Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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\ der durch seine Unkenntnis der hiesigen Verhältnisse und die ihm eigene Taktlosigkeit von einer Mißhelligkeit in die andere rennt, wurde den Brigittenauern als Afterprödiger aufoktroyiert. Die Brigittenauer hatten sich anfangs gegen diese Zumutung aufgelehnt, aber dank der Intervention des friedliebenden Obmannes des Brigittenauer Bethausvereines gelang es, die Gemüter 51t beschwichtigen, man gab sich vorläufig zufrieden, wenn nur der ihnen aufgedrängte Dr. David wenigstens jede zweite oder dritte Woche in der Brigittenau eine Predigt hält und an Feiertagen beim Maskir die Funktion ausübt. Nun geschah aber auch dies nicht: Dr. David war wohl pünktlich zur Stelle, wenn es galt, bei Trauungen usw. den Verdienst einzustreifen, fand aber immer eine Ausrede, sich den synagogalen Funktionen zu entziehen. So kam es, daß, die Brigittenauer am letzten Peßach- und Schebuothfeste der rabbinischen Intervention entbehren mußten. Als nun selbst den: Bethausvo-rstande die Geduld gerissen war und eine aus den angesehenjsten Männern des zwanzigsten Bezirkes bestehende Deputation beim Präsidenten Dr. Alfred Stern wegen Abstellung dieser Zustände vorsprach, da zeigte sich Dr. Alfred S t e r n in seiner wahren Kleinheit, da ließ er wieder seinen ganzen engherzigen Standpunkt der assimilatorischen Altliberalen leuchten, bei dem der jüdische Mensch erst in der höheren Kurie beginnt. Mit dem ihn: eigenen Starrsinn bestand Dr. Alfred Ster n auf seinem Justamentstandpunkt und soll nach Aussage eines Ohrenzeugen die Dreistigkeit gehabt haben, ungefähr folgendes zu erklären: „So lange ich da sitze, bekommt die Brigittenau keinen Rabbiner! Für wen brauchen Sie den Rabbiner?! Von den 10 000 Juden (Pardon, Herr Präsident, es sind fast 16 000. Red.) in der Brigittenau sind 9500 Schnorrer (!) und die anderen gehen nicht in den Tempel ..." Eigentlich könnte:: wir hier schließen, denn da üffi jeder Kommentar wirklich überflüssig. Wir hoffen, daß die Versammlung am Montag dem Herrn Präsidenten die richtige Antwort geben wird, aber wir können es uns nicht versagen, wieder einmal darauf hinzuweisen, daß wir die ersten waren, die sowohl anläßlich der Rabbinerwahl, wie auch was Herrn Dr. Alfred Stern betrifft, all das voraussagten, was heute tatsächlich eingetroffen ist. Damals standen wir allein, von allen Seiten angefochten. Wir haben recht behalten. Vorläufig spürt es epstj das Publikum; wenn es ein Ehrgefühl auf Erden gibt, wird es auch Dr. Alfred ziel der Verwirklichung glaubt er nicht, kg:::: ihm auch schließlich gleich bleiben. Er hat sich bereits „angebaut". — „Auchjude"! Tann kommt der wirkliche Jude, Nachmann. Mit einem Wort, er ist Zionist. Da wird nun mit Baruch, Beresin« und Jserson debattiert und gestritten, und Nachlnann ist der energielose, träumerische Mensch, der einer „Utopie" nachgcht. Für die Sozialdemokraten nämlich; denn Leiser Frenkel glaubt an Nachmauns Ideale, an die Erfüllung des Messias, die er in de:::- Ideale Nachmanns bald erfüllt sieht. Auch Schleime glaubt aus ganzer Seele daran und der Traun: seiner Nächte ist das Land seiner großen Sehnsucht. .Nachmann fühlt sich zu schwach, um für die „Wiedergeburt der ganzen Menschheit" zu kä:npfen, seine Kraft gehört seinen: Volke, sein Leben ist ihm geweiht. Das Land, in dem jene die Menschheit führen wollen, liegt ihm für sein Volk etwas zu weit; „manwird müde, bis man es erreicht." So sind die „Juden«". Was sich da noch an persönlicher Handlung im Schauspiele vollzieht, ist Ornamentik des technischen Baues. Aber ans dem Hause Leiser Frenkels trete:: sie hinaus, jene Gestalten, jene verschiedenen „Juden" mit ihren: Fühlen und Denken, und so fügt sich Blatt an Blatt in dem Leidensbnche der Inden Rußlands. Wo ist der schallerliche Nimbus der Macht des Schicksals in: Leben des einzelnen