Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Denn wenn auch die Arbeiterschaft der; verschiedenen Völker bisher wenig Gelegenheit i hatte, sich als eine in national-kulturellem j Sinne schöpferische Klasse zu bewähren— so; ist das noch kein Beweis dafür, daß dies in! aller Zukunft so bleiben müsse. Vielmehr ist anzunehmen — und schonliegen Anzeichen hierfür vor — daß mit ihrer steigenden Bedeutung innerhalb der einzelnen Nationen auch ihr Anteil an der nationalen Charakterbildung *) ©teöc Artikel 1 in Nr. 15 vom 14. April i und Artikel 2 in- Nr. 18 vom 5. Mai d. I. wachsen, vielleicht dereinst ein vorwiegender sein werde. Jedenfalls aber hat sie sich bereits allenthalben als die allewerläßlichste Bewahrerin der nationalen Art und Sprache erwiesen. Und speziell im jüdischen Volke hat sie sich das unvergängliche Verdienst erworben, die jüdischnationale Gegenwartsidee zum ersten Male in einer recht unzweifelhaften und bedeutungsvollen Praxis verwirklicht zu haben. Das jüdische Proletariat war es auch, das den umwälzenden Gedanken der jüdischen als der vollblütigen und vollgültigen Nationalsprache des jüdischen Volkes ins Leben eingestchrt hat. Wenn nirgends, so scheint also einem Judentum der arbeitenden Klasse eine große kulturschöpferische Rolle beschieden zu sein. Allein — so verheißungsvoll dies alles mit Rücksicht auf die innere Festigung des jüdischen Volkstums fftj — so kann doch nicht geleugnet weiden, daß es vorderhand für die Besiegung äußerer Widerstände wenig in. Betracht kommt. Gäbe es ein lebendiges jüdisches Proletariat in Frankreich, so stünde dort die Sache wohl anders. Aber in Oesterreich, wo noch alle Macht bei den von den feudalen Traditionen beherrschten Regierungen und daneben bei bürgerlichen Politikern ist! Die stehen ja nicht imi Banne der Prinzipien der Arbeiterpartei. Sie brauchen sich im Grunde niemals, auch von der augenscheinlichsten und unleugbarsten Bestätigung des jüdischen Nationalitätsbekenntnisses nicht imponieren zu lassen. In ihrer Regierungsweisheit oder aus der vermeintlichen Notwendigkeit des nationalen Kampfes heraus können sie ohne jedes Bedenken Feuilleton. Aus dem Leben eines rnsfischen Flüchtlings. (Nachdruck verboten.) Es klopfte leise an der Tür. Auf mein „Herein" trat ein breitschultriger Mamr im Aller von etwa 26 Jahren ins Zimmer und blieb schüchtern und zaghaft an der Türe stehen. Als ich ihn heranwinkte, kam er endlich näher und aus meine Frage nach seinen: Wunsche übergab er mir ein geschlossenes Briefchen. Es war die Bisitkarte eines mir befreundeten russischen Studenten, der mich bat, diesem Landsmann, der soeben ans Rußland komme, zur Arbeit zu verhelfen. Sv hatte mich also mein erster Blick nicht getäuscht. Es war ein Russe. Auch meine! zweite Vermutung, daß er ein Jude war, bestätigte sich bald. Vom Aussehen freilich war er mehr Slawe, vor: starkem Wuchs mit blondem Haar und hellblauen Augen. Aber am Ausdrucke des Gesichtes, am eigentümlichen Zug um den Mund erkannte ich den Inden. Ich fragte ihn, ob er ein Handwerk gelernt habe. Nein, er sei eigentlich Kaufmann, aber er wolle gern jede Arbeit übernehmen, um nur sein Brot zu verdienen. Ich versprach, mich für ihn zn verwenden, uuü er ging. Leicht wurde mir diese Mission nicht. Wir lebten in einer Zeit ungünstiger Konjunktur, wo es auch für den- Inländer'oft keine Arbeit gab. Dazu kamen allerhand Bedenken und Rücksichten. Ein russischer Jude? Hm, wer weiß, wie es die anderen Arbeiter anfnehmen würden? Und man will sich ja keine überflüssigen Unannehmlichkeiten anfbürden. Endlich versuchte ich das Mittel, das immer mehr hilft als Bitten, ich fing an zu schimpfen. Ich sagte den Leuten: „Ihr predigt von der Erziehung zur Arbeit, und wenn einer kommt, der seine kräftigen Arme regen will, dann zwingt ihr ihn zum Betteln!" Das half. Einer meiner Bekannten entschloß sich, ihn als Hausdiener