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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · page 10

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jüdisches Volkablatt Nr. 2i ihr dann fast Mann für Mann gleich eifrig slawische Literatur betreiben würdet, wie ihr jetzt die talmudische, eine unserer Zeit so fremde und einseitige, betreibet! Der gewaltigste Heros der slawischen Literatur, einer der erhabensten Sänger und edelsten Streiter für Recht und Wahrheit, soll dem Blute nach euch angehören. Möge er euch ein glänzender Stern sein, der euch eine neue Bahn beleuchtet, und euren christlichen Landcsbrüdern ein glänzendes Zeugnis, daß auch euer Blut ein ritterliches und edles sein könne. Den Wunsch, daß in euren Schulen slawische Sprachen gelehrt werden sollen, teilen so manche von euch, trachtet nun, ihn zu realisieren. Dann wird wohl bald die Zeit gckommcn sein, wo ihr nicht mehr werdet betteln gehen müssen zu euren Brüdern nach Deutschland, um den Durst nach europäischem Wissen und Bildung zu stillen, der sich jetzt bei euch so oft und heftig regt. Wenn es dann bald auch dahin käme, daß in euren Synagogen eure Rabbiner und Prediger das Wort Gottes allwöchentlich in der Sprache des Landes ertönen ließen, so würde auch dieses vielleicht als eigentümliches Element zur Belebung mancher nationalen und geistigen Interessen Mitwirken können, würde euch Ächtung, Bedeutung verschaffen und der beiden Parteien gleich wohltätige, wechselseitige Annäherung befördern. Ich bin fest überzeugt, daß die wohlmeinenden und treffenden Worte eines einzigen unter den slawischen Gelehrten unter eure Masse wie helle Blitze fahren würden, sie wecken möchten und gewinnen für eine große europäische Nation, und so die Gemüter beider Parteien heilsam versöhnen — und bin fest überzeugt, daß sich doch einer im Lande wird finden und einer erheben als Menschenfreund und Patriot, um diesen schönen Ruhm zu gewinnen und die große Bahn zu eröffnen, die dann bald wird geschlossen sein. — Dann wäre ein Schritt mehr geschehen zur göttlichen Versöhnung — nicht nur der Einzelnen — nein, zur Völkerversöhnung und Vereinigung auf unserer ganzen, großen weiten Erde." Diese lange, schwungvolle, aber ebenso phantasiereiche Abhandlung blieb nicht ganz ohne Wirkung. In der „Allgem. Zeitung des Judentums" vom 6. Mai 1844 lesen wir schon einen Bericht aus Prag, daß die Herren Leopold Edler v. Lämmel und Forchheimer der „Matice", d.i. einem durch freiwilligeBeiträge sich immer vergrößerndenFonds des böhmischen Museums zur Unterstützung der Nationalliteratur usw., beigetreten seien und daß ihnen viele andere Juden zu folgen gedenken. Weiter bemerkt der Bericht, daß zwei slawische Dichter, der Böhme Klicpera und der Pole Korzeniowski, jeder eine Tragödie beendet haben, deren Held ein Jude sei?) So was sei bei den Slawen von großer Wirkung, da noch viel Pietät gegen das gedruckte Wort vorhanden sei. — vv-l Schließlich sagt der Bericht, es spreche sich unter den Juden Prags häufig derWunsch aus, daß an der dortigen jüdischen Normalschule eine Lehrkanzel für böhmische Sprache errichtet werde. Diese Anmerkung befindet sich auch im „Orient" 1844. Dort erfahren wir nebstdem, daß sich der Schuldirektor, Herr Wessely, für die Errichtung einer böhmischen Lehrkanzel sehr interessiere. Ein Seiteustück 311 dein großen Aufsatze von Kuh ist ein ebenso großer Aufsatz von W. Nebesky. Auch dieser Aufsatz ist von Bedeutung, weshalb ich die Hauptstellen herausgreife und zitiere: „Es war eine traurige Erscheinung, daß die Juden bisher an den nationalen Bestrebungen der Slaveu feinen Anteil genommen haben, daß sie durch das Anklammern an fremde Eleiueute unser nationales Element untergraben haben, wodurch sie die Kluft zwischen sich und der übrigeil Bevölkerung innner mehr vergrößerten. Während die Juden bei den andereil Nationen mit ganzem Herzen an dem Patriotisulus Anteil nahmen lind sich bemühten, alles, was sie von ihnen trennt, zu beseitigen, ist das Verhältnis bei uns ein ganz verkehrtes. Kein Jilde künmiert sich um unsere Nationalität, sonderii er