Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches VolkaWstt Nr. 22 unb Gewissensfreiheit und die innere Selbständigkeit der anerkannten Kirchen- und Religionsgesellschaften gewährleistenden Artikeln 14 und 16 des Staatsgrundgesetzes vom 21. Dezember 1867, R.-G.-Bl. Nr. 142 und mit dem Paragraphen 26 des Jsvaelttengesetzes im Widerspruche steht, sowie auch, daH bei dem rituellen Akte der Schächtung non einer Mißhandlung des Tieres oder einer Tierquälerei nicht gesprochen werden könne. Vertreter Dr. Rappaport beantragt, dem Präsidium für seine zielbewußte Haltung und für die so schleunigst durchgeführten Schritte in dieser Angelegenheit den Dank auszufprechen, welchen Antrag das Plenum akklamiert. Erster Vizepräsident Dr. Kohn dankt für die Anerkennung und bemerkt, daß das Präsidium in dieser Angelegenheit nur seine Pflicht getan habe und hebt die überaus dankenswerte Tätigkeit des Oberrabbiners Dr. Güdemann hervor. Architekt OSkar Marmorek stellt folgenden Antrag: „Die Frage der Heranziehung immer weiterer Kreise unserer Gemeinde zu Beitragsleistungen für die großen Verpflichtungen, Aufgaben und Ausgaben ist seit Jahren Gegenstand Lebhaftesten Interesses unserer Gemeindemitglieder,' bei den letzten Borstanüswahlen wurde vor allen Parteien einmütig die Herabsetzung des Zensus als dringende Forderung ansgestellt und den Kandidaten das Mandat nur unter der Bedingung übertragen, hast sie für die Herabsetzung der Minimalsteuerleistung und im Zusammenhänge damit für die Erweiterung des Wahlrechtes sich energisch einsetzen würden. Seit der Neukonstituierung des Vorstandes ist aber bisher nichts geschehen. Ich stelle den Antrag: Der Vorstand wähle aus dem Plenum eine eigene Kommission von höchstens sieben Mitgliedern, welche die Aufgabe erhält, die Frage eingehend zu studieren und spätestens im Monate Oktober dem Plenum Bericht zu erstatten und Anträge zu stellen." Der Antrag wird der geschäftsorönungsmätzigen Behandlung zugesührt. Folgenden Vereinen werden Subventionen pro 1903 bewilligt: Den Bethausvereinen „Montefiore", „Marpeh-Lanefesch", „Chassidim", „Ehewra Bet Hatfilah", „Gemilas Chesed", „Liwias Chen", Wieden-Margareten, den Schulvereinen für den 9. und 10. Bezirk und dem Vereine zur Erziehung südischer Waisen in Palästina. Die von A. Rosenberg angesuchte Bewilligung zur Errichtung eines Bethauses irr der Brigittenau wird mangels der statutarischen Voraussetzungen nicht erteilt. Stistungsangelegenheiten: Die Jakob Josef und Fanny Schnabl-Armenstiftung im Gesamtbeträge von X 440 wird an 20 Petenten verliehen. Ferner wurden folgende, seit dem Plenum vom 14. Mai 1906 durch das Vertrekerkollegtum verliehene Stiftungen zur Kenntnis gebracht: 1. Die Otto Cohn-Stistung für Realschüler <3 Plätze zu K 130); 2. Die Theodor und Alphons Glaser-Stiftung für Gymnasialschüler (1 Platz K 82); 3. Die Sir Gustavus Nathan-Armenwidnmng (2 Plätze zu K 18); 4. Die Salomon Frankl-Ausstattungsstiftung ll Platz zu K 380); 5. Aus der Freiherrlich von Roth schild-Künst- Lerstistung l 3 Plätze zu K 800) an drei Maler; 6. Die Siegmund Edl. v. Wertheimstein-Studentenstastung (6 Plätze zu X 84.) Behufs Abstellung des Andranges zu den Maskirandachten im Stadttempel wird beschlossen, am kommenden Sukkothfeste zur Abhaltung eines Gottesdienstes ein geeignetes Lokal in der Inneren Stadt eventuell Leopoldstadt zu mieten. Im