Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 2ö objekt voneiner Behörde zur anderen wandert und eigentlich wegen derselben strafbaren Handlung mehrfach bestraft wird. Derart drakonische Ausnahmsbestimmungen hat man bei uns gegen keinen Berufsstand sanktioniert; das sind wieder Ausnuhmsbestimliniungen, und. ich glaube, 'bajj dies ein kolossales Unrecht und gewissermaßen auch ein Verstoß gegen den alten Rechtsgrundsatz ist:N« bis in wen,. Wie man in den großen Knltuvlänjdern gegen diese so unglücklichen Hausierer vorgeht, »wie sie die Staatsgewalt schätzt, ja ihnen unter die Arme greift, möchte ich Ihnen kurz an einem Beispiele zeigen. Ich will mit Erlaubnis des Herrn Vorsitzenden nur eine Stelle aus den Verhandlungen des englischen Parlanients verlesen, damit die Herren sehen, wie in England die Hausierer behandelt werden. Am 15. November 1896 wurde im englischen Parlamente das Budget verhandelt und der damalige Finantzmimster Goschen wies einen Ueberschuß von 60 000 Pfund Sterling auf. Bezüglich der Verwendung dieses Überschusses sagt er nun (liest): „Bei dem Umstande, daß unser heuriger Ueberschuß ein verhältnismäßig kleiner ist, aber merkwürdigerweise eben so viel beträgt, wie die gesamte Steuersumme der 10 000 Hausierer, die wir in England haben, so erlaube ich mir, dem Hause vorzuschlagen, Nesen 10 000 bedauernswerten Hausierern ihre Steuertaxe pro 6 Pfund Sterling für dieses Budgetjahr nachzusehen." Dieb begründet der Finanzmmrstcr wie folgt (liest): „Daß das Parlament durch diese Tat in erisiier Reihe -einen' Akt wahrer Humanität gegenüber Tausenden vollführe, die schon deswegen die vollste Berücksichtigung verdienen, weil sie als die Schiffbrüchigen im Weltmeere des kaufmännischen Verkehres zu betrachten sind (Zustimmung), die fast ausschließlich nach einem langen, hartnäckigen Kampfe mit unzähligen Schicksalsschlägen auf diese letzte Stufe des selbständigen Kaufmannes herabgesunken sind". (Sehr richtig!) „Indem man den Hausierern die vollste Berücksichtigung angedeihen läßt, kräftige man dieselben sowohl in moralischer wie in finanzieller Beziehung für Jahre hinaus, so daß sie sich nicht immer gezwungen sehen werden, von der Hand in den Mund zu leben. In zweiter Reihe liege es im volkswirtschaftlichen' Interesse, diese unermüdlichen, fleißigen uüd tüchtigen (mit Nachdruck) Kolporteure der Industrie möglichst zu unterstützen, denn diesen ri'chrigen Leuten ist es zu danken, daß die in unserem erfindungsreichen Jahrhunderte stets neu geschaffenen Artikel in überraschend kurzer Halts: „Juden in langen Kleidern ist der Eintritt verboten." So befindet sich denn ein großer Teil der polnischen Juden in einer Zwickmühle: Behalten sie den Kaftan an, werden sie von den Antisemiten insultiert und verspottet, logen sie aber den langen Nock ab, dann begegnen ihnen ihre eigenen Glaubensgenossen feindselig. Das Verschwinden des Kaftans bei den polnischen Juden ist nur noch eine Frage der Zeit, lieber kurz oder lang werden auch sie zur Einsicht gelangen, daß nicht das Kleid den Menschen macht. . . Bl—l. Die Juden in Rom. Stach einer offiziellen Statistik leben in N o m gegenwärtig rund 8000 Inden. Ihre Zahl Hat sich im letzten Jahrhundert nicht wesentlich geändert. Im Jahre 1832 bildeten sie 1,3 Prozent dev Gesamtbevölkernng, im Jahre 1862 stiegen sie kaum auf 1,6 Prozent, während sie im Jahre 1871 im ganzen 2 Prozent der Bevölkerung der italienischen Hauptstadt ausmachten. Dieses Verhältnis kann auch heute als zutreffend angenommen werden. Bertha Kalisch als englische Schauspielerin. Ans New Aork wird uns geschrieben: Die aus Rußland eingewanderte jüdische Schauspielerin Bertha K alis ch, lange Zeit der Liebling der Ostendjnden voll New Aork, entschloß sich, das jüdische Theater zu verlassen und im Englischen Theater tu der Achten Avenue ein Eugagelnent anznneh-men. Ihr erstes Auftreten auf dieser Bühne in der Titelrolle der „Fedvra" gestaltete sich zu einem um so sensationelleren Erfolge flir die begabte Künstlerin, als die englische Presse ihrem Debüt mit den stärksten Ausdrücken des Mißtrauens präludierte, indem sie erklärte, daß die „Jargon-Schauspielerin" es nie zu einer englischen Schauspielerin ,verde bringen können. Ein Verband jnngjltdtscher Schriftsteller in Amerika. Eine Anzahl junger aufstrebender Jargon-Schriftsteller hat sich in New York zu eillem Verbände vereinigt. Unter de»l Mttglie- Zeit so> allgemein verbreitet werden." (Zustimmung.) So denkt ein Brite, über die Frage, die gegenwärtig das österreichische Parlament beschäftigt; unser Parlament aber schickt sich heute an, drakonische, geradezu exorbitant hohe Strafen gegen die wirtschaftlich Schwächsten. zu beschließend Ich habe nicht die Absicht, die Beratung oder die Beschlußfassung über diese Vorlage zu verzögern. Ich bitte um gütige Beherzigung der von mir zitierten' Worte des englischen Staatsmannes. Ich glaube mm berechtigt zu sein, ilach diesen Ausführungen folgende Allträge zu stellen: Zunächst beantrage ich die Herstellung der Fassung des Herrenhauses, sohin im Eingänge zu Paragraph 18 statt „bis 600 Kr." — bis „300 Kr". Ferner beantrage ich für Paragraph 10 folgende Fassung: „Andere als die in dem Paragraphen 18 Erwähnten Uebertretungen des Gesetzes oder der auf Grund desselben erlassenen Vorschriften werden das erste Mal mit einem Verweste, das zweite Mal mit einer Geldstrafe bis 26 Kr. bestraft." Weiters beantrage ich die Eliminierung des zweiten Absatzes des Paragraphen 22. •. Alle diese Strafen, meine sehr verehrten Herren — ich wiederhole es — find so harter, so drakonischer Art, daß cs wirklich einer Volksvertretung nicht passend, nicht geziemend erscheint, gegenüber wirtschaftlich Schwachen derart strenge vorzugehen. Es kommt mir sv vor, als ob das hohe Abgeordnetenhaus förmlich mit Kanonen unter Spatzen schießen wollte, wenn es gegen derartig arme Teufel so empfindlich hohe Strafen verhängen wollte. Stimmen Sie für das Gesetz wie Sie wollen, aber in Ausübung des Strafrechtes mögen Sie Milde und Humanität walten lassen, wie es der wahre Berist der modernen Zeit, unseres Jahrhunderts ist. Mit diesem Appell schließe ich. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. ,— Redner wird beglückwünscht.) Die Wischen Arbeiter in Marsch««.*) Es ist nicht leicht, die geschichtliche Bedeutung zeitgenössischer Ereignisse abzuschätzen. Mit den Wirkungen als Maßstäb koinmt man *) Die Warschauer Vorgänge wurden schon in der vorigen Nummer von I. Kr. in überaus interessanter' Weise gewürdigt. Ich glaube aber, daß sie angesichts ihrer Wichtigkeit auch noch eine zweite Besprechung vertragen. M. St. dern befinden sich auch mehrere bekannte Namen von gutem Klange. Die UnzufriedenHeit mit den gegenwärtigen Zuständen tn dev Jargonliteratur, der Mißmut über die Rückständigkeit der Erzeugnisse Her älteren Literaten. Hat sie znsammengeführt. Das Losungswort für die Arbeiten dieser jungen jüdischen Schriftsteller ist die Reform und Purifizierung der bestehenden jüdischen Literatur in Amerika. Zur Förderung dieses Zweckes wird die Schaffung eines streng krttizistischen Musterorgans geplant, in welchem hauptsächlich, die Mitglieder der netten Richtung ihre -Arbeiten veröffentlichen sollen. Dieses Organ ist vorläufig als Wochenblatt ans genossenschaftlicher Basis gedacht. Die Gesellschaft nennt sich „Di jidifch Jugend" und dies soll auch der Titel ihres Organes sein, dessen, erste Ntlinrner demnächst erscheinen wird. Der Verband hielt jüngst in New Aork 'eine gut besuchte Versammlung ab, in welcher die Schriftsteller F. Rosenblatt, S. Dvlinsky, M. Zip in und M. Sarnnels v h n die llone Richtung, welche die Gesellschaft einzuschlagen gedenkt, kennzeichneten. Als Ludwig Düezy noch Jude war. Ludwig v. Düezy, der bekannte Publizist, Schriftsteller und Sektionsches i. P. hat sich bekanntlich nach feiner Pensionierung taufen laffett. Düezy gehörte auch zu dem geschätzten Mitarbeitevkreise, den der berühmte Ausgleichsminister Graf Julius A ndrass y um sich sammelte. Als Andvassy zum ersten-male mit Düezy an seiner Seite von der 'Eisenbahnstation! nach feinem Terebeser Schlosse fuhr, sah er viele polnische Juchen alt der Straße stehen. Staunen und Vevwmcherung lag ans ihren Gesichtern. Der Minister blickte fragend aus Düezy, doch dieser antwortete ruhig.: ,/Diese Inder» sind nicht darüber erstaunt, daß Ew. Exzellenz es soweit gebracht haben und