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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Synagoge, Schule und yaus. Beilage jot Nr. 23 des „Jüdisches Volksblstt". Jüdisches Studententum und Uorschläge zu dessen Reform. (Referat, gehalten am Mener Wischen Studententage von S. Schajowicz, Mitglied der „Zephtvah"- Czernowitz.) *) Verehrte Gesimtungsgenosfen:! Es ist keine sehr dankbare Aufgabe, kritisch und offen das moderne jüdische Sllldentenwesen zu schildern. Man, kann büßet nicht umhin, manches Ungesunde 51t rügen, manches Verfehlte zu tadeln und gar manchem seinen Optimismus zu rauben, ja, ich bin mir auch dessen vollauf bewußt, daß meine Ausführungen den Widerwillen der einen oder der anderen Stuidentengruppe Hervorrufen werden; trotzdem will ich es versuchen, geleitet von den Prittzipien der Aufrichtigkeit und Objektivität, Ihnen, meine Herren, eine Schilderung des jüdischen Studententums zu geben, und im Anschlüsse darart denn Studententage meine positiven Reformvorschläge unterbreiten. Ungefähr um dieselbe Zeit, als einige halb ergraute Männer in den bekannten Jasfyer und Odessaer Konferenzen über das Schicksal des jüdischen Volkes berieten, eine kleine Aktion einleiteten imb den Grundstein zu dev modernen zionistischen Bewegung legten, um dieselbe Zeit, als eine stattliche Anzahl russischer Jünglinge in glühender Begeisterung für das Land unserer Ahnen den heimatlichen Staub von den Füßen abschüttelte, nach Palästina zog und die heute in Blüte stehende Kolonie „Rischon, le Zion" gründete, ungefähr um diese Zeit stellte sich auch eine wackere Schar jüdischer Studenten freiwillig iu den Dienst ihrer Nation. Tie „Kadimäh" war der erste Vereinigungspunkt dieser Studenten und von ihr aus hatte die jüdischnationale Studentenbewegung, ihren Ausgangspunkt genommen.Groß war dieBegeistertmg der ersten jüdischnationalen Studenten, erhaben ihre Ideale und ernjst ihre Bestrebungen. Mit Stolz blickten die jüdischen, Väter und Mütter herab auf ihre Söhne, auf die zukünftigen Führer des jüdischen Volkes. Es entstanden bald überall, wo sich eine größere Anzahl von Studenten znfammenfand, jüdischnationale Korporationen, welche alle, von denselben Anschauungen getragen, demselben Ziele zustrebten. Eine ganze Umwälzung ging bald vor sich. Das Wische Volk wurde dank der regen Studentenagitation aus dem langjährigen Schlaf aufgerüttelt und an seine Aufgaben und Pflichten gemahnt. Ja, die jüdische Nation erlebte in kurzer Zeit eine vollständige Wiedergeburt. Mit Verwunderung blickte die ganze Welt auf die in Basel tagende erste jüdische Nationalversammlung, bei der fast die ganze Judenheit vertreten war. Um so größer war jetzt die Begeisterung der jüdischen Studenten, um so hoffnungsvoller konnten sie ihr Ziel verfolgen, um so ernster waren ihre Bestrebungen, denn die jüdische Studentenschaft leitete auch nach dem ersten Kongreß eine starke Agitation überall dort ein, wo sich nur Juden befanden; sie suchte iu zahlreichen zionistischen Versammlungen und Veranstaltungen aufklärend zu wirken, betrieb eifrig das Studium der jüdischen Literatur und Geschichte und begann sich stir halbvergessene Sagen und Lieder zu interessieren. Diese Herrlichkeit sollte jedoch! nicht allzu lange währen, die Begeisterung beginnt allmählich schwinden, der Ernst nimmt ab und der jüdische Student will eine ganz neue, etwas modernere Rolle spielen. Ntw gering ist die Anzahl-derjenigen Studenten und Studentenkorporationen, welche den Gnindprinzipie-n treu geblieben und allen ihnen obliegenden Pflichten gewissenhaft nachgehen. Der größte Teil der jüdischen Studenten beginnt nette Wege einzuschlagen, moderne Gnindsätze aufzustellen und dom ganzen jüdischen' Stlidententum ein eigen¬ *) Wir veröffentlichen dieses Referat, das in feilten Grttltdzüqett sehr zutreffend ist, ohtte datnit der Ansicht Ausdruck geben zu wollen, daß durch die Durchführung der Vorschläge des Reserentett die Frage endgültig gelöst erscheinen