Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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?HMt0 % erzeugnissell bcrftanben wird, kann leicht au* einem kleinen Beispiel entnommen werden. Nehmen wir z. B. den Verschleiß und die Erzeugung von Schulheften, Zeichenblocks und anderen für die Schule unerläßlichen Materialien. Diese Artikel wurden von Inden teil* im Lande selbst erzeugt, teil* voll auswärts bezogen. Nlin verlegten sich die Polen selbst unter der Aegide der Lehrerschaft auf die Verfertigung dieser Artikel, machen e* aber keineswegs anders wie die Jllden, und indem sie von der Jugend und von der ganzen Bevölkerung den Ankauf ihrer Landeserzeugnisse fordern, boykottieren sie dadurch die Juden lind fügen ihnen empfindlichen Schaden zu. Es wird im stillen, ohne viel Aufsehen, aber mit geradezu naiver Selbstverständlichkeit gegen die Juden gearbeitet. Sder ist e* nicht derselbe Ruf in einer allerdings ande.rs klingenden Variante, lvie derjenige, der in Wien linker dem Titel: „Kauft nur bei Ebrinn!" ertönt? Die Städte, das Land lind die Negierung unterstützen natürlich diese Bestrebungen, alles hilft, ltnt den Juden den noch vorhandenen Bissen gewaltsam zu entreißen. Die Juden sind ihnen Luft, ein Faktor, mit dem man nicht zu rechnen braucht, außer wo es gilt, in riner von einer rnthenifchen Majorität bewohnten Stadt den dominierenden polnischen Einfluß zu erhalten. Da appelliert man au des Juden Dankbarkeit*- gefiihl, an feine historische Zugehörigkeit zuni Polentum mtd lvie die schöllen Redensarten sonst noch heißen. Daß auch im Handel, im Gewerbe, bei Be schling von A'cmtern nsw. der Jude systematisch verdrängt rcsp. nicht zugelassen wird, ist ein Kapitel für sich, das wir bei einer arlderen Gelegenheit besser beleuchten wollen; heute sei lioch hinzugefügt, daß die mit großer Strenge von den Juden geforderte Einhaltung der Sonntagsruhe eine geradezu vernichtende Wirkung auf die Kaufleute und Handwerker ausübt. 99 Prozent der SOO 000 iin Lande ansässigen Inden feiern mit peinlichster Genauigkeit den Sabbat; wie man da von Leuten, die bei eine iu wöchentlicheil Ruhetage mit schwerer Mühe lind Not ihr Brot verdienen, iloch einen zweiteil Ruhetag verlangen kann, bleibt ein sozialpolitisches Rätsel einer wobt weisen, um ihre Untertanen sehr bekümmerten Negierllng. Die traurigste Rolle bei der ganzeil Sache spielen in doppelter Hinsicht die Juden selbst. Man sollte meinen, daß sie sich aufraffen werden, um diese systematischen Schläge abzu wehren und schon aus Selbsterhaltungstrieb liicht zulassen werden, daß ihnen eine Existenzlnöglichkeit nach der anderen entrissen werde. Weit gefehlt. Tie Inden, oder besser ihre Führer, haben zu alledem geschwiegen, und weiln ne scholl irgendwo gemurrt haben, geschah es mit einer solchen Schüchternheit, als ob sie lilll ihre Existenz im Lande um Verzeihung bitten wollten. Dieses schmerzliche Kapitel Inoflcn wir noch eingehender unterslichcn. Uatitilche Wochenschmi. Der Tod des ersten BizebürgermeisterS Strvboch hat den eklatanteil Beweis erbracht für unsere Behauptung, daß die Einigkeit in der christlichsozialen Partei lange llicht mehr so festgefügt in, lvie die Führer dieser Partei die Welt glauben machen möchten. Es tauchen bereits diefelbeil Sylilptome des Verfalls anf, wie sie sich seinerzeit bei der liberalen Partei einsrellten: Stellenhunger und Stellenschacher! Herr Dr. Lueger mag hellte lvohl mit Bitternis dara>l denken, daß »lall auf die Datier all die hungrigen Mägen nicht tvird stilleil können, und am Ende kann alich die Majorität des Ge nleinderates llicht aus lauter Vizebürgermeisteru oder um vom Landtage zu sprechen all* lauter giitdotierteil Landesausschiissen bestehen. Wir Jlldeil werdell jedoch gut tun, diese Symptome nicht allzli hoch eiiiznschäheil lnld ans denselben etiva auf eine baldige Ablösung dieses Regimes durch ein uns günstiger gesinntes zu folgern. Der Auflösungsprozeß der christlichsozialen Partei vollzieht sich schon aus bem 0>rnnde nicht so rasch, wie derjenige der liberalen Partei vor sich gegangen ist, lveil die Anhänger der Partei in bezug auf den wesentlichsten Progranimviinkt dell Antill üäisobeg Volks blatt semitismus — unter sich einig sind, und es sich höchstens um einen Konflikt bei der Besetzung der Rollen zur Durchführung dieses Pro grammes, nicht aber mn die Aufgabe des Pro gramntes handeln kann. Wir würden also einen großen politischen Fehler begehen, lvenn lvir aus Alllaß dieses übrigens schon beigelegten Konfliktes innerhalb der Leitung der christlichsozialen Partei, den sicherlich anftauchenden Lockrufen liberaler Scharfnlacher folgen, dadurch den Ehristlichsozialcn einen neuen Sporn zur Einigung und gemeinsamer praktischer Bekämpfung der die Liberalen