vertieft sich entweder in rein jüdische Stlldiell und Interessen oder er huldigt freindeii CSIementen. Just einem jeden Volke haben sie viele ausgezeichnete Männer gegeben, uns haben sie nichts gegeben. JnDeutschland leben ungefähr 300 000 Juden und sie haben sieben Zeitschriften in deutscher Sprache für ihre Interessen. Wie viele Juden arbeiten überhaupt in der deutschen Literatur? Unter den Slawen wohnen über zwei Millionen Juden und nirgends eine Spur einer Beteiligung an unseren: nationalen Leben. Diese traurige und beiden Seiten schädliche Absonderung sollte aufhören. Anfangs wird das bcibcit eigentümlich erscheinen, leider vielleicht auch widerwärtig, beide hätten aber daraus einen großen Nutzen und außerdem wäre es eine schöne Erscheinung der Humanität. Der Slawe bedenke, daß er durch diese Bezichllngen zwei Millioilen Seelen gewinnt; daß der Jude in: Reiche der G e i - st e r etwas gilt, muß ihnen ihr größter Feind z u g e st e h e ii. Es k a n n fein Volk von geringen: G e i st e sein, das in der Geschichte der M e n s ch h e i t eine solche Rolle spielt, in Hesse ii Sprache die Bibel, das Buch der Bücher, geschrieben i st; ein Volk, das bei: w i l d e st e n S t,ü r m ei: der traurigst e n Jahrhunderte W i d e r st a n d l e i st e t e u n d seinen Charakter, seine Religio n, die ä l t e st e der ganzen Welt, behielt. Das haben große und unparteiische Männer eingesehen, wie Haman, Herder, Lessing und Mickiewicz. Mickiewicz sagt von der: Juden, daß sie am ineistcn Geist besitzen und daß es kein Unglück sei, daß sie unter uns am zahlreichsten wohne::. Mickiewicz erkannte, was für Bedeutung die Juden für unsere Zukunft haben können. Es wäre also Zeit, daß inan sich, bevor die Wege der beiden Nationei: noch mehr auseinander gehen, bernühe, daß es auf beiden Seiten zu einer Verständigung komme. In Böhmen sollte der Anfang gemacht Werder:. Die erster: «Lchritte wurden eigentlich bereits von seiten der Juden gemacht." Im weiteren bringt Nebesky einen Auszug aus Kuhs Artikel in der „Allgem. Zeitung des Judentums" irnd fügt wieder einige Komplimente für die Juden hinzu. Die Juden besäßen eine große Kraft, Elastizität und Ausdauer; das hätten sic durch ihre tausendjährige Geschichte, durch ihr Schicksal, eine einzige Erscheinung, wie sie in der Geschichte weiter nicht zu finden sei, bewiesen. Sie seien das älteste Volk der Menschheit, ein Volk, aus dessen Innern die mächtigste Idee der Menschheit, das Christentum, hervorgegangen sei usw. Wer einen Sinn für große Bewegungen der Völker habe, der müsse Ansehen, daß diese Sache etwas Hoffnungsvolles und Großes enthalte. . Die Gegenwart werde wohl die Frucht aus dieser bitteren Wurzel nicht ernten, das werde erst der Zukunft zukommen. Die Slawen müssen sich für diese Arbeit einsetzen, sich für sie opfern, mehr als ein anderes Volk. In der „Allgelneinen Zeitung des Judentums" vom 11. November 1844 befindet sich ein „Eingesendet aus Mähren", welches über das Verhältnis der Juden zu den Slawen handelt. Der anonyme Verfasser spricht über die Jiiden in Mährei: unter Premysl Ottokar dem Zweiten und unter Kaiser Josef und erwähnt die Verhältnisse der Juden in Polen unter Kasimir dem Großen. Er koinnit auf die Aeußerungen Mickiewicz' über die Juden zu sprechen und geht auf die modernen Beziehungen der Juden zu den Tschechen in Böhmen über: „Es ist zu bedauern," sagt er, „daß der Jude bisher gerade hier (in Mähren) ferner, fremder und schroffer der Nationalität eiitgegensteht und 31t ihrer Förderung und Würdigung weit weniger sein Scherfleii: beiträgt, als seine Glaubensgenossen in anderen Ländern. Je mehr der Slatve jetzt natioiial bewußt wird, desto größer iind verhängnisvoller würde die Kluft zwischen ihm iind den: Juden sein, tuen:: nicht eben schon jetzt hie imd da beide Parteien ihre Annäherung befördern rnöchtei:. Dies tun zumeist die Bühluen. Und wie diese das geistige Prinzipat in: Slawentum besitzen und wie sie die Träger unb Vermittler sind des Geistes vom Osten und Westen Europas, so wird ailch ein Teil der böhmischen Jiiden seinen anderen slawischen