würde. Antn. d. Redaktiott. artiges Gepräge zu verleihen. Dev jüdische Student, sagen sie, dürfe dem arischen in keiner Beziehung nachstehen, er müsse ihm in jeder Hinsicht gleichkommen; der jüdische Student müsse daher zunächst fein Hauptaugennterk aus alle studentischen Förmlichkeiten richten, er müsse stramm, schneidig, ein guter Biertrinker und ein geschickter Kartenspieler sein, er dürfe 'bei der ständigen Promenade nicht fehlen, müsse die zierliche Kappe an richtiger Kopfstelle tragen und sich durch Arroganz und Frechheit von allen anderen weniger strammen, aber mehr ernsten jüdischen Studenten unterscheiden. Wenn Fabius Schach in seinem vor kurzer Zeit erschienenen Artikel über das akademische Verbindungswesen sagt, „man darf die jüdischen Studentenvereinigungen nicht zusammen mit den protestantischen und evangelischen Studentenvereinigungen nennen, weil sie keinen übertriebenen Luxus darstellen", so kann ich ihm leider nicht beistimmen, weil ich Studentenkorporationen kennte, welche denselben Luxus darbieten wie die anderen konfessionellen und internationalen Studentenkorporationen - und sich nur durch ihre Arroganz auf jedem Gebiet und vielleicht auch durch ihre Arroganz von diesen unterscheiden. Dagegen muß man ihm vollkommen zustimmen, wenn er an einer anderen Stelle sagt: „Es gibt nichts- Absurderes, als die Fehler seiner Gegner nachzuahmen. Die jüdischen Studenten, die durch: den alten Zopf, die komischen Sitten und die traurigen Borrtrteile der deutschen Studenten so viel zu leiden haben, sollteu sich selber vou diesen überlebten Dingen emanzipieren. Sie sollten mit dem ganzen Hokuspokus einer alten Zeit brechten: und alle komischen Aeußerlichkeiten oblegen." Denn dein. Umstaude, tneine Herren:, daß der jüdische Sttldent mehr auf die Formen als auf -das Weisen gibt, ist es auch zuAuschreiben, daß eine solche geistige Verflachung in sehr vielen jüdischen Studeutenkreisen wahrzunehmen ist. Ja, werte Gesinnungsgenossen, Sie finden heute eine stattliche Anzahl jüdischuatioinaler Stubcnten, die weder vom: ZionisNms noch von der Geschichte und Literatur ihres Volkes eine Ahnung! haben. Ich: selbst mußte es hören, wie: der „Senior" einer zionistischen Korporation einem, Arbeiter auf die Frage: „Was bedeutet die Bezeichnung Baseler Programm?" zur Antwort gab -. „Düs ist doch das Aktionskomitee", und daß, ein anderer jüdischer Student über die Kischuenewer Judene x z e s s e i irti Grätz nachzulesen w ü n s ch t e. Es ist wahrlich eine Schande für die ganze jüdischnatiouale Studentenschaft, wenn sich derartige Elemente als Träger der jüdischnationalen Idee deklarieren md bei allen möglichen Gelegenheiten mit ihrem Nationalismus protzen und sich überall als „Retter des jüdischen: Volkes" gebärden. Ich bin: der festen Ueberzeugnng, daß die jüdische Nation sich' für solche Erlöser jederzeit bestens bedanken würde. Wenn wir „Z e p h i r a h n e r" den Kamps gegen derartige Studenten aufgeitontmien haben, so geschah: es: gewiß nicht aus persöulichen, sondern rein aus sachlichen' Differenzen, welche sich im Laufe der Zeit zwischen uns und den jüdischnationalen bekappten Korpsstudenten ergaben'. Wir erblickten und erblicken auch hellte iu derartigen Studentengruppen, welche ausschließlich den Korpsgeist pflegen, eine Gefahr für die jüdische Nation, eine Gefahr insbesondere stir den Nachwuchs, für die jüdische Jugend, welche den verderblichen Verlockungen leicht zum> Opfer fällt, Der unerfahrene Jüngling wird wohl in einer derartigen Studentenkorporation zu einem feschen und strammen Burschen, nicht aber zu einem’ arbeitsamen jüdischen Studenten herangebildet. Denn, meine Herren, nicht allein mit der Tracht, von der Dr. Ziegler in seinem Buche „Der deutsche Student" richtig bemerkt, „sie trage die physische, intellektuelle und moralische Impotenz so schamlos und blödsinnig zur Schart", begnügt sich' der moderne jüdische Sttldent, sondern' er ist auch bestrebt, den ganzen Studentenhokuspokus