Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt gemeinde nnter Führung des Präsesstellvertreters Herrn Dr. B e n d i e n e r zu bemerken war. Mit Enthüllung des K a i s e r b i l d e s und Absingen der V o l k s h y nt n e wurden die Räume des Vereinsheimes für eröffnet erklärt. .Am Abend selbst fand im Gartenlokale des Vercinslieim-es ein Begrüßungsabettd statt, der die TeUnehmer in gemütlicher Stimmung versammelte. Die Verhandlungen des Parteitages wurden durch den Obmann des böhmischen D.-K. am 12. Juni um dreiviertel zehn Uhr früh im Hotel „Zentral" eröffnet. Die (Valerien waren ziemlieh besetzt. In das Präsidium wurden ans Grund eines Uebereinkvmmens des L.-K. mit dem D.-K. nur Gg. gewählt, die nicht in leitender Stellung stehen, und zwar erschienen als gewählt: als Vorsitzender Herr Ernst Bechert lTeplitz), als 1. Vizepräsident Herr Dr. Wasch itz (Krakau) und Herr Max Markus (Wien!: als Schriftführer Tr. Zwei g, Julius V ö w y, Dr. Hilf st c i n ltttö Wcrtheim e r. I n den Legitimativnsausschuß wurden die Herren I. G e iv i t s ch, L e n ch t e r (Krakau), Dr. Meist gewählt. Herr Bechert dankt für die Wahl und ersucht, die Verhandlungen in rein sachlicher Weise zu führen und bittet um Unterstützung in seinem Amt. lieber Antrag des Dr. Meist wird die Geschäftsordnung mit Ausnahme des Paragraphen 40 en bloe angenommen. Die Berichte des L.-K. liegen im Druck vor und nach einer Ergänzung des Herrn Nathan Groß, betreffend die Auswanderung nach Palästina und die Kultusfrage, der das späte Erscheinen des „Zion" dadurch zu entschuldigen suchte, daß die D.-Ks. die Berichte nicht rechtzeitig cingescndet hätten, wird die Debatte über den Nechenschaftsbericht eingeleitet. Löbl TaubeS (Ezernowitz) beanständet das Vorgehen des L.-K. in Sachen des mährischen D.-K., welches die Wahl Hickls zu unterdrücken versuchte, ebenso die Aktion einiger südgalizischer Orte wegen Anschlusses c?.i den Butowina-er Distrikt und erklärt dieses Vorgehen mit den demokratischen Prinzipien für unvereinbar. Auch gegen die Höhe der Preise der vom Verlage „Zion" herausgegebenen Herzl-Broschiire spricht sich der Redner aus, da der hohe Preis die Verbreitung hindert. Auch das Vorgehen der K u l t n r k o m - Mission, welche ihre Tätigkeit fast ausschließlich nach Wien verlegte und die Kulturarbeit in Galizien nicht einmal erwähnte, unterzieht Redner einer eingehenden Kritik. Tr. Zweig erklärt, daß die Aktion betreffs der südgalizischen Orte bloß eine persönliche des Löbl Taubes war, daß diese Orte selbst sich gegen einen derartigen Anschluß ausgesprochen haben und daß die Aktion im mährischen Distrikt erfolglos verlief, da das mährische D.-K. vom L.-K. bestätigt wurde. Schubert (Wien) unterzieht die Tätigkeit des L.-K. einer eingehenden Kritik, insbesondere die steten Klagen wegen Geldmangels. Die Tätigkeit fei seit dem letzten Parteitage nicht fortgeschritten, sondern zurückgegangen. In Agitation sei nichts geleistet worden und die Studenten, welche in Agitationssachen das meiste leisteten, seien ganz und gar in den Hintergrund gestellt worden. Auch die Wirtschaftskommission und die Kulturkommission hätten nichts Wesentliches geleistet und haben keine Existenzberechtigung. Zürn Schluß erklärt Redner, gegen die Erteilung des Absolntorimns stimmen zu müssen. Dr. W a s ch i tz beantragt Schluß der Debatte, welcher Antrag jedoch abgelehnt lvird. UeberAnhat die Schlacht kein Ende, und noch immer werden sie verfolgt und gehetzt ohne Rast, als ruhte der Fluch ans diesem Felde. Tausende flohen ziellos, bis aufs Hemd entblößt, mit Gesichtern, die mehr Gespenstern als Menschen