Glaubensgenossen den Weg zur nationalen Verschmelzung anbahnen und vermitteln." Der Verfasser spricht weiter über die Judenexzesse, die in letzter Zeit so häufig stattgefunden haben und protestiert dagegen, daß n:an sie auf Rechnung der slawischen Nation schreibe. Gr weist auf die versöhiiende Stellung der slawischen Presse während und nach der Zeit der Exzesse hin. Wci:n anderswo die Zeitungen ähnliche Ereignisse, wenn es sich um Juden handle, nach dürftiger Möglichkeit entschuldigen und bemänteln, erscheine in Prag ein Artikel in der geleseiisten und geachtetsten Zeitschrift „Kvöty", der mit ebensoviel Liebe und Geist als gerechter Würdigung beider Parteien feine:: Gegenstand bespreche?) Seines Wissens hätte noch nie ein deutsches Blatt (es wäre dein: ein jüdisches) eine so liebevolle Beurteilung jüdischer Verhältnisse gebracht. Aber nicht nur durch bombastische Zeitungsartikel und durch hochtrabende Phrasen sollte für die Annäherung der Juden :u:d Slawen gearbeitet werden. Nebesky griff noch 31: einer:: anderen Mittel, nämlich zur Veröffentlichung jüdischer Säger:. So erzählt er in „Kvöty" vom 0. August 1844 die Sage vom „Rabbi Lob", den: großen Gelehrten a:is Prag, der in seinem Grabe nicht ruht, sondern in feinem Totengewande sitzt und das heilige Wort studiert. Er muß so lange warten, bis eininal nach vielen Jahrhunderten sein letzter Enkel kommen wird und ihr: mit den Worten: „Großer Rabbi Lob! Die Frage ist entschieden!" ansprecheu wird. „Nimm mich jetzt zu dir, 0 Gott!" wird darauf der Rabbi sagen iind in Asche und Staub zerfallen. Die zweite Sage trügt die Ueberschrift „Zed rabbiho Judy Chasida" („Die Mauer des Rabbi Juda Chassid"). Zu dem Frauentempel in Worms führt eine enge Gasse, deren eine Wand eine Vertiefung enthält. Ueber die Entstehung der Vertiefung wird Folgendes erzählt: (SÜne schwangere Frau ging einmal zum Tempel. Da kan: mit Schnelligkeit ein Wagen gefahren. An ein Ausweichen war in der enge:: Gasse nicht zu denken. Die arme Frau sah sich verloren, we::n kein Wimder geschähe, denn der rohe Kutscher hieb rücksichtslos auf die Pferde ein. Und cs geschah ein Wunder; es entstand in der Wand eine Vertiefung, in die sich die Frau flüchten konnte. So errettete sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch die Frucht unter ihren: Herzen, den späteren großen Rabbi Juda Chassid. Von jüdischer Seite bemühte man sich ebenfalls, denTschechen entgegenzukommen. Kapper übersetzte Gedichte von Lelakovsky, Jablonsky und Machar ins Deutsche?") Im Jahre 1844 gab er „Slawische Melodien" heraus und in: Jahre 1845 veröffentlichte er in den „Kvöty" einige eigene tschechische Gedichte. L. A. Frankl dichtete ebenfalls in „Kvöty" 1846 ein Lied und schrieb in seinen „Sonntagsblättern" Rezeiisionen tschechischer Werke. Wie die Bewegung in: Steigen begriffen ist, sehen wir aus den „Kvöty", Jahrgang 1846. Dort finde:: wir neben einem Artikel voi: Nebesky zwei andere, die nicht von ihm stammen. Beide sind anonym; der eine ist mit „Slavomil", der andere mit K. W. H. gezeichnet. Nebesky referiert in „Kvöty" von: 30. Jänner 1846 über die neuesten Fortschritte der Bewegung. In Wie:: habe sich eii: Zirkel gebildet, der die Annäherung der Juden und Slawen zum Zwecke hätte. Dort würden Vorbereitungen getroffen zu einer Uebersetzung der jüdischen Gebete ins Böhmische.") Auch die Herausgabe eines kleinen Katechismus in böhmischer Sprache und einer böhmischen Bibelübersetzung in der Art, wie ihn die Philippsonsche Bibel habe, werde geplant. Nebesky berichtet nach über die Einführung der böhmischen Sprache in der Raudnitzer Schule") und ergibt sich dam: übertriebenen Schmeicheleien der Jiiden. Viel kühler ist der Artikel von „Slavomil" in „Kvöty" vom 30. September u::d 3. Oktober 1846 gehalten. Er betrachtet die Judenfrage von zwei Standpuiikten aus: 1. von: Standpunkte der Humanität, 2. voiii slawische«: Standpunkte. „Das gegenwärtige Jahrhundert beinühe sich, das gut zu inachen, was frühere Jahrhunderte ai: ben Juden versündigt haben. Die Slawe» kennen ebenfalls

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