Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2432763-2433077-2433099--3013-2436930
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Auswanderung und Kolonisation. Beilage zu Nr. 22 des „Jüdisches Volksblatt". Der Jude als Auswanderer und Ansiedler. Vom Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Ernst Franz Weist, I. Vizepräsident der Oesterreichisch-ungarischen Kolonialgescllschaft in Wien. Bei jeder Kolonisation konnnen zwei Hauptfaktoren tu Betracht: das Bcsiedlungsobjekt und das Besiedlungssubjekt. Ein Faktor beeinflußt beit anderen, fo daß mir eine vollständige Unzulänglichkeit des einen oder des anderen die Kolonisation ausschließt und eine besondere Anpassungsfähigkeit und Möglichkeit sie überaus fördert. Mit Recht sagt man, daß ihrerzeit nur die Buren die Transvaal- Republiken kolonisieren konnten, nämlich die Buren mit ihren Sondervorzügen und Sonderfehlern. Jawohl, auch mit Sonders e h l e r n! Denn das, was in normalen Zeitläuften einem Volksstamme als Fehler angerechnet werden kann oder muß, bildet unter den abnormalen Verhältnissen einer Kolonisation einen Vorzug und umgekehrt. Die Kolonisation löst eben andere Werte aus als das Normalleben. Und während der Boden oder das Wirtschaftsleben im Kolonisationslande vom Emigranten bearbeitet und umformt wird, wird gleichzeitig der Immigrant vom neuen Boden, vom Wirtschaftsleben bearbeitet, umformt. Daraus folgt aber, daß bei allenKolonisationsarten und Kolonisationsländern und -Völkern im vorhinein ein sicherer Schluß auf das Gelingen der Kolonisation zwar nicht gezogen werden und die Wahrscheinlichkeitsrechnung empirischer Behelfe über die Wechselwirkung zwischen Ansiedlungsobjekt und -Subjekt nicht entraten kann, aber gewisse hervorstechende Eigenschaften des Bodens und des Ansiedlers für oder gegen die Besiedelbarkeit sprechen werden. Statt längerer Auseinandersetzungen folge hier ein konkretes Beispiel. Man hielt in Nordamerika den R u t h e n e n bisher für einen wenig erwünschten oder geradezu unerwünschten Einwanderer und bezeichnete den Deutschen als den „erwünschten" Einwanderer par excellence. Das ist auch im Momente der Einwanderung richtig. Unrichtig aber nach der Beeinflussung des Eingewanderten durch den neuen Boden . und das neue Wirtschaftsleben. Die vom Einwanderungsamte der nordamerikanischen Union diesfalls gesammelten Daten zeigen die auffallende Erscheinung, daß der heutige Deutsche einer der s ch l echt e st e n Kolonisten ist unter den europäischen Völkern. (Unter den Begriff „Kolonist" fällt hier nicht ein Angehöriger kommerzieller und liberaler Berufe und desgleichen kommen die Kolonisationen in Pennfylvanien und Südbrastlien, als in der Hauptsache schon weit zurückliegend, nicht mehr in Berücksichtigung.) Und dabei ist zu beachten, daß diesfalls nur die Ansiedlung des Deutschen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika in Betracht gezogen wurde, also ein Jmmigrationsgebiet, das nach Klima, BewirtschaftungSart und Kulturstufe dem deutschen Auswanderungsstaate nahesteht, und daß in der Sprache und Rasse eine Stammverwandtschaft zwischen Angloamerikanern und Deutschen besteht. Untzünstiger noch muß sich die Kolonisationskapazität des Deutschen in Jmmigrationsländern erweisen, welche durch Klima, Wirtschaftsart, Bevölkerungsrasse und Hauptsprache sich wesentlich von Deutschland unterscheiden, zum Beispiel in den Zentral- und südamerikanischen Staaten. So zum Beispiel ist der Versuch der Kolonisation (wohl zu unterscheiden von kommerzieller oder wirtschaftlicher Betätigung oder gar Oberleitung) der Deutschen in Mexiko mißlungen und die in Brasilien mit Ausschluß Südbrasiliens, trotz Unterstützung hier und drüben, nicht sonderlich fortgeschritten. Ganz entgegengeseßt verhält es sich mit dem R u t h