glichen. Auch in ihrem Innern ist alles Menschliche abgestorben. Kein Sehnen und Hoffen, kein Glauben und Denken lebt in ihnen. Sie denken nicht an Sieg und Leben, nur ein Ziel schwebt ihnen vor: ein wenig Ruhe, ein Tropfen Wasser und ein Stück Brot. In einem Graben lagen drei schwerverwundete Soldaten neben- und übereinander. Der eine, Iwan Peluchin, ein 21 jähriger Bursche, war der schönste und blühendste Jüngling in seinem Hettnaisborse. Nun lag er da, kaum noch das Leben genossen, aus vielen Wunden blutend, den Tod, den letzten Erlöser, erwartend. Der zweite, ein kleiner, schmächtiger Mann mit langem schwarzen Bjart und dunklem fast verbrannten Gesicht, war ein Reservist aus Litauen. Jakob Glaser hieß er und er ernährte sich schlicht und redlich als Schneider. Eines Tages nahmen sie ihn, den 25jährigen Mann, 'feiner Frau und seinen drei Kindern und schickten ihn aufs Schlachtfeld. Er tröstete beim Abschied die Seinen, trug aber im .Herzen die Gewißheit, daß er nicht zurücktehren werde. Und nun ruhte er hier, zu eitlem Klumpen verstümmelt, im schmutzigen, glühenden Graben und sah seinem Emde entgegen. „Eitt Tropfen Wasser, um Christi willen, ich verbrenne!" stöhnte der arme, geguälte Peluchin. „Ach, Bruder, wenn ich dir nur helfen könnte!" seufzte aus gemarterter Brust der neben Nr. 2i trag des Dr. Margnlies (Teplitz) wird beschränkte Redezeit von 5 Minuten angenommen. Dr. M a r g tt f i c 8 (Teplitz) (pro) erklärt, das L.-K. hätte seinen Kräften angemessen gearbeitet und ersucht um Erteilung des Absolntoriums. Dr. Hilfstein (kontra) erklärt, die galizischcn Delegierten hätten wegen der ungünstiger Lage Prags und der ungelegenen Zeit sich nicht zur Genüge beteiligen können. Die Agitation in Galizien wurde nicht genügend berücksichtigt und die galizischen Distrikte als minderwertig betrachtet. Redner verlangt, den galizischen Distrikten mehr Aufmerksamkeit znzutvendcn. Dr. Kahn erklärt, daß die Agitation jetzt mehr extern gewesen sei. Der Boden war nicht immer geeignet, so daß die Erfolge nicht denjenigen Effekt anfweisen, der erwartet wurde. Dr. Kahn spricht sich g e g e n d cit Stndienf o n d s ans. Zn den Klagen Dr. Hilfsteins bemerkt Dr. Kahn, daß diese Beweis seien, daß die galizischen D.-Ks. gerne mehr geleistet hätten als sie geleistet haben, und daß jedes D.-K. ein derartiges L.-K. hätte, das es verdient. Man muß sich entschließen, Opfer zu bringen und für Galizien dasjenige zu leisten, was humanitäre Institutionen (wie z.B. die B'nei B'rith). Redner spricht sich gegen die Autonomie der verschiedenen Zentren ans, da nur dann ein ersprießliches Wirken möglich ist, wenn eine zentralistische Leitung, die das ganze Parteileben befruchtet, besteht. Jul. Löwy (Prag) wendet sich gegen das L.-K., daß es die Thesen zum Parteitage nicht rechtzeitig veröffentlicht habe: über Mähren sei überhaupt kein Bericht veröffentlicht worben, mit Ausnahme einer kleinen Notiz in der „Welt". Den D.-Ks. gebricht es an Bütteln, da säst alles Geld nach Wien abgeführt werden muß und spricht sich für eine verringerte Kompetenz des L.-K. ans. N. Groß: Die Studenten unterstützen nicht genügend das L.-K. in Agitation. Redner beklagt es, daß die Studenten sich mehr unter sich hernmschlagcn und uneinig sind. Die verschiedenen D-Ks. haben den „Zion" nicht zur Genüge unterstützt, da ihm keine Berichte eingesendet wurden. lieber Antrag Dr. Margnlies wird Schluß der Debatte angenommen. K l i n g e n b e r g e r (Brünn) erklärt, das L.-K. hätte sich um die Arbeit in Mähren nicht gekümmert und verlangt, daß für Mähren etwas getan wird. Dozent M a h l e r (Prag) wirft dem L.