibe weiter in deinem Assiinilantenvereine, das schadet uns und dem Zionismus nicht. Und du bleibst dabei von Gnaden des Vierten österreichischen ZionWntages ein guter Zionist. Und wer sind diese 26, die sich unterstehen, im Namen des Zionismus ein solch frevles Spiel zu treiben?! Ich weiß nicht, sind es ehemalige liberale Couleurstudenten, die man ans der Couleur hinausgeworfen hat und die jetzt zu uns komemn, ich weiß nicht, sind es alte Spießer, denen die „Union" nicht mehr behagt, das eine aber weiß ich und mit mir jeder Zionist: Z i o n i st e n s i n d d a s ni cht! Sic mögen, noch so viel Proteste, Verwahrungen und Erklärungen' abgeben. Aber man lese sich einmal diese 26 Namen durch. Nicht einer, der einen zionistischen Klang hat, nicht einer, der etwas für die Bewegung gearbeitet hat.und das ist der einzige Trost dabei. Und mit diesen Leuten haben sich unsere trotz allem rmd allen: bewährten Zionisten wie Krenberger, Gewitsch, Zweig, Nezek, Freud usw. hingesetzt, mit denen haben sie abgestimmt und nach dem eristen Antrage noch weiter beraten. Das weiß ich: wenn' ich dort in Prag gewesen wäre, so wäre der erste Antrag niemals von einem zionistischen Parteitag angenommen worden und sonach der zweite niemals vorgelegt worden. Lieber eiir von Zionisten gesprengter z i on i sti scher P a rt e i t a g als ei n_e solche Schma ch! Das ist der Vorwurf, den ich auch den anderen, unseren Zionisten mache. Undwas jetzt? Sollen wir uns das gefallen lassen? Ich weiß nicht, was die Gesinnungsgenossen in Galizien und der Bukowina auf diesen Faustschlag antworten werden, ich weiß auch nicht, was die Wiener zionistischen Bürger-, Frauen- und Mädchenvereine — denn auch sie sind zum größten Teile wirklich zionistisch — tun werden, es ist mir unbekannt, ob die Arbeitervereine sich einensolchen Beschluß werden gefallen lassen, das eine glaube ich aber fest annehmen zn können, daß sich die g e s a m t e z i a n i st i s ch e St u d c n ten - s ch a f t, a l l c A k a d e in i k c r ivie ein Mann auflehnen werden gegen diesen Beschluß. Sie, die an der Wiege des Zionismus gestanden haben, werden hier nicht schweigen. Oder wie? Werden sich unsere Studenten von diesen Leuten vorschreiben lassen-, ob sie einen' Assimilanten, der in einer liberalen Verbindung herrnnparasitiert, von: zionistischen Standpunkt ans verdammen dürfen oder nicht? Werden unsere „alten Herren" sich vorschreiben lassen, ob sie die Politik der Juden, wenn sie nicht jüdisch ist, bekritteln und lenken dürfen oder nicht? Wenncs nicht gar zn traurig iväre, würde ich Vorschlägen, daß unsere Verbindungen und Vereine sich gemäß dem Beschlüsse des Parteitages in deutschliberale um'wandeln, sie sind Ja dann nur Zionisten „in andersnationalen Vereinen". Und unsere „Alten Herren", die in Wien unb Brünn, in- O-lmütz rmd Ostrau, in Proßnitz und Hradisch, in Lemberg und Krakan gegen die unjüdische Politik unserer Spießer gekämpft haben, mögen doch selbst in diese Vereine eilt» treten, es ist ja -gnädig gestattet worden. Doch es ist zu traurig. Und deshalb heißt es, sofort einschrerten. An unsere Alten Herren wende ich mich, an alle die, welche sich durch ihre sechs-, acht-, zehn- oder noch mehrjährige Tätigkeit in-