Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Verlage px Nr. 21 des „Jüdisches Volksblsii Beteiligung öer Inden an der tschechischen Literatur. Von Oskar Donath, i. Die tschechisch-jüdischen Beziehungen in den 40er Jahren des 10. Jahrhunderts. Tie tschechisch-jüdischen Beziehungen in den 40cr Jahren des 19. Jahrhunderts bilden eine intorcffante Episode der tschechischen Literatur- und Kulturgeschichte. Dennoch hat sich bis hellte niemand die Mühe genonnnen, 311 untersuchen, wie diese Beziehungen entstanden sind, wie sie sich entwickelt haben und warum sie nur eine Episode geblieben sind. Berührt wurde das Thema allerdings von I. Malyff), W. Fritsäft) und Dr. I. Hämisch"). Alle habeil eS aber rrur gestreift, ohne näher daraus emzugehm. Aul aussührlichsteu ist noch Hämisch, aber auch er konnte begreiflicherweise diesem Stoffe bei der Behandlung NebeSkys nicht viel Nauru gewähren. Es ist notwendig, die Beziehungen so ausführlich als inöglich zu schildern. Wir müssen unS sie immer vor Augen halten, 'nur die Beteiligung der Juden an der tschechischen Literatur zu verstehen. Die tschechisch-jüdischen Beziehungen bilden gewiffermaßen das Milieu, aus welchem die Männer, um die es sich handelt, hervortreten. Die tschechisch - jüdische »^Bewegung ging tschechischerseitS von Wenzel ^Asbesky, jüdischerseits von David Kuh und Siegfried Kapper atw. Zeitschriften, die den Auseinandersetzungen Namn boten, waren „KEy,, < Blüten), ,TeSkü vcela" < tschechische Biene), „Orieirt" unö „Allgemeine Leitung des Judentums". Nebesky kam im Jahre 1880 nach Prag, mn dort Philosophie zu studieren. In Prag wurde er durch Karl Sabina in deii Kreis der byronistischen lind jungdentschen Dichter eingeführt, zu denen namentlich Isidor Heller, Alfred Meißner, Moritz Hartman«, Ludwig August Frankl und S. Kapper gehörten?) Mit ihnen lebte Nebesky in freundschaftlichster Beziehung, nicht nur in Prag, sondern auch später in Wien. Diese Freunde, die so viel Mitleid mit dem Polenreiche zur Schau trugen, die sich mit ihrer Hussitenheiinat brüsteten, die die böhmische Sprache kannten und priesen, die aus der böhmischen Geschichte Stoffe für ihre Werke wählten, wollte er für die tschechischnationalen Bestrebungen und für die tschechische Literatur gewinnen. In Prag lebte Nebesky bis zum Jahre 1843. Im Herbste dieses JahreS entschloß er sich, nach Wien zu geheil, um dort seine Studien fortzusetzen. NebeSkys Aufenthalt in Wien ist für die tschechisch-jüdischen Beziehungen von großer Wichtigkeit, denn hier wuchs das Bestreben, die Juden der tschechischen Nation 31t nähern, noch mehr. Man darf nicht glauben, daß das Bestreben Nebeskys, die Inden zu emanzipieren und sie den Tschechen zu assimilieren, ein zufälliges war. Keineswegs, denn solche Bestrebungen waren seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in ganz Europa üblich, besonders aber in Deutschland, lvo sie das junge Deutschland kennzeichnen. Lessing und Herder waren eS schon, die zwischen ihrer Nation und dem Judentum vermittelten und denen es gelungen ist, die bestehende Kluft teilweise auszugleichen, die seit Jahrhunderten ballernden Vorurteile .u»ld Gehässigkeiten zu beseitigen und die Inden für die deutsche Nation 31t gewinnen. Die praktischen Folgen ließen gar nicht lange auf sich warten, denn in Kunst unb Wissenschaft, besonders in der Literatur, treten am Anfänge des 19. Jahrhunderts keine geringeren Dichter auf als die Jliden Börne und Heine. In den Reiheil der Jnngdelltschen standen die Juden voran mld Menzel verspottete das junge Delltschland, inbcm er es »Jungpalästina" nannte. Diese jungdentschen Juden neigten sich vor dem Genius Byrons, schwärmten für die Freiheit und waren frei voll jedem nationalen Challvinismus. Diese iöcdcit Bestrebungen verschafften ihnen an vielen Orten Sympathie, so z. B. in Polen, wo die chinesische