Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Jüdisches VölksHatt Nr. LI Um Jtzig weichherzig zu sinnmcn, appelliert -er Graf an -essen Gefühl imd meint, e r möge sich in diese triste Lage versetzen: „Denk' an -ich, an -einen Vater!" rnst er ihm zn. Doch Jtzig Mttw ortet: „Ich denk' sa schon -ie ganze Zeit daran: -er freilich iS verfault nir in e Kerker! Die Ltaöt, wo er geboren war, -re hat sich viel kosten lassen seine Leichenfeier! Vor Sonnenaufgang war'n schon ansgerückt Loldaten, die Verein', -ic Bruderschaften, de ganze Geistlichkeit! Was für e'n Ehr' das für e Juden ist. Der König selber is -agesessen auf den großen Platz, -er ganze Hof — und alles für e Juden! Und lauten ham se lassen alle Glocken, und mit die Jahnen sind se vor mei Vatter vorbei gezogen: Reden Ham se auch gehalten, spanisch und lateinisch, und den ganzen Tag — in Juli, wo doch heiß is — Ham se dort ausgehalterr auf den Platz, — und alles wegen meinen Battern. — Bis dann am Abend — wie schon dunkel war — der König mir cig'ner Hand hat angezind't -en Holzstoß — — wo drauf mei Vatter war. Und weil das alles noch ui)- genug Ehr' war für meinen Vatter, ham se begonnen schön zn singen, und — weil er doch Jud' war — harn se ihm zu Ehren ihm vorgesnngen nns'rc alten Psalmen, und ihrn zrr Ehren unseren Gott gelobt, ich weiß nur ui?:, ob er es auch bemerkt hat'? Denn da hat er schon angesangt zu brennen von nuten her und har zn schrei'n begonnen, und hat geschrieu, ganz laut hat er geschrien — urei Vatrer! laut! und ich ha'b' ihn gehört! — Lch.ua Jisroel! -;»tuu'? Wollt's ihr noch, Herr Graf, ich sott au moineu Vater denken, damit ihr '.nir jetzt leid tuts, weil der tote Vatter von euch jetzt faulen muß?!" Run reißt dem Grafen die Geduld. Er weist ihn von sich, und spricht: „Geh', ich habe Angst vor dir, du böser, böser Mensch!" Doch der Jude fängt das Ltichwort ans und noch einmal — ehe er geht — macht er seinem gekränlterr Herzen Lust. i Jtzig: „E böser Mensch? Und warum soll ich sein e gnter zn euch? E anen, einzigen Grund, sagts mir, Herr Graf! Ihr mant, weil überhaupt e Mensch soll gut sein zwar andern? Ja! Nemmt's erst heraus, Herr Gras, mein Herz, das so zusamm'gekrampft ist voll die gebrennten Lad, die man ihm angetan. Die Augen stechts mir aus und gebts nrir andere, öie nix entzünd't noch sind von vielem Wanen . . . Gebts and're Jüß' mir, die nix gewesen chr Lebtag müd' und immer auf der Sander, Lchlagts ein den Kopf mir! Reißt das Gehirn herans, daß ich vergessen kann: und ganz zuletzt schneidt's mir die Adern auf und laßt heransriniien mei Blut und das Blut von meinem Vater und meines Vaters Vater und von all die andern, damit kern Tropfen Bittres, Wehes in mir bleibt. Und wenn ich dann noch lebendig bin, dann will ich zu euch reden wie ein Mensch, Das heißt e guter Mensch sott zu e Menschen reden. Bis dahin aber laßt nrich sein, was ich für euch, und — wenn ich war ich weiß nicht was — ja b o ch bleib: E Jnd, e Jud — (er verneigt sich) e ganz gemeiner Jud." lAb.) Mag der hochnotpeinliche Kritiker diese oder jene künstlerische Abträglichkeit an dem Stücke bemängeln: die Schönheit der Verse, der gewaltige, mächtige Zauber der poetischen Sprache sowie dramatische Steigerung und geradezu plastische Zeichnung der Eharaktere machen das Werk zu einem Juwel der dramatischen Poesie des letzten Jahrzehnts. Und zum Schluffe nur noch ein Wort über die glänzende Aufführung durch das Gesamt-Gaftspieleusem-le des Berliner Neuen unö Klei neu Theaters. Ausgezeichnet hat Herr Direktor Max Reinhardt dem roten Jtzig künstlerische Züge und tühn-genialeDarstettnngskrast verliehen. Sein Jtzig wird rins stets als eine abgerundete Kunstleistung vor Augen schweben. Max Racher. Jüdische Abende. Die Wiener „Indischen Abende". Die Saison der Wiener „Jüdischen Abende" fand mit der an: 6. Mai stattgehabten Ausführung der Pinskischen Tragödie „Di familje Zivi" einen geradezu glänzenden Abschluß.