e n e n. Dieser ist, infolge tiefstehender Bildung, unzureichenden Vermögens, eher schwächlichen Körperbaues, Unkenntnis der Sprache des Jmmigrationsstaates, bei Betreten des Einwanderungslandes ein unerwünschter Einwanderer k;rt exochen. Und nach vollzogener Besiedlung wird eben dieser Ruthene der beste Kolonist, den: nur noch der D a l m a t ine r zur Seite gestellt werden kann. Die statistischen Daten der nordamerikanischen Union sprechen diesfalls eine überzeugende Sprache. Hier nur den Deutschen, Ruthenen und Juden in Betracht ziehend und das Jahr 1903/04, erhält man folgende Daten: Ter Deuts che (aus Deutschland, Oesterreich und Schweiz) wies aus: An Vermögen pro Kopf des Auswanderers K 242, an Unbildung 4%, an Krankenprozent %; der Ruthene an Vermögen pro Kopf!( 54, an Unbildung 59%(0f an Krankenprozent %; der Jude an Vermögen pro Kopf K 75, an Unbildung 23°/0, an Krankenprozent %. Man sieht, zwischen den: „erwünschten" Auswanderer deutschen Stammes, dem „unerwünschten" ruthenischen Stammes steht fast in der Mitte der Auswanderer jüdischen Stammes. Der Jude aus Rußland, Rumänien und Oesterreich-Ungarn (jargonsprechende, osteuropäische Jude) ragt nach keiner Richtung hervor. Er ist der Durchschnitt der Einwanderungsvölker. Da aber der Einwanderungsstaat sowohl das übermächtige „Ueberwiegen" eines Volksstammes gegenüber den anderen und insbesondere gegenüber der bereits seßhaften Bevölkerung als auch die „Kulturstufe" eines Volksstammes aus politischsozialen Gründen nicht wünschen kann, ist der jüdische Auswanderer wegen seiner Durchschnittsqualität ein brauchbarer Einwanderer. Nach der als Probezeit zu betrachtenden fünfjährigen Ansiedlungsperiode (zum Beispiel also von 1899 bis 1903) findet man in der nordamerikanischen Union bei den vorstehend betrachteten Völkern folgende Daten: Deutsche begingen 587 schwere Kriminalfälle, davon 92 Morde, 21 Mordversuche und 706 leichtere Kriminalfälle, waren in 5041 Fällen auf öffentliche Krankenpflege und 2716 auf öffentliche Unterstützung angewiesen, wiesen also 9050 Fälle der Minderwertigkeit auf, was (zum Einwanderungsprozente) 20% Minderwertigkeit bedeutet. (Die tiefste Stufe von 27% nimmt der Jude ein.) Ruthenen begingen 0% schwere Kriminalfälle, 0% Mord, 0%Mordversuches!), 2 leichtere Kriminalfälle, erlitten 6 Krankheits- und 12 Unterstützungsfälle, zusammen 26 Minderwertigkeiten, zeigen also bloß 4/io°/o(!) Minderwertigkeit (gegenüber ihrer relativ auch geringen Zahl). Juden begingen 170 schwere Kriminalsälle, davon 3 Morde, 9 Mordversuche, erfuhren in 733 Krankheits- und 1271 Armutsfällen Unterstützung, wiesen also 2765 Minderwertigkeitsfälle oder 6% Minderwertigkeit auf. Der Jude, als A u s w a n d e r e r mittelgut, wird als Angesiedelter entschieden gut, indem er ins erste Viertel der guten Besiedlet eingereiht werden muß. Dieser Umstand erklärt es, warum das nordamerikanische Einwanderungsamt, trotz aller Versuche. Außenstehender, gegen die jüdische Emigration nichts unternahm. Das nordamerikanische Einwanderungsamt ist die beste Institution dieser Art, indem sie sich ausschließlich auf den Boden der Statist i k stellt. Das Amt in W a s h i n g t o n ist von Judenfreundschaft ebensoweit entfernt als von Judenfeindschaft. Es ist bloß gerecht. Da der Jude laut Statistik als Auswanderer mittelgut und als Besiedlet entschieden „gut" sich qualifiziert, so findet er um so eher Aufnahme, als sein Jargon, seine übrige Anpassungsfähigkeit und die Lieblosigkeit seines alten Stiefvaterlandes ihn leichter das Stiefvaterland vergessen läßt, ihn akklimatisiert und zu einem anhänglichen und gehorsamen Bürger der zu einem Jnduftriestaate sich rüstenden großen Republik macht, was hinsichtlich der durch Sprache und schöne Erinnerung an ihre teure Heimat im Festhalten an