Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 Jüdisches Volksblatt Seite o Schichte, die der sogenannten Assimilation sozusagen anhängt. Man würde von diesen Sotten erwarten, daß sie sich ob des revolutionären Charakters der am Ende doch gegen Leben und Eigentum gerichteten Bewegung entsetzten. Aber weit gefehlt! Vielleicht wird eine Spur dieser Regung noch eher bei ihren ostjüdischen Klassengenossen zu finden sein. Bei ihnen selbst ist sie von der Wucht des Unerhörten erdrückt. Ihre Hirne füllt nur eine Frage: Und 'das haben russische, ja, mehr, russisch-polnische, polnische Juden getan? Neben der Frage aber ein leises Mitklingen, ganz leise, ihnen.selbst unhörbar: Und wir? Wir, die wir uns so erhaben über jene dünken? Die wir ihnen Kultur predigen und bringen wollen? Me wir uns ihrer zu schämen pflegen? Wir, die -wir fürchten, daß sie uns noch mehr Airtisentitismus aus den Leib hetzen? Haben w i r schon einmal dergleichen getan? Haben w i r schon den Mut gehabt, räudige Schafe auszustoßen? Haben wir es darin, je weiter gebracht als zu Worten, die nichts kosten? Verkrochen wir uns nicht immer und imimer wieder rmter die billige Phrase des Chillul haschem? Und gehen wir nicht noch jetzt hin, und nützen ihre Taten für u n s aus, aus daß auch w i r in gutem Lichte dastehen, auch w i r teilnehmen an ihrem Kiddusch haschem! Aber auch die Zionisten sind nachdenklich geworden. Es ist ja kein Geheimnis, daß sie der Zionismus — der Wohl drüben auch vorhanden, aber doch etwas wesentlich anderes. Innerlicheres ist — den Ostjuden nicht nähergebracht hat. Eine Vernunftehe, nichts weiter, für welche sie sozusagen die politische Schulung und quasi die Repräsentation, die etwas unappetitlichen Qstjuden aber die reiche Mitgift ihrer Masse mitbrachten! Eine Bernunftehe, um sich zu rangieren und der Fam,ilie neuen Glanz zu verleihen. Und plötzlich diese Kunde, die auch sie, 'inan kann es nicht leugnen, zumeilst mit Freude und Stolz hören! Doch auch mit leise quälender, Reue ahnender Scham. Denn Ostjuden sind es, von welchen die Welt mit verhaltenem Atem spricht. Zwei Jahrtausende war der Löwe von Juda stumm. Nun brüllt er in den Straßen von Warschau. Und nicht in Wien oder Berlin! Nicht Westjuden, nicht Zionisten haben in heiliger Empörung Diamanten zu Staub zerstoßen! Nein, unter Ostjuden, unter sozialistischen Qstjuden ist die alte prophetische Grandiosität des jüdischen Volkes wieder erstanden! So ganz dunkel mögen dies auch die sozialistischen Wcjstjuden empfinden, die es übrigens zur ungelegensten Zeit traf. Soeben haben sie den Beschluß der österreichischen Gesamtexekutive aus tatsächliche Ausschließung der gm lizischen jüdischen „Separatisten" inspiriert. Soeben haben sie den Daszynski, Hudec und deren paar jüdischen Nachläufern, die diese „Separatisten" b u nd i st i s ch e H e tz e r und ähnlich zu nennen pflegen., recht gegeben. Und nun müssen sie plötzlich den „Bund" feiern! Müssen! Nicht etwa, nur, weil sie sich nicht anders helfen können, sondern weil sie sich innerlich gedrängt fühlen, es zu tun. Sie müssen ihreEmpfindungen inOrdmmg bringen, sich Rechenschaft albzulegen trachten. Alls jedem, ihrer Sätze leuchtet die seelische Erschütterung hervor, die Verblüffung wird sogar embekannt. Nur die Verständnislosigkeit wird nicht zugegeben. Wozu wäre es denn eine harmlose Eigenheit mancher, namentlich, jüdischer Sozialisten, mit prompten und sicheren Antworten auf alle Fragen schon zur Welt zu kommen? Daruin muH sich! ihr westjüdischer Knlturdünkel als fester erweisen als der der „As-similanteu" und der Ziontsteir. Der Ojstjude muß unbedingt dunkler Hintergrund bleiben. Nur daß sich von diesem nicht bloß das Wostjudentum,, solidem auch das heimische Proletariat iu strahlender Helle abhebt. „Dev jüdische Arme ist zum industriellen Proletarier, zum Sozia,ldernokraten geworden, als Mitkämpfer der proletarischen Armee hat er gelernt, in der Wertschätzung feiner Genossen den eigenen menschlichen Wert zu fühlen!" Das Verdienst, welches der