Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 2 Jüdisches Volksblatt Seite b schon Moral aus beurteilt. Wer dieses Vorgehen der erbitterten, für ihre Freiheit and nationale Selbständigkeit kämpfenden indischen Proletarier nicht versteht, lver es nicht begreifen kann, wie Inden in so schweren Zeiten gegen ihre Glaubensrnrd Stamntesb rüder zu Felde zu ziehen vermögeil, der kennt die Seele des Juden nicht, der vermag auch die Geschichte des Judentums nicht zu begreifen. Vom, Geiste K r u s ch e w a n s beseelt, zog das russische Heer in einen aussichtslosen Krieg. Bei Port Arthur kämpfteir Juden, deren Väter in KI i s ch e n e w hingemordet wurden, derer: Älütter zu Hause darbten. Irr der Mandschurei liegen jüdische Soldaten ihr Leben, deren Schwestern zu- Hause dem Elend und der Schande zllgeführt wurden-, zugeführt durch jüdische Zuhälter, denn die Zuhälter und Angeber Miefe zu Hause, sie brauchten nicht in den Krieg zu ziehe,ir, sie und ihre Familien erfreuten sich des ausgiebigsten Schutzes der Beamten und der Polizei, mit denen sie den Scharrdlohn teilten. Die Mißerfolge auf dem Schlachtfelde zeugten naturgemäß auch eine Reaktion in: Innern des Reiches. Die unterdrückten Völkerschaften llnd Gesellschaftsklassen pochten erst leise, dann immer eindringlicher an den Pforten der arg geschwächten! und in sich erschütterten Staatsautorität, Einlaß und Anteilnahme an den Rechten der Bevorzugten fordernd,. Allen voran die Bedrücktestenunter den Bedrückten: die jüdischen Arbeitermasscn, das jüdische Proletariat. Und als sic, innerlich geläutert, sich e:nporhoben zum, Bollbewußtscin ihrer selbst, sich enlporschwangen zur lichten Höhe der Verantwortlichkeit, welche der historische Momeilt ihnen auferlegt, da machten sie die traurige Erfahrung, daß ein widerlicher, ekelerregender Bodensatz zurückblieb in dem Schlamme, in welchen sie Jahrhunderte währende Unterdrückung zu versenken verflicht hat: die jüdischen Wucherer, Zuhälter und Verrräter, die, den großen Moment nicht erfassend, beschützt voll polizeilicher Gunst, ihr ekelhaftes Geschäft weiter treiben. Die in ihren Grundlagen erschütterte Autorität wurde — irrt Prinzip — nachgiebig. Kaiserliche Manifeste lösten einander ab undes beganrr die theoretische! Verteilung von- Rechten an einzelne Völker und einzelne Gesellschaftsklasse,:. Teil! Juden wurde auch diese platonische Liebe versagt, „weil sie der Befreiung unwürdig seien!, weil das Judentum aus laut c r Wucherern, Mädchenhändlern, Zuhältern nsw. besteht". Mit diesen: Schlagworte wurden die Greueltaten von S ch i t omir und, anderen Orten inszeniert . . . zählungen aus Talmud und der Kabbala in sich, sondern enthält auch vieles ans den: deutschen Sagel:zyklus, sowie indische und arabische Volkssagen. Die zweite Periode beginnt mit der Mendelssohnschen Literaturübersctzung (1780 bis 1788 ). Diese llebersetznng wurde alsbald zun: Handbuch für die Erlernung der deutschen Sprache unter ben Juden des Heimatlandes, die allmählich ihren Dialekt in den reindeutschen ihrer Umgebung nnrtauschten. Von nun ab bleiben Polen und seine Nachbargebiete die einzigen Stätten, in denen jüdische Literatur erzeugt wird. Die Alleinherrschaft gab auch ihren Literaturprodukten eine Einheitlichkeit und Originalität. Es machte sich bald ein namhafter Zuwachs von beachtenswerten Schriftstellern in Vers u::d Prosa bemerkbar, ihre Bedeutung wuchs im neunzehnten Jahrhundert immer mehr an, so daß wir an: Ende des vorigen Jahrhunderts eine jüdische Literatur besitzen, die mit den besten Erzeugnissen moderner europäischer Kunst wetteifern kann. Wir erinnern an die „Ghettolieder" von Morris R o s e n f e l d, deren englische Uebersetzung in England und Amerika auch bei nichtjüdischen Kritikern ungeteilten Beifall fanden, während der New Aorker Korrespondent des Pariser „Le Temps", Henri Barg y, über das Werk einen sehr anerkennenden Artikel schrieb und manche Gedichte der Sammlung ins Französische übertrug. Der polnische Schriftsteller Klemens I u n o s z a übersetzte die Werke von A b ra- Nun war für die selbstbewußte jüdische Arbeit der