Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. . 1 Jüdisches Volksblatt Mitleid und wollen mit dem Geiste der Zeit fortschreiten." Slavomil verlangt, daß die Juden vor allem ihre veralteten Sitten ablegen und sich zu den slawischen Interessen bekennen. Sie müssen die böhmische Sprache Pflegen, denn solange sie eine fremde Sprache sprechen, würden sie den Slawen fremd bleiben. Er richtet an die jüdische Intelligenz die Aufforderung, die Stammesbrüder aufzukläreir und sich an beit tschechischnationalen Bestrebungen zu beteiligen. Der Artikel von K. W. H. in „Kvety" vom 25. Oktober 1846 ist wieder nichts anderes als eine Verherrlichung der Juden. Die „Oeskö veela" bringt in diesem Jahre in den Heften Nr. 26, 30 und 32 unter den: Titel „^idovske vzpominky" (Jüdische Erinnerungen) aus der Feder Nebeskys Erzählungen, welche die Juden tangieren. So über die Belagerung der Prager Judenstadt durch die Schweden und über den Jargon (Nebesky interessiert der Jargon wegen seiner slawischen Elemente). Nr. 49 derselben Zeitschrift enthält ein „Eingesendet aus Katusih" über die „Stellung der tschechischen Nation in bezug auf das Judentum". Dort verlangt der Autor, man solle die Frage nicht mehr vom allgemeinen, rein menschlichen Standpunkte behandeln, sondern auf Einzelheiten eingehen und zum Ziele sehen. Die Bewegung habe durch die Veröffentlichung der tschechischen Gedichte voll Kapper eine entschiedene Wendung zumBesseren genonunen. Weiter fordert der Autor, der Jude solle sein verdorbenes Deutsch ablegen und es den Tschechen nicht aufdrängen wollen. Das sei für das musikalische Ohr eines Böhmen eine Dissonanz und locke nur schreiende Gaffer und Spötter heran. Der Stand der Juden auf dem Lande sei ein besserer als derjenige in der Stadt. Der Jude auf dem Lande sei dem Volke näher, er wisse mit ihm 31t verhandeln, schände seine Sprache nicht so ekelhaft, und sei sogar hie und da förmlich eingebürgert. In derselben Zeitschrift Nr. 51 lesen wir Folgendes: „.Ich war überrascht, daß unser Verhältnis zu den Juden auch bei euch in der rein menschlichen Klarheit aufdämmerte. Harret nur alls in eurer Ueberzeuguug, und seid versichert, daß, wenn die Juden den ganzen Strom unseres nationalen Lebens vollkommen kennen möchten, an all unser Wohl und Wehe sie sich mit völliger Zuversicht anschließen würden, weil sie in dem zweifachen Doppelschicksale, in dem unserigen und dem ihrigen, eine auffallende Aehnlichkeit und Uebereinstimmung wahrnehmen müßten. O, gibt es wohl eine geeignetere Stunde als die Verachtung beider, wo sich Tscheche und Jude die Hand reichen und sprechen sollten: Laßt uns in Eintracht leben, daß wir uns auch gegenseitig ehren können, und die Welt muß uns anerkennen! Was werdet ihr sagen, wenn man euch fragt, was ihr wollt? — Gleiche Rechte — und einem anderen, der dasselbe verlangt, werdet ihr das, wonach ihr jaget, abschlagen? — Wer selber der Freiheit würdig, weiß jede Freiheit zu schützen. Wer Sklaven in Fesseln schlägt, ist selbst ein widriger Sklave."*) Während die „Allgenieine Zeitung des Judentums" im Jahre 1849 feinen Artikel zur Propagierung der Annäherung der Tscheche!! und Juden enthält, bringt der „Orient" in diesem Jahre auf Seite 286 eine wörtliche Uebersetzung der oben zitierten Artikel aus „6eskü veöla" von Ignaz Schulhof. Wir finden, daß die Artikel vorn Ende des Jahres 4845 angefangen immer seltener und seltener werden. In den jüdischen Zeitschriften finden wir im Jahre 1846 gar nichts mehr, in den tschechischen recht wenig. Dieses Wenige stammt nur von Nebesky und bleibt in bezug auf Schwung und Begeisterung weit hinter den ersten Aufsätzen zurück. Das hat seinen Grund in zwei Umständen. Erstens in einein Artikel K. Hawlitschek-BorowskyS, zweitens in den häufig sich wiederholenden Prager Judenhetzen. Wir würden uns täuschen, wenn wir glaubten, daß alle tschechischen Gelehrten so dachten wie Nebesky. Im Gegenteil, Nebesky *) Gezeichnet ist der Artikel von Dr. C. scheint nicht sehr viele Anhänger gehabt zu haben. Der