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Jüdisches Volksblatt · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. SS arbeit erst Zeit und Lust zum Lesen, Schreiben, rc. haben, um zur Bildung sich emporzuarbeiten und einer: aitDcieu Beruf überhaupt wählen zu können. Der Städter in der alten Heimat, unverhältnismäßig höher gebildet im allgemeinen Wissen als der Landarbeiter, stehr als Handwerker, Händler, Schreiber, rc. in einer höheren Schichtung, so das; er nur aus Not zur Landarbeit greift und immer den Anreiz fühlt, zu seiner alten Schichtung zurückzukehren und die Landarbeit, im Momente wo der Notzwang entfällt, zu verlassen. Uebrigens beklagt der amerikanische Einwanderungsinspektor M a r k u s Braun (siehe „Neue freie Presse" vom 10.Mai 1 *05) auch Det den Italienern und Slawen, das; „sie die Tendenz zeigen, in den ohnehin übererfüllten großen Städten und Industrie- und Montangebieten sich niederzulassen", also dem Landbau auszuweichen versuchen. Von der höhergebildeten, aber numerisch schwachen und sich in der Landarbeit wenig betätigenden t sch echischen Auswanderungsgruppe absehend, stehen die Slawen dem osteuropäischen Juden (Rußlands rc.) an Bildung weit nach. Der Durchschnitt der Slawen, (Bosnier, Herzegowzen, slawischen Dalmatier, Kroaten und Slowenen, Slowaken, Polen, Ruthenen und Russen) zeigt ein Unbildungsprozent von 40'/während der Jude nur 23"/.. anfweist. Aehulich verhält es sich mit der Berufsart dieser Einwanderer. Die Landarbeiter werden in den offiziellen Ausweisen eingeteilt in Farmarbeiter und gemeine Arbeiter gegenüber den spezialisiert allgeführten Handwerken, Kunstgewerben und liberalen Berufen als den höhersiebenden. Wenn man zum Beispiel den Ruthenen ben Juden gegenüberstellt, so findet mall im Jahre 1903 folgende Berufe: Beim R n l h e il e il: 1 Geistlicher, 1 Ingenieur, 2 Musiker, 1 Lehrer, 6 liberale Berufe, 18 Schwarzschnriede, 3 Fleischer, 25 Zimmerleute, 4 Schreiber, 4 Eisenarbeiter, 7 Schlosser, 2 Seeleute, 6 Maurer, 2 Mechaniker, 1 Müller, 14 Bergleute, 1 Anstreicher, 1 Drucker, 4Kleidermacher, 28 Schuster, 1 Steinschlleider, 26 Schneider, 1 Zinner, 1 Tabatarbeiter, 2 Spinller, 3 Radrnacher rc. 165 gelernte Handarbeiter, 11 Farmer, 593 F a r m arbeiter, 6758 gemeine Arbeiter, 6 Kaufleute, 1405 Dieller, zusamnlen 8768, ohne Beschästigullg (iubegrifferl Weiber rc.) 904 unter 9843 Eiugewanderte im Jahre 1903. Beim Juden: 16 Schaltspieler, 27 Geistliche, Herausgeber, 81 Ingenieure, 2 Juristen, 108 Musiker, 9 Mediziner, 31 Bildhauer rc., 147 Lehrer ulld 74 diverse liberale Berufe), zusamnlen 499 liberale Berufe; 937 Bäcker. 266 Haarmacher, 695 Schwarzschmiede, 14 Brauer, 743 Fleischer, 2600 Zimmert eule, 1060 Schreiber, Kommis, 23 Graveure, 19 Gärtiler, 22 Eisenarbeiter, 193 Edelnletallarbeiter, 691 Schlosser, 166 Maschinisten, 13 Seelente, 153 Maurer, 259 Mechaniker, 85 Müller, 13 Bergarbeiter, 113! Maler rc., 5 Pflasterer, 39 Bleiarbeiter, 154 Drllcker, 206 Sattler re., 3315 Näher, 1614 Schuster, 21 Steinschneider, 9233 Schneider, 49 Gerber, 121 Zinner und Spängler, 346 Tabakarbeiter, 333 Uhrmacher, 287 Spinner, 31 Radnlacher, 12«0 nicht spezifizierte Handwerke, zusammen 27.071 gelernte Handarbeiter; 6 Agenten, 1 Wechsler, 46 Farmer, 334 Farmarbeiter, 20 Gastwirte, 6664 gemeine Arbeiter, 2361 Kaufleute und Händler, 7039 Diener, 1008 diverse Berufe, zusanlmen 17.484. ohne Beruf (inklusive Weiber llnd Kinder) 31.152 unter 76.203 Gesamteingewauderten im Jahre 1903. Während also der ruthenische Einwallderer zllsolge mangelhafter allgenleiner Bildlmg, zllsolge Ausbildnng als geschulter Halldwerker und zufolge feiner bisherigen Beschäftigung als genleiner Arbeiter oder Landarbeiter sich im Einwanderungsstaate zumeist seinem bisherigeil Berufe zlliveildet ulld barin Befriedigung findet, wendet der Jude infolge höherer allgenieiner Bilduirg, höherer Ausbildung in geschlllteil Handiverken sich der Landarbeit nur notgedrungen zu und strebt llach seinen! frühereil respektive ei nein höhereil