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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-16 · 24 (16.6.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 welchem sich der nationale Verjüngungsprozeß des jüdischen Volkes ungestört vollziehen kann. Gerade jenen jüdisch-bürgerlichen Kreisen aber, welche den nationaljüdischen Gedanken in zionistischer Form vertreten, erwächst die Pflicht, diesen Zusammenschluß zu fordern, selbst ein Bestandteil dieser wirkenden Einheit zu werden. Sind ja die Zeiten des extremsten Zukunftsstandpunktes vorüber. Und wenn das sozialistische Ideal nicht zur Preisgabe nationaler Gegenwartsinteressen zwingt, so braucht es .auch das zionistische nicht zu tun. Die Erkenntnis, daß es hoch an der Zeit ist, sich national zu gruppieren, um den Inhalt des jüdischen Volkstums vor dem Zerbröckeln zu bewahren, führt jedoch noch keineswegs zu völliger Nachahmung der nationalistischen Politik der anderen Ncüionen. Wäre sie möglich, so ließe sie sich ja vielleicht vom Standpunkte harter Notwendigkeit empfehlen. Nun ist sie aber in unserem, besonderen Falle ganz undenkbar. Wohl brauchen wir vor dem „Riesen" nicht zu erschrecken, wohl können loir damit rechnen, daß unsere Minderheitsstellung in der Praxis nichts weniger als absolut ist, wohl sollen' wir uns sagen: die Welt ist längst kein Mörser mehr, in ivelchem man gemächlich kleine Völker zerstößt, und sie wird es immer weniger. Aber deshalb dürfen wir gewisse relative Wirkungen unseres Mangels an Territorium und Zahl nicht leugnen. Wir sollen vom Sichducken, Sichverleugnen, Sichanschmiegen, vom Bitten und Beschwören übergehen zu Trotz, selbstbewußtem und selbständigem Auftreten, zuaufrechtem und kühlem Fordern. Wir müssen' jeden Stoß mit einem! Gegenstoß parieren, ja womöglich schon zuschlagen, wenn der andere erst den Arm gegen uns erhebt. Aber was wir nicht können, ist selber angreifen, andere auf die Knie zwingen wollen, nach Macht und Herrschaft streben'. Sollten ( wir unser Werk daraufhin anlegen — es ist übrigens kaum zu befürchten — so tväre es von vornherein dem Untergange geweiht. Dann würden wir allerdings zerrieben. Wir können und wollen! niemanden unserer Nation einverleiben, keinen Fußbreit nichtjüdischen Bodens jüdisch machen. Wer wir wollen in unablässigem unermüdlicher Detailarbelr unsere Position innerlich stärken und sie durch eine frische, aber vorsichtige Politik, durch kluge und energische Ausnützung der Gesetze und der Gelegenheiten, durch mutig bestandene Fehden, die wir nicht gesucht haben, und durch Bündnisse, die wir suchen müssen, sichern. Darum müssen wir uns aber auch auf die Seite jener schlagen, die, wiewohl sie Territorium und Zahl zum Machtmißbrauch verleiten könnte, gegen den Chauvinismus kämpfen. Wir brauchen nicht auf jene pseudogeflohen. Sollte ich mich wie eln Hund für nichts totschießen lassen?" ..Erzählen Sie bitte." „Soll ich erzähle::? Gut, ich werde erzählen, dir ganze Geschichte —. Sie werdet: begreifen, wie und warum ein russischer Jude sich flüchtet." .»Ich heiße mit meinem richtigen Namen Abraham Kulinsky. Meine Eltern lebte:: früher in .Moskau, wo wir ein gutgehendes Kommissionsaeschäft hatten. Ich besuchte das Gymnasium und soll.e nachher Medizin studieren. Als ich Ui Jahrc alt war und mich auf der Obersekunda befand, wurden wir plötzlich, ohne zu wissen warum, ausgewieien. In acht Tagen mußten wir alles zusmmnenraffen und Moskau verlassen. Unser Geschäft ging zugrunde, von unseren Schuldnern zahlte selten jemcnrd, mrd fast aller Mittel entblößt, kamen wir in dem großen Ghetto Westrutzlands an, das man Judenrayon nennt. Sie wissen nicht, welch gewaltige Armut da herrscht. Die Proletarier Westeuropas sind Glückliche gegen diese Parias. Und die nennt man in Rußland jüdische Blutsauger! Auf dem Lande dürfen die Juden nicht wohnen und in der Stadt leben sie zu Tausenden zusammengepfercht, einer den andern aulfvessend und am Hungertuche nagend. Braucheiner ein Paar Stiefel, melden sich zwanzig lüd*. fche Schuster und jeder will billiger sein als fein Konkurrent. Man will ja leben. Will jemand eirn Hose, strecke:: sich ihn: 40 Arme