Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433101--3035-2436954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 24 Jüdisches Volksblatt S-'ite ö sinn» ngsgen offen zu wählen, wurden die vorn L.-K. vorgelegten Thesen angenommen. . Leuchter (Krakau) berichtet, das; der Legitimationsa>usschus; konstatiert habe, das; 69 Delegierte anwesend seien, und zwar: 5 Birilstinnnen, 62 Delegierte, 6 Ersatzmänner,' fraglich sind 6 Mandate, von denen vier anerkannt wurden, zwei Mandate ans dem StaniSlaner Distrikte wurden nicht anerkannt. Kam inski beantragt eine Nesolutivn, dem Vorsitzenden Bechert Dank für die Leitung des Parteitages anszudrückeu und zu ersuchen, die Leitung am zweiten Tage zu behalten. Wird angenommen. Bechert erklärt jedoch, zur Wahrung jüdischer Interessen in Teplitz abreisen zu müssen. K o b l e r ersucht, am zweiten Tage um 8 Uhr zu beginnen, und bittet die Redner, sich ihrer Muttersprache zu bedienen. Schluß um halb 7 Uhr abends. Korrespondenzen. „Lassen Sie mich mit den russischen Juden in Ruh'!" Sehr geehrter Herr Redakteur! Anläßlich des Todes des Barons Nathanicl von R o t h s ch i l d wird jetzt, auch über das Rothschildspital, eine Stiftung des Hauses Rothschild, viel gesprochen. Es ist! nicht 51t leugnen, daß die Behandlung in diesen; Spital eine mustergültige ist, was aber von dem Vorgehen bei der Aufnahme von Kranken nicht behauptet werden kann. Hier ein Fall, der deshalb um so rügenswerter erscheint, weil er zeigt, wie u n j ü d i s ch fiel) manche Beamten des Spitalcs benehmen, obgleich sie doch selbst Juden sind rmd von jüdischem Gelde bezahlt werden. Vor einigen Tagen wurde das Leopoldstädter Polizeikomimtssariat verständigt, daß in einem Massenguartier eine russische Jüdin schwer krank darniederliege und rasche Hilfe vonnöten sei. Das Kommissariat entsendete sofort der; städtischen Arzt Dr. S. in das Quartier, der die Kranke in einem solch desolaten Zustande vorfand, daß er zur Rettung derselben sofort einen operativen Eingriff vornehmen mußte. Nun sollte die Frau irr ein Spital überführt lverden. Da die Krankenhäuser die Aufnahme der ausländischen Krankei; nur unter der Bedingung zusagten, wenn das russische Konsulat, die Haftung für die auflaufeichen Verpflegskosten zu übernehmen gewillt war, und das Konsulat eine solche Haftung ablehnte, so wendete sich das Koinmissariat resp. der städtische Arzt telephonisch an das Ro + ’ schiIdspital und verlangte die dringliche Aufnahme der Kranken, indem er ihrer; Instand schilderte und auf die Gefahr hinwies, welche mtf. Vielleicht lernen die Menschen einst, nicht nur inr Kriege miteinander zu sterben, sondern auch im Frieden initeinander zu leben." Sv hauchten sie ihre Seelen aus und zusammen zogen sie ins Jenseits ein. F. S. Suntes Feuilleton. Die Juden in Warschau. Nach dem letzten statistischer; Ausweis zählt Warschau 767 807 Einwohner. Unter diesen befinden sich 275 287 Inden. Das russische Unterrichtsministerium erlaubte, das; vor; nur; ab in allen- Volksschulen, die von jüdischen Kindern besucht werden, jüdischer Religionsunterricht stattfindet. Die Kosten dieses Unterrichtes Haber; aber die Kultnsgemelnden anö eigenen Mitteln zu tragen. Der letzte Sprosse. Irr K ö l n starb vor eiligen Tage;; infolge einer