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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-23 · 25 (23.6.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
25 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 25 2. Die endgültige Beschluksassung über das detaillierte Organisationsstatut ist einer Landeskonferenz Vorbehalten, die im Monate Oktober oder November d. I. stattznfinden hat. An dieser Landeskonferenz haben das Recht teilsu nehmen: a) mit Sitz und Stimme: Die Mitglieder des Landeskomitees und je drei Mitglieder des Distriktskomitees: b) mit bloß beratender Stimme: die österreichischen Mitglieder des Aktionskomitees. Bei der Wahl des neuen L.-K. erschienen folgende Herren als gewählt: Dr. Krenberger, I. Ge witsch, N. Groß, Dr. Zweig. Dr. S ch n i r e r. Zit einer sehr vorgerückten Zeit gelangte die Debatte über inncrpolitifche Tätigkeit zur Erörterung. Die Delegierten, welche gezwungen waren, mit den Abcndzügcn fortzufahreu, baten, mau möge die Tagesordnung änderu und einen so wichtigen Punkt, wie innerpolitische Betätigung, schon am Nachmittage in Beratung ziehen. Dieser Bitte wurde dank einem Teile der böhmischen Delegierten nicht stattgegeben, deren offene Absicht es war, diesen Punkt am Schlüsse dnrchzupeitschen. Trotz der geringen Zahl der anwesenden Delegierten (sie war auf kaum die Hälfte herabgesunken) bildete die Debatte über diesen Punkt den Glanzteil des gesamten Parteitages. Tr. Zweig wies in einem gehaltvollen Referate auf die Notwendigkeit einer politischen Betätigung in dem Sinne hin, daß die Juden der assimilatorischen Politik entzogen werden und nicht von den sich gegenseitig bekämpfenden chauvinistisch - nationalen Fraktionen und Sozialdemokraten für ihre einseitigen Parteizwecke mißbraucht werden. Der Gegenreserent Dr. M a r g u l i e s (Wien) meinte, dem Zionisten können keinerlei politische Vorschriften erteilt werden, da nur das Baseler Programm seine einzige Richtschnur bilde. Da legte Dr. M a r g u l i e s (Teplitz) dem Parteitage eine Ncsolntion vor und beantragte, die -Redner mögen auf Grund dieser Resolution debattieren. Die Resolution lautet: „Die österreichische zionistische Partei ist keine politifche, das Bekenntnis steht jedem frei, jedoch darf nichts gegen das Baseler Programm, gegen den fortschrittlichen Zionismus und das jübischnatiouale Prinzip unternommen werden." Die zahlreichen Redner pro und contra einigten sich auf je 2 Generalredner. Dr. K aö i sch (contra) begrüßt freudig, daß der Parteitag zur innerpolitischen Betätigung Stellung nimmt und deren Notwendigkeit erkennt. Es handle sich keineswegs in erster Linie um einen Kampf um Mandate, sondern um politische Erziehung der Juden in -Oesterreich, um ihre Aufklärung über das österreichische Problem und ihre Stellungnahme zu den nationalen und wirtschaftlichen Fragen. Gerade in Prag müsse cs ausgesprochen werden, daß die Juden nicht weiter an den nationalen Kämpfen im -völkerverhetzenden Sinne teilnehmen dürfen und daß sie als ein national und sozial gedrücktes Volk vielmehr für nationale und soziale Gerechtigkeit eintreten müssen^. Dr. W a s ch i tz (pro)- betonte, die Juden hätterc aus wirtschaftlichen Gründen nicht immer die notwendige Bewegungsfreiheit. A. Freud (contra) hebt hervor, daß sich ein Bedürfnis nach Klärung dieser schwebenden Frage der Politik geltend macht. Er weist auf die wichtigsten theoretischen Fragen hin, die in Betracht zu ziehen sind. Er warnt vor einer überstürzten Beschlußfassung und fchlägt vor, in der vorgerückten Stunde keinerlei Beschlüsse zu fassen, sondern den provisorischen Zustand auch weiter zu belassen. Tr. M a r g u l ie s-Teplitz (pro)*fordert in einer sehr pathetischen, aber sonst inhaltslosen Rede die Freiheit der Jnterpretat i o n d e s Baseler P r o g r a m m e s, wobei er s i ch a u s d i e Z u st i m m u n g D r. Max N o r d a u s beruft. D ie obige Resolution von Dr. M a r g u - l i e s-Teplitz wird angenommen, ebenso wie eine andere von Dr. K a d i s ch, die dahingeht, daß es Aufgabe der verschiedenen D.