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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21 Jüdisches Volk-blait Seite L» dem hebräischen Sprachunterrichte müßte auch die jüdische Geschichte nicht auszugsweise, sondern nach einem entsprechend ausgcarbeitetcn System gelehrt werden. Ter dogmatische und religionsphilosophische Teil sollte aufs Wesentlichste beschränkt werden. Ich glaube, daß man durch die Deformierung des Religionsunterrichtes .dein jüdischen Volk einen großen Dienst erweisen würde. Die Jünglinge werden rechtzeitig die jüdischen Heroen ebenso bewundern lernen wie die griechischen und römischen, sie werden sich für Jehuda Halevy und Jbn Esra ebenso interessieren wie für Goethe und Schiller. Ich hege nun die Zuversicht, daß der Parteitag, der diesmal in Prag abgehalten wird, meinen Vorschlag einer eingehenden Beratung und einer entsprechenden Würdigung unterziehen wird. S. S ch a j o w i c z cand. jur.n st. erp. Das große Aktionskomitee hat diese Woche in Wien seine letzte Konferenz vor dem siebenten Kongreß abgehalten. Sie war wohl die wichtigste und folgenschwerste seit dem Tode Dr. Herzls. Wir wollen uns heute noch der Kritik der auf dieser Konferenz gefaßten Beschlüsse enthalten und uns vorläufig mit der Registrierung derselben — soweit sie uns bei der unpolitischen und geradezu kindischen Taktik der provisorischen Parteileitung _ zugänglich waren — begnügen. Der wichtigste Beschluß ist wohl derjenige gewesen, daß die zionistische Partei auf die Führerschaft deS Dr. Mar N o r d a u, ungeachtet seiner eigenen, auch vom jüdischnationalen Standpunkte zu berücksichtigenden Bedenken und ohne Rücksicht auf seine Kränklichkeit nicht zu verzichten in der Lage sei. Dr. Mar N o r d a u, der übrigens gegenwärtig in 5k a r l s b a d weilt und sein Fernbleiben von der Konferenz brieflich entschuldigte, wurde daher non einer zu ihm entsendeten Deputation, bestehend aus den Herren Katzenelson, W o l f s o h n und Doktor K a h n, nochmals gebeten, seinen ablehnenden Standpunkt aufzugeben. Dr. N o r d a u gab endlich die Zusage, die Leitung der Partei in Gemeinschaft mit den Herren W o l f s o h n- Köln und Prof. Dr. W a r b u r g - Berlin zu übernehmen. Diese Botschaft der zurückkehrenden Deputation wurde mit Freuden akzeptiert und beschlossen, dem Kongresse Vorschläge in diesem Sinne zu machen. Wenn diese Vorschläge vom Kongreß angenommen werden, was übrigens noch gar nicht feststeht, so wird Dr. N o r d a u als Präsident gewissermaßen die d i p l o m a t i s ch e Leitung haben, Herr W o l f s o h n der F i n a n z ch e f sein und Herr Prof. W a r b it r g die Palästina-Angelegenheiten führen. Letzterem soll zufolge einer ausdrücklichen Bedingung, an welche Dr. N 0 r d a u die Annahme der Führerschaft geknüpft haben soll, auch die O b e r l e i t u n g des P a r t e i o r g a n e s übertragen werden. In diesem Falle wird die Redaktion der „Welt" nach Berlin verlegt werden. Der ziemlich umfangreiche B e r i ch t de r ll g a n d a k o m m i s s i o n wurde in Druck gelegt und unter den anwesenden Mitgliedern des Aktionskomitees verteilt. Der Bericht lmitet s e h r u n g ii n st i g lind wurde das llgandaprojekt, wie wir erfahren, von: A.