Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 Jüdisches Volkablatt Seite 3 Am 31. Dezember 1903 hatten wir ein Wechselportefemlle Stk. 118 im Betrage von . . . . K. "42197.17 Vom 1. Jänner bis 31. Dezember 1904 wurden eingereicht Stk. 493 Wechsel im Betrage von .K. 187074.69 Hiervon abgelehnt Stk. 120 Wechsel „ 68300.— 118774.69 K. 160971.86 Rückgelöst wurden Stk. 386 Wechsel.„ 130636.64 Mithin verbleiben am 31. Dezember 1904 Stk. 106 Wechsel im Betrage von ,.K. 30436.22 Die Spareinlagen und R e - eskompte betrugen Ende des Berichtsjahres zusammen K. 6926.09. Die A k t i v e n des Institutes bestehen in: Kassabarschast ..Kt 1993.44 Wechsel ... 30436.22 Postfparkassa ....... 485.31 Wiener Bankverein, Giro-Konto „ 1368.— Bedeckte Forderungen .... 3087.11 K. 37369.08 Die durch das Institut eingegangenen Verpflichtungen sind durch vorstehende Aktivposten zweifellos sichergestellt. Ueberdies beträgt die gesetzliche Haftpflicht der Mitglieder über K. 40 000. Aus dem Geschäftsverkehr im abgelaufenen Jahre heben wir folgende Djaten Kassakonto . . K. 160835.68 158842.24 Wechselkonto . . „ 164026.70 133591.48 Wiener Bankverein, Giro-Konto. „ 9668.— 8300.— Nun wurde der Bericht des Aufsichtsrates durch dessen Obmann Herrn Richard R a p p a p o r t zur Verlesung gebracht. Der Bericht hebt hervor, daß „der Aufsichtsrat es sich auch heuer ganz besonders hat angelegen sein lassen, durch tatkräftiges Mitwirken^ hei unseren Sitzungen seiner Pflicht gerecht zu werden. Er hat ferner bei Prüfung der Kreditgesuche die größtmöglichste Aufmerksamkeit und Umsicht walten lassen, wobei wir auch die wirksame Unterstützung unserer Herren Beiräte ganz besonders anerkennen müssen. Aus diesen Gründen sind wir allen diesen Herren, und vorzugsweise den rührigen und rmilsichtsvqllew Herren« des Bücherrevisionskomitees, für' ihr mühevolles Wirken im Interesse unserer Genossenschaft zu großem Danke verpflichtet. .. Endlich können wir Ihnen noch die erfreuliche Mitteilung machen, daß es den Bemühungen des Vorstandes knapp vor Neujahr gelungen ist, eine kulante Eskomptestelle für unser Wechselmateriale zu finden. Nach dieser Richtung hin ersiillen wir gern eine angenehme Pflicht, indem wir gelegentlich unserer heutigen Generalversammlung der Oesterreichischeu VolksbaNk, insbesondere dem Direktronsrat Herrn Lucian Brunner, für sein freundliches Entgegenkommen den verbindlichsten Dank abstatten." Nachdem noch' namens der Revisoren Herr Arnold R o s e n f e l d die Richtigkeit der Bücher und Ausweise in kurzen Worten bestätigt hatte, wurde dem Gesamtvorstand einstimmig das A b s o l u t o r i u m erteilt und der Dank votiert. Bei den hierauf vargenommenen Wahlen wurden folgende Herren einstimmig gewählt : In die Direktion: Richard Rapp a p o r t, M. P o z s o n y i, Gesellschafter des „Volkswirtschaft!. Verlag", Emanuel Poll a k, Oberbuchhalter der Oesterreichischeu Diskontogesellschaft, Leopold Walle r, Großindustrieller, Alfred W e iß berge r, Bankbeamter, Ing. Isidor L o w e n b e i n, Installateur. Ersatzmänner: Dx.Moriz S ch n a b l, Hof- und Gerichtsadvokat, Sigmund Sobek, Prokurist der Ersten Fiumpner Gewürzmühle. In den A u f s i ch t s r a t: Pvof. Richard Singer, Ehef der Giro-Abteilung der Oesterreichischen Kreditanstalt, Philipp Popper, Kaffeeimport, Hermann König, Pelzwaren, Fritz Lemberger, Prokurist der Firma Alois Schweiger u. Comp., Siegfried Beer, Pfeifenfäbrikant,Dr.Aronld Ascher, Sekretär der Baron Hirsch-Stiftung, Arnold Rosenf e l d, Prokurist der Firma ■ Max. Rosenfeld, Simon K w a s z e w s k i, Staatsbeamter. Ersatzmänne r:; Viktor Robit sch e k, Inhaber der Firma Stein und