Sinne des Antrages des Vertreterkollegiums wird die Fortsetzung der gärtnerischen Ausgestaltung des Währinger Friedhofes ans dem zweiten Teile desselben beschlossen. Die Dotation der „Historischen Vorkommission" wird für das Jahr 1906 von K 4000 aus K 5000 erhöht. Nach Bewilligung von periodischen Unterstützungen wird die Sitzung um 1 Uhr mittags geschlossen. Politische Wochenschau. Das Schächtverbot ist aufgehoben, wie es in einem Kulturstaate nicht anders zu erwartelr war. Die Promptheit, mit welcher der Aufhebungsbeschluß derStatthalterei herabgelangte, ist nicht so sehr der Beflissenheit der Statthalterei als vielmehr dem Uebereifer zuzuschreiben, mit welchem der Gemeinderat das Verbot durchgeführt, oder — aus der Welt geschafft sehen wollte. Die Herren, die sich die ganze Geschichte, um das Wort Luegers zu gebrauchen, „eingebrockt" haben, sind sicherlich selbst froh, daß man's ihnen so rasch „ausgelösfelt" hat. Es sei hier der Wahrheit entsprechend konjsüatiert, daß has Präsidium der Kultusgemeinde in dieser Angelegenheit einen lobenswerten Eifer an den Tag gelegt hat, und tväre es nur zu lvünschen, daß es diesen Eifer auch in anderen Angelegenheiten und etwas rechtzeitiger bekunde, als dies in der Schüchtsrage der Fall war. * * M „Der Frei - Sozialismvs mtfr die Iudesfrage" betitelt sich, eine Artikelserie, welche in Nr. 21 des Organes derfreisozialistrschen Partei Oesterreichs: „Freie Worte", ihren Abschluß fand. Nachdem aus die Schäden hingewiesen wird, die die Assimilationsbestrebungen einerseits und die marxifiisch-sozialdemokratische Partei andrerseits denJudenOesterreichs zug - fügt haben und noch zufügen, schließt der legte Artikel: ,/Um diesem, die Höchsten Blüten treibenden Wahnwitz ein Ziel zu stocken, müssen die Inden selbst die ersten sein, wollen sie nicht unter dem Antisemitismus noch mehr leiden, als bisher. Es ist notwendig, daß die westeuropäischen, insbesondere die österreichischen Juden sich von jedem fvemdnaiionalen Chauvinismus fernhatten und in nationaler Beziehung für die Autonomie und Anerkennung der jüdischen Nationalität kämpfen. Natürlich nicht a la Schönerrer, Wolf, Klosac ufw. Ferner ist es im Interesse der Juden gelegen, für eine Beilegung der nationalen Hetzorgien zn wirken, denn solange man den berechtigten nationalen Forderungen der Nationen Oesterreichs kein williges Ohr leiht und leihen kann, werden auch die jüdischnationalen Forderungen nicht zue Erfüllung gelangen. Es ist weiters eine Heimstätte für die osteuropäischen Juden zu erlangen in für sie günstigen Territorien, damit dieselben nicht das Heer der westeuropäischen arbeitslosen Proletarier vermehren und solcherart der Kampf ums Dasein einen antisemitischen Beigeschmack erlangt und damit dieselben nicht in ihrem Heimatslande durch beschnittene und unbeschnittene Kapitalisten zu deren Ausbeutungsobjokt werden. Die jüdischen sozialistisch und gewerkschaftlich organisierten Proletarier endlich müssen, um die Arbeiter nicht zu zersplittern und ein geschlossenes Zusammengehen aller Proletarier zu erreichen, der durch den Antisemitismus geschaffenen Notlage Rechnung tragen und um nicht einen Teil der Arbeiter ins chauvinistische und reaktionäre Lager zu treiben, sich national organisieren, das heißt die von Herrn Daszynski ignorierte Forderung der jüdischen Arbeiter in Galizien nach nationaler