Minister des Aeußern geworden sind, sondern darüber, daß ich, der Judenknabe, es dahin gebracht habe, daß ich mit einenv Grafel»- und Minister in der nämlichen Kalesche fahre." Wie nicht weit. Die augenblicklichen, unmittelbaren entscheiden nichts und die zukünftigen, mittelbaren lassen sich nicht mit Sicherheit voraussehen. Außerdem sind die großen Ereignisse selber mehr Wirkungen, Entwicklungsergebnisse, als Ursachen, Entwicklungsbedingungen. Aussichtsvoller ist die Schätzung nach dem Eindrücke, den die Ereignisse in den Seelen der Zeitgenossen Hervorrufen. Nur kommt es darauf an, welche Art von Eindruck am beachtenswertesten ist. Wer aus allgemeinem Jubel oder Trauer, Mitfreude oder Mitleid, Hoffnung oder Angst auf Größe eines Ereignisses schließen zu dürfen glaubt, irrt sicherlich. Vielmehr dürfte sich -das geschichtliche Ereignis dadurch verraten, -daß es die Zeitgenossen in einen Zustand scheuer Verwunderung und unbestimmten Ahnens unliebsamer Umwertungen versetzt und sie zu absoluter Würdigung zwingt. Das war auch die Art, wie die Welt die Vorgänge aufnahm, die sich letzthin in den verrufenen -Gaffen. Warschaus abspielteni. Angesichts dieser jüdischen Arbeiter, die, einem kräftigen Instinkte folgend, mit Revolvern und Messern hinauszogen, uin. den Schandfleck der Stadt und ihres Volkes zu tilgen, zugleich sich die schmutzigsten und gefährlichsten Feinde von: Halse zu schaffen —- schwieg alle Lujsij zu Aussetzungen und Ausstellungen, die kleineren relativen Geschehnissen gegenüber am Platze sein mögen. Man fand nicht Zeit, sich über das Unzeitgemäße scxualsittlicher Entrüstung aufzuhalten. Auch daran dachte man kaum, daß unter den Opfern der Warschauer Razzia manche gewesen sein mögen, die eher Erbarmen und Hilfe als Strafe und Tod verdient hätten. Und niemandem siel >es ein, den jüdischen Arbeitern das Richteramt zu bestreiten. Nichts von alledem. .Nichts als das Gefühl eines bedingungslosen Respektes. Und dann die beschämende Empfindung, keinen rechten Bescheid zu wissen, vor einem Ungeahnten-, Unbekannten sich beugen zu müssen! Man darf ruhig annehmen, 'daß sich selbst die Antisemiten diesem Eindruck nicht ganz zu entziehen vermochte!»-. Wenn auch ihre Zeitungsmenschen ihrer gewohnten, ebenso unsinnigen als niederträchtigen Methode, den Juden, allen Juden, jedem Juden nur unehrliche, unschöne Motive zu-znmuten, treu geblieben sind — fiel ganz ohne Erschütterung, ohne ein mürrisches Aufdämmern naher Möglichkeiten ging die Sache an ihnen nicht vorüber. Wer gelernt hat, die Grade frecher Erzwungenheit in ihren Aeußerungen zu unterscheiden, kann daran nicht zweifeln. Fast nicht geringer als die Unruhe und das Erstaunen der Antisemite!» sein mögen, ist die rat- und verständnislose Verblüffung der Westjuden, am rat- und verständnislosesten in jener erstaunt würden diese „polnischen J»rden" erst fein, wenn sie erfuhren, daß Düezy als Jude manche Ehren -einheimste und sich dann am Abende seines Lebens vom Glmlben seiner Väter abwendete l Preisa»tsschreib»»ng über Zionismus. Die theologische Fakultät der Universität Genua wählte als UuterrichtstHema die Frage: ,>Der Zionismus »»nd seine Aufgaben für die Gegenwart". Es geschieht zun» ersten Male, daß sich eine Universität mit dem Zionismus wissenschaftlich beschäftigt. Als beste Arbeit wurde von der Jury das Werk eines Christen unter den» Motto: „Kann »»»an das Lied -Gottes ans fremder Erde singen?" anerkannt. Der Antor kennt sehr gut alle Phasen der jüdischnationale!» Bewegnng. Er crörtert im allgemeinen die Anschauungen Achad- Haams und anderer nnd gelangt zürn Schlüsse, daß nur eine eigene Heimstätte irr 'Palästina die Lösun-g der Judenfrage bringen kan»». In der Sitzung des englischen Unterhauses richtete Mr. Wason an den Minister der Kolonien die Anfrage, ob die englische Regierung die Kosten der zionistischen Uganda-Expedition bestritten habe, ferner, ob sie die von dieser Kommissivn empfohlene -Expedition zur Pazifizierung des Nandy-Stammes auszurüsten gedenke und wer die Kosten dieser Expedition tragen solle. Der Minister erwiderte, weder zu wissen, wer die Koste»» der Expedition getragen habe, noch irgend welche Vorschläge der Kommission zu kennen.