Augenblick für die Erfüllung ihrer trasrigsten Pflicht gekommen! Es wav ein F e st st e l l u n g s p r o z e ß gegen die ,nörderische Autorität, die jüoische Wucherer und Zuhälter gezüchtet, um jic gegen das Gesamtjudentum ins Treffen zu führen, eine Klage auf Feststellung dessen, daß das bewußte Indem tun:, mit den moralisch Unreinen, mir den Verrätern an ihrer eigenen Sache nichts gemein haben will. Es war ein Züchtigungsseldzug gegen die Verleugner jüdischer Sittlichkeit, gegen die Schänder der traditionellen! jüdischen Familienreinheit, gegen die Vcrunreiniger und Verunglimpjer der auch von den Feinden anerkannten jüdischen Jungfräulichkeit, dieser Zierde jüdischen Glaubens. Undes sollte ein furchtbares Gericht gehalten werden über die niederträchtigen Verräter, die so tief im Pfuhle stecken, daß sie ihre im heiligen Kampfe blutenden Brüder an ihre Feinde verraten, anstatt ihr schmutziges, ihnen von Anfang an aufgedrangtes, elendes Handwerk aufzugeben und sich an die Seite ihrer Brüder in den Kampf zu begeben-. An besonderer Bedeutung gewinnen die Warschauer Ereignisse durch die Tatsache, daß die Züchtiger sich zumeist aus den Anhängern des jüdische:: „Bundes" rekrutierten, jener jüdischen- Arbeiterorganisation!, die, obgleich auf sozialdenrokratischer Grundlage stehend, vor: der offiziellen sozialdemokratischen Partei nicht anerkannt wur'üe. Es ist We selbe jüdische Arbeiterorganisation, die jetzt im ruffifchen -Freiheitskampfe in der vordersten Reihe steht, die für das gleiche Recht aller Völker und Klassen kämpft, obgleich ihre Rechtsansprüche auf eine separate jüdische Organisation, die von einem jüdischen Nationalismus noch ziemlich weit entfernt ist, gerade von der „freiheitlichsten" Partei mißachtet wurden; es ist derselbe „Bund", der seine besten Kräfte in den Dienst der sozialdeinokratifcheu Idee gestellt, und als erster und tatkräftigster Vorkämpfer dieser Idee in Rußland zugelten hat. Und dieser „Bund" hat nun, sich selbst überlassen, ohnedurch die .Nichtauerkennung seitens der offiziellen Paetei ' sich einschüchtern zu lassen, auf eigene Faust die große, furchtbare Abrechnung vorgenommen mit -denjenigen, die den jüdischen Namen entehre,: und der Entwicklung der Juden Rußlands in: Wege stehen. Ist schön die Ursache dieses, vielen eigenartig dünkenden! Aufstandes, die Entrüstung gegen die Bordellbositzer ein echt jüdischer Zug, für welchen! schon die Bibel und die spätere jüdische Geschichte manch schönes Beispiel liefern, so war die Ausführung und das Verhalten! der jüdischien Arbeiter in diesem Kampfe — int Gegensätze zu Aufständen, indenen in o w i t s ch, des bedeutendsten jüdischen Novellisten des sechzehnten Jahrhunderts, ins Polnische, und der mnerikanische Schriftsteller Alexander H a r k a v Y übertrug die Gesänge der „Sulamith", eines Dramas des Veteranen jüdischer Dramatik, Abraham G o l d f a d e n, ins Englische. Am fruchtbarsten war der jüdische Genius im 19. Jahrhundert. Diese Epoche zeichnet sich sowohl durch den Reichtun: der Erfindung wie auch durch die Verwendung in der Form aus. In der Poesie finden wir das Epische und Lyrische genau so vertreten lvie die Elegie und das Draiua. In diese Zeit fällt auch das Entstehen der Novelle. Auf dem Gebiete der Belletristik werden der Essay, die Biographie, die Skizze und das Feuilleton mit viel Erfolg kultiviert, und die Kritik beginnt auf die Entwicklung der Inden ihren Einfluß zu üben. Auch Geschichte, exakte Wissenschaften und Philosophie werde,: getrieben, wenngleich auf diesen Gebieten wenig Originelles geboten wird; hingegen werden die beste,: Erscheinungen auf diesen Gebieten ins Jüdische übersetzt und den „Jargonjuden" zugänglich gemacht. Dazu kommt noch 'die Schaffung der periodischen Presse und politischer Zeitungen, durch welche die Kenntnis der Politik und aller Tagesfragen, Neuerungen usw., vermittelt werden. Es gibt fast keinen europäischen Namen Vvn Klang, der nicht wenigstens durch ein Werk im Jüdischen vertreten wäre. Shakespeares „Hamlet", Goethes „Faust", Cervantes' „Don Quixote", Tolstois „Auferstehung", Zolas Nichtjuden die