Mauer zwischen Juden und Nichtjuden damals gefallen war/') Durch die Verbreitung des Byronismus, den in Deutschland teilweise, in Böhrnen größteilteils die Judell repräsentierten, wuchs auch die Sympathie zu den Inden in Böhmen. bcicht nur Nebesky, sonderil auch die übrigen tschechischen Byronisten begannen sich für die Jlldenfrage zu interessieren. Machar nimmt in seinem Gedichte „Opuätönv (Der Verlassene) Anteil an dein Schicksale des jüdischen Volkes, „das nicht weiß, wohin es das Hcnlpt legen soll, lind das ferne von seiner Heimat, ferne voll dem Staate seiner Väter in eteilder Lage leben muß". MacharS Verehrer lind Nachahmer Kart Sabina, W. Fritsch, Mikovec u. a. lebten mit den Prager jüdischen Schriftstellern in innigeln Verkehre. Die Sympathiekundgebungen konnteu nicht ohne Einfluß bleiben auf das Verhältnis des sich emanzipierenden Judentums zu deril sich einarlzipierenden tschechischen Volke. Jtl der Tat nlachte sich vom Anfänge der -10er Jahre unter den tschechischen Juden eine patriotische Bewegung bemerkbar. Kapper dichtete tschechische Verse. David Kul) trat für die Anilähernng der Inden uild Tschechen in langeil Artikelil der „Zeitung des Judentums" ein. L. A. Frankl versuchte sich ebenfalls in tschechischen Versen und war der erste, der in deutschen Zeitschriften Erscheinungen auf denl Gebiete der schönen böhmischen Literatur rezensierte. Moritz Hartmann legte in seinen ersten Gedichtsammlungen besonderen Nachdruck darauf, daß er im Hnssitentande geboren wurde. Hin ein klares Bild der Auseinandersetzungen zu geben, werde ich ans die einzelnen Zeitschriftenartikel näher eingehen. Ich werde , sowohl die Stimlllen von tschechischer als auch voll jüdischer Seite an sich reu, ohne mich aber auf ihre Interpretation, aus ein pro oder contra eiilznlassen. Das lvürde auf das politische Gebiet hinüberführen mld eine streng historisch - tvissenschaftliche Behandlung znmindest beeinträchtigen. Der erste Artikel, der die Tendenz hatte, eine Annäherung der Tscheche!: und Jtlden herbeizuführen, ging von jüdischer Seite aus. Daß aber mündliche Auseinandersetzungen vorausgegangen sind, zeigt uns ein Brief Nebeskys an Krousky aus den: Jahre 1843:") „Der Artikel, daß sich die Inden der Slawen annehinen sollen, ist bereits fertig. Er wird in der „Zeitung des Judentums" erscheinen. Ein guter Artikel, famos geschrieben. Er wird vortrefflich wirken. Man spürt es schon jetzt ein wenig bei den Inden in Wien. Ich tverde in dieser Richtung weiter arbeiten. Von den Inden könnten uns gute Kräfte zukommen; es ist daS ein famoses, wunderbares Volk, voll von Geist und Tat. Den Deutschen haben sie vortrefflich geholfen. O, würden sie auch uns helfen!" Ein ganz kleiner Aufsatz erschien bereits in Fürsts „Orient" voin (>. Februar 1844. ES ist ein Bericht anS Prag: „Die Negierung unterdrückt daS slawische Element, die Großen Böhmens haben angefangen, ihre Sprache liebzngewinnen, sie zu pflegen und wissenschaftlich auszubilden: die Negierung herrscht hier int vollen Wortsinne. Was sollen die Juden intor Charybrieni ot Scyllum“ machen? Nicht engherzig, nicht feige, nicht eigennützig, wahre Sühne ihres Vaterlandes sein! Die Inden sollen den Hebel der Nationalität, die Sprache, mit in Bewegung setzen helfen, sich jenen Männern, die mit der wissenschaftlichen Erforschung der böhmischen Sprache sich beschäftigen, anschließen, mn sich ihren Bürgern als Böhmen zu zeigen. Mit Recht verdienen daher Siegfried Kapper und noch wenige Inden, die sich mit böhmischer Sprache und Literatur beschäftigen, den übrigen Jünglingen als Muster vorgeführt zu werden." Darauf reagierte Nebesky in den „Kvöty" vom 22. Februar 1844. Dort schreibt er: „Etwas über das Verhältnis der Juden und Slawen". Er habe in der „Zeitung des Judentums" gelesen, Mickicwicz sei ein Jude gewesen. Wenn sich das bewahrheite, so müsse