Herzlühmung Herr Otto de l a Pa rr a, der letzte Sproß der alteingesessenen A b ra h a m Opp eu h e iursche;; Fanrilie, der seinern angestaunutten Gllaubeu, dern Judentum, treu blieb. Otto de la Parva rvar Oberleutnant der Laudioehrinsanterie a. D., trotzdem er Jude war. Als tapferer Kärrrpser hatte er die Feldzüge 1866 und 1870 mitgefochten. Die Religionen der Erde. Eine neue Religionsstatistik der Erde ist in dem eben erschienenen anrerikarrlscher; Missivnsjahrbuche „Blue Bvvk of Missivn" ansgestellt worden. Die ganze zur Zeit lebende Menschheit wird ans 1503 446 006 (etwa 1663,5 Millionen) Köpfe berechnet. Davon sind Christen 668 862 000, nämlich Nöintsch^Katholische 272 638 500, Protestanten I66 066 5lxi, Griechisch- Katholische 120167 000,' Nichtchristen 1004 684 000, und zwar Juden 11222000, Mohammedaner 316930 000, Heiden 776 732 000, nämlichBuddhisten 137 036 000, Hindus 209 669 000, Konfuzinner und Taoisten 231 035 000, Schintoiffen 24 000 000, Aninristen, Fetischanbeter und dergl. 167 069 600, Sonstige 16 363 600. ihr Verbleiben in einem Massenquartiere! rnit sich führen würde. Der Beamte vom Rothschildspital meinte zunächst, daß er ohne Erlaubnis des Hofrates Dr. O s e r nichts verfügen dürfe, als aber seitens des Kommissariates wiederholt auf die Dringlichkeit des Falles und auf den Umstand hingewiesen wurde, daß es sich um eine russische Jüdin handle, antwortete der Beamte des israelitischen Spitales barsch: „Lassen Sie mich mit den russischen Juden in Ruh'!" und läutete ab. Die Verblüffung 'des Polizeikommissärs können Sie sich denken, ebenso welche Meinung dieser städtische Beamte von der berühmten Solidarität der Juden und ihrem Wohltätigkcitssinn erhalten hat. Ich Istiehe für die Wahrheit des Erzählten mit meiner Person eil; und bin nur begierig, ob das Präsidium des Kultusvorstandcs diese Ungchörigkeit auf sich werde beruhen lassen. Hochachtungsvoll Ein Nationaler. Referate und Referenten. Wozu das große Phrasengebimmel, wozu das Rühren der Reklametrommel seitens der Studenten nach Volkserziehung in den Versannnlnngen und jüdischen Parteiblättern, wenn Phrasenr und Tambour selbst des Erziehers noch bedürfen? Ich habe dieser vorwurfsvollen, sarkastischen Frage eines er sah reuen Gesinnungsgenossen nichts eutgcgenhaltel; können. Ich habe ihm zustimmen müsse;;,' denn er wies wahrheitsgetren darauf hin, daß die jüdische Ingens, die Studentenschaft, sich in; Laufe" der Jahre in eine Volkserzieher- und Führerrolle so sehr eingespielt hat, daß kein 'Argument, kein auch noch so schonungsvoller Hinweis ans die nicht immer vorhandene Möglichkeit zur Nachsicht der Befähigung dem partout führen wollenden Studiosus den Standpunkt hätte klarmache;; können. Und so sehen wir eine große Schar flanmbürtiger Apostel ans den Reihen der jüdischen Studentenschaft Ortschaften, namentlich in der Provinz, durchziehen und mit der ungesunden und unverdaulichen Kost aus nicht zu Ende gelesenen Artikeln oder unverstandenen bezw. schlecht memorierten Broschüren die armen Zuhörer wirr machen. So haben die Makkabäerseste die Sucht nach Betätigung in vielen jüdischen Studentenkvrpvrationen hervorgebracht, dann kamen Unterrichtsknrse, die den Ehrgeiz stachelten, bis genügend lauge Spalten in den Parteiblättern