Anführer sind — ein geradezu imponierendes. Tie Geächteten der jüdischen Gesellschaft wurden gebrandmarkt, ihre in Schande erworbenen Habseligkeitcn wurden vernichtet, aber geplündert wurde nicht; ein selbstbewußter Jude will keinen- Anteil an dem Schanldlohn der Schändlichen haben! Für uns Juden in Oesterreich hat dieser Karnpf auch noch eine besondere, Bedeutung! Die sozialdeinokratische Partei Oesterreichs ist kurzsichtig genug, nicht zu bemerken, daß die Bewegung des „Bundes" nunmehr auch in Galizien, wo bezüglich der Inden fast dieselben Zustände herrschen wie in .Rußland, immer mehr an Boden gewinnt und 'diaß das einmal erwachte jüdische Setbstbewußtsein sich von keiner Seite terrorisieren läßt, und komme der Terrorismus aus seinen eigenen Reihen!. Dir Versuche, die jüdischen Proletarier Galiziens in die polnische Zwangsjacke zu zwän-gen, sind mißlungen. Es war ein Glück für die Juden. Eine in sich gestärkte, zielbewrrßte jüdische ^Arbeiterorganisation hat große, wichtige Aufgaben zu erfüllen, und wer sie daran hindert, wird früher oder, später auf einen Widerstand stoßen, dessen Ausbruch genau so schrecklichwerden tarnt wie der Entrüstungsausbruch der Warschauer jüdischen Arbeiter! Aus der Plenarfitzuug des Kultusdorstaudes vom 28. Mai 1805 unter dem Vorsitze des Herrn Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn. Beginn der Sitzung halb 11 Uhr vormittags. Im Einlaufe befindet sich eine Einladung der „Israel. Allianz", zu der am 6. Juni 1906, 6 UHr abends im Sitzungssaale der israel. Kultusgemeinde stattfindenden Generalversammlung. Das Ansuchen der „Israel. Allianz", anläßlich der neuerlichen blutigen Exzesse in Rußland eirv.N Beitrag zu bewilligen, wird der geschäftsordnungsmätzigen Behandlung zugeführt. Der gleichzeitig gestellten Bitte, die Herren Rabbiner und Prediger zu ersuchen, in ihren Predigten am bevorstehenden Sehewuothfeste auch der unsäglichen Rot der durch eine ununterbrochene Kette von Verfolgungen aus der Heimat gedrängten Glanb-ensbrüder zu gedenken und dadurch das Interesse für die Hilfsaktion in weiteren Kreisen der hiesigen Gemeinde zu erwecken, wurde durch eine diesbezügliche Verständigung an die Herren Rabbiner und Prediger bereits Rechnung getragen. Ferner -befindet sich im Einlauf ein Danlschreiben des Religionslehrerveremes „Esra" für die erfolgte Regulierung der Neliaionslehrerbezüge. Bor Nebergang zur Tagesordnung wird der Erlaß der Statthalterei vom 26. Mai 1903 im Wortlaute zur Verlesung gebracht, mit welchem die Vollziehung des Gemeinderatsbeschlttsses vom 28. April 1905, insoferue sich derselbe aus das jüdisch-rituelle Schächten bezieht, als gesetzwidrig untersagt wird. In den Gründen wird hervorgehoben, daß der -Gemeiuüeratsbeschluß vom 28. April 1905 urtt den die allgemeine Glau-bens- „Paris" — dies alles kam: der russische Jude heute in seiner Muttersprache, int Jiddisch, lesen. Diese kurze Liste allein vertritt fünf Sprachen, zu welcher noch die italinische hinzugefügt werden kam:, denn einige Erzählungen von Boccaccio wurden ins Jüdische umgearbeitet und gehören zu den meistgelesenen Erzählungen. Sogar „Tri'lby" wurde übertragen, und die „Abenteuer des Sherlock Holmes" find ,'m Jüdischen unter den: Titel „Der groj'ßer Detektif" wiederzufinden. Die Fortschritte der jüdischen Literatur lassen noch viel Größeres erhoffen. Eine große Anzahl bedeutender Dichter, Roiuaneiers, Kritiker arbeitet für verschiedene, gutgehende jüdische Verlage. Mau kann ruhig sagen: Die jüdische Literatur ist heute genau so normal in ihren Zeichnungen und genau so klar in ihren Zielen wie jede andere fortgeschrittene Literatur unserer Zeit. (Aus dem Englischen von Jakob Krausz.) Humoristisches. „Wir Christen . ♦ In einer Gesellschaft junger Damen werden verschiedene, angeblich selbsterlebte Liebesabenteuer erzählt. Ein besonders lebhaftes Fräulein sagt unter anderem: „Wir haben sich fortwährend geküßt." Von einerFreundin wird sie aufmerksam gemacht, daß man richtig sage: ,^Haben wir uns geküßt", woraus die Erzählerin prompt antwortet: „Wir Christen sagen: „Haben sich geküßt." („Jugend.")