hi::, wenn sich die gewaltige, schwere Last der Leiden u::: Taufende und Millionen schlingt? Da muß sich der einzelne seines Anspruches ans Mitgefühl begeben, denn llüäi^ahsß Volksblatt Stern alsbald erfahren müssen, daß die „Schnorrer" bessere und selbstbewußtere Juden sind, als mancher Höherbesteuerte, der es sich herausnimmt, das Schicksal der „Schnorrer" zu lenken! Politische Wochenschau. Der Kongreß der jüdischen fozialdemokratischen Arbeiter, der vergangene Woche in Lemberg a'bgehalten wurde, bot manches Interessante. Zunächst die Tatsache, daß die jüdischen Arbeiter, welche auf bem Programme der Sozialdemokratie stchen, wohl in ihrer Konzilianz gegen die.Parteileitung bis zum äußerste:: gegangen sind, indem sie erklärten, sich auch fernerhin als emenTeil der Gesamiorganisation zu betrachten, andrerseits aber auch weiter daran festzuhalten, daß sie spezifisch jüdische Interessen durch eine Separatorganisatiou vertreten lvollen. In diesem Sinne wurde auch folgende Resolution beschlossen: „Die Konferenz nimmt den Bericht der Organisatronskonferenz zur Kenntnis und erklärt, daß die Arbeit dieses Komitees behufs Gründung einer e: g e n e n j tt d i s ch e n Partei eine Folge der dringenden spezifischen Klasseninteressen des jüdischen Proletariats ist und spricht die Ueberzeugung aus, daß nur eine eigene jüdische Organisation i m st a n d e i st, die K l a s s e n i n t e r e s s e n dieses Proletariates zu befriedigen und das jüdische Proletariat zu ernem tüchtigen Kämpfer in den Reihen der allgemeinen sozialdemokratischen Bewegung zu machen." Der Kongreß hat das Programm der österreichischen sozialdemokratischen Parte: vom Jahre 1901 sowie das Brünn er Programm über nationale Organisationen vom Jahre 1899 einstimmig angenomiiteiT. Der Einfluß der Zentralleitung ans den Kongreß kam bei der Diskussion über die Frage zun: Ausdrucke, ob die Partei auch b e - sondere jüdische Forderungen aufzustellen habe, indem die meisten Redner sich g e g e n diese. Forderungen ciussprachen und gegen den Zionismus im allgemeinen wie gegen Pie „Poale-Ziow) im besonderen heftige Angriffe richteten.. ' In angenehmen: Gegensätze zu dieser Diskussion stand die Stellungnahme des Kongreffes z::r „Polnischen sozialdemokratischen Partei". Es wurde folgende Resolution angenommen: 1. Es liegt im Interesse des Proletariates, einig zusammenzuarbeiten, „die polnische sozialbelnolratische Partei" drängt uns jedoch den Kampf auf, und wir müssen ihn gegen unseren Willen aufnehmen. Da aber die „polnische sozialdemokratische Partei" mit allen Kräfte n ans die U nt e r gra b u n g unserer Existenz h i n arbeitet, müssen wir uns dermalen von ihr los sagen. da umfängt es alle, alle, die, von der Kette bedrückt, ein Leben leben. Und jener, der mir da sagte, er habe geweint, dem will ich sagen, daß er nicht das Schicksal der vor ihm getöteten Inden beweinte, daß der Schwerz und das tiefe Weh, von allen, kommend, allen galt. Es liegt uns ganz ferne, für uick eine spezielle Tendenz des Schauspieles in Anspruch zu nchinen. Wenn man aber sich nicht gescheut hat, aus den letzten Worten des Dichters eine eigene Tendenz zu konstruieren, dann fiihlen wir lins gezwungen, nur darauf hinzuweisen, wie sehr dieselbe für die Ideen des Nachinann spräche. Alles, was uns an Juden im Hause Leiser Frenkels gegenübergetreten, ist der Mordlulsi! des Pöbels zum Opfer gefallen oder hat sich geflüchtet. Da lvollen wir es nicht übergehen, dqß es nicht das Zufällige in der Gestaltupg des Dramas bewirkt, daß Nachmann leben bleibt, daß wir Nachmanu noch sehen. Und da trat llns für einen Augenblick das kurz vorher geschaute Bild des Elends zurück und wir blickte:: mit Nachmqim in eine ferne Zukunft, zu deren segensvoller Gestaltung uns „Juden" wie Pachmann eini Symbol sein können. Den alten Frenkel gab Emanuel Reicher. Er gab ihn. Damit möchte ich schon alles, was au Lob zu. sagen wäre, gesagt