die auswärtigen B. B. B. B. die glorreiche Tätigkeit der Verbindung X. oder Z. voll und ganz hatten .erkenne;; lassen. Daß dabei nur ein sehr geringer Teil dieser jugendlichen Volksredner und -Erzieher für das schöne Feld ihrer Betätigung auch nicht die geringste Befähigung aufznweisen vermochte, mag schon 'aus der in Czernowitz oft vorgebrachten Erzählung klar werden, daß ein gerne sich reden hörender Studio in einer Agitativnsversammlnng seinen Wortschwall von einem belesenen Mittelschüler unterbrechen lassen mußte, weil er wörtlich ans Riilf, Arnchas B. Ami seine Rede rezitierte und so unwillkürlich ans die Lachmuskeln seiner Zuhörerschaft wirkte, die er doch zu belehren und nicht ans seine Kosten zu amüsieren gekommen rvar. Dieses Breitmachen von Ignoranz und maßloser Eitelkeit tritt bei Versannnlnngen, Distriktstageu usw. immer krasser zutage und ist betrübend in seinen Folgen. Der begabtere Student wendet sich mit Abscheu weg und räumt dem Flachkopf das Feld, der verständige Zühörer meidet die zionistische Zusammenkunft. Es graut vor den Referaten, man flieht die Referenten! Und doch war es zu Anfang ganz anders. Ich habe erst unlängst einen älteren Herr;; erzählen gehört, wie er jüdischnational rvnrde, wie er, von der Begeisterung eines geistreichen Sprechers, eines Studenten, mitgerissen, der Bewegung sein Augenmerk znznwenden begann -und warmer Zionist wurde. Daß aber der größte Teil unserer Sprecher 'unter den jüdischnativnalen Studenten ü; letzter Zeit mehr als einen Heiterkeitserfolg zu erzielen vermag, ist Nicht bekannt geworden. Und so sah lwm den; Wiener jüdischen Studententage mit einer gewissen Neugierde entgegen. Man errvariete, daß da die geistige Elite der gesamten jüdischen Studentenschaft zu Worte kommen und schonungslos alle Nebel aufdecken werde,;nan harrte der Jnttiative sprechgewandter und tatkräftiger junger Männer, die dem Verbindungsleben eine neue Mendnng geben, deren Ideen wie ein frischer Hauch erquickend 'und erhaltend auf dasselbe einwtrken werden. Statt dessen aber kam — nach den Berichten — abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen (nach dem „Jüdischen Volksblatt" bloß ein glänzendes Referat — Lbaplanski) das alte Phrasengebimmel. Ich habe ein Referat in dem „Jttd. Volksblatt" ganz gelesen und fand es begreiflich, daß, daran anschließend, der Berichterstatter des „Jüd. Volksblatt" von den Beratungen schreibt: „Sie verliefen recht interesselos und inachten durch die sehr geringe Bieteiligung, durch das Niveau der Referate und Debatten usw. den u n g ü n st i g st e n Ein - dru ck." Mit lächerlichen Ausfällen gegen schlagende Verbindungen, ob Kappen zu tragen wären oder nicht, vertrödelte n;an die Zeit, statt, wie der Berichterstatter des „Jüd. Volksblatt" trefflich bemerki, jeden nach seiner Fasson endlich selig werden zu lassen. All den Quark, der uns hier schon mit Ekel erfüllt, wärmte man in Wien aitf und nannte cs Referat für einen jüdischen Slndententag. Es wäre;; die alten, sattsam bekannten Referate, die entsprechenden Reserenten! Die geistig höher stehende jüdische Jungmannschaft rvar an diesen; Studententage überhaupt nicht oder sehr schwach vertreten,' denn sonst hieße es nicht im Berichte: „Ter Verbandstag zeigte die Stagnation in' der