entgegen. M.'in Vater wurde, da er nicht wußte, was er anfangs n sollte, Getretdeagent. Da von einer Fortsetzung meiner Studien nicht mehr die Rede fein konnte, suchte ich mich nützlich zu machen und im Geschäft' Jüdisches Volksblatt Nr. 24 darwinischen Theorien zu achte::, wonach es immer und ewig nur herrschende und beherrschte Nationen geben ivird. Wir sollen uns lieber unseren altjüdischen Optimismus nicht rauben lassen und erkennend und anerkennend auf die im Zuge der Jahrhunderte und Jahrtausende stetig wachsende Befreiung der Menschheit von: primitiven, vormenschheitlichen Naturschicksal schauen. Wir dürfen uns getrost den Menschheitsideen anvertrauen. In ihren: Zeichen und im Verbände ihrer Kämpen werden wir leben bleiben. Gerade in Oesterreich aber eröffnen sich uns für eine nationale Politik in diesem Sinne die besten Aussichten. Schon jetzt, - da noch die heftigsten Nationalitätenkämpfe toben, sind wir besser daran als in einemnationalen Einheitsstaate, wo sich die nationalistische Brutalität mit voller, ungeteilter Wucht auf uns jverfen könnte. Hier könne:: wir im Bunde mit anderen kleineren, benachteiligten Nationen mit Erfolg für unsere nationale Selbstbehauptung und für den Durchbruch geläuterter Auffassu-ngen des Nationalismus wirke::. Hier können wir, und zwar Bürger und Arbeiter, an einem Werke Mitarbeiten, das ein großes, praktisches Musterbeispiel höheren, freieren Zusammenlebens der Völker werden soll: an der nationalen Autonomie. Und wenn wir den Aufbau dieses Werkes mitevwirkt und miterlebt haben, können wir hier in bisher unerreichter Sicherheit und in'ewiger Fühlung mit den großen Menschheitsideen unser Volkstum leben. (Schlußartikel folgt.) Mathias A ch e r. Generalversammlung des Kreditinstitutes für jüdische Gewerbetreibende nnd Kennrte. Das Kreditinstitut hielt am 6. ds. im Gremialsaale der Wiener KaufmaniMaft seine vierte ordentliche Generalversaimmlung ab. Auf der Tagesopduung^standen 'diesmal außer der gewöhnlichen Berichterstattung über'das Gefchäftsergebnis des abgelaufenen Jahres noch eine Reihe vou -füb das Institut höchst wichtigen Fragen, wodurch eine 'gründliche Umarbeitung der Statuten zur Bedingung wurde. Die Versammlung verlief trotz einschneidender Veränderungen in den! bisherigen Statuten und.der dadurch bedingten Debatte in höchst würdiger Form. Wenn auch der Bericht der Direktion für das abgelaufene Geschäftsjahr einerseits von eingeengtem! Umsätze zu erwähnen genötigt war, so konnte doch andrerseits mit großer Befriedigung hervovgehoben--werden, daß auch im abgelaufenen Jahre keine Verluste aus dem laufenden Geschäfte zu verzeichnen waren mitzuarbciien. Ohne Freude und Luft ginn ich aus den Markt, um das Getreide von den Bauern cm fzu kaufen und es au den Großhändler wieder zu verkaufen. Die Konkurrenz ist auf diesem Ge biete geradezu unerträglich. Einer zahlt höher-- Preise als der andere, verdirbt dem andern das bißchen Geschäft, um nur ein paar Pfennige zn verdienen. So lebten wir in Qual und Not, von der .Hand in den Mund. Als ich 20 Jahre alt wurde, wurde ich zum Militär genommen und mußte aus Mangel an Mitteln trotz meiner Bildung volle drei Jahre dienen. Ich bekam von meinen Eltern während der ganzen Militärzeit fast gar keinen Zuschuß und mußte oft hungern. Dazu kam bas Martyrium des Juden und ich lvurde oft für nichts und wie der nichts von meinen Vorgesetzten und meinen Kameraden gequält. Es war eine schwere Zeit. Aber alles hat ein Ende und auch diese Zelt ve: floß. Endlich kam ich heim. Ich fing wieder zu arbeiten an., gründete mir ein kleines selbständig s Geschäft und verlobte mich mit einem braven.