haben. Reicher ist ein Jllde. Nur ein solcher konnte iinstande sein, eine so lebenswahre Gestalt zi: schaffen. Man kam: sagen, daß Reicher in seiner Rolle lebte. Rudolf KleimRohden, der de:: Nachmaun gab, soll gleich neben Reicher mit vollem 'Nr. m 2. Was die Zentrale betrifft, »virdie jüdische sozialdemokratische Partei sich a:rch fernerhin als einen Teil der Gesamtorganisation betrachten, obgleich die Zentrale die separate Organisation nicht anerkennen will. Das Organ ifattonSkomitee wird beauftragt, sich zu bemühen, daß die Zentralexekuttoe oder, wenn dies nicht m-glich, der Kongreß dieser neuen Organisation die Anerkennung zuteilwerden lasse." * * * Während der Pfingsttage fand in Wien auch eine freisozialistische Konferenz statt, in welcher die ans den: Standpunkte Franz Oppenheimers fußenden Genossenschaftssozialisten und Bodenreformer über Programm, Agitation^ Organisation und Taktik beriete::. Es waren 60 Delegierte von Organisationen a:^ alle:: Teilen Oesterreichs erschienen. Die Konferenz, welche nur eine Vorkonferenz zu der Weihnachten in Falkenau tagendes: freisozialistischen Reichskonferenz war, trat für die national e Au tonomiie in beide n Reichshälften der Monarchie ein und sprach sich speziell auch für die Gleichberechtigung der Jude n als nationaler Individualität aus. In: übrigen wurde auf Antrag Simon Starts, des Redakteurs der „Freien Worte" in Falkenau, die zu Ostern in Zieditz akzeptierte Prinzipienerklärung der „Freien' Sozialisten" Weskböhmens mit wenigen Abänderungen auch bei der Wiener Konferenz angenommen. In ganz Oesterreich sollen freisozialistischbodenreformatorische Vereine ins Leben gerufen werden. Die „Freien Worte" in Falkenau wu«rden zum Zentralorgan proklamiert. Symptomatisch sind die persönlichen Beschimpfungen der „Arbeiter-Zeitung" gegenüber allen beteiligten Personen. Der geistige Leiter Simon Stark sollte dadurch herabgesetzt werden, daß er „jüdifchnation'ale Barwwurnrartikel" in den „Freien Worten" veröffentlichte. Aus der Mjjlischku KemMS. piertrrzionikischer Parteitag i« Prag. tZweiter Tag.) Der Nationalfonds und seine Verwendung. Nachdem Herr Dr. Benedikt verhindert ist, am Pa Beilage zu erscheinen, erstattet Herr Geller für ihn den Bericht. Die Gesamtsumme, die überhaupt seit 16. Juni 1903 bis 16. Mai 1996 in Oesterreich gesammelt wurde, beträgt 111948 61. — Im letzten Jahre fanden 51 Eintragungen in das goldene Buch des Nationalfonds statt. Besonders haben sich für den Nationalfonds hervorgetan die Städte: Lemberg, Kolomea, Tlumacz uud Mähr.-Ostrau. Während der Debatte wurde das Verdienst der 'Nationalfondskommission zu wiederholtenmalen anerkannt und dem Nationalfonös- Lob erwähnt werde::. Sein Nachmann war so recht der glühende Anhänger seines Volkes, so recht der nervöse, hysterische Jude. Der arme, zitternde Judenjunge Schloiine fand in Paul Marx einen wirksamen Darsteller, den: sich Hans Marr in der Gestalt des Beresin würdig an die Seite stellen darf. Herr Forest fand sich sehr geschickt in die Rolle des satten, praktischen Dr. Fuhrmann, wie denn auch die ganze Aufführung nur mit Lob genannt werden darf. Da das Milien schon jüdisch sein muß, so hätte es auch etwas jüdischer sein können und ist mancheln der Darsteller nicht der Vorwurf zn ersparen, daß ihr zeitweise etwas unjüdisches Spiel die richtige Betrachtung des .Milieus nicht aufkoimmen ließ. Es War eine seltsame Stimmung im Hause. Die Objektivität der Zuschauer wich bald einer leidenschaftlichen Parteinahme, die manchmal Wieder andrerseits Mißfallen erregte. Man ging ganz anders wie sonst ans dem Theater, auch manche Indem die sonst nur zur „Unterhaltung" gehen. Sie hatten diesmal mehr gesehen: „Me Inden" — Rußlandl W i e n. Max S ch a ch e r l. * f * Hebräische Melodie. Bon Julius Bauer. Wieder klingt das alte Lied Aus vergangnen grauer: Tagen Bor: dem Volk, das anserwählt ist. Schweres Erbenleid zu tragen.