Berllfe. Beim Deutschen liegt dasselbe Verhältnis teils günstiger, teils ungünstiger. Im Jahre 1903 gehörteil von 71.682 eiugewauderten Deutschell (gegen 76.203 Juden) 1075 liberaleil Berufeil an (gegen 499 Judeil). Dagegen waren llur 14.459 geschulte Haudiverker (gegen 27.077 Judeil) unb gemeine Arbeiten 13.470 (gegen 6664 Juden). Hinwiederunl 1791 Farmer uild 4489 Farnlarbeiter (gegen 46 ulld 334). Wir sehell, der Jude ist den: deutschelr Auswanderer im gelernten Handwerke weit überlegen und auch darin, daß es unter den Judeil lveniger gemeine (ungeschulte) Arbeiter gibt. Der hochintelligente Deutsche iveist aber mehr Allgehörige der liberaleil Berufe aus und nlehr gelernte Farmarbeiter. Größere jüdische landwirtschaftliche Einwaudererkolonieu allßerhalb Europas gibt es ilur in Argentinien und Palästina. Die argentinischen Kolouieil sind Clara wld L u c i e n v i l l e in der Provinz Entre Rios, Santa Fö nordlvestlich der gleichnamigen Stadt und Maurizio ivestlich von Buenos Ayres. Diese Koloilien nehmen einen Flächenraum von 360.000 Hektar ein, ivovon etlvas über 200.000 Hektar kolonisiert sind. Darauf sind zirka 1400 Familien mit 7700 Personen angesiedelt. Die älteren Kolonisten stammen durchaus aus Rllßland, die jüngeren auch aus Ruinänien; die Mehrzahl aber aus Rußland. An Vieh besitzen die Kolonien zirka 53.000 Stück Rinder, 13.000 Pferde, 3500 Schafe. Der vorzitierte Staatsrat Krjukow erklärt, daß die Fahrt durch bte Kolonien auf ihn ben angenehmsten Eindruck gemacht und er bei den jüdischen Kolonisten ein richtiges, l a il d iv i r t s ch a f t l i ch e s Leben gefunden habe, indem unter den Kolonisten nicht lvenige sich als gute, energische Landlvirte bewährten, die in Rußland kleine Krämer und städtische Handwerker ivaren. Trotz dieses für die jüdischen Kolonisten in Argentinien schmeichelhaften Urteils und trotz des damit gelieferten Nachweises, daß die Jllden einer Renaissance des Ackerbaues fähig sind, läßt sich für die Frage der Kolonisation aus den argentinischen Judenkolonien ein unzweifelhafter Schluß nicht ziehen. Denn in Argentinien erhielt jeder (jüdische) Kolonist Land, Gebäude und Inventar vorweg. Der Kolonist erhielt sogar das fertige Halls (8X4 Meter im Umfange mit drei Fenstern und zwei Zimmern) aus Ziegelstein mit Blecheisen gedeckt unl zirka K 1000, eine teilweise (25 Hektar) umfriedete Fläche, lebendes und totes Inventar; anfänglich wohl nur 50 Hektar Land, später mehr (durchschnittlich pro Familie 8 Arbeitsochsen, 12 Kühe, 4 Pferde, 1 Wagen, 2 Pflüge, 1 Egge re.). Das sind zwar sehr wichtige und segensreiche Musterkülouien oder Kolonieschulen, aber keine Koloniell in der Weise, lvie sie die Italiener und Polen in Argentinien gründeten und wie sich eine jede größere Kolonisation anfänglich einrichten muß. Tenn ivenn die mit 5°/« verzinsliche, in 20 Jahren abzahlbare ' Gesamtschuld des jüdischen Kolonisten in Argentinien 7000 Pesos (4000 fürs Land, 3000 für Inventar re.) durchschnittlich, also zirka 14.500 K oder bei 1400 Kolonistenfamilien 20,300.000 K allsmacht, so würde eine hallnvegs größere Kolonisation in diesen! Stile ein Kapital erheischen, das selbst die größte Opferwilligkeit der jüdischen Volksgenossen schwerlich aufzubringen in der Lage wäre. Und lvas sehen mir bei den jüdischen Kolonien in Argentinien? Die für den Einwanderungsstaat lvillkonunene, für die Erhaltimg der jüdischen Nationalität und des mosaischen Glaubens aber sehr gefährliche A s s i nl i l a t i o n s f ä h i g k e i t der Juden. Das junge Kolouisteugeschlecht, das schon die Schule durchgemacht hat, spricht spanisch und in Lebensweise, Manieren, Gebräuchen, ja sogar in der bekannten argentinischen Nonchalance folgt es bem Argentinier. Mit der Zeit lverden aus ihnenKolonien von Argentiniern „mosaischerKonfession" und im Wege der Assimilation, Entnationalisierung und Taufe später „Argentinier" sans plirase. Wie wichtig also auch als Musterkolvniell oder Kolonialschulen die argeutiuischen Kolonien sein mögerl in Hinsicht ' einer Großkolonifation