-K. im allgemeinen Nntätigkeit vor und protestiert gegen die Angabe, daß sich die Berichte der D.-Ks. nicht immer für zuverlässig erwiesen haben. Das böhmische D.-K. hat dem L.-K. stets Berichte eiugesandt, jedoch vom L.-K. selbst über Urgenzen oft keine Erledigung erhallen. Die Bewegung in Wien ist deshalb zurückgegangen, weil das L.-K. nicht in der Lage ist, die reichen Inden zu geivinueik und nicht imstande ist, die Bewegung zu leiten. Redner nimmt die Studenten in Schutz, erklärt, daß es nur nötig sei, die Studenten zu leiten und weist auf die Tüchtigkeit der Prager Studenten hin. Redner drückt dem L.-K. das Mißtrauensvotum aus. Tr. Friedrich M a r g u l i e S erklärt, das innerösterreichische D.-K. hätte keinen Grund znin Mißtrauen. Ing. S z t e n c c l beanständet das Vorgehen des L.-K. in Stanislan. Dr. K r e n b e r g e r entkräftet die gegen das L.-K. vorgebrachten Vorwürfe. Die Einnahmen vom Schekel betrugen 15 Prozent, deshalb schuf das L.-K. eine neue Einnahinsgnette in der Verbandssteiler, für die es den „Zivil" als Aegnivalent ihnr liegende Glaser. „Es ist eben unser Schicksal, daß wir hier wie Tiere, weit vom Heim, fern von allem, was uns lieb und teuer ist, enden. Gott hat so gewollt." „Ja, ja"-jammerte der andere. „Gottes Rat ist unerforschlich. Wofür stirbt inan und wozu? Ach, Mütterchen, wenn ich dich nur für einen Augenblick noch sehen könnte!" „Ach, mein Ende näht. Bruder, ich fühle es — stöhnte Glaser — und meine arme Frau und meine lieben Kinder, ohne Brot mrd ohne Trost. Gott! warum hast du uns so hart gestraft? O, diese Schmerzen! Schmäh jisrvel!" „Was sprichst du da für ein Kauderwelsch?" „O, lästere nicht. Das ist kein Kauderwelsch, das ist die heilige Formel, womit wir Gott in Stunden der Not und der Gefahr anrnfen, womit wir leben und sterben. Ich bin ein Sohn Israels und ich will mit meineni Gotte versöhnt sterben." „Schere dich hinweg, verdammter Jude! Ungläubige Seele du! Wir beide haben nichts gemein. Ich gehöre dein rechten Glauben att." Da verzerrte sich das Gesicht des Inden noch mehr in Schmerz und Dual «und wie eine bittere Anklage klang es: „Noch im Tobe könnt ihr den Hast nicht vergessen, mit dem ihr ttns das ganze Leben hindurch verfolgt. Haß? Wofür? Was haben wir euch getatt? Ich Habe mein Leben lang gearbeitet nnb gehungert, wurde von jedem verhöhnt und getreten, und nun verblute ich tvie ihr fürs russische Vaterland. Aber noch int Angesicht des Todes nmß ich Hab und Schimpf Hören!" bot. An die D.-Ks. in Prag und Krakau wurden trotz der Passivität des „Zion" je 500 Exemplare zu je 05 tz geliefert, um den Beschluß des Parteitages durchznführen. Auch gegen den Vorwurf, die Bewegung sei ztlrückgegangen, wendet sich Redner und beklagt sich über den Mangel an Reduerit. lieber Antrag Dr. Meist (Prag) wird durch namentliche Abstimmung dein L.-K. mit 26 gegen 20 Stimmen das Absolntvrinm erteilt. Der Kassabericht, den I. G e w i t s ch erstattete, wurde tiach einer Anfrage Löbl T a u b e s genehmigt. Zu in Punkt Organisation beantragt Dr. K r e n b e r g c r, ein siebengliedriges Komitee zu wählen, das die vorliegenden Anträge durcharbeiten tuid dem Plenum Vorschläge zu erstatten liai. lieber Antrag Dr. Me i s l werden gewählt: Dr. Bi a h l e r, Dr. W a s ch i tz, Dr. K renber - ge r, Dr. M a r g n l i e S (Wien), Dr. H i l fst c i tt, Dr. M ciSl nnd L ö w (Proßnitz). Dr. W a s ch itz beantragt die Ailiiahme einer Resolution, in der das Vedauern über die letzten russischen Greuel nnd die Hoffnung, daß das Blut nicht unnütz geflossen sei, ausgesprochen wird. Die Versammlung erklärt durch Erheben von den Sitzen ihre