-C. mit überwiegender Majorität abgelehnt und soll, derselben Quelle zlifolge als gegenstandslos, ü b e v h a u Pt n i ch t m e h r v o r de il K o il g r e ß k o m m e n. Die Prüsidialkorporativ« des Berbandes zionistischer Stttdeutenkorporationen Oesterreichs versendet nachstellelide Bekännkniachnna: Prvaraimll des zweiten BerbandStcigeS der zionistischen Studellteltkorporakionen Oesterreichs am 1. und 2. Juni 1905 iic W i e ri. 01. Mai abends 8 Mir: Erste Zusanlmenknnst im 'Kongvestburean. BegriisjUlia muh Vortrag deS M. ll. Ü. Hugo Braun (Prag) über „Das Entartiulgsproblem lind die Jndell". 1. und 2. Juni: Tagung deS Berbandeö. Tagesovdittlng: a) A l l n e nt e i n c r Teil: 1. Progralmnatische tragen. Referent S. K a p l a n sky - M a v la ll (Wien). 2. Palästina, dessen jüidischllatlvlMl'0 Elttlvickkltna airf hem Gebiete der Erziehung mit» der Kolonisation. Referent: Mbb. Dr. Ne i ch (Baden). 8. Kulturarbeit des jttdischelt Studenten. Referent med. N e i z e s (Lemberg), b) G e schä ft l iche r T e tl: 1. Wahl etneS Bureaus. 2. Rechenschaft-sbericht der Präsidialkorpvratwn. o. Kassabericht. 4. Das jüdische Studelltenioesell mtt» seine Reformeii. Referent: jur. S ch a j o w i c z (Ezernmviü). 5. Die künftige Gestaltung des Verbandes. Referent: phil. Victor Freud (Prag). 0. Wahl der Leitung für das nächste Verbandsjahr. 7. Freie Anträge. Die Tagung beginnt am 1. Juni nur 9 Uhr früh. Am Abend deS 1. Juni findet ein Kommers statt. Der Zutritt 51t den Sitzungen ist jedem Zionisten gestattet. Die geladenen Gäste sind bei der Besprechung des allgemeinen Teiles debattensähig: stimm- und deüattenfähig sind ausschließlich die Delegierten, deren jede .Korporation zwei entsendet. Einzelverein „Mariahilf-Renban" des Verbandes „Zion", 6. Bezirk, Mariahilferstratze 89a. Dienstag den 00. Mai 1905, 8 Uhr abends, findet im separierten Saale des Ea-se Aiariahilf, 7. Bez., Mariahilferstraße 89 b eine Vereinsversammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Wahl von drei Delegierten zum Zionistentaa; 2. Referat über die Aufgaben des Vierten österreichischen Zionistentages, erstattet von Herrn Tr. Isidor Margttlies; 0. Diskussion. Gäste willkommen. Korrespondenten. Brief aus Gmunden. Gin echter Deutscher mag keinen Juden leiden, doch seine Gelder nimmt er gern. Ein paar Gmnndener verschämte und unverschämte Antisemiten bemühen sich, wieder einmal einen Wahrheitsbeweis für diesen Satz zu erbringen. Sie halten auch in Gmunden die Zeit des offenen Antisemitismus für gekommen, unbekümmert darum, daß tausende jüdischer Kurgäste alljährlich zum Wohlstände der Einheimischen mit einem netten Sümmchen beitragen. Die jüdischen Einwohner der Stadt — hier wohnen ständig acht Familien — erfreuen sich in der Bevölkerung als reelle, anständige Kaufleute eines guten Ansehens und der Antisemitismus störte bisher ihre geschäftlichen und ohnehin beschränkten gesellschaftlichen Kreise nicht. Der Männergesangverein in Gmunden, der ein einziges jüdisches Mitglied zählte und bisher als liberal galt, hat nun plötzlich zum Evangelium der Judenreinheit sich bekehrt und dieses jüdische Mitglied ohne jeden äußeren Anlaß hinausgelehnt. Dem Kaufmann Berthold Kormany, der fast zwei Jahrzehnte hindurch eines der eifrigsten und tüchtigsten Mitglieder tvar und alle Festlichkeiten