-Ks. sei, statistische Taten über die bisherige politische Betätigung der österreichischen Inden zu sammeln, sie über die Programme der verschiedenen politischen Parteien Oesterreichs und der neuen in E nt st e h u n g begriffenen Parteien mit besonderer Berücksichtigung ihrer Stellung zur Judenfrage aufzuklären und auch mit der übrigen Judenschaft sowie mit den verschiedenen nichtjüdischen Gruppen Fühlung zll nehmen, um sie über die jüdischnationale Bewegung aufzuklären. Als Ort des nächsten Parteitages wurde Krakau bestimmt. Unter Abling nng des Liedes „Hatikwoh" wurde der Parteitag geschlossen. * * * Der vom Parteitage gefaßte Beschluß betreffeird die Zugehörigkeit zu fremdlwtionalen Parteien und Vereinen hat in jüdischnationalen Studenten kreisen tiefste Entrüstung hervorgerufen. Es ist eine Aktion im Zuge, welche bei; Austritt der studentischen Korporationen aus dev zionistischen Landesorganisation bezweckt. Die Brunner Verbindung „Veritas" hat den Austritt bereits vollzogen. An der zionistischen Gesinnung der Studenten wird das nichts ändern. Der Austritt gilt nur für die Zeit, während der der ominöse Beschluß in Kraft bleibt. An der Wiederherstellung des Status quo ante ist nicht zu zweifeln. Je frichcr sie geschieht, bdftio besser für die Parteientwicklung. * * * Die Verbindung „Jvria" versendet folgende Resolution: „Die jüdisch-akad. Verbindung „Jvria" verurteilt auf das entschiedenste die vom 4. österreichischen Parteitag beschlossene Eliminierung jenes Passtis des Organisationsiswtutes, welcher organisierten Zionisten untersagt, fremdnationalen Parteien und Vereinen anzugehören. Wir erblicke,; in dem Beschllifse und in der ganzen, speziell von Teplitzer Zionisten propagierten Richtung eine offenkundige Verletzung jüdischnationaler Parteiprinzipien und fordern: 1. Die Erklärung des neugewählten L.-K., daß es den Beschluß und seine Tendenz für unvereinbar mit unserer nationalen Grundanschauung. und bisherigen Parteitaktik halte und dahin wirken wolle, daß während des Provisoriums die alte Bestimmung zu gelten habe; 2. die Einberufung eines Delegicrtentages für den Monat Oktober nach Wien, auf welchem jener _ Beschluß und seine Tendenz in aller Schärfe zurückgewiesen und der Status quo ante wiederhergestellt werde; 3. den Austritt jener Vereine aus der zionistischen Landesorganisation, welche auf dem von Dr. Emil Margulies in seiner Broschüre „Zionismus und deutsche Fortschrittspartei" vertretenen Standpunkt stehen, daß Mitglieder der zionistischen Organisation „treue Anhänger und Mitglieder der deutschfortschrittlichen oder übechaupt andersnatioinaler Parteien sein und bleiben können" und den Zionismus dahin auffassen (wie der Teplitzer „Zion" in einem offiziellen Antrag an den Parteitag es tat), „daß das Organisationsstatut des Kongresses von den'Zionisten nichts als das Bekenntnis zum Baseler Programm und die Zahlung des Schekels verlange". Sollte die Reassumierung des Beschlusses bis. zum Herbste nicht erfolgen, dann erklärt die „Jvria", aus der Landesorganisation austreten zu niüsscn." * * * An die Wiener Zionisten! Der Prager Parteitag hat Beschlüsse gefaßt, die das jüdischnationale Prinzip, daß „Zionisten nicht zugleich Vereinen angehören können, die sremdnationale oder mit dem Zionismus unvereinbare Tendenzen verfolgen", einfach umstoßen und unsere bisherige Taktik und Agitation in unwürdig opportunistischem halbassimilatorischem Sinne boeinflufsen wollen. Wer wirklich jüdischnational ist und fühlt, muß gegen solche blamable und korrumpierende Beschlüsse, auch wenn sie von Zufallsmajoritäten gefaßt werden, allerschärffijen Protest erheben. Ihnen wird und darf die erniedrigende Tat nicht folgen! Eine P r o t e st v e r s a m m l u n g, die am Samstag den 24. Juni stattfindet, soll aussprechen, daß die Wiener Zionisten dem Prager Parteitagsbeschluß ihre Anerkennung versagen und seine Annullierung verlangen. Wir erwarten, daß keiner von euch in der Versammlung fehlen wird. Referenten: Dr. Egon Zweig und Rudolf N a s s a u. Ort: Guth's Restaurant, 2. Bez., Stefaniestraße. Beginn 8 Uhr abends. Die Einberufer. Korrespondenzen. Epilog zum IV. österreichischen Zionistentag in Prag. Unsere WIerreich-ischen Parteitage erfüllten bisher im Parteileben schlecht und recht die Aufgabe von Galvanisierungsmitteln, die für ein paar Wochen' vor und nach der Tagung etwas regeres Leben in die Organisationen brachten. Ein Scheinleben zwar, aber immerhin etlvas. Der Prager Parteitag, der an Bedeutungslosigkeit und Oede alle