ihrer Nationalität beharrlicheren Slawen und Italienern nicht so der Fall ist, obwohl der Slawe entschieden ein besserer Kolonist und der Italiener zwar in nwralisch-sozialer Beziehung ein bedeutend schlechterer, in technisch-wirtschaftlicher Beziehung aber ein besserer Ansiedler ist als der Jude. Dazu kommt noch, wie der General- Einwanderungskommissär FrankCargent in seinem Berichte hervorhebt, daß manche Regierungen (z. B. in Italien) einen dauernden Einfluß auf die Ausgewanderten zu gewinnen suchen, um ihre Akklimatisierung espektive Amerikanisierung zu erschweren. Selbstredend zeigen ähnliche Verhältnisse ähnliche Resultate z. B. in K a n a d a, K a pk o l o n i e rc. Es entsteht nun die Frage, wie stellt sich die Sache in Ländern mit vollständig sprachfremder ländlicher Bevölkerung bei Mangel oder Geringfügigkeit einer Industrie und eines Handels mit Gewerbeerzeugnissen? Für Slawen und Italiener ist die Antwort leicht zu geben. Die Slawen sind in ackerbautreibenden Ländern die Kolonisten par excellence. Die Italiener in Ländern sowohl in Ackerbau allein als auch in Bergwerk betreibenden Ländern vorzügliche Kolonisten. Nicht so einfach ist die Frage bezüglich der Juden. Ein Versuch in größerem Maße ist eigentlich nur in Rußland und Argentinien gemacht worden. Die jüdischen Ackerbaukolonien in Rußland, die im wesentlichen als günstig bezeichnet werden müssen, können aber infolge der spezifisch russischen Zustände, die das Resultat pro und contra beeinflussen, z. B. günstig durch die Kenntnis der russischen Sprache und Verhältnisse, ungünstig durch die Beschränkung hinsichtlich des weiteren Ländereierwerbes, günstig durch die Bewahrung der Nationalität, ungünstig durch die Ausnahmsgesetzgebung, nicht so recht zur eigentlichen Entfaltung kommen.DerBericht, den derrussischeStaatsrat N. Krjukow, welcher im Aufträge des Petersburger Ackerbauministeriums das Kolonisationswesen in Amerika studierte, über die jüdischen Ackerbaukolonien in Argentinien erstattete, gipfelt darin, daß bei einer gewissen Organisation und bei einer gewissen Vorausgebuug der Mittel die jüdische Bevölkerung der russischen Städte und Städtchen in Landwirte umgewandlt werden könne. Das ist gewiß sehr beachtenswert. Aber nicht minder beachtenswert ist es, daß Krjukow berichtet, es sei ihm in den argentinischen Judenkolonien bedeutet worden, der eingewanderte Jude fühle sich dort doch nicht glücklich, weil ihn: alles (Sprache, Lebensart, klimatische Erscheinungen ’c.) um ihn herum fremd ist, man zwar frei leben könne, aber sich doch erst an alles gewöhnen müsse (während der eingeborene Jude sich wieder allzu rasch assimiliert. Anmerkung des Autors). Fremde Verhältnisse, fremde Umgebung, fremde Sprachefinden zwar in Argentinien z. B. auch die eingewanderten Slaven. Aber der Slave ist von Natur aus weniger gesellig und lebte vorher zumeist in Dörfern, Weilern, Gehöften, abgeschlossen oder sich abschließend. Er empfindet daher die Abgeschiedenheit in der neuen Heimat weniger. Der osteuropäische Jude, durch Jahrhunderte in Ghettos oder in Städten zusammengepfercht, kennt die Abgeschiedenheit und die Absonderung, die ein extensiver Landbaubetrieb erfordert, nicht, beziehungsweise fällt sie ihm schwer, schwerer als die an und für sich durchaus nicht schwere Landarbeit, die sich z. B. mit dem von Juden betriebenen anstrengenden und gefährlichen Dach-, Turmdeckerhandwerk, Schmiedehandwerk, Fleischerei, mit der Lohnfuhrerei, Lastträgerei .'c. nicht vergleichen läßt. Dann erfordert die Landarbeit geringe Bildung und weniger allgemeines Wissen, welches wiederum weniger Bedürfnisse auslöst und daher auch nicht zur Erreichung einer höheren Schichte anreizt. Der Landarbeiter müßte neben seiner Berufs-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.