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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt i\r. LJ daß er auch den« G e i ft ebenso bilde wie den Körper, daß er ebensoviel Zeit der jüdischen Geisteswissenschaft opfere wie dein Paukboden. Geradezu schmählich ist es, wenn Jüdischnationale g e c, e it e i it a n d e r die Schwerter zücken, ebenso verwerflich ist es, wenn inan feinen Kon nationalen beleidigt und sich, ohne irgend welche Satisfaktion gewährt zu haben, einfach auf den Standpunkt des „Nichtschlayens" stellt. In beiden Fällen mutz ein geeignetes und ivürdiges Forum ziir Austragung der gefallenen Beleidigung gewählt werdm, denn es ist Ehrenpflicht eines jeden jüdischen Studenten, für jede auch einem Konnationalen zugefügte Beleidigung in ents p rechender Form Genugtuung zu leisten. Noch schmählicher ist es, wenn jüdische Studenten F r e u n d s ch a f t s in e n s u x c u schlagen, auch dämm dürften Sie, meine Herren, bereits 'gehört haben, wie unerhört es auch klingen mag. Der jndisllie Student hat doch eine ganz andere Aufgabe, viel ernstere Bestrebungen, als derartigen Albernheiten nachzugehen. Groß ist das Arbeitsfeld, welches vor dem jüdischen Studenten ausgebreitet liegt. Steige n wi r e i n m a l h e r a b z u d e nj ü d i s ch e n Volksrnasse n, trete n tv i r n ä h e r dem j ü d i s ch e n A r b e i t e r, erleichterir ivir unseren Mitbimdern bcn, Kampf um die Existenz durch E r l a n g u n g u u d B e r - v o l I st ä n d i g u n g ihrer n o t w e n d ig e n K e n n t n i s s e, denn, meine Herren, der jüdische Arbeiter, der unter der heutigen sozialen Lage so schwer leidet, bedarf noch mehr als jeder andere einer genügenden Geistesausbildung und Stärkung seines Nationalbewusstseins. Hier müssen die jüdischen Studenten angreifen, um eine jüdische Lebensauffassung zu schaffen, die die oberen Klassen der jüdischen' Gesellschaft in sich zu unterdrücken suchen. Hier liegt die Wurzel, aus welcher eine Regeneration des gesamteir jüdischen Volkes entstehen soll, denn, täuschen wir uns nicht, das Heil des jüdischen Volkes wird nicht durch die obereir Zehn'- taufend der jüdischen Gesellschaft, sondern durch die breite Masse des schwer arbeitenden jüdischen Volkes erfolgen. Als wir „Zephirahner" noch im Jahre 1901 die e r ft e n j ü d i s ch e n A r b e i t e r k u r s e errichteten, hofften wir, schon in kurzer Zeit Nahahmer zu finden. Leider sind wir bisnun die einzigen geblieben, welche dein jüdischen Arbeiter nach seiner Geisteskraft Lesen, Schreiben, Rechnen, Korrespondenz, jüdische Geschichte und die allgemeinen Lehren' der Volkswirtschaftslehre geboten häbeir. Ja, meine Herren, auf dem Gebiete der Volkslind Arbeiterbildung könnte der jüdische Student viel leisten, wenn er sich nur der Pflichten und Aufgaben eines ernst arbeitenden, jüdischnationalen' Studenten bewusst wäre und wenn er keine Schell tragen würde, mit den jüdischen Proletariermassen in nähere Berührung zu treteil. Schließlich wäre noch zu wünschen, baß die eiilzelnen Studentenkorporationen auch auf die inne r e A us b i l d u n g i h r e r Nt i t - g l i e d e r ihr Hauptaugenmerk richten, lim Diese dlirch E i n f ü h r u ir g st r e n g e r ll n d obligater P r ü f n n g e n gl» ernstem, wissenschaftlichen Arbeiten anzuhalten. Dabei sollte die Tätigkeit der jüdischen