Organisation, die man den Tschechen schon lange bewilligte, für die jüdischen Proletarier in ganz Oesterreich verlangen. Die solcherart geschaffenen jüdischnationalen Organisationen Hütten in wirtschaftlichen Fragen natürlich Hand in Hand zu gehen mit allen anderen gewerkschaftlichen -Organisationen und um ein ersprießliches Wirken zn ermöglichen, ans freisozialistischen Prinzipien, im Sinne Fr. Oppenheimers zu fußen. Wenn die jüdischen Proletarier diesen hier kurz skizzierten Plan als Grundlage für ihre Organisation benützen, so ist zu hoffen, daß dem in Arbeiterkreisen, sogar im sozialdemokratischen Lager bestehenden Antisemitismus die Spitze genommen itw& die wirtschaftliche Arbeit der wirtschaftlichen Organisationen erheblich erleichtert wird. Was aber alle physisch und geistig arbeitenden Juden zu beginnen haben, um dem Antisemitismus den Boden zn entziehen, das tst die Renaissance des Judentums auf allen Gebieten. Den kulturellen und geistigen G-ohalt des Judentums, der so manche Perle durch die jahrhuudertlange Unterdrückung nnö die Assimilation eingebüßt, wieder zn neuem Leben zn erwecken, durch Selbstzucht in ihren eigenen Reihen, das wäre die Ausgabe des modernen Judentums, durch Erstarkung des gesunden nationalen Bewußtseins, durch die Ablegung aller jener Eigenschaften, welche zum großen Teile die Frucht der verderblichen Saat des Asftmilantentums der kapitalistischen Ordnung war und als etwas Angezüchtotes in der jüdischen Individualität nur einen grellen Mißkon Hervorbringen konnte, dadurch können sie erst wieder den Platz unter den Völkern einnehmen, der ihnen als einem der ältesten und in sozialer Hinsicht fortgeschrittensten Völker eigentlich gebührt und die freien Sozialisten wttnschen nichts sehnlicher, als daß Ahasver unter den Völkern Ruhe finde, aber nicht, um zu sterben, sondern um erst zum Leben zu erwachen und mitzuwirken an unserem großen Kampfe, der sozialen und ethischen Wiedergeburt, dem Siege des Sozialismus." * * * Mir erhallen folgende Inschrift: Löbliche Redaktion! Sie nehmen ganz richtig die netteste „Wiedereroberung von Wien" nicht zu tragisch. Als Beitrag dazu will ich zllr Erheiterung Ihrer Leser eine Geschichte erzählen, „wie im 8. Bezirk ein deittschfreistrlNiger Verein gegründet wurd e". Bor kurzem erhielt ich einen Waschzettel, in dem ich namens eines deutschfreisinnigen Komitees als bewährter Gesinnungsgenosse apostrophiert werde. Man Hat mir schon so manches nachgesagt, mich aber für einen alten Liberalen zu halten, ist noch nienmndem eingefallen. Ich sah daher deru Besuche eines Vertrauensmannes, der mich behufs Einhändigung einer Karte in abgesagtem Waschzettel an-- gedroht wurde, mit einem gewissen Interesse entgegen. Paar Tage daraus erschien richtig jener mutige Mann. lWorauf sein Mut beruhte, wirb sich gleich zeigen.) Ich sagte ihm ruhig, daß ich das Entstehen einer freisinnigen Partei begrübe, aber einer d e u 1 s ch freisinnigen Partei könne' ich nicht beitreten. Warum? „Weil ich eben kein Deutscher, sondern ein Indo sei." „Ader das macht ja nichts," meinte er gemütlich, „schauen Die, Herr Doktor, im Verein sind 60 Mitglieder, davor« sind drei Christen, ine sind auf dem Aufrufe unterschrieben, und 47 Juden. Schauens nur!" Der Rlann hatte recht. Der ganze Josefstädter Tempelverein marschierte auf. Da stieg ein schwarzer Verdacht in mir auf. klopfte