proletarische Gedanke an der Warschauer Erhebung hat, soll nicht verkleinert werden. Jeder, der die Sehnsucht nach jener Zeit im Herzen trägt, da der Götze Geld gestürzt mib seine Priester und Gläubigen, diese gewaltige Armee besitzender und besitzloser Räuber, Krämer und Narren, zu edlem Menschentum geläutert, zu reinem Lebensgenuß befähigt sein werden, muß dem Sozialismus dafür dankbar sein, daß er Millioneit Herzen durch dieses Ideal allein und durch die gemeinsame Arbeit dafür erhebt. Aber diese Anerkennung verlangt nicht, daß wir die Förderungen und Hemmungen nicht sehen, die der versittlichenden Kraft des Sozialismus aus naüonakkultuirellen. Voraussetzungen erstehen. Gewiß darf sich der Sozialismus rühmeri, daß seine jüdischen Massen die ersten Juden sind, welche seit langer, langer Zeit wieder tätiges Heldentum zeigen. Aber warum hat er die Westjuden nicht in eben diesem Grade verzaubert? Warum haben wir' bei ihnen nichts dergleichen erlebt? Warum sind sie üs auf ein paar ganz starke Ausnahmsmenschen, die sich ja überall finden, nichts als einige trockene Parteigesellen mehr? Ja warum? Weil sie eben ohne Kulturrückgrat herumlaufen, Juden und Deutsche oder so was sind und doch keines von beiden. Weil sie die ruhenden Anlagen ihres Volkes nicht entfalten, nicht festigen, nicht wirken lassen können. Weil sie die einzigen Europäer, auch die einzigen europäischen Sozialisten sind, die ohne das notwendige Medium der.Nationalität Menschen sein wollen und müssen. Und warum konnte der Sozialismus aus jenen Oestleru Menschen formen, an welchen eine Welt zu Bileamen ward, die ausgezogen sind, zu fluchen, und nun segnen müssen? Wavuin? Weil sie ganze Menschen sind von Geburt und durch Erziehung, weil sie dem großen Menschheitsideal in Leistungen zustreben, die vom Genius ihrer Art beseelt und deshalb nicht nur einzigartig und unersetzlich, sondern auch die zweckdienlichsten und natürlichsten sind. Weil sie einem jüdischen Volk angehören, das sich in allen seinen- Schichten-, auch in den rückständigsten, durch Geschlossenheit des Wesens, durch Eigenart des Temperamentes und Intellektes, durch selbständige Entwicklungsfähigkeit auszeichnet. Einem Volke, das schon vorher und! namentlich, seitdem es sich mit einem neuen nationalen Inhalt zu erfüllen begann, Proben jener frischen, kampfesmutigen Selbstbehauptung/.die der sie entbehrende Wejstjude als nichtjüdisch empfindet, abgelegt hat. Ob sich die Westjuden dies alles einmal eingestehen, ob sie aus ihrer unklaren Verwunderung einmal aufwachen werden zu klarem. Begreifen? Gtlt lvär's, nicht zum mindesten für sie selbst. Aber am Ende kommt's daraus nicht an. Wenn nur die Entwicklung der ostjüdischen Nation weiter geht und die europäischen Völker sie mehr und mehr begreifen-. Zu beidem ist alle Aussicht, vorhandene Eine Bewegung, die, noch ziemlich am Anfänge, so eindrucksmächtige Handlungen auslöst, scheint alle Bürgschaften fluten Fortganges in sich zu tragen. Und muß jenen verständlich sein, die ein Organ für solches Verstehen in sich haben. Die Zeit muß kommen, da sich die geschichtliche Größe der Warschauer Ereignisse nicht bloß wird ähnelt laffen, sondern aus fertigen Entwicklrmgen hervorleuchten wird. Die Zeit, da ein jüdisches Volk mit vollem Rechte der Selbstbestintmtlng, und mit vollem Anteil an der Mitbcjstimmung der allgemeinen Bedingungen sich des Warschauer Volksgerichtes als eines Vorboten seiner 'nationalen, Rehabilitierung stolz und dankbar erinnern wird. Mathias A ch e r. * * * Nachschrift. Der vorstehende Artikel war bereits fertig, als die Protesterklärung des „Bundes" bekannti wurde. Diese hat mein Urteil in keiner Weise geändert. Daß iu den Warschatlev Vorgängen keine Handlnng - aus° gereifter Parteitaktik vorlag, war mir wie wohl jedem anderen von vornherein klar:. Es ist a-uch für das Epochale und Symbolische der Warschauer Tage ganz gleichgültig, ob hierbei bewußte -oder unbewußte, organisierte oder ltichtorganisierte jüdische Arbeiter agierten — es Urnen übrigens die einen