Korporationen hauptsächlich darauf gerichtet sein, sie Studenten, die ihr angehören oder mit denen sie in Verkehr stcheil, nicht nur für ihre Studentenzeit, sondern auch für ihre b ü r g e r l i ch e La u f b a h n derart zll erziehen, datz sie das nationale P r o g r a m m-, soweit es ihre Kräfte gestatten, der E r f ü l l u n g n ä h e r bringen; obenso müssen die einzelnen' Korporationen es sich zur Aufgabe machen, alle Kreise, auf welche sie Einfluß zu gewinnen in 'der Lage sind, für die Ts u r ch sehun g dev Individualität des jüdischen Volk e s lind für seine nationale liild kulturelle Entjoicklung heranzliziehen; dabei ist von dein Grundsatz auszugehon, jene Kreise zuerst! heranzliziehen. lvelche der Durchsetzung dieser Prinzipien am freundlichsten gegennberstehen. Im All schlich an diese Ansführnngen erlaube ich mir, nachstehende Vorschläge dem Stndentontage zllr Annahme zll unterbreiten: 1. Ter Studententag ocrurteilt aufs schürffte intö entschiedenste der: Standpunkt jener, die das „Schlagen" als das Beweismittel für derr Mut der Juden verwenden motten. Er sieht ht dieser Auffassung eine Besetzung des An'deukeus an unsere geschichtlichen, schon -weil J-ahrtausende mit ungeschwächter Ausdauer und Heldenhaftigkeit aus fremdem Boden geführten Kämpfe um die Erhaltung der Station und weist im übrigen die niedrige Verleumdung mit stolzer Verachtung zurück. Er anerkennt aber die Möglichkeit, aus lokalen Gesichtspunkten, die ritterliche Austragung als Organisatiolls- und Kampfmittel zu wählen und überlätzt die Anpassung an lokale Bedürfnisse dem autonomen Wirinngskreise jeher Korporation. 2. Der Studententag legt allen jüdischen Studenten die unbedingte Pflicht auf, die Austragung von Ehrenhändeln zwischen nationalen I ud e n durch Waffen zu verhindern, und bezeichnet es als Ehrlosigkeit eines Nationaljuden, sich einem zur Austragung einer Angelegenhell berllfeneu Ehrengerichte nicht unterwerfen zu. wollen oder die vorn Ehrengerichte bezeichnete Satisfaktion zu verweigern. >Er bezeichnet es als Ehrlosigkeit, bei Waffengängen zwischen nationalen Inden in einem anderen Falle zu sekundieren, als wenn ein Ehrengericht die Austragung auf anderem Wege für ausgeschlossen erklärt hat. 3. Der Studententag stellt es zugleich als primäre Pflicht aller jüdischen studentischen Korporationen ans, dahin zu wirken, datz der einheitliche und vollständig kongruente jüdischnatronale Grundcharakter durch lokale Divergenzen in keiner Weise zurückgesetzt werden darf. Er erblickt in der zur nationalen Arbeit 'in gar keiner Beziehung stehenden Nachahmung des deutschen Studententlnns mit Kappe und Schläger eine ungesunde und plumpe Anschmiegung an fremdnatronale Knltnrerscheinnngen, die leinen Gemeinwert haben, eine Bedrohung des nationalen 'Gerstes der jüdischen Studentenschaft, einen Widerspruch mll seinem grundsätzlichen Wesen, den änderen Ausdruck mittelalterlich germanischen Korpsgeistes. 4. Der Studententag erklärt es als die durch die historische Gestaltung unserer Freihellsbewegung gewiesene Aufgabe der jüdischen Studentenschaft, in der heranreisenden Intelligenz den festen Willen und die Tätigkeit entscheidend' «und ausgeprägt zu entwickeln, so datz jeder einzelne auch in den bürgerlichen Bernsen in seinem künftigen Wirkungskreise sich mit dem Eifer und der Energie eines Freihellskämpfers der Verwirklichung unserer nationalen Aufgabe widme. 