lassen sie keinen genügenden Schluß zu und vom Standpunkt der Erhaltung und Pflege der jüdischen Nationalität sind sie von geringeren! Werte. Beieiner Kolonisation in Uganda oder A u st r a l i e n oder dergleichen ließen sich manche Mängel der argentinischen Kolonisation vermeiden, hauptsächlich die Gefahr der E n t n a t i o n a l i s i e r u ng, da dortselbst der Jude bloß mit Negern in Kontakt käme. Die dort aber noch viel inehr als in Argentinien notwendige Abgeschiedenheit und Entfernllng von Kulturzentren, die notwendige Entfernung der einzelnen Kolonien und Kolonisten re. siele aberden jüdischen Ugandakolonisten noch schwerer als dem argentinischen, so daß eine Abivanderung gerade in der ersten Zeit zu befürchten wäre, wie sie ja allch in Argentinien stattfand, namentlich wenn Mißernte oder Mißerfolg in der Viehzucht eintreten sollte. Ein Versuch der Verbindung einer Ackerbaukolonisation mit einer Jndnstriekolonisation, was eine engere Ansiedlung zllließe, dürfte aber wiederum gefährlich lverden durch das Abströmen der Landarbeiter in die Judustrieetablissements. Denn wenn zu hoffen ist, daß mau den jüdischen Kolonisten in Palästina, Erez Israel, beim Ackerbau erhält, da die jüdische Religion den L a n d b a u in Palästina besonders gebietet, so ist lvenig Hoffnung vorhanden, ihn dortbeim Ackerbau zu erhalten, wo das hohe moralische Moment, das Bebauen des „Landes seiner Väter" und seiner „Heimat", entfällt und nichts als volkswirtschaftliche Grundsätze noch dazu bestrittenen Wertes übrig bleiben. Hiermit ist auch das Charakteristikon der jüdischen Kolonien in Palästina gegeben. Der Jude, der in Palästina beim Üandbau ausharrt, selbst bei Mißernte, Bedrängnis und Unbill, wird außerhalb Palästinas leicht vom Landbau sich abwenden. Der Landbau ist in Palästina heilig. Und ivie der anständige Jude seines Glaubens willells Verfolgung und Not selbst dort erduldet, wo er sich akklimatisiert hat, z. B. in Deutschlaild und Oesterreich, obgleich er weiß, daß die Taufe ihn sofort nicht bloß von aller Verfolgung befreit, sondern ihn die höchsten sozialen Stufen erreichen läßt, (lvie zilm Beispiel den ge tau ft eil Doktor U u g e r den Posten eines Reichsgerichtspräsideuten, Dr. S t e i u b a ch eines Obersten Gerichtshofspräsideuteu, Dr. Glaser eines Justiznlinisters, Dr. Wiesner eines Universitätsrektors, Professor König Rektors der Technik rc. Anmerkung der Redaktion), so erduldet der Jude in Palästina die Kümmernisse eines Ackerbaukolouisten zumeist nur unl des Glaubens lvilleu. Und diese Gesichtspunkte sind die wichtigsten für die jüdische Kolonisation von! zionistischen Standpunkte. In Palästina und seinen Nachbarländern, wo der Jude feine im Glauben verheißene Heiluat erblickt, lvird er zum Lalldbau sich bereitsilldeu und in demselben, selbst bei Mühsal llnd Künnnerllisseu, so lauge als vlöglich verharren. In Ländern mit sprachähulicher Bevölkerung, also sowohl englischdeutsch als arabisch-arainäilisch, ist seine Ausiedluug leichter durchführbar, als in ganz fremden Ländern zunl Beispiel Südamerikas rc. Die Auskehlung soll lvo rnöglich Konzentration?'punkte sozialer uild religiöser Natur haben und von Einzelansiedluug so viel als tunlich absehen, also zunlindest lvie in Argentinien, die Ansiedlung in Gruppen von vier Höfen (vier Fainilien) durchführen. Die Landbauansiedlung soll tunlich in außereuropäischen Musterkolonien oder europäischen Kolonieschulen vorbereitet lverden. Ohne Vorschulung ist von der heutigen jüdischen Ghettobevölkerung llicht zu erhoffen, das; sie den Aufgaben des Landbaues und seinen Beschlvernissen jederzeit gewachsen sein lverde. Da die Vorschulung längere Zeit erfordert, so ist bei einer früher eiusetzeudeu Auslvauderuugsbelvegilug auch au eine Judustrieausiedluug zu denken, welche das Gros der ungeschulten Auswanderer aufnehmen kann. Es sind jedoch Einrichtungen zll treffen, welche ben Anschluß au den Lcmdbau gestatten, dessen Inangriffnahme durch

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