zionistischen Studentenschaft in geradezu erschreckender Weise." Wo das Uebel liegt? In der Züchtung von studentischen Führern, Wcrsammlnngsrcferentün nsw. mit Nachficht der Befähigung. Man verweise sämtliche zi0nistische 1 iStudentenkorpvr«tivnen ans ihre Verbindungstätigkeit;rnd hüte sich wohl, durch Zeitungsberichte ihre Eitelkeit zu fördern. In den Verbinönngsreklamenotizen liegt der Entstchiungsgrnnd jeder Untätigkeit der jüdischen Verbindungen und der unter ihnen bestehenden Zwistiakeiten. Jede Verbindung sucht die andere durch eine„Tät:gkeitsnotiz" zu überflügeln und sich „herauszustreichen", anstatt möglichst geräuschlos, presse das kritischoNichtschwert zu überlassen. Jedes ohne Antorezenfron zu arbeiten und der 'Partei^ junge Mitglied „brennt ans einen Vortrag", um inr Berichte genannt zu sein, und gelingt es gar einen;, auf einem Verbands- oder 'Distriktstage etwas abznsetzen, so ist er „Führer" geworden und entfällt für ihn die Notwendigkeit einer weiteren dlusbi'ldn'ng, e r „b e l c h r t" schon die M a s s e n, nachdem er einen Anssatz schlecht abgeschrieben und tagelang vor dem Spiegel memoriert hat. Dabei bietet es oft ein possierliches BW, solchen rednerischen Turnübungen in Versammlungen beizuwohnen. Der junge Mann beginnt mit Pathos, die Stimme wird inrmcr stärker und stärker, bis ihm ein Wörtchen entfällt und er stotternd von neuem seine Rede beginnt. Hat er gar einige hebräische Brocken ans dem Cheder im Gedächtnis behalten, so ist er ein „Genie" und hält „hebräische Reden", die für den Orator um so angenehmer sind, als die große Menge nichts davoil versteht und mit den; Beifall nicht kargt,' denn schon die bloße Tatsache, daß ein junger Mann hebräische Worte längere Zeit hindurch „stiebend" rezitieren kann, erscheint anerkennenswert. Verirrt sich aber ein Zuhörer, der der hebräischen Sprache rnächtig ist, in den Wersau;;nlnngssaal, so verläßt er rasch den Raum, um nicht der Komödie weiter beiwohnen zu rnüssen. Zum Tensel mit de>; Vortrügen, wenn der Vortragende hierzu nicht geeignet ist!! Jur VerbindnngSlvkale mögen sich die Ntitglieder zu Rhetoren heranbilden und fleißig Bücher lesen. Sich selbst zuerst belehren! Und die hebräischen Koryphäen mögen ivenigstens so viel Schamgefühl besitzen, ihrer Rede erneu Zm sanuilenhang zuvor zu gebeir, ehe sie vor ein Publikum treten, anstatt dasselbe mit losen, zusammenhanglosen Worten abzuspeisen und den Spott der Kundigen davvnzutragen. Selbste r z i e h u n g, das sei die Aufgabe der jüdischen Verbindungen! Keine Schaustücke, keine Versannnlllngs- und Agitatlvnskomödien!! Jede Berbinduug bekülnmere sich ulöglichst lvenig um die andere,' Fechkübungen, gesellschaftliche Vergllügungen, äußere Abzeichen behalte jeder nach seinem Gntüünten llnd es bleibe der Parteileitung Vorbehalten, einzelne Verbindungen oder Mitglieder nach Ataßgabe ihrer Fähigkeitei; zu einer größeren Aufgabe zu berufen. Die betreffende Distriktsleitung wird schon auf die entsprechenden Personen aufmerksam zu machen wissen. Inzwischen aber mögen die studentischen Führere 'und ihre Verbands- oder Studenteutage verschwinde;;! Mehr Bescheidenhett! Einige Histörchen von der Nnfühigkett der Konnationalon bemänteln nicht die eigene geistige Impotenz! Man erstattet Referate