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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Jüdisches Volksblatt Seite 3 bitte, trrcm darf doch nicht jemandem — und wenn er auch ein Hausierer ist — sofort und von vornherein eine böse Absicht oder Lumperei suggerieren! Und so lange wir keinen Anlaß dazu haben, dürfen!vir andere Leute nicht als Lumpen betrachten! (Zwischenrufe.) Sie haben ja so viele Au-sno-hmsbe!siimmu>ugeu zum! Nachteile der Unglücklichsten der Unglücklichen getroffen, daß es wirklich genug wäre! Sie verlangen zum Beispiel von deir Hausierern als Bedingung zum Antritte des Hausierhandels die vorgängige Bezahlung der allgemeinen Erwerbstener samt Zuschlägen. Ich frage Sie nun, meine Herren, welcher Berufsstand in Oesterreich oder iver immer zahlt seine Erwerbsteuer im vorhinein^ Sie madjierr ja dem Hausierer damit einen Erfolg seiner gegen die Besteuerung uirob deren Höhe einzubringenden geschlichen Rechtsmittel 'ganz illusorisch! Durch vorherige Bezahlung der Sterrer samt allen Zuschlägen, statuieren Sie gegenüber dem ärmsten Manne, der vielleicht kamn> das nlotwendige Geld hat, Um sich diesen kleinen Handel, die notwonidigsteni Waren anzuschaffen, der vielleicht dieses Gelb geliehen,, der sich ein Zugtier oder einen Hilfswärter akquiriert hat, ein schweres Unrecht. Der Mann muß nicht nur die Kosten der Anschaffung seiner Ware bezahlen, sondern er muß auch sofort die Erwerbstouer nebst allen Gemeinde- und sonstigen Zuschlägen — und diese Zuschläge sind bekanntlich bei uns so hoch, daß sie mls nahezu erschlagen — im vorhinein bezahlen, das alles muß der arme Hausierer leisten; während jeder andere Gewerbe- oder Handeltreibende, selbst der Großkapitalist, der reiche Mann, der Großgrundbesitzer diese Verpflichtung nicht hat. Dieser hat die Möglichkeit, längere Zeit, oft zwei bis drei Jahre, den Erfolg seiner Rechtsmittel abzuwarten, ehe er die Steuer bezahlt. '(Mg. Hauck: Er ist nicht seßhaft!) Ich bitte, mit dem Begriffe „seßhaft" wird doch, allzuviel Mißbrauch getrieben! Vielleicht bestimmen Sie noch eine Steuer auch für die Wanderlehrer, weil sie nicht an einem bestimmten, Orte Vorträge hallten, also, nicht seßhaft sind! Das Wort „seßhaft" zeigt eben die Richtrmg, daß man den. großen breiten. Volksmasfen das ihnen von Rechts wegen gebührende allgemeine und gleiche, politische Wahlrecht nicht «gilbt, weit man immer von, „fluktuierender Bevölkerung" spricht iv. dgl. (Zustimmung.) Ich gla>ube, meine Herren, daß man denn doch nickst die abweichenden Beschlüsse des Herrenhauses derart unachtsam, sobagatellmässig bchandeln sollte. Das Herrenhaus zählt denn doch eine große Anzahl hervorragender Männer und es geht nicht an, daß über diese in so schaurige Räubergeschichten über die Tätigkeit der Rothschilds aus. Interessant an» der acht Seiten starken Extraausgabe ist nur eine Stelle, die beweist, dich — wenn die von Drumont zitierte Quelle authentisch ist — schon im Jahre 1812 die Rothschilditis in, manchen, Köpfen Unheil gestiftet hat. „Ein Geschichtsforscher, der die Geschichte der Rothschilds studierte," erzählt Drumont, „stieß imi Nationalarchiv von Frankreich auf folgende Aktenstücke: „Ein Brief ist zu richten an das Kommissariat von, Mayenee mit der Aufforderung, über diese (Frankfurter) Rothschiild-Firma Jm smnu-atioueu, eiuzuholeu lind in Erfahrung zu bringen,, ob sie nicht am> Schlmiqgel beteiligt -war." Im Sinne dieser Aufforderung ging folgender, Brief an besagtes Kommissariat: „Wir wünschen Aufklärungen über das Frankfurter Rothschildhaus. Dcis Halipt dieser Familie soll Herr Rothschild fein, dessen zwei Söhne, die zur Firma gehören, haben sich in London bezichungsweise Dunkerque niedergelassen und betreiben, ebenfalls Handelsgeschäfte. Besonders ivülrschenslvert wäre, es, zu erfahren, lvelche politischeid Verbindungen die Firma, hat, zu luicin, sie im Ausland und innerhalb des Kaiserreiches in Handelsbeziehungen, steht, Ivelcher Art ihre Spekulationen sind und welcheir Anteil sie an dem von Frankfurt ausgegailgeueu Schurr lg g-el hat." verächtlicher Weise hinweggegangeir- und über sie derart wegwerfend abgenrteilt wird, wie es heute vormittags geschehen ist. Der