anznuehmen. Er hatte diesen Entschluß nicht zu bereuen. Slugiu — so nannte sich der junge Mann — arbeitete fleißig und willig, er zeigte viel Intelligenz und fand sich schnell in der: neuen Beruf hinein. Mit der Sprache haperte es anfangs, aber schon nach einigen Wochen konnte er sich ziemlich gut verständigen. Ich sagte ihm, er solle nur ungeniert zu mir kommen, wenn er etwas brauche. Er machte umso lieber Gebrauch voll dieser Einladung, als er sich sehr verlassen fühlte. Als er eines Tages die „Frankfurter Zeitung" in meiner Hand sah, schallte er mich flehentlich an. Ich forschte, ob er etwas ivi'lnfche. Er traute sich zuerst llicht recht, dann bat er leidenschaftlich: „Erbarmen Sie sich, erzählen Sie mir etwas vorn Kriege! Sehen Sie, ich kriege keine russische Zeitung in die Hand, Deutsch verstehe ich wenig, und ich interessiere mich so sehr für den Krieg." Ich erzählte tljm — es lvar im März 1905 — daß die Japaner bereits Mnkdell besetzten und die überkommene Meinung von dem Nichtbestände einer offenbar bestehenden Nation für sich ausnützen. Nun wären ja auch diese Gegner bei der Allmacht aller notwendigen Entwicklung nicht allzu gefährlich — wäre nicht die Rückwirkung auf die jüdischen bürgerlichen Elemente, die wohl noch auf lange Zeit hinaus die überwiegende Majorität des jüdischen Stammes in Oesterreich bilden. Seh-en wir ganz a'fr von Westösterreich, wo die Juden zum größten- Teile überhaupt noch nicht einmal -ahnen, daß sie sich auf den Standpunkt einer nationalen Gruppe stellen könnten. Halten wir uns an das jüdische Bürgertum Galiziens undder Bukowina, wo man doch über dieses- Ahnen längst schon zn ziemlich klarem Empfinden und Denken h-in-ausgekommen ist — so sehen wir den lähmenden Einfluß des Gegners deutlich genug. Wo voraussichtlich auf Gnade nicht gehofft, Einsicht nicht angerufen, Macht nicht besiegt werden kann, wagt sich die befreiende Tat nicht hervor. Als Zwerg fühlt sich, wer an den Riesen glaubt. Aber eben deshalb gibt es kein anderes Mittel gegen den vermeintlichen Riesen, als um keinen Preis weiter Zwerg sein zu wollen, als alle Kräfte, über die manverfügt, durch Gebrauch zu steigern, klug und eifrig zu vermehren. Eben deshalb ist es die geschichtliche Aufgabe der jüdischen Bourgeoisie, namentlich im Osten, sich zusamenzuschließen, um in trotziger Ausdauer und überlegener Gewandtheit Schritt für Schritt den Mächtigen und den Konkurrenzbesorgten nationale Gleichberechtigung abzuringen und so den Wall zu schaffen, hinter der: Russen eine furchtbare Niederlage bereitet haben. „Wie? Mulden? sagten Sie nicht Mnkden?" sprach er mit strahlenden Augen. „Ach, die Japaner, das ist ein Volk! Ein tapferes Volk, ein herrliches Volk, ein göttliches Voll! Es muß ein Glück und eine Freude sein, als Japaner für sein -Vaterland zu kämpfen!" Ich krallte meillen Ohreli kaum. „Wie? Sie als Nllsse -begeistern sich für die Japaner?" „Soll ich llicht? Warum nicht? Billich Russe, wo man mich mit Füßerl tritt, mir ins Gesicht spukt und ewig „Shüd"*) ruft? Bin ich Russe, wo man mich wie einen Hund verfolgt und in Hunger und Elend verkommen läßt? Nein, man hat nrich mein Leben lang nur fühlen lassen, daß ich ein Ausgestvßener, ein Jude bin." Er sprach mit so viel Bitterkeit und Schmerz, daß es mir ans Herz ging. Das lvar die Sprache des Enterbten, des Heimatlofeti. Plötzlich ging mir ein Licht änf. Donnerwetter! wo rvareli denn meine Gedanken? Er muß ja ein Deierteur sein? Wie könnte denn sonst -ein gesunder, kräftiger junger Mann während des Krieges ins Ausland gehen? Ich sagte it>m offen: „Nicht wahr, Slngin, Sie sind Deserteur?" Er schrak anfangs zusammen, aber ich mutz ihm wohl Vertrauen eingeflößt haben. „Deserteur? Verstehe ich nicht. Im Kriege, ja — da war ich, weit, weit im Osten und bin dann *) Schimpfwort, das in Rußland viel gebraucht wird für „Jude". Das Wort bedeutet eigentlich Ten-fel.