dem Manne jovial aus die Schulter und sagte ihm: „Geh-n's, sagens die Wahrhett, Sie haben einfach die Knltuswählerliste abgeschrieben." „No, wenn Sie alles wissen wollen, Die haben's erraten. In den anderen Bezirken machen sie's geradeso. A Christ fallt ja den Liberalen nicht mehr herein. Ich bin ja selber a Jud," schloß er treuherzig. Ich teile Ihnen dies mit, nicht weil ich den ,>DeMschfreisinnigen" den Obulus von zwei Kronen mißgönne, sondern weil ich meine p. t. Namensgenoffen kenne, die politisch so naiv sind, daß einer oder der andere wirklich glaubt, es gäbe so etwas wie eine Liberale oder eine demokrattsche Partei in Wien. Allerdings hätte selbst bei den Naivsten der Glaube nur Äs — zu den nächsten Wahlen gedauert. - Hochachtungsvoll Dr. S. Baronin Clara v. Hirsch Kaiser - Jubiläums - Stiftung fit* Unterstützung von Knaben und Mädchen in Oesterreich« Das- Kuratorium erstattet nachstehenden Bericht über seine behufs Erfüllung der im Art. 2 angegebenan vier Stiftuugszwecke entfaltete Tätigkeit: A. Der erstangeführte Zweck der Stiftung: armen Kindern, welche die Schuten der „Baron Hirsch-Stiftung zur Beförderung des Volksschulunterrichtes im Mmgreiche Galizien und Lodomerien mit faem Großhevzvgtum Krakau und im Herzogttrm Bukowina" besuchen, Mittagskolst zu gewähren und Kleidungsstücke für dieselben anzuschaffen, wurde, durch folgende ■ Unterstützungen gefördert: Wie im Vorfahre wurden auch heuer irr den einzelnen Orten mtter möglichster Hermi- Ziehung der eiuihoiinischen Bevölkerung zur Beitragsleiftung K!naben beköstigt und mit Kleidern (Wintermänteln, Sommemnzügeu, Schuhen, Wäsche und Mützen) beteilt. Einer größeren Anzahl von Knaben wurden auf Kosten der Stiftung die im Vorjahre verabreichten Schuhe und Kleider repariert. Im ganzen wurden an 160 000 Mittagsmahle verabreicht und an 6000 Schüler mit Kleidern, Mützen itnibi Schuhen (die allerärmsten .Knaben erhielten zweimal Schuhe) sowie mit Wäsche beteilt; die Gesamtzahl' der verteilten neuen Kleidungsstücke und Mützen betrug 3686, die der verteilten neuen Wintermäntel 1183, die der Sommeranzüge 2600, der neuen Schuhe 1316, der verteilten Hemden 6000, der verteilten Taschentücher 7690. Die alten Vorräte an Mänteln und Stiefeln wurden repariert undebenfalls unter die ärmsten! Schulkinder verteilt. Außer diesen den Schülern dev Baron Hirsch-Stiftungsschulen zugewendeten Unterstützungen wurden aus diesem Fonds für Bekleidung und Beköstigung armer Schulkinder nachfolgende Subventionen an Gemeinden gewährt : In Galizien : Vrody . . . . K. 1000 Zablocie . . . In der Bukowina : Gurahnmora Kimpolung . . Radautz . . . „ 1000 „ 100 100 „ 200 „ 100 Sergie Putilla . . „ 100 Stauestie . . . „ 200 Storozynch . . . „ 100 Wiznitz . ... „ 300 Für den im, Art. 2 lit. a Id!er Statuten bezeichnet en Zweck der Bekleidung und Beköstigung wurde ein Betrag von K. 86 189.67 verausgabt. B. Dorn im Art. 2, lit. b der Staltuten angeführten Zwecke: „israelitischen, insbesondere in Galizien und dev Brckowina wohnhaften Mädchen, durch Errichtung von, Arbeitsschulen oder durch Verleihung von Stipendien zum Besuche von Handelsschulen und Gewährung von Unterstützungen die Erlernung und Ausübung einer Erwerbsbeschäftigung zu» ermöglicheu", wurde nach verschiedenen Richtungen Rechnung getragen. Auch in diesem Berichtsjahre haben die sechs Mädchenschulen in Bohorodczantz,