Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K 3.4» Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegenaenommen cherden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile II; Verlag „Zion" Wien, II/3, Untere Augartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse._ 38. Wien» 23. Juni 1905 (26. Kiwan 5665). VH. Jahrgans. Das Wiener Ostend und die Knltusgemeiude. I. Kr. Der Vorstand des Brigittenauer Bethausvereines hat für Montag den 26. ds. eine außerordentliche Generalversanimlung einberufen-. Gegenstand der Verhandlungen soll die leidige, bereits bis zum lleberdrusse der Brigittenauer und der Juden der anderen Bezirke pertraktierte R a b b i n e r f r a g e bilden. Wenn der Redefreiheit kein Damm gesetzt ivird, wenn jeder so wird sprechen wollen und können, wie es ifynt ums Herz ist, so dürfte es tu dieser Versammlung im östlichsten Bezirke Wiens zuEntrüstungsktiiidgebtingen gegen das Prälsidium, der Wiener Kultusgemeiude kommen, die, wohl schm. öfter verdient, aber noch niemals in diesem! Maße nnd miit dieser Kraft zum Ausbruche gekommen sind. Die Brigittenauer Juden gehören zum größten Teile der ärmeren arbeitenden Klasse an; der übrige Teil bildet einen gesunden, auch intellektuell bedeutenden Mittelstand. Mer allen gemeinsam ist ein noch nicht verwischter, nicht durch Assimilation und falschen Modernismus übertünchter jüdischer Zug, ein kräftiger, unbewußter Wille, das Judentum in fcinser Ursprünglichkeit zu erhalten, und eine vernünftige, weiter ausblickende Politik hätte die bis ins Mark angefaiilten, sogenannten „besseren Klassen" für das Judentum schon längst! verloren gegeben und! das Regenerationswerk hier in jenen Kreisen in Angriff genomjlnen, wo noch ein Jiudeutuin vorhandelt, das sich instinktiv zn erhalten sucht: im Ostend von Wien, in der Bvigittenan. Ein ehrlicher, vernünftiger Politiker hätte den alten Spruch unserer Weisen : „Habt acht auf die Abkömmlinge der Armen, denn aus ihnen geht die Lehre hervor" gedacht und ihn sinngemäß augewendet.^ Heute hätten wir schon die Früchte dieser Politik genießen können. Unsere Politiker, die über die Macht verfügten, hatten leider weder das Verständnis noch das Herz dazn, eine solche Politik in Anwendung zu bringen, und so kam es, daß die Brigittenauer entweder ganz vernachlässigt als die Stiefkinder unserer Machthaber in der Seitenstettengasse behandelt wurden oder ab und zu einen kaum nennenswerten Schimmer der Machtfülle des Kultuspräsidiumst zu genießen in die Lage kamen, wenn sich die Führer der Brigittenauer Juden aus Opportunitätsgrüuden an den jeweiligen Präsidenten der Kultusgemeinde anlehnten. In der Brigittenau leben ungefähr 16 000 Inden, von denen fast 13.0^0 ans eine Synagoge und synagogalen Gottesdienst reflektieren. Es wäre Pflicht der Kultusgemleinde gewesen, diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Sie hat es, genau lute in anderen Bezirken, nicht getan und verstieg sich höchstens dazu, dem Tempel'baukomitee, das unter großen Mühen den Bau eines würdigen Gotteshauses zuwege brachte, ein Darlehen zu gewähren. Die Brigittenauer Synagoge gehört zu den bestbesuchten Gotteshäusern Wiens und der Vorstand des Bekhausvereines gibt sich alle erdenkliche Mühe, die Ansprüche der Bezirksgemeinde zu befriedigen. Er hat eine Anzahl von gemeinnützigen Institutionen ins Loben gerufen, ohne von der Zentrale sonderlich unterstützt worden zu sein, ja oft gegen den Willen unserer sogenannten Führer. Es sei hier unumwunden zugegeben» daß der Obmann des Brigittenauer Bethausvereines Istlets mit aller Kraft für seinen Bezirk eintrat und. hierfür gar oft den UiNvillen unserer 'Großjuden auf sich lud. Seit jeher kämpfen die Brigittenauer dafür, einen würdigen Rabbiner zu erhalten. Mit Recht stehen sie auf dem Standpunkte, daß, wenn die Kultusgemeinde sich schon ihrer Pflicht entzog, diesem pronouicierteir Judem viertel eine Synagoge zu erbauen und zu er-, halten, sie doch wenigstens dafür zw sorgen habe, daß diese Judengemeinde nicht ohne eigene Seelsorge bleibe, und dies um so mehr, als ja die fetzigen Führer der Ktzltusgemeinde im Judeutume nur eine Religiousgenossenschaft erblicken. Bis zum Regierungsantritte des Dr. Stern und bis zur unglückseligen Rabbinerwahl vor drei Jahren hatten die Brigittenauer noch' die Hoffnung, daß ihre gerechten Ansprüche Berücksichtigung finden werden. Als aber Dr. Alfred Ster n, dieses