Referent des Herrenhauses ist ein ganz hervorragender Mann nnd, es geht nicht an, einen Menschen von so hervorragender wissenschaftlicher Qualität und Tüchtigkeit von obenherab zu behandeln, als ob er von der ganzen Sache nichts verstünde. (Zwischenrufe. ), Ein sonst allgeniein gebildeter Mann ist immer in der Lage, sich mit einer solchen Frage vollkommen vertralkt zu machen. (Abg. Berger: Ob er aber das richtige Urteil hat? — Zwischenrufe.) Wenn wir die Achtung und Respektierung unserer Anschauungen verlangen, müssen wir den Anschauungen einer anderen gesetzgebenden Körperschaft mit derselben Achtung begegnen. Uebrigens weiß ich nicht, ob das Abgeordnetenhaus so sehr darauf pochen darf, der wahre Arnsdruck der Volksmeinung 51t sein. (Abg. Dr. Pommer: Aber das Herrenhaus wird es sein?) Pardon, das habe ich nicht behauptet, das behaupten Sie vielleicht, Herr Professor, mit Ihrer Schopenhauerischien Gelehrsamkeit! (Heiterkeit. — Zwischenruf des Abg. Dr. Pommer.) So lange wird dieses Hans nicht der ' wahre Volksrepräsentant sein, so lange nicht das Volk selbst auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes' seine Vertreter hierher entsendet haben wird! Sie stehen mit Ihrem Antisemitismus auf, legen sich mit ihm schlafen, Sie werden nicht klüger, Herr Professor. (Heiterkeit. — Abg. Dr. Pommer: Schopenhauer ist Ihnen eben unangenehm, weil er Antisemit war!) Mir absolut nicht. (Zwischenruf: Bukowina! ) Wir vertragen uns sehr gut in unserem! Lande, alle Nationalitäten, alle Volksstänrme, alle Konfessionen, alle Stände. (Zwischenrrrf: Das ist in Galizien!) Pardon, das ist in der Bukowina,' und wir sind trotz der Verschiedenheit der Nationalitäten ein deutsch verwaltetes Land, haben eine deutsche Hochschule und bei uns sind derartige bedauerliche Auswüchse (zu Dr. Pommer gewendet:) Gott sei dank nicht zu Hause und werden hoffentlich auch in absehbarer Zeit gewiß nicht Vorkommen. (Heiterkeit. — Abg. Dr. Pommer: Weil dort die Juden das Heft in Händen haben!) Und es -herrscht Friede. Ihre geographischen und ethnographischen Kenntnisse scheinen übrigens sehr gering zu sein! (Abgeordneter Dr. Pommer: Ein Adeliger, dessen Name mir entfallen ist, hatte dort ein großes Gut, auf welchem eine Kapelle stand. Auf der Spitze dieser Kapelle befand sich ein Kreuz und bei Sonnenschein fiel der Schatten dieses Kreuzes auf die Synagoge (Heiterkeit!. Die Inden haben den Gutsbesitzer mut solange boykottiert, bis er das Kreuz herunternehmen mußte! lHerterkert.j) Die Weistmgen wurden im Jahre 1812, also, zur Zeit der Gründung des Pariser Hauses, ausgogeben und, wie Drumont behauptet, habe sich der Polizeikommissäv von Mcchence, Hubert, sehr abfällig über die Rothschilds geäußert. An einer Stelle diefes Aniwortschreibens soll es wörtlich heißen: „Was die politischen Dispositionen Rothschilds betrifft, so sind diese nicht 'die besten'. Die Franzosenmag er überhaupt nicht, sosehr er auch seine Anhänglichkeit zur französischen Regierung, zur Schau, trägt. Rothschild unterhält Handelsbezieh-rmgen in- Amsterdam, mit den Handelshäusern Jsak Charme Junger und B r a u, e nb e r g u. C 0 mp. Der letztere ist der Schwager des Mayeneer Moritz B v t h in a n n und steht mit den Bankhäusern David G 0 l d s ch m i e d, Kalman- L e b, -K! a i s e r, B e ch n e r, K e r t e l und K r e tz i ug e r u. C 0 ur P. sowie mit dein Drogisten F r i e d e l in Verbindrur'g. Behufs Beschaffung weiterer Daten lväre m e h r Zeit und G e l d, notlverrdig." Also schon, zu, Beginn, des vorigen, Jahrhunderts lvar die Rothschilditis für den qesunden Meuscheuverstaud eine Gefahr und ein beliebtes Korruptiousmitiel. Der „Alte Baron" ist heiurgegaugeu zu seinen Vätern. Noch in bete letzten- Monaten wurde sein, Name mit den Ereignissen in Rußland in Zusammenhang gebracht. Man verbreitete das Gerücht, daß Rothschild mir unter der Bedingung sich, an der russischen Anleihe beteiligen will, wenn den Juden Rußlands volle Wer hat Ihnen denn diese Märe aufgebunden? (Abgeordneter Dr. Pommer: Das erzählte mir Professor Mayer!) Welcher Mayer? Präsident: Ich bitte doch keine Dialoge zu führen. Abgeordneter Dr. Strauchen Ich bitte, Exzellenz, mich geniert das gar