Robitschek, Dr. Hugo B e n e d i k t, Staatsbeamter, Heinrich G ü n s b e r g e r, Miederfabrikant, Dr. Leo Kn e cht, Arzt. Die Beratung des letzten Punktes der Dggesyrdmmg:' „Satüteyänderung" förderte^ entsprechend der Wichtigkeit ' der Vorlage eine anregende Debatte, an welcher der' größere Teil der Anwesenden, teilnahin. Es wurde eine ganze Anzahl von einschneidenden, die Förderung des Institutes 'bezweckenden Aenderungen angenommen, unter anderem auch die Titeländerung, wonach das Institut in Hinkunft an Stelle „Kreditinstitut" den Namen „Wiener Spar- und Kreditgesellschaft" stibren soll. Hierauf wurde die Generalversammlung geschlossen. schers, so gräßlich wie ein Krieg kaum jemals gewesen ist. Im Dezember mußten wir bei 90 Grad Kälte ohne warme Kleider, mit zerrissenen Stiefeln, im tiefen Schnee wandern. Und dazu der ausgchungerte Magen! Wir hatten seit fünf Tagen nur .karge Nationen an Brot, sonst nichts. Wie hungrige Wölfe liefen wir umher. Während der ' Nacht hatte ich mit noch zwei Kameraden die Vrvviantwagen zu tiberwachen. Da übermannte uns der Hunger, wir brachen eine Kiste auf und nah- ' men uns getrocknetes Fleisch, Brot und ein wenig Schnaps. Plötzlich kam der Offizier hinzu, schlug Alarm und Uetz uns als Diebe abführen. Wir wußten, was lmser harrte, wir kannten , unser Schicksal. Wir waren dem Tode geweiht, Weil wir uns einmal menschlich sattessen wollten. Da gab es keine Wahl, es galt nur nachzudenken, wie man entkommen könnte. «Einer meiner Leidensgenofsen hatte eine Flasche Schnaps bei sich versteckt gehabt. Er bot sie unseren Wächtern an, das half. Schon nach eitler Stunde lagen unsere fünf Wächter betrunken da und schnarchten im Chore und wir-rissen ans. Acht volle Stunden ohne Rast liefen wir in der Kälte, ohne zu wissen, wohiri, mit dem einzige» Ziel, unser nacktes Leben zn retten. Wir laugten daun in dunkler Nacht itt einem Dorf an, stahlerp uns in eine Scheune hinein, hielten uns arn Täge im Heu versteckt und wauderten nachts weiter. So liefen wir wie gehetzte Hunde wochenlang umher, jeden Menschell meidend, bis wir in einem’ Dorfe barmherzige Bauern fanden, denen wir unser Schicksal anvertrantell und die sich unserer annahmen. Von Dorf zn Dorf wurden wir heimlich unter dem Schutze der dirnklen Nacht geleitet und mtt Lebensmitteln versehen. So gelangten wir nach Monaten langer, unmenschlicher Strapazen wieder i»n europäischen Rußland an. Es gelang uns «dann, in den Besitz falscher Pässe zn kommen. Meine Kameraden nahmen dann in Orenburg Stellung als Arbeiter an und ich wanderte weiter. Ich nahm jede mögliche Arbeit an, um lmr einige. Pfennige zu verdienen und weiterkommen zn können. So arbeitete und Hungerte ich mich durch, bis ich endlich die deutsche Grenze erreichte und freien Boden unter meinen Flitzen fühlte. Sy, da haben Sie meine Geschichte. Sie ist nicht interesiant, aber wahr." „Aber, sagen Sie rnal, rvoher kommt es, daß die Juden in Rußland aut' meisten desertieren?" fragte ich. ,^Woher das kommt? Das hat seine Ursache. Sehen Sie, sie möchten alle, alle fort, aber sie fön* nen nicht. Die meisten Russen sind so nnwisiend, daß sie nicht einmal schreiben und lesen können, ja kaum wissen, daß außerhalb Rußlands anch uocö Menschen leben. Wie sollen diese Lellte sich flüchten? Sie wandern ja atlch im Frieden nicht aus, trotz aller Not. Die Juden sind gebildeter und unternehmender, das ist alles. Und dann. . Er wollte llicht recht mit der Sprache heraus ulld ich mußte ihn ermulltern. „In, sehen Sie, die russischen Christen haben doch eine Heimat, eine armselige, aber doch immerhin eine Heimat. Niemand vertreibt sie, niemand beschimpft sie. Wir russischerrJnden