des Vereines in uneigennütziger Weise unterstützte, dem persönlich in keiner Richtung etwas Nachteiliges nachgesagt werden kann, wurde von dem Lehrer Ernst D e u t l der Austritt aus dem Vereine nahegelegt. Man weiß, woher der Wind weht. Die antisemitische Strömung wurde in den Verein von ein paar jungen Gymnasiallehrern getragen, die am hiesigen Kommunalgymnasium tätig sind und gerade die Schillerfeier als passende Gelegenheit betrachteten, ihre judenfeindlichen Bestrebungen praktisch zu betätigen. Wie man in christlichen Kreisen Gmundens über die „freisinnige" Tat des sich in der Saison liberal gebärdenden Gesangsvereines denkt, beweist nachstehende Notiz der. „Salzkammergntzeitung", deren Redakteur ein Geistlicher ist: „Ein Präludium zur Schiller-Feier. „Wir ivollen sein ein einzig Volk von Brüdern", sagt der unsterbliche Schiller, dessen Todestag zu feiern der Gmnndener Ällännergesangverein die Anregmig gegeben stak. Wie wenig aller der nämliche Verein den edlen Worten des größten deutschen Dichters aller Zeiten nachlebt, das beweist folgende Tatsache: Herr Berthold Kvrmaily, Kaufmann in Gmunden, gehörte durch volle siebzehn Jahre diesem Gesangverein als ansiilleudes, und man kann sagen, wirklich fleißiges Mitglied an und nichts schien gegen diese Mitaliedschast vvrzuliegen. Doch halt, der Mann ist Jude, und dieser Geburtsfehler war jenen Sangesbrlideru, deren Deutschtümelei bereits ins Narrenhans hineingewachsen zu sein scheint, ein Dorn im Auge. Ja es hieß, daß eine Anzahl anderer Herren (Beamte, Professoren nstv.) ihren Eintritt in den Bereut von dem Umstande abhängig gemacht hatten, daß erst der Jude draußen sein müsse. Und so begab sich denn kürzlich der Vorstand, Herr Lehrer Ernst Dentl, mit angestammter Würde persönlich zunr Herrn Berthold Kormany und verkündete ihm den angeblichen mit großer Mehrheit gefaßten Vereiusbeschlnß, daß nun seine Mitgliedschaft ein Ende habe, weil . . . mm, weil Herr Kormany eben Jude sei. Daß Herr Berthold Kormany dieser Botschaft sofort Folge leistete, ist begreiflich., er gab überdies noch dein Herrn Vorstand eine schriftliche Erklärung mit auf den Weg, die aber wegen ihres etwas uübeauemeu Inhaltes nicht vor das Plenum gelangt sein soll. S o ges che h e n in der rn t e r n a tt v n a l en und i n t e r k o n f e s s i v n e l l e n K n r st a d t G m u nden i in Jahre 1905. g? nimmt uns nur wunder, daß derselbe Mannergesangverein nicht auch noch dekretiert, daß seinen Produktionen im S v m m e r u n d z u a n d e re n Z eiten künftig k e i u e I u d e n m c h r b e iw oh - neu d ü r f e n u n d daß das Bereinklav i e r, iv e l ch e s ü v ch a u ch a u s a l l e r d r n g s s ehr k u l a n t e n Jude u h ä n d 'C n st a m m t, überhaupt noch sein D a s e i n im Bere i n s l o k a l e f r i st e n d a r f. Nach diesem Beispiele zu schließen, dürsten sich die Begriffe „national" und „brutal" wenigstens iit Gmunden so ziemlich -decken. Herr Berthold Kormany mag sich übrigens trösten: den -hochverdienten Chormerster Herrn Dr. Karl Betstovfer hat man zum Danke für die Liebe und Begeisterung, mit welcher er den Mannergesangverein durch mehr als 25 Jalire geleitet und gehoben, vor nicht gar langer Zeit genau so henkermäßig behandelt. Das scheint bei diesen