*) Die Darsteller waren Mitglieder und Freunde des akademischen Vereines zionistischer Hochi schüler aus Rußland „Leo Pinsker" und verdienen Anerkennung. Für die Mühe und Zeit sowohl, die sie an ihre Aufgabe wendeten, als für ihre Leistungen selbst. Diese übertrafen das übliche Dilettantemnaß, ja erhoben sich bei einzelnen Mitwirkenden zu ganz beträchtlicher Künstlerhöhe. So war es möglich, daß das Stück zu voller Geltung gelangte. Die Spannung und Ergriffenheit, die es fast im ganzen Publikum auslöste, legten für seine dramatische Wucht, gegenüber welcher manche technische Unbeholsenheiten ganz zurücktraten, Zeugnis ab. Zugleich aber auch für die Idee der "Jüdischen Abende" selbst. Mail kann ruhig sagen, daß sich die Aufführung von „Di familje Zivi" zu einem Triumph deS neuen ostjüdischen Kulturlebens und der unfugweise „Jargon" gescholtene!: jüdischen Sprache gestalteten. Gegenüber den Eindrücken dieses Abends mußten die Lacher verstummen. Die Lacher! Wer wollte leugnen, daß das Jüdische sie vorlstäufig noch 311 sehr auf seiner <seite hat? Denn nicht die westlichen Lacher sind gemeint, die lachen, weil sie das Jüdische mit dem bei ihnen landesüblichen „Jüdeln" verwechseln. Sie sind unabwendbare Schicksale, von welchen man nicht weiter spricht. Sondern jene Lacher aus dem Osten selbst, die mit der jüdischen Literatur nicht gleichen Schritt gehalten haben und in ihr auch heute n u r das suchen, ivas sie in früheren Jahrzehnten fast ausschließlich bot: einen derben Volkshumor. Und darum ist ihr Lachen so verletzend, selbst ivenn es an sich ganz ain Platz und das Werk, das es hcrvorrief, eine ganz respektable literarische Leistung ist. Nicht, daß sie lachen, verdrießt, sondern daß inan ans ihrem Lachen eine beleidigende Vertraulichkeit, die geistige und gesellschaftliche Aschenbrödelschätzung heraushört, die sie für den „Jargon" haben. Und doch ist kein Grund vorhanden, sich diese Lacher zu sehr zu Herzen zu nehmen. Entwicklungen niuß Zeit gelassen werden. Sie sind immer langsamer als unsere Wünsche, weil die Masse schwerfälliger ist als lvir einzelne Sterbende. Schrittweise gelangen ivir doch aus dem Lachstadium herans. Und dann koinint es ja überhaupt weniger auf unserer: kleinen Wiener Besncherkreis als ans das große jüdische Volk im Osten und im fernen Westen an, das in für uns alle sichtbarer Weise von seinen Dichtern, Publizisten und Führern innner weiter unb weiter den Weg eines ernsten, umfassenden, rnodernen Kultur- und Sprachlebens geleitet wird. Wir dürfen uns aber freuen, mit unseren Abenden ein Kleinod zu diesem großen Fortschritte beigetragen 31t haben. In Wien selbst, indem wir für eine aSmmlung der hiesigen ostjüdischen Elemente im Zeichen ihrer eigenen Kultur einen Ansatz schufen, der späterhin noch auszugestalten sein wird. Dann aber auch im galizischen Judentum, das die nationale Bedeutung seiner Sprache bisher weit weniger erkannte als das russische und amerikanisch-englische Ostjudcntnm . Der Wiener Anregung' folgend, führte inan in galizischen jüdischen Tohnbeehallen die jüdische Vortragssprache ein und siehe da — es geschah, was ja eigentlich selbstverständlich ist: das Jüdische stillte die Räume, die sich bei deutscher und Polnischer Vortragssprache nie hatten füllen wollen. m. a. Die nächste Beilage „Indische Adende" wird hauptsächlich Lyrisches dringen. Die Be«rteil«ug der jüdischen Sprache in