^ hübschen Mädchen. Da brach plötzlich der Krieg aus und ach: Wocken später wurde ich, der sich kaum vom Diens' erholt hat, als Reservist wieder eingezogen. D^e Verzweiflung meiner armen Eltern kannte fctnc Grenzen und meine Braut weinte die ganzen Tage hindurch. Alle rieten mir, mich zu flüchten und nach dem Auslände zu gehen, ich mochte nicht. Man liebt doch seine Heimat mehr als man glaubt, mag sie noch so traurig sein, und man möchte sich nicht die Möglichkeit rauben, zu seinen lieben alten Eltern zurückzukehreu. So zog ich in den und hauptsächlich, daß es den Bemühungen des Vorstandes knapp vor Jahresschluß endlich doch gelmrgen ist, eine kulante Eskomptestelle für das Portefeuille der Genossenschaft zu finden. Selbstredend wird -der Vorteil, ivclcher den: Iw stitut aus der nunmehr erüveiterteu Tätigkeit erwachsen dürfte, erst in: nächstjen Berichtsjahre zu zifferlnäßi'gein Ausdrucke kommen können-. Hiermit sind die Schwierigkeiten, welche das Institut bisher in bezug auf eine Erweiterung bev Geschäftsge'barnng zu kämpfeu hatte, geschwunden, undist dasselbe nunmehr an einen: Wendepunkt angelangt, welcher das Beste hoffen läßt. Hierzulvcrden die vovgenomme- .nen Aenderungen der Statute::, welche nicht anders als höchst zweckmäßig bezeichiret werden können, noch wesentlich beitragen'. Ueberdies konnte auch' noch eine für das weitere Gedeihen des Institutes äußerst wertvolle Umäildemng an .^»aupt und Gliedern vorgenommen werden. Es ist diesmal endlich in Erfüllung gegangen, was den Gründern seinerzeit vorgefchwebt, nämlich die so lange ersehnte regere Teilnahme aus den angeseheneren und wohlhabenderen jüdischen' Kircisen. Dadurch wurde eine äußerst günstige Zusamnienstellung und Erweiterung der Direktion' und des Aufsichtsratos ermöglicht. Die anweseirden Mitglieder stimmten denn auch vollzählig für die neue Liste und wird die Veröffentlichung derselben gewiß auch beiden Mitgliedern, welche die Generalversammlung zu! besuchen verhindert waren, und' nicht minder bei sonst dem Institute nahestehenden Personen freudigsten Widerhall erwecken. Nachkonstatierter Beschlußfähigkeit eröffnet der Präsident der Direktion, Herr M. P o z s o n y i, die Generalversammlung und erteilt dem leitenden Direktor, Herrn Oberbuchhalter P o l l a k, das Wort zur Verlesung des Direktionsberichtes, welchem wir folgende wichtigen Daten entnehmen: Das Jnjstitut hat trotz manigfacher Schwierigkeiten bei Erlangung eines annehmbaren Reeskompies, im Interesse seiner Genossenschafter den bisherigen Zinsfuß nicht erhöht und angesuchte P! r o l o n g a t i o n e n, soweit genügende Sicherheit gegeben war, a n st a n dsl o s bewilligt. Als Beweis einer umsichtigen Geschäftsgebahrung dient wohl auch der Umstand, daß das Institut auch im abgelausenen Jahre aus seinen Darlehensgeschäften irgend welche V e r l u st e n i ch t z u verz e i ch n e n h a t t e. Die Z a h l d e r Mitglieder betrug mit Ende des Berichtsjahres 261 und das A n t e r l s ch e i n - V e r m ö g e n K. 32 061. Die Post „Gewährte Kredit e" stellt sich folgendermaßen dar: Krieg, ohne Lust nnd Begeisterung, wie nwm zur Schlachtbank zieht. Dreizehn Wochen dauerte es, bis wir in Chardin au langten. Es war eine lange Reife voller Strapazen und Entbehrungen. Die Stim- »nun« der Soldaten war eine gänzlich hofsnmrgslose. Fatalistisch, wie der Slawe ist, tut er feine Pflicht und geht auf Befehl in den Tod. Bon Begeisterung aber habe ich keinen Funken bei meinen Kameraden entdeckt. Auf dem Kriegsschauplatz angelanat, fing erst das Schrecklichste an. Man macht sich ja zu Hause trübe Bilder vom Kriege» aber die grauenhafte Wirklichkeit übertrifft alle!u.rchtbaren Gebilde ber Phantasie. J:r acht Wochen marschierten wir 2000 Kilometer, ohne ums jemals gründlich satigegessen au haben, ohne die müden Glieder auch nur einige Stunde:: richtig ausgeruht zu haben. Kein Tag verging ohne Schlacht. Es regnete fast immer von Kugeln und Granatsplittern. Hunderte fielen zu unseren Füßen und wir tratenüber di« Leichen hinweg» den Nimmersatten Kanonen entgegen. Dann ka. men häufig Bajonettkämpfe hinzu, wo der Mensch ganz zur Bestie, znm blutigen Raubtier wird. Und dann die ungeheure Külte unb de: schreckliche Schmutz! Und wenn noch etrvas Erühusiasmus dabet wäre wie bei den Japamse»! Die wißen doch, wofür sie kämpfen, für ihre Zukunft, für den Bestand ihres schönen Vaterlandes, für thre Kultur. Aber bei uns? Wofür und rvozu unser junges Leben hingeben? Ist Rußland nicht groß genug? Hat es nicht genug Aufgaben im Innern zu erfüllen? Bet uns war es ein gemet» «es Schlachten ftir den Größenwahn eines Herr»-

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