nicht. (Heiterkeit.) Ich unterhalte mich sehr gerne mit Herrn Professor Pommer. Man mutz ja auch zeigen, daß ein Professor nicht alles versteht. (Heiterkeit. — Abgeordneter Dr. Pommer: Sie verstehen es!) Die Frage, iiber -die ich spreche, verstehe ich ganz gut und beherrsche sie vollkommen. Zum mindesten bin ich über die Bukowina besser -und gründlicher orientiert als Sie .Herr Professor Pommer. (Pause.) P r ä s i ö e n t: Ist der Herr Redner zu Ende? (Rufe: O nein!) Abgeordneter Dr. Strauchen Ich erlaube mir nur eine kleine Pause zu meiner physischen Erholung. (Heiterkeit. — Abgeordneter -Stein: Sie reden bet einem recht großen Zuhörerkreis!) So ist es, Herr Kollege, ich bin auch ein sehr aufmerksamer Zuhörer der Redenihrer Partei,' auch habe ich rnich besonders delektiert an der freiheitlichen Rede ihres Kollegen, Abgeordneten Berger! Meine Herren! Gestatten Sie mir fortzufahren! Paragraph 20 steht wohl nicht in Verhandlung; ich will Ihnen über an diesem Paragraphen zeigen, welches schwere Unrecht gegen die ärmsten Hausierer verübt 'wird, ein Unrecht, das Sie bei aufmerksamer Lektüre dieses Para-? -graphen werden wahrnehm-en müssen. Es heißt lier (liest): „Im Falle der Unembringstchikeit der in den Paragraphen 18 und 19 bezeichneten Geldstrafen tritt die Umwandlung derselben in Arreststrafen ein, wobei 10 K. für einer: Tag zu rechnen sind." Diese Bestimmung ist gerade ein- Umkunt in unserer ganzen Gesetzgebung, denn sie bedeutet nur eine Strafe für die Armut! Wenn ein Hausierer nicht in der Lage ist, die ihm diktierte Strafe zu, leisten, muß er dafür im Arreste knurren, und brummen undseine Familie kann darben und betteln gehen. (Mg. Stein: Es ist nicht so arg. Schaum Sie den Grafen Sternberg an, der muß 1000 Kr. zahlen!)' Aber Herr Kollege, wenn, ein armer Hausierer nicht imstande ist, eine relativ geringe Geldstrafe zu zahlen und deshalb in den Arrest wandern muß, so besteht gewiß kein Anlaß, -darüber Witze zu machen. In einemsolchen Falle wird nicht allein der Harrsierer, sondern seine ganze unschuldige Familie gestraft! Sehen Sie das nicht ein? Noch krasser und ungerechter sind die Bestimmungen des Paragraphen 21. Da heißt es, daß Bestrafung wegen, Uckertretungen dieser Hausiervorschriften. durchaus nicht den Missetäter von der sonstigen Amtshandlung wegen Uckertrctung des Gefälls- oder allgemeinen Strafgesetzes und der -Steuergesetze befreit. Es kann Vorkommen, daß ein Hausierer als Stras- Freiheit zugesichert wird,. Das Gerücht bewahrheitete sich nicht. Es war auch! da, der gerechte Wunsch der Vater des Gedankens. Es war nur die neueste, -die modernste Formder Rothschilditis. Rußland erhielt die Anleihe, Rothschild hat mitgeta-n. Nun ist er tot, der „Alte Baron-", er -hat noch S chi t 0 m i r miterlckt. Friede über ihn und Friede über Israel! Jakob Krausz. Huntes Feuilleton. Der Kaftan. In Warschau hat sich ein Komitee ans angesehenen Persönlichkeiten gebildet, welche es sich zur Aufgabe gestellt haben, bei den polnischen Juden dahin zu wirken, daß die>se den Kaftan ableg-en und die allgemeine europäische Tracht adoptieren. Das -Komitee hat sich an verschiedene Jndengemeinden Galiziens und Russisch- Polens mit der Bitte gewendet, zu dieser Frage Stellung zu nehmen. Der Kaftan, der bei uns allgenrein als Tracht des polnischen Inden gilt, ist eigentlich ein Nativualkleid des polnischen Volkes. Als die Juden unter Kasimir dem Großen in Poleneinwnnderten, legten auch sie den langen Rock an und hielten an ihm im Laufe der Jahrhunderte fest. Sv kam es, daß der Kaftan auch zur Nationaltracht des polnischen Juden wurde. Die extremen Cliassidim betrachten heute den Kaftan als das vom jüdischen Glauben vorgeschriebene Kleid und verdammen jeden, der den langen Rock abwirft, als Ketzer. Sie kalkulieren ganz unrichtig, daß, „wenn der Kaftan fällt", auch der Glaube vernachlässigt wird. Gegenwärtig bringt der Kaftan dem, polnischen Inden viele Unannelimlichkeiterk. Er kann sich im geschäftlichen Verkehre und ans Steifen nicht frei bewegen. In Nnssi-sch-Polen z. B. befinden sich vor den öffentlichen Lokalen der größeren Städte Anfschristen solgendell In-

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