Zustimmung. In der Nachmittagsitznng, die tiach fünfviertelstündiger Panse um halb drei Uhr begann, begründete Arthur F r e tt d (Wien) die Thesen: Steliungnahme zum Kongreß. Dr. W a s ch i tz beantragt in Form einer Resolution die Unterstützung jeder Hilfsaktion. Doktor K ahn beantragt, den Paragraphen 1 mit Ausnahme des letzten Satzes anznneliinen, waö mit 21 gegen 10 Stimmen äugenvmmen wird. L ö w (Proßnitz) spricht sich gegen die Annahme der Resvlntivn Dr. Waschitz aus, welche auch abgelehnt wird. Löbl Taubes fragt an, warum nicht auch andere Kandidaten für die Leitung nominiert wurden. Dr. K a h n, der ans diese Anfrage antwortet, erklärt die Gründe der Wahl der Leitung und die Vorgeschichte der Wahl. Dr. M a r g n l i e s (Teplitz) beantragt Einschränkung der Redezeit ans 5 Minuten. (Angenommen.) Dr. 2! e a ch (Naudnitz) beantragt, in diesem Punkte dem Kongresse freie Hand zu lassen und den österreichischen Delegierten freie Haust zu lassen. Redner spricht sich gegen die Wahl Doktor NvrdauS anS dem Grunde aus, daß Nvrdau in der Bewegung manchmal nicht besonderen politischen Scharfblick bezeugt habe und verweist ans seine Rede anläßlich des Friestensmanisestes des Zaren. 'Nach einer erregten Geschästsorbunngsdebatte wird Paragraph 2 in der beantragten Fassung angenommen. Taubes fragt, ob die Kvlvu'ialbanr in Oesterreich zngelassen ist. Dr. K a h n erklärt, daß dies bisher nicht der Fall ist, da es bisher nicht für notwendig erachtet wurde. Aktien hingegen zu besitzen ist in Oesterreich gestattet. K l i n g e tt berg e r fragt, wie es sich mit der Gründung von Answandernngsbnreaus verhält. F v e it b erklärt, daß bisher in dieser Sache nichts geschehen. Nach Streichung des ersten Satzes des Paragraphen 5, deö Pagaraphen 0, einer unbedeutenden Aendernng des Paragraphen 10 in dem Sinne, daß das passive Wahlrecht zum Kongreß an eine Schekelzalilnng durch zwei dem Kongreß vvrangegangene Jahre gebunden sei nnb Annahme eines Antrages des Herrn Kottiner, daß die österreichischen Delegierten verpflichtet sind, zu Delegierten nur in Oesterreich ivahnhafie Ge- Da rührte sich der dritte, der bisher still daneven lag. ES war ein schwer verwundeter Japaner, der seinen Schmerz am mniigsten trug. Nun erhob er sein Haupt mit aller Krafinberwindnng nnst sprach: „Höret, ihr Europäer. Ihr nennet uns Heiden nnd wir haben wirklich nicht viel von dem, tvas ihr Religion nennt. Wir fncheii unser Leben zu verschönern nnd nach Kräften ztl veredeln. Wir verehren ntisere Toten und lieben unsere Kinder, das ist alles. Das ist tinsere Ewigkeit, unsere Verbindung mit Vergangenheit und Zukunft. Aber wenn ich euch höre, so gelüstet es mich wenig nach eurem Glanben. Was soll dieses schwächliche Grübeln? Man weiß nicht, warmn man lebt und warnm man stirbt. Jtt dieses Geheiinnis werben wir alle tiicht eindringett. Das beste ist, glaube ich, man lebt seiner Pflicht und stirbt ruhig. So seid friedlich in letzter Stunde und überlaßt den> kleitttichen Streit eurem Gotte. Mir dünkt der Haß ein schlechter AbsHlutz des Lebens zu sein." ,-Straf mich Gott! — knurrte der Kleitirnsse — ich glaube, er hat recht, der Heide da. So gib mir die Hand, wenn dtl kannst, du Bender des andern Glanbetts, und auch du, Heide, Gott segne euch. Seine Wege, sind tmerforschlich, wir sterbeni ztlsammen." Da erhellte sich das Antlitz des Inden mtd Trätt-ett traten ihttt in die Attgen. „Habt Dank, teuere Brüder, für die schötren Worte! — sprach er mit beivegter Stimme — wir wollen in Frieden sterben. Wer weiß? Vielleicht hört einst 'der Krieg der Menschen gegeneitvander, aus dem Schlachtfelde und int Leben