nachzuäffen. Soweit reicht feine Schamlosigkeit, daß er gar keilte Scheu trägt, mit einem arischen Studenten Mensuren zu schlagen. Cs ist eine Lüge, wenn matt behauptet, daß diese modernen Studenten der zionistischen Bewegung irgendwie nützen, es ist eine Lüge, zu behaupten, daß ihre nationalen Bestrebungen ernst gemeint seien, es ist eine Lüge, wenn man behauptet, daß sich die jüdischnationalenKavpenträger von ben anderen Korpsstudenten in ihrem Wesen unterscheiden'. Denn, meine Herren, die nationale Arbeit, welche der jüdische Kappeniräger verrichtet, ist gleich Null . zu setzen. Seine hochKingenden Phrasen verhallen ins Leere und fein geistiger Horizont wird immer enger und enger. Was diese jüdischen Korpsstüdenten in sozialer, nationaler und ethischer Hinsicht produzieren:, ist Flachheit, Schaum, äußere Form, alles darauf berechnet, den Nachwuchs zu ködern; ernstere Zwecke, nationale Arbeit haben da niemals tiefere Wurzel gefaßt. Gegen solche Elemente haben wir bei allen Gelegenheiten, die sich uns dargeboten, offen und ehrlich angekämpft und gegen diese modernen „Träger des Judentums" werden wir auch weiterhin den Kampf fortsetzen, bis sie von der Oberfläche verschwinden oder bis sie aushören, die Komödianten in der nationalen Bewegung: zu spiele:n. Ja, meine Herren, es ist Pflicht aller Jüdischnationalen, derartige Auswüchse unschädlich! zu machen oder endgültig diesen Bazillus, der in so verderblicher und ansteckender Weise am Organismus des Volkes nagt, zu entfernen. Die indische Jugend müßte insbesondere aus derartige Schädlinge aufmerksam gemacht und vor diesen eindringlich gewarnt werden. Denn, tneine Verehrten, Sie worden mir wohl zugeben, daß man in diesen lächerlichen Aeußerlichkeiten imS komischen .Nachäffereien leicht den Geist, der diese Korporationen beherrscht, zu erkennen, und den Zusammenhang mit unseren' nationalen Bestrebungen sich! lebhaft vorzustellen vermag. Gestatten Sie mir, meine Herren, daß ich bei dieser Gelegenheit eine Frage berühre, welch:e zunächst die sogeuannten schlagenden Verbindungen betrifft. Selbst Mitglied: einer schlagenden Verbindung, muß ich gegen die schlagende jüdische Studentenschaft einige Animtrfe erheben. Wenn, meine lieben Gesinnungsgenossen, die ersten „Kadimahner" und die ersten Jüdischnationalen zum Säbel griffen, um den Vorwurf der Feigheit äbzuschütteln, so taten sie, wie Dr. D i a m a n t in seinem vor .ünigen Monaten in der „Jüdischen Volksstimme" erschienenen Artikel über das Verbindungswesen zutreffend bemerkte, einen Schritt der Ehrenn 0 t w e h r und erwarben sich hierdurch große Verdienste um die Anerkennung, der jüdischen Nationalität. Heute aber ist die ganze gesittete Welt vollauf davon überzeugt, daß der jüdische Student ebensoviel Mllt besitze wie der arische, und -derjenige jüdische Student, der in der Absicht zum Säbel greift, den anderen hierdurch seilten Mut zu beweisen oder die Zugehörigkeit zu einer schlagenden Verbindung zu deklarieren, steht entschieden aus einem reaktionären Standpunkte. Zunächst hat der jüdische Sttldent überhaupt nichts M beweisen, dann darf das Schlagen' auch für die sogenannten schlagenden Verbindungen nicht . als etwas Essentielles, sondern, um mich juristisch auszudrücken-, als etwas Akzidentelles, also ganz Nebensächliches betrachtet werden. Der jüdische Student kommt wohl auch heute in die Lage, zum Säbel zu greifen, weint: es gilt, seine persönliche Ehre oder die Ehre seiner Nation zu schützen und wenn ihm eine andere Satisfaktion verweigert wird. Das aber müssen wir entschieden mißbilligen, daß der jüdische Student jeden dummen Anlaß als Borlvand zum „Schlagelt'" benütze. Wohl ließe sich auch, vom Sportstandpunkte betrachtet, gegen dasSchlagen nichts einwenden, denn wie jede andere Turnübung stärkt sie: den Körper, stählt den Mut und bringt andere Vorteile mit sich. Doch wir dürfen vom schlagenden Stlldenten fordern,

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