England und Amertta. Die jüdische Sprache gewinnt für England und Ainerika, dem wichtigsten iEnwanderungsgebiete der osteuropäischen Juden, innner mehr an Bedeutlmg, sowohl wirtschaftlicher als auch sozialer Natur. Diese Tatsache entgeht auch der amerikanischen Presse nicht, und sie beginnt dem „Vtzddish", wie die jüdische Sprache jenseits des Ozeans offiziell genannt wird, eine größere Beachtung zuzuivenden. Es dürfte unsere Leser interessieren, eine der vielen amerikanischen und englischer: Stiminen über die Bedeutung der jüdischen Sprache kennen zu lernen. Wir wählen zu diesem Zweck einen jüngst im „Manchester Guardian" erschienenen Artikel, der jetzt die Runde durch die englisch geschriebene jüdische Presse Amerikas macht. Der Artikel führt den Titel: „Rpddish, die Entwicklung und Verbreitung der Sprache des russisch-jüdischen Ansiedlungsgebietes". Sein Verfasser ist Israel E 0 h e n. Herr Cohei: schreibt: Die englische Presse beschäftigt sich in jüngster Zeit innner mehr mit der jüdischeir Sprache, die genaue Bedeutung des Wortes „Zyddish" ist jedoch den wenigsten Lesern bekannt. Die volkstümliche Erklärung, daß jüdisch ein Idiom der russischen Juden sei, ist sicherlich keine ausreichende Definition des Begriffes. Der Ursprung der jüdischen Sprache und ihr Verhältnis zu den eingeführten Weltsprachen bleibt für die meisten, die sich mit der Frage nicht eingehend beschäftigt haben, ein ungelöstes Rätsel. Nun wollen wir eS versuchen, hier in gedrängter Form einiges über diese in letzter Zeit so wichtig geivordene Frage mitzuteilen: Der Geburtsort der jüdischen Sprache ist Deutschland, ivo die Juden in: Mittelalter in großer Zahl lebten. Die Grundlage der jüdischen Sprache ist das Hochdeutsch, wie cs damals in: mittleren Rheindistrikt von Juden und Christen gesprochen wurde', der einzige Unterschied bestand damals darin, daß die Juden sich für die Schriftsprache der hebräischen Lettern bedienten. Dieser äußere Charakter des von den Juden gesprochenen Hochdeutsch übte alsbald auch auf das innere Wesen der Sprache einen bedeutenden Einfluß ans, und manchem Worte der Bibel oder des Talnmd wurde der Eingang gewährt. So entivickelte sich zunächst das „Indisch-deutsch" oder „Judendeutsch". In der Schriftsprache wurden die hebräischen Lettern bis zum heutigen Tage beibehalten und der Uneingeweihte verwechselt auch oft jüdisch mit hebräisch. Das Hauptgebiet für die jüdische Sprache bilden Rußland und Rumänien, wo sie von der Hälfte der gesamten Juden der ganzen Welt gesprochen wird. Diese Tatsache entspringt einen: weltgeschichtlichen Ereignisse. Die Verfolgungen, welche die Inden im sechzehntel: Jahrhundert seitens der deutschen Fürsten auszustehen hatten, zwangen die Inden, sich nach dem damals gastfreien Rußland und Polen zu flüchten. Diese Wanderung nahm große Diiuensionei: an und dauerte geraume Zeit. Die meisten der Auswanderer siedelten sich in Littatten, der im äußersten Westen Rußlands gctegenen Provinz an, führten hier ein fleißiges, ruhiges Leben und wuchsen allmählich zu ihrer heutigen iinmensen Zahl an. Einmal ans russischem Boden verpflanzt, nahm die jüdische Sprache auch viele neue Ausdrücke ihrer neuer: Umgebung auf, sowie auch ihre Aussprache je nach der lokalen Dialektik sich entsprechend änderte. Eine der geschmeidigsten Sprachen, macht sie in jedem Lande, in welches sie eindringt, neue Eroberungen, bereichert ihren Wortschatz in Holland und Frankreich ebenso wie in England und Amerika, inden: sie überall durch Uebersetzung von Werken der betreffenden Sprache auch selbst an Kraft gewinnt. tFortsetznng folgt.) Beilage finr nächsten Wmmerr „Airsmnrrderrmg und Kolonisation".