erste, der gegen die Annäherung der Tschechen und Juden offiziell aufgetreten ist, war Karl Hawlitschek-Borowsky. Anläßlich der Rezension von Kappers „Leske listy" schrieb er in „Leskä vöela" vom 6. November 1846: „Die in Böhmen wohnenden Juden zählen sich vielfach zu unserer Nation, nennen sich vielfach Tschechen. Das ist ein ganz falscher Standpunkt, denn bei den Juden darf man nicht nur die Religion ins Auge fassen, sondern man muß auch ihre Herkunft und Nationalität berücksichtigen. Und wie können die Juden zum böhmischen Volke gehören, da sie doch semitischer Abstammung sind? M a n d a r f also nicht behaupten, daß die i n B ö h m e n und Mähren wohnenden Juden T s ch e ch e n mosaische r Konfession seien, sondern man muß sie als ein semitisches Volk für sich betrachte n, das nur zufällig bei uns wohnt. Das Band, das die Juden verschiedener Länder ancinanderknüpft, ist viel stärker als das Band, welches sie an das Land knüpft, in dem sie wohnen. Nachdem es nicht möglich ist, zwei Nationen anzugehören, s 0 muß der Jude, wenn er Ts ch e ch e lv e r d e n will, a u f h ö r e n, Jude z 11 fei n." Hawlitschek w irft de n Juden vor, daß sic nicht m e h r i h r e n a t ü r l i ch e, h e b r ä i s ch e Sprache Pflegen w 0 l l e n, und rät ihnen, wenn sie schon ihre Sprache und Literatur über Bord zu werfen beabsichtigen, sich den Deutschen anzuschließen, da die deutsche Sprache den Juden zur zweiten Muttersprache wurde." Dieser Aufsatz und die weitere Kritik der Gedichte Kappers hatte zur Folge, daß dessen tschechische Muse für längere Zeit verstummte. Während er aber später zur tschechischen Literatur zurückkehrte, war dies bei den übrigen Prager jüdischen Dichtern nicht der Fall. Frankl, Hartmann, Kaufmann (der Verteidiger der Tschechen gegen Laube) und auch Kuranda erklärten in der „Zeitung des Judentums", daß wenn sie sich auch der deutschen Literatur hingeben, das Interesse für die böhmische Heimat und das böhmische Volk behalten, werden. Das war Nebesky zu wenig. Seine Worte für das Judentum werden immer schwächer und verhallen schließlich ganz. Der zweite Umstand, der auf die Annäherung der Juden und Tschechen sehr hindernd wirkte, waren die Judenexzesse. Wenn wir die jüdischen Zeitungen dieser Zeit durchsehen, so finden wir nur wenige, die nicht fast jedesmal einen Bericht über Judenkrawalle in Prag bringen würden. Das trug zu einem nationalen Jndifferentismus unter den Juden bei, der sich mit der Zeit (je mehr sich das Jahr 1848 näherte) zu einem Gegensätze gegen die tschechischen Bestrebungen entwickelte. Moritz Hartmann!var es, der die ganze böhmische Nation für die Judenhetzen verantwortlich machte und das ganze böhmische Volk als ein rohes hinstellte. Die Prager deutschliberalen Juden sahen in den tschechischen Bestrebungen eine Reaktion. Das Frankfurter Parlament bot ihnen Gelegenheit, offiziell den Tschechen den Rücken zu kehren. Außer Siegfried Kapper gingen alle in das den Tschechen feindliche Lager über. (Ein zweiter Artikel folgt.) 9 Naöe Znvvu zrozcui. 9 Memoiren. 9 Leben und Schriften W. B. Nebeskys. 9 I. H a n n s ch: Leben und Schriften W. B. Nebeskys. 9 Pypiu, Spasvwicz: Geschichte der slaivischen Literatur, 2, 127. 9 I. H a u 11: s ch: Leben und Werke W. B. Nebeskys. 9 Dos ist jener Artikel, von denn Nebesky im Brief an Krvnsky spricht. 9 Gemeint ist das Drama „Jsraelitka" von Klrepera und „2ydzi" von Korzenivwski. 9 Der Berf. meint den oben zitierten Artikel. '9 „Kvety" vom 10. Jänner 1844. '9 Wie mir ans einem Briefe NebeskyS ans Wien („Jeska vcela" vvln 20. Jänner 1840) ersaliren, befand sich die Uebersetzung am Anfänge des Jahres 1840 in Druck. I. Malv berichtet in seinen „Na5e Zuovnzrvzeui", das; im Jahre 1847 ein böhmisches Gebetbuch unter denn Titel „Tesilvth Israel, mvdlitby Jsraelitnv z hebrejätiny dv öeätiuy p?elo/.ene" erschien. '9 Besser informiert werden wir darüber ans der „All«. Zig. d. Judentums" vom ll. No- Der Graf von Charolais. (Mn Trauerspiel in Versen von Richard Beer- Hofmamr, Verlag