man nur wünschen, daß er bald viele Nachfolger aus derselben Nation habe. Man müsse sich gestehen, daß dieses unter den Slawen am dichtesten wohnende Volk für die Slawen nichts getan habe, ja durch Unterstützung und Verbreitung eines fremden Elementes ben slawischen Bestrebungen manchmal geschadet Habe. Für beide Seiten erwachse daraus ein Schaden. Der S l a w e )v ü r d e m i t Hilfe dieses eifrig e n, fleißige n, g c i ft* r e i ch e n Bol k e s viel g e w i n u c n; man bedenke mir, wie viele tüchtige Männer die Inden in Kimst und Wissenschaft dar Deutschen gegeben haben, den Slawen aber nicht. Die Inden mögen sich zu einem Ziele mit derjenigen Nation verbinden, mit welcher sie leben. Sie nlögen von demselben Gedanken, demselben Willen und demselben Streben beseelt sein. Dann müsse auch das Vorurteil der tschechischen Christen gegen die Juden, über welches sie sich so sehr beklagen, schwinden. Am Schluffe ruft Nebesky ans: „Hoffen wir, daß sich die Dinge zum Besseren wenden. DaS sei das Bestreben beider Parteien!" Von größerer Wichtigkeit sind zwei ausführlichere Artikel, nämlich einer von David Kuh in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 1., 8. und 15. April 1844") und einer von Nebesky in den „Kvöty" vom 6., 9., 11., 13. und 10. Juli 1844. David Kuh inacht deil Slawen zuerst einige Komplünente, daß sie unter den Nationen deS Ostens - das zahlreichste, bedeutendste und fähigste Volk seien, daß sie sich in der Kulturgeschichte einen würdigen Platz erringen werden neben den Völkern der Vorzeit, den Acgyptern, Juden, Griechen, Römern und Arabern. Dann wendet er sich gegen die Slawen, sie sollten sich nicht einpferchen zwischen Mauern und unter einem Dache. Die Deutschen habe der Umstand groß gemacht, daß sie dem Geiste niemals Achtung versagten, daß sie von Franzosen und Juden, Dänen und Slawen um die Wette Steine herbeitragen ließen zum Baue des deutschen Ruhmestempels. Den Slawen habe aber bis heute niemand geholfen. Schuld seien sie selbst daran. Es gebe gar viele mannigfache Bahnen des Geistes, auf denen sie sich Freunde, Genossen und Helfer erwerben würden und die doch ihre Gelehrtesten und Weisesten aus Stolz und Vorurteil noch heute zu betreten sich scheuen. Nicht Orthographie und Grammatik, nicht Physiologie und Mythologie allein machen ein Volk groß, stark und bewußt; dergleichen Wissenschaften seien bloß Monopole und Vergnügungen der Gelehrten; wären sie auch das Salz und die Würze des Lebens, wer werde sie genießen wollen, ehe noch der Tisch gedeckt und die Speisen angerichtet seien? „Nehmet Haunner und Kelle," ruft Kuh aus, „und baut auch eifrig und rastlos an der Bildung des Volkes tmd an der Aneinanderkettung und Versöhnung der Gemüter!" Weiter schreibt er: „Einem Volk und einer Nationalität müssen sich die Juden notwendig anschließen; für sich, als Volk allein bestehen können unb wollen sie nicht. Wem sollten sie sich nun anschließen, wenn nicht euch (den Slawen)? Wer ist ihnen näher als ihr, unter denen sie schon seit so vielen Jahrhunderten leben? Wer ist ihnen näher als ihr, bei denen sie sicheres Obdach fanden, als eine grausame, stürmische Nacht dicht über Europa lag und sie gehetzt waren wie das wilde Tier des Waldes? O rnöget ihr nun ihnen, auf die leider jedes Unglück und Hemmnis, das euch seither betroffen, doppelt böse eingewirkt, freundlich die Hand reichen, ans daß sie sich erheben und euch zmn reichen Segen würden!" Nun wendet sich Kuh an die Juden: „Euch aber, ihr westslawischen Juden, die ihr so stolz seid auf eure Klugheit und euren Geist, die ihr so stolz seid auf die Wissenschaften, euch frage ich, ob auch ihr durch Druck so gesunken seid, daß ihr erst abwarten müßt, bis man euch erhebt und sich euch nähert? Welcher Gewinn für Kunst und Wissenschaft, welcher Gewinn für beide, jüdische und christliche Slawen, wenn