5. Der Studententag verpflichtet alle Studentenkorporationen, sämtliche neueintretenden Mitglieder nach Ablauf einer bestimmten Frist vom Zeitpunkt ihres Eintrittes einer strengen Prüfung aus: Jüdischer Geschichte und Literatur, Zionismus, Palastinakn-nde, allgemeine Lage zu unterziehen. 6. Der Studententag verpflichtet die Mitglieder, die jüdische Arbeiterfrage mit Aufmerksamkell zu verfolgen: der Mangel an sozialem Verständnisse erscheint als der hauptsächlichste Grund der fehlerhaften Entwicklung der jüdischen Studentenschaft. Die Erkenntnis der Nähe des Elends, sein Studium und seine Beobachtung hätten den Wert und Opfermut schon längst erhöht und die Oberflächlichkeit iit allem und jedem vertrieben. Die Mitglieder werden daher ausgefordert, sich ökonomische und politische Kenntnisse anzueignen. 7. Ter Studententag macht es allen Studentenkorporationen zur Pflicht, die Heranziehung und Ausbildung der jüdischen Arbeiter durch Errichtung von Arbeiterbildungsknrselr nach Möglichkeit durchzuführen. Hierbei mutz eine nachhaltige Erziehungsarbeit geleistet werden, eine eingehende Beschäftigung, eine Annäherung an die geistigen nnd wirtschaftlichen Bedürfnisse der jüdischen Arbeiter, eine Entwicklung seiner schlummernden nationalen Triebe, das Lernen der Selbstachtung und der Menschenwürde sind die wichtigsten Aufgaben dieser Arbeit. 8. Diese Beschlüsse sollen hi Druck gelegt nnd im Vereinslokale jeder Korporation an einer leicht sichtbaren Stelle unter der lleberschrift „Wiener Beschlüsse" angeheftet werden. (Sämtliche Anträge werden nach eingehender, ziemlich erregter Debatte, an der sich insbesonders die Herren: Löw t„Jvria"j, Lichtenstein l„Kadimah"), Schapira („Zephirah") und Thau l„Bar Kochba") beteiligten, bis auf Punkt 1 unter einigen Abänderungen und Modifikationen angenommen.) Der zweite Berbandstag der pouikischen Studentenkorporalionen Oesterreich». (l. imb 2. Jrmi 1906 in Wien.) Me Beraiungen des Verbandes, -velchein 10 Vereine mit zirka 300 Mitgliedern angehören, vermlochten auch in den direkt beteiligteil, d. 'h. im Verband organisierten Stndentenvereinen regere Aufmerksamkeit nicht zu erwecken. Sie verliefeir recht interesselos und machten dlirch die sehr geringe Beteilignug, durch das Nivearr dev Referate llnd Debatten und das äutzeve Gesamtbild einen lmgünftigell Emdriick, dessen sich auch die Veranstalter bewußt lvurdeu. Es ist lvirklich schade mit den Ernst und Eifer, mit dein die Präsidial ko rpomtion „Bar Kochba" iit Prag sich um die Lösung der unklar gebliebeiren Verbandsaufgaben und um dos Gelingen des Verbandstages, der nach jeder Richtung hin als oerunglückt zu bezeichnen ist, bemühte. Der Verband, der vor zivei Jahren als Rlnupfverband gegründet wllrde, ist's geblieben, da die Wiener Verbindungen und die meisten mährischen Stüdentenvereine chm ferngeblieben sind. Seine Bilanz ist bisher passiv: Weder die zweijährige Verbandstätigkeit, noch weiriger der Verbandstag weisen nennenswerte Erfolge und Aktivposten auf. Es üt sehr bedauerlich, daß die Wiener dem Verband angehörenden Organisation^ die Prager Leitung im Stiche ließen und ganz versagten. Das Odium der Untätigkeit und Erfolglosigkeit fällt auf die Wiener zurück. Wiener Luft... Vertreten waren 13 Vereine, meist durch Wiener Studenten. Ins