aber haben gar Politische Wochenschau. Die Unzufriedenheit im christlichsozialen Lager nimmt immer größere Dimensionen an und kann nicht mehr in Schranken gehalten werden. Die Demission Wesselskys, die bekannte Rede Schneiders, welche den ganzen Mandatsschacher in der Partei aufdeckte, diese äußeren Symptome tiefgehender Unzufriedenheit in der herrschenden Partei sind für uns sehr wichtig, da es wahrscheinlich ist, daß die Unzufriedenen wieder bett alten radikalen Radau-Antisemitismus werden zur Herrschaft bringen wollen. Es ist von besonderer Wichtigkeit für die Juden, daß sie au& dieser Krise die richtigen Schlüsse ziehen. Daß wir darunter nicht die aussichtslosen Wiederbelebungsversuche des alten Liberalismus verstehen können, ist für jeden einsichtigen Politiker selbstredend. * * ’&io Baron Hirsch-Stiftung zur Förderung des Volksschulunterrichtes in Galizien war am 14. ds. Gegenstand einer Jnterpellationsbeantwortung im Abgeordnetenhause. Minister für Kultus und Unterricht Dr. Ritter von Hartl beantwortete nämlich eine Interpellation des Abgeordneten Breiter über angebliche Mißstände bei der Stiftung und führte zu unserer Befriedigung aus, daß das Kuratorium die Stiftung im Sinne des Stiftsbriefes sowie nach den Normen der Stiftungsstatuten verwalte und den Lehrern der Stiftungsschulen sehr wohlwollend gegenüberstehe, gegebenenfalls aber gegen die Schuldigen ganz objektiv und sachgemäß vorgehe. Diese Antwort der obersten Schulbehörde wird sicherlich: zur allgemeinen Beruhigung der interessierten Kreise dienen. Aus der sionisti scheu Kmes««-. Werter zionistischer Parteitag in Dfitit. (Erster Tag.) Nach zweijähriger Pause.traten wieder die Delegierten der Zionisten Oesterreichs zusammen, diesmal auf dem Boden Prags, wo bas zionistische Leben in erfreulicher Weise von Tag zu Tag wächst. Die aufstrebende Prager Bewegung hat ein würdiges Vereinsheim eingeweiht und freudig begrüßten die Prager die aus der Ferne herbeigereisten Delegierten, welche der Feier der Einweihung beigewohnt haben. Am Vortage, am Sonntag den 11. Juni um 11 Uhr vormittags, fand die Einweihung der jüdischen Turnhalle statt. Die einfache, aber würdige Feier versammelte in den schön ansgestatteten Räumlichkeiten ein zahlreiches Publikum, unter denen auch die Vertretung der Prager Kultuskeine Heinmt. Wir werden verfolgt und verachtet und von überall vertrieben. Sehen Sie, die Mandschurei haben wir mit unserem Blute getränkt, über 20 000 russische Juden sind bis jetzt schon auf dem Schlachtfelde als Opfer geblieben, und — wenn es nachher Frieden gibt, so gibt es für deir Juden in Rußland doch keinen Frieden. Ach, er darf nicht einmal den größten Teil seines Vaterlandes betreten, er darf nicht einmal seine Heimat lieben. Er hat nur Pflichten und keine Rechte. Das ist der ewige Fluch!" Ich verstand ihn und mir fiel der alte Spruch ein: „Jedes Land hat die Inden, die es verdient." F. S. Aus dem Schlachtfelde. (Nachdruck verboten.) Die Sonne brannte so glühend, sie drang kmrch die Haut bis auss Innere. Tausende von Menschen lagen verstümmelt, zum Teil kaum noch kenntlich auf dein großen Schlachtfelde. Und ein Senfzen und Stöhnen erfüllte die Luft. Alles schien blutig gefärbt, der Himmel, die lauggedehttte Steppe mit die Atmosphäre selbst. Ja, selbst die Türme der Forts von Port Arthur und das ferne Meer waren wie in Blut getaucht. Zeh»: Stunden ohlre Rast hat die mörderische Schlacht gedauert. Auf beiden Seiten häuften sich die Leichen zu Vergelt und die Ueberlebenben schleppten ihr Leben als Qual. Scholl lange hatteli sie gehungert und, was noch schlimmer ist, vergebens nach Master geschmachtet. Und noch immer