wie die anderen mit, Platze — und ob sie in eine Falle der Polizei gingen oder nicht. Die Hauptsache ist, daß hiev durch nidjit zn leugnende Verzerrungen all ben Juden neue, charakteristische und hoffmmgsvolle Züge ivahrzunehmen waren. Daher ja auch der mächtige Eindruck der Geschehnisse auf alle Welt, nicht zum mindesten auf die sozialdemokratische Presse der verschiedenen Länder. Der „Bund" hatte es also nicht nötig, gar so kompromittiert zu tun. Ans -er Misti scheu §mtwi Dem am 12. und 13. ds. in Prag abzuhaltenden Parteitage sehen die zionistischen Kreise mit großem Interesse entgegen. Es sind wichtige, die Reichsorganisation betreffende Fragen, die zur Behandlung gelan!gen, abgesehen von den Fragen, welche gegenwärtig die Gesamtorganisation beschäftigen. Djurch die Ablehnung des U g a n, d a p r o j e k t e s seitens des Aktionskomitees ist der Parteitag von einem unangenehmen Ballast befreit worden. Der Parteitag wird sich auch mit der Stellungnahme der österreichischen Zionisten zur i :t n eren Politik zu beschäftigen haben. Eine Reorganisation der Distrikte und eine neue Regelung ihrer Beziehungen zum, Laudeskomitee soll auch beschlossen werden. Die Wahlen der Funktionäre des Landeskomitees dürften sich diesmal etwas lebhafter abspielcn als sonst. Es ist nur bedauerlich, daß das Landeskomitee die Thesen, zum. Parteitage nicht rechtzeitig veröffentlicht hat, wodurch eine Klärung der Situation vor d e m Part e i - tage sollte herbeigeführt werden können. * * * Der zweite Vcrbandstag der „Poalci Zion" in Oesterreich ist für den 18. Juni nach Krakau einberufen worden. Als wichtige Punkte der Tagesordnung seien hervovgehoben: „Programm und Taktik der „Poalei Zion". „Orgamsationsfragen" (Res. Dr. Margulies). „Die nächsten Aufgaben des Verbandes, und zwar: Konditionslosensonds, Stellenvermittlung, Presse und Agitation". Mährischer Brief. (Deutsche Schulvereinsfeier und die Juden. — Aus Mähr.-Ostdau. — Die neue Hagada des „Rozvoj". — Statistisches. — PreMage. — Organisation.) B r ü n n, am 29. Mai 1906. Ganz Mähren durchbrauste in der letzten Zeit rin Siegesgeheul und Triumphgeschrei. Ursache? Zwei Feiern, füllten! das Wochenrepertoiv: die Schillerfeier unddie Mer des 25 jährigen Bestandes dos Deutschen! Schulvereins. Wie man, sicht, ein reiches Betätigungsfeldfür die mährischen, Deutschen mosaischen Glaubens. Die „Lidove Noviny" haben sich die Mühe nicht verdrießen lassen, eine Blütenlese jener Namen zu bringen, deren Träger sich anläßlich ' der Deutschen Schulvercinsseier" hervorragend beteiligten'. Bitte, hier sind sie: Dr. F i s ch l, Helene P o r g e s, Else A s ch e r, Emmiy Federe r, Irene G u t nt a n n, Jüa S ch melkes usw. mit Grazie. Die Spitz marke war: „Eine interessante Gesellschaft!". Leider nur zu wahr. Das belveist auch -ein besonderer Fall. In Nt a r i >e n b e r g — beiläufig bemerkt, einem fast gänzlich tschechischen Dorfe bei Mähr.- Ostrau — ließ es sich der Obmann der Ortsgruppe und des Schulansschusses, Herr Lyzealdirektor Alois- Schwär z, nicht nehmen, den versammelteu! Kindern „die wichtigsten! Motn-cnie aus der Geschichte des Deutschen Schulvercines mxb feine Bedeutung für das deutsche Volk in Oesterreich" zu. erörtern und mit einem „Hoch aus das deutsche Volk mtd den Deutschen Sck)ulverein" zu schließen. An und für sich wäre dies ja kein Nationalun glück, es muß auch solche Käuze geben. 'Das Paradoxe nur daran ist, daß derselbe Direktor Schwarz im Ausschüsse der Jüdischen, Kul-tusgemeiltde sitzt. Deit Besahig111106lmchweis für die Kenntnisder jüdischen Kultur zti erbringen, dürfte Herrn Schwarz ungleichschwerer lveird-eit. Der „Rozvoj", unser wertes Ussimilantenorga-u, setzt seilte Purzelbäume fort. Daß die hebräische Sprache existiert und — trotz^Dr. K'taus mtd Genossen — noch immer am Seder aus der Hagada gelesenlvird. Mit Neid blickt der Verfasser auf die Hagada der Berliner Resormgetneinde und fährt sodann fort: „Sie verstehen nicht, was die Hagada erzählt und wir wundern unsnicht, daß der Festabend ihnen