lieberbleibsel der altliberalen Schule ohne Herz und Gemüt, den ersten Sitz im. Präsidium einnahm, als ferner, dank der Koterie im Vorstände Dr. Elieser D a v i d, der Kunststotterer, Rabbiner von Wien wurde, da waren die Hoffnungen der Brigittenauer Juden begraben. Dr. David, beit in der Leopoldstadt außer den Kadischfageru kein Mensch anhört, Feuilleton. Eilt Schauspiel in drei Akten von E u g e u T s ch i r i k o w. (Von eiueut Berliner Ensemble aufgeführt im Deutschen Volkstheater aut 15. Juni 1905.) „Wissen Sie," so sagte mir jemand, als er das Schauspiel gesehen, „ich bin kein empsindsamer Jude mehr, aber ich habe geweint, als die Szenen au mir vorüberzogen." Diese Worte eines durchaus nicht proklainierten Juden sind fast eine vielsagende Besprechung dieses Schauspieles. Als selbiges in Buchform! erschien, wurde es ja vielseits erschöpfend besprochen, und da sich damals jede Art der Besprechung, selbst die sonst im TendenM'icke nicht zur Geltung kommende kritisch-ästhetische Seite zeigte, ist es wohl überflüssig, nochmals einen erschöpfenden! Inhalt auzuführeu. Wer wir wollen dennoch die mit tragischen Explosivstoffen geladenen Szenen an uns vorüberziehen lassen, wir wollen uns dennoch das Leben (oder auch den Tod) der „Juden" im Lichte der Bühne betrachten. Wir müssen' dies um so eher tun, als es uns auch ein Gechot der Pflicht erscheint, unseren Kommentar an die Vorstellung anznknüpfen. Was man da zu sehen bekam, war sehr wenigen nen. Die meisten haben alles längst gewußt, auch wenn sie uicht die „Juden" Non i Eugen Tschirikow kannten. Kischenew -- Hömel — Schitomiir — und —?? Nichts mehr; genug davon.. Das waren, knapp skizziert, die Gedanken, die einem kamen. Und das war eben das bedeutsainste an diesem Theaterabende. Man fühlte und wußte es: Das. ist nicht das Produkt der Phantasie eines mitfühleiiden Künstlers, das ist wirkliches Leben, wirkliche Wirklichkeit-grauenvolle Wirklichkeit. Und der erschütternde Schluß ist nicht die notwendige Konsequenz einer dramatischen Exposition, auch seine traurige Wahrheit hat die Welt schaudernd erlebt und das tiefe Mitgefühl wurde paralysiert von der Empörung des zivilisierten Menschen. Wohl hat inan dafür gesorgt, daß wir über das elende Leben unserer westlichen Brüder nicht Kischenew vergessen und über dieses nicht Homel und Über Homel nicht Schitomir und —?? Es gibt nach Städte in Rußland, wo Juden Wohnen. „Die Juden" — Rußland. Diese zwei diametralen Begriffe behandelt dieses Schauspiel und Lüiser Frenkels Haus und Leben ist nur ein Blatt in dem dicken Leidensbuche der russischen Juden. Doch auch dieses eine Blatt ist beschrieben mit dem Schmerz und dem Unglück eines Menschenlebens. Was wiegt aber das Lebe» eines Menschen gegen das so vieler und vieler? Nichts. Das ist die traurige, persönliche Erkenntnis, die um so trauriger ivird, als man weiß, daß auch das Leben der Vielen und Vielen mit nichts besser ist. Grau in Grau. Da ist das Haus des Leiser Frenkel. Ein Judenhaus im Golus. So scheu und gedrückt geht mau eiimmd aus, und eine Ahnung von Traurigem,, Kommendem scheint es zu. durchzieheu. So schwermütiq, so unsagbar schwermütig liegt es über dein Hause. Eigentümlich wie das Haus sind auch seine Juden. So ganz verschiedenartige Juden. Leiser Frenkel,' der orthodoxe, tief int Glauben der Väter wurzelnde Jude; sein Sohn Bnruch, der sich lieber Boris nennt, vom Judentum nichts mehr weiß, für die Wünsche und Hoffnungen seiner Brüder kein Entpfinden mehr übrig hat und Sozialdemokrat ist. Dann sein Freund Jserson, auch Sozialdemokrat, welcher überhaupt nur zwei Nationalitäten, die der Satten und die der Hungrigen, kennt und gleich seinem Freunde Baruch für die „Wiedergeburt der Menschheit" kämpft. Dann ist der arme, verschüchterte Schloime da, aus dessen brennender Sehnsucht zum v'eben inan die Vorahnung, des baldigen Todes zu hören glaubt. Neben, diesen Juden finden wir den christlichen Sozialdemokrateu Beresin, den Freund Baruchs, den Geliebten Lijas, der Tochter Frenkels. Auch Dr. Fuhrmann, ist ein Jude. Wirklich, er ist einer; er sagt es ja selbst. Aber muß mau es denn jedem sagen, daß man ein solcher ist? Man muß sich nur „anbauen", reich werden, daun werden sie aus den „Jüd" angewiesen sein nnb werden sich vor ihm bücken. Zionismus? „Ganz gesunde Strömung," meint Dr. Fuhrmann, „ganz gesunde nationale Bewegung mit ein paar Tröpfchen Wiedergeburt hinein." An das End-