S. Fischer. — Erstaufführung 13. Mai im Theater an der Wien.) Ein echtes Dichterwerk, ein großes, inneres Magazin von Lebenseindrücken, fast das einzige Merk des letzten Jahrzehnts, das ernstliche Beachtung und tiefe Würdigung verdient. Dieser Ansicht huldigten die Preisrichter des Berliner Volks-Schillerpreises, als sie Beer-Hofmann mit den Brüdern Hauptmann gemeinsam den Schillerpreis znerkannten. Nun zum Inhalt: Ter Vater des Grafen von Charolais, ein tapferer General, ist während eines Feldzuges gerade in dem Momente durch eine Kugel niedergestreckt worben, als der Friede im Hauptquartier abgeschlossen worden war. Er hinterläßt seinem einzigen Sohne außer Ruhm und glanzendem Namen nur immense Schulden, die er aber nur im Interesse der Verpflegmrg seiner Soldaten — wie Major Tellheün in der „Minna von Barnhelm" — und der Fvrtsiihrmrg des Krieges, da man ihn von seiten her Stände inr Stiche ließ, zu machen gezwungen war. Nach dem damaligen Recht (17. Jahrh.) droht dem Leichnam seitens der drei Gläubiger, des dicken Müllers, eitles salbungsvollen Paramentenmachers und des roten Jtzig — einer modernen Shylokfigur, auf die ich später noch zurückkomme — die Beschlagnahme und im Falle der Nichtbegleirhnng der Schulden die Verwesung im Schuldturm. Der verzweifelte Graf schlägt die Heirat mit der Tochter des Pa ramentcumachers, die ihm Jtzig als Rettungsanker bietet, als nicht standesgemäß ab und ruft das Gericht zum Helfer an. Der greise Präsident des Parlaruentsgerichtshofes des burgnndischen Landes kann ihm vorn Standpunkte des Gesetzes nicht Helfen. Allein die edle Ritterlichkeit des Grafen, sein Schmerz um den verlorenen Vater bewegen den Präsidenten dazu, ihn mit seinem Vermögen den Klauen der drei Gläubiger zu entreißen und die ehrenvolle Bestattung des Leichnams zu ermöglichen. Nicht genug daran, bietet er dem Grafen sein einziges, engelreines schönes Töchterlein zum Weibe an. Charolais ist tiefgernHrt. Er Heiratet Desiree. Dem Herzensbund entspringt ein Kind. Drei Jahre sind seit dieser Zeit ins Land gegangen. Doch die junge Desiree liebt einen Filou von einem Vetter, der die Abwesenheit des Gatten benützt, nm sie zu verführen. Unvermutet trifft der Graf ein, überrascht das Paar, erwürgt den Netter und sendet nach dein Schwiegervater, damit er zwischen seiner Tochter und ihm in feiner Eigenschaft als oberster Richter Recht spreche. Der Präsident weigert sich, dies zu tun und will hier nur als Vater, der alles verficht und alles verzecht, urteilen. Für den Grafen ist jetzt aber der Moment da, um dem Präsidenten reut« Schuld zu bezahlen: er gibt ihm Vermögen und Tochter zurück und geht — nicht achtend des ihn kniefällig bittenden Vaters und der ihn noch immer liebenden bereuenden Gaiiitr — arm, wie er gekommen, in die weite Welt. . . Und mm zum Detail. Da ist für uns Juden nur eilte Szene, die Szene, in der der Graf mit dem Jtzig tvegen der Herausgabe des Leichnams unterhandelt, wichtig, sie ist von elementarer Wirkung, modern-jüdisch gefühlt, in glühender Begeisterung für die Lichthunarigen und Golusmi'iöcn unseres Volkes geschrieben. Nach eitlem komischen Intermezzo zwischen den Gläubigern und dem Wirt beginnt die Tragik, Indern der Graf zu Jtzig meint: „Du bist zwar nur ein Jud- Du bist ja aber auch ein Mensch wie wir-" Jtzig: „E Mensch, wie ihr! Seit uutmt bin ich e Mensch? Mein Lebtag' hat man mich's tiicht fühlen lassett, daß ich e Mensch bin. Heut' grad sott ich's sein? Weil's euch so patzt! Und für die fünf Minuten die's euch g'rad paßt! Nein, heul' ivill ich uicln. E Jud bin ich. Was. woltts ihr von dem Inden'? Denn etwas ivvttts ihr doch, wenn ihr s 0 konrmts." vetuber 1844. „Ein jüdischer Gelehrter, Dr. Nid. H., verband sich mit dem böhmischen Schriftsteller Nebesky zur Herausgabe einer böhmischen Aibelübersetzuug. An der Schule in Rauduitz in Böhuieu wird durch Vermittlung des Rabbi Albert Kohlt und des Schulgehilfen Nahlovsky eine Stunde vormittags böhmische Sprache ttui) eilte Stunde nachmittags böhmischer Gesang gelehrt."