seine Vorgänger zu übertreffen' versprach, könnte nicht einmal dieses problematische Verdienst für sich in Anspruch nehmen, wenn er nicht durch einen scheinbar formellen und provisorischen, in Wirklichkeit leicht folgenschweren Beschluß die Auffnerksantkeit auf sich gelenkt und die Gefährlichkeit auch solcher bagatellisierter Parteitage dargetau hätte. Wie kein zweiter ist dieser Parteitag ein wohlgelungenes Spiegelbild unserer Pärteientwicklung. Seine Vorbereitung, sein Verlauf, seine Zusammensetzung, sein Niveau, seine Resultate — all das resultiert mit innerer Notwendigkeit aus der Parteiarbeit und Parteileitung der letzten Jahre. Die Parteiverdrossenheit, die viele alte und arbeitsgewohnte Zionisten von jeder aktiven Betätigung fernhält und auf das Konto gewisser Wiener, unter normale;; Verhältnissen unhaltbarer Zustände und Personen zu setzen ist, mußte zu einem Prager Parteitage führen. Es mußte so kommen. Die Leitung einer „Reichspartei" ging in die Hände unfähiger und unzulänglicher Parteileute über, deren guten Willen und eisernen Fleiß man anerkennen muß, die aber die Partei weder nach außen kräftigen noch int Innern zusammenhalten können. Und die Neulinge, die vor Wochen oder Monaten in die Partei kamen, in Prag den Parteitag majorisierten, ihm ihren frischgebackenen Zionismus aufoktroyierten, denen die alterfahrenen Zionisten anderer Kronländer das Feld überließen, mußten ans Ruder kommen. Und Prag war das Ende. Vielleicht a;ich! der Anfang einer neuen, gesünderen Aera. Der Prager Parteitag wird aufrüttelnd und revolutionierend wirken. Wir sind gewarnt und werden seine Lehren beherzigen' müssen oder aber wir lassen die Organisation im Stiche. Zunächst: Kein zweiter Parteitag mehr wird einer durch den Ort der Tagung bedingten Zufallsmajorität, die ihr numerifches Uebergewicht so skrupellos zugunsten eingebildeter lokaler Agitationsbedürfnisse und auf Kosten der allgemeinen Parteiehre ausbeutet, auf Gnade und Ungnade überliefert werden. Für prinzipielle und wichtige Abstimmungen muß ein Schlüssel festgesetzt werden, nach welchem die einzelnen Landsmannschaften. ihrer Organisationsstärke entsprechend ihre Voten abgeben. Diese Beschränkung ist notwendig, so lange unsere Parteigenossen nicht reif und geschult genug sind, um in einer großen Organisation eine nationale Frage zu begreifen und zu lösen, die über die Grenzpfähle ihres Städtchens und Bezirkes hinausreicht. In Prag haben sie aus dieser Unreife und kleinlich opportunistischen Lokalgesinnung heraus mit der typischen Borniertheit des Pfahlbürgers eine mühselig aufgebaute Organisation zu demolieren begonnen, alte, hochgehaltene Parteiprinzipien nur so aus dm; Handgelenk einfach verraten. Doch es wird dabei nicht bleiben. Den Vfuscherhänden, welche plump die neueste Spielart eines deutschliberalen oder tschechischnationaleu Zionismus einschmuggeli; und offiziell eichen wollen, wird das Handwerk gelegt werden. Wäre der Beschluß — eine Ableugnung seiner wahre,; Ziele und Bedeutung ist Schwindel und Rabulistik — daß Zionisten fremdnationalen Vereinen oder Parteien' angehören dürfe,;, nicht gefaßt worden, wir wären in unserem trüge dahinfließenden Parteileben nur um eine nichtige Episode, mn eine wirkungs'.ise Demonstration reicher. Der Schandbes.hlnß, dieses schinählichste Symptom des Niederganges und der Verflachung in der Partei, hat dem Parteitag in Prag darüber hinaus seine traurige Bedeutung und Signatur verlieben. Gewiß, allzu tragisch braucht ,,;n„. den Beschluß an sich nicht zn nehmem Die anderen Landsmannschaften — das ist sicher wie das Einmaleins — werden diese Spottgcburt von Zionisn;us und verkappter AW-milation nicht akzeptieren und der nächste Parteitag wird den Neozionisten aus Teplitz und ihren Helfershelfern, deren Mehrheit der Milderungsgrund politischer Naivität und U,Bewußtheit zugebilligt werde,; „;„ß, heimleuchten in aber wünschenswerten Schärfe und Deutlichkeit. Gründlich und einfür allemal. Das genügt jedoch nicht. Wenn die Teplitzer und Prager Herren, die zionistische Gesinnungsgenossen zu nennen sich belieben, auch weiterhin sich mit dem Prager Kasino durch „Sympathien und Interessen verbunden fühlen" und „treue Anhänger und Mitglieder der Deutsche,,' Fort-

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