Bureall wurden getvählt B. Freud (Prag) als Vorsiheilder, T h a ir lind K a p l a n s k i (Wien) als Stellvertreter, E p p ft e i n (Wien) als Siljriftführer. Das Referat über „Programmatische Fragen", von S. K a p l a n s k y lWieir) erstattet, erhob sich lveit über das Niveau der übrigen Reefrate und Reden. Der Referent lmterzog die aktlrellen zionistischen Frageil, die des Territorialismus, der „Poale Zion", der Lairdnahlne uub Palästinakolonisation einer eingehenden Erörterung und empfahl in eiller gegen den Territorialismus gerichteten Ncfo- Ultion das genaue Studillm der jüdischen Arbeiterfrage lmd ein Zusammengehen der Studenten mit den „Poale Zion". Die Diskllssion war matt und inhaltlos, das glänzende Referat hätte mehr verdient. Am Nachmittag des ersten VeHandlungstages kam zunächst Rabb. Wilhelm Reich (Baden) zum Worte, der ein Referat über „Jüdischnationale Entwicklung Paläftillas auf dem Gebiete der Erziehlmg lknd der Kolouisatton" airgekündigt hatte. Er brachte Reiseschilderungen, sprach über die Entstehung neuhebräischer Worte llnd> dergleichen mehr. Die Frage der Chaluka, die auf dom Gebiete der jüdischnatioualen Erzichmrg in Palästina keine so lmbedeiktende Rolle spielt, igiwxierte^ dev Herr Referent, wie er auch die ivichtigen Kolonisationsfragen näherer Besprechung '.licht würdigte, lieber seinen Wunsch entfiel jede Debatte. Wozu denn ein. solches überflüssiges Referat? Med. Reizes hielt ein Referat über „Kulturarbeit des jüdischen' Studenten", in welchem er fürs Hebräische unh gegen den Jargon eintrat. Phil. S ch m u l verteidigte den gegenteiligeil, Stairdplmkt. Vor dem Kulturreferate hielt Herr Dr. Leopold .K a h n einen Speech über Kritik nnb Nörgelei im Zionismus. Der zweite Tag begailn mit einem Referate des Herrn jur. S ch a j o w i c z (Czernowitz) über „Das jildisehe Studentenwesen und seine Reformen". Das alte Lied von der Verflachling uud lliltätigkeit der zionistischen StNdenteil, ein paar scharfe Alisfälle über forcierte Säbelrellifereieil un'b studentische Aeußerlichkeiten — das war alles. Schiedsgerichte, Resollltionen gegen Kappen lind Schläger, für Teilnahme an Volkserziehung sollen die Uebel heilen. Die tieferliegcndeil! sozialen und gesellschaftlichen Zusanlimenhänge im jüdischen Stlldententmn ailfzudecken, lluterließ der Referent. Die Disklissiou über dieses gutgenleiilte Referat nahm einen Vormittag in Anspruch und drehte sich mir Schlagen oder Nichtschlagen, Couleur oder Verein. Soust ist ja in der zionistischen Studentenschaft alles in schönster Ordnung. Herr Rev. Hechler sprach gegen das Duell überhaupt. Zwei. anwesende Couleurstudenten« von der „Kadimah" und „Jvria" vertraten als Gäste den Standpunkt -der 'Schlagenden, andere wollten' das Schlagen! als Privat,sache erklärt oder ganz abgeschafft wissen. Natürlich kam, )vie bei allen solchen' Debatten, die wirklich Zeitvergeudung sind, nichts heraus. Lasset endlich jeden nach seiner Fafsorr selig werden! Eine Kommission hatte die schwerfällige Nesolution des Referenten umgoa>bbeitet und so war das Resultat der mehrstündigen, nicht sehr anregenden Rederei die Forderung nach obligatorischen Schiedsgerichten, die WlolMMig von Kappen und Schlägern usw. Zur Präfidialkorporation wnride rbermals die „Bar Kochba" m Prag gelMjlt. Der

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