dankbaren deutschen Männern schon so der Brauch zn sein. Doch mag auch das gesellige Leben in Gmunden durch solche Vorgänge immer mehr und tiefer zerrissen werden: Lieb Vaterland magst ruhig sein, Der G'sangverein ist judenrein!" Die Herren aus dem Gesangsverein werden ja nach wie vor bei ihren Veranstaltungen auf die Taschen jüdischer Kurgäste spekulieren und auch sonst jüdisches Geld nicht verschmähen, -kbcr es fragt sich, ob die Juden den Gmnndener Antisemiten ihr Geld werden zutragen wollen und ob die hiesigen Kaufleute, die den Vorteil eines ruhigen geselligen Zusammenlebens kennen und nach antisemitischer Betätigung keine Gelüste tragen, die Störenfriede vom Kommunalgymnasium werden ruhig gelvähren lassen. Die Vorgesetzte Behörde von Jugendbildnern, die in der Verhetzung einer friedliebenden Bevölkerung ihre erzieherischen Ziele sehen, wird auch nicht ruhig zuschauen dürfen. Also entweder — oder! Antisemitismus in Gmunden ist offene Kriegserklärung an die jüdischen Kurgäste und bedeutet Verzicht auf ihr Kommen und Geld. Die Herren vom Mannergesangverein werden in ihrer Doppelmoral jüdisches Geld nehmen, wo sie es brauchen und bekommen. Es ist aber leicht möglich, daß sie dazu nicht mehr so oft wie bisher Gelegenheit haben werden ... Es gibt ja auch außerhalb Gmundens schönen Sommeranfenthalt im Salzkammergut. A b r a h a m. Bll-apester Brief. Die Juden Ungarns haben nur dann Zeit, sich mit ihrer: eigenen Angelegenheiten zu besä sserr, wenn die allgemeine Landespolitik ruht oder wenn sie durch die Verhältnisse dazu gedrängt werden. Und noch ein dritter Fall ist möglich. Wenn irgend eine „bedrängte" Konfession des Landes sich entschließt, durch allgemeine Forderungen ihre Lage zn verbessern, dann besinnen sich auch die Führer der Israeliten Ungarns, daß ihre Konfession eigentlich die wirklich bedrängte ist, und man beginnt „etwas zu tun". Für die Juden Ungarns find diesmal alle drei Motive vorhanden, um „etwas zu tun". Die allgemeine Landespolitik ruht oder beschäftigt nur die Führer, die Verhältnisse sind in Ungarn für die Juden bereits so schlecht geworden, daß nur Blindheit oder böser Wille es nicht sieht, und dazu kommt noch, daß auch die „bedrängten protestantischen Konfessionen" zur Verbesserung ihrer Lage eine Aktion eingeleitet haben, und es wäre sicherlich sträflicher Leichtsinn der Inden gewesen, wenn sie, die wirklich Bedrängten, nicht ebenfalls ein Lebenszeichen von sich gegeben hätten. Die innere Spaltung, die Uneinigkeit und gegenseitigen Anfeindung, diese urjüdischen Krankheiten, machen sich vielleicht in keinem Laude so fühlbar wie bei den Juden Ungarns. In drei Lager gespalten, bieten sie den Regierungen die billigste Ausrede, nichts für sie tun zu können. Obenan stehen die Neologen oder, wie sie sich nennen, die magyarischen Juden. Sie sind ultrachauvinistisch, sind ein Dorll im Auge der Nationalitäten, predigen die Einheit des Judentums, wobei sie natürlich i h r Judentum als Einheitsbasis hinstellen. Im Kampfe gegen Orthodoxie und Nationalismus bis zur Angeberei unerbittlich, schrecken sie vor den niedrigsten Mitteln nicht zurück und bedienen sich oft der niedrigsten Waffe, indem sie die Orthodoxen und Jüdischnationalen des

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