unterstützendeil Jllden bieten würden. * * * Der Jude Dr. Porzer ist zweiter Vizebürgeriileister der Stadt Wien geworden! Durch diese Wahl hat die Theorie des Rafsenantisemitisinns ein großes Loch bekommen. Die Herren Vergani und Konsorten werden nicht mehr behaupten köilllen, daß bei ihnen der getauftc Jude und der Judenstämmling gleichwertig sei mit deiil Juden selbst. Sie wollen also denselben Weg einschlageil, den die klerikalen Seelenschacherer wandeln, indem sie für den Judenstämmling Vizebürgermeisterstellen als Prämie alissetzen. Sie verlangen höchstens, daß er einen besonderen Katholikeneid leiste, lvie dies der „Jude" Dr. P o r z e r bei seiner Angelobung getan hat. So paradox es klingeil mag, sei es doch hier ausgesprochen, daß an dein rückständigen Programme der Christlichsozialen gerade der Standpunkt, daß der Jude durch seine Taufe eine Charakterlosigkeit begehe und nicht gefördert werden dürfe, der einzige war, mit dem man sich abfiilden konnte. Nun werden sie sich auch aus diesen Unterschied zwischen ihnen und den systematischen Judentäufern nicht mehr berufen köllilen. Gegen die niederträchtige Verleumdung der „Arbeiter-Zeitung" aber, daß die „jüdische Solidarität" in der Wahl des Dr. P o r z e r einen Fortschritt erblicke, müssen wir nils mit aller Entschiedenheit verwahren, genau so wie wir uns nichts darauf einbilden, daß in der Leitung dieses weltbeglückenden Blattes Gcsinnungsnnd Stammesgellossen des Dr. Porzer sitzen. * * * Die Forderung ans nationale Autonomie in Rnsjtand stellt der de kannte jüdische (siele!',vk Furist R. N n } ii c v in der leigen Annulier des „Pravo". Natürlich kommt er auch ans die 3 n d c n ut sprechen. Die bet ressende Stelle lautet nach Wiedergabe des „Fraind": „Und ist einmal die wirkliche politische Freiheit Angeführt, so wird die Zeit nekommeu sein, der Frage der k u l t u r n a t i o n n 1 c n 2e( 0 stb e st i m m u ii g aller Bölkerschasteii in Nustlnud in aller Ruhe näherzutreten. Atter Völkerschaften! Also auch derjenigen der Insten. Ter 9tationalisinns, ohne den ein normaler Mensch kaum gedacht werden taiui, ist das Alpha und Omega eines richtigen wen schlichen Lebens, die erste Bedingung, nnier welcher sich ein Mensch geistig und plnisisch zu entwickeln vermag. Fm Nationalisrims geben sich alle iiniersteii Qualitäten des Menschen lund, er ist die Form, in der sich da* gesamte Volksleben ansdriickt und die ihm den Stempel der ivahren Schönheit anfdrückk. 'N'ehnieii wir B. Nustland! Fn Rustland leben O'irvst- und Nleinrnsien, Polen und Fndeu, Armenier und noch viele kleinere Nationalitäten. Jede dieser ^Nationen hat ihre >^eschichte, ihre Art zu leben und ihre nationale Eigenart, deren Summe das Heiligste eines Volkes ausinacht. Der Einwand, dast diese verschiedenen nationalen Eigeiitümlichleiteii dem <Lesaintstaate zmn Schade» gereichen könnten, ist grundsalsch. Gerade das Gegenteil mm dem ist wahr! Fe mehr Vertrauen und freiindschastliches gnsaiiimenleben zwischen dem Staat und den einzelnen Nationalitäten herrscht, je mehr Freiheiten die Nationalitäten, besitzen, um sich nngehinderl entwickeln?n> können, desto weniger Differeii.veu werden?,wischen Staat und Nationalitäten austaiichen können und desto inniger und tatkrästiger werden die verschiedenen Völkevscha-steik zum -Wollte der (Gesamtheit zu arbeiten imstande sein. Ans der musillifilin! ÖntirnitiMU gerichtet an den österreichischen zionistischen Parteitag. Schon in kurzer Zeit werden Delegierte ans alten österreichischen Ländern zusammentreten, um am Prager Parteitag über wichtige zionistische Fragen eingehende Beratungen zu pflegen. Im Hinblicke darauf möchte ich nur Nr. 21 die Gelegenheit benützen, dem Parteitag einen Vorschlag zu unterbreiten, für den ich bereits von zwei Jahren ans einem Bukowinaer Distriktstag und als Vertreter der jüd.-akad. Verbindung „Zephirah" eifrig eingetreten bin und der die R e f o r m d e S ReligionS - n n t e r richt c s a n d e n Bk ittel - s ch u l e u betrifft. Trotz der allgemeinen Zustimmung, die dieser Vorschlag am Distriktstage gefunden, und trotz der Versprechungen des damaligen Distriktsobinannes, für dessen Realisierung beim nächsten Parteitag einzutreten, ist bis nun in dieser für die Erziehung der jüdischen Jugend so bedeutsamen Frage nichts geschehen. Und dieser Umstand veranlaßt mich nun, mit diesem Vorschläge nochmals direkt an den Parteitag heranzntreten in der Erwartung, daß er daselbst einer eingehenden Beratung gewürdigt werden lvird. Daß sich die Notwendigkeit einer Reform des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen ergibt, Null ich in folgendem zu zeigen versuchen : Zunächst läßt sich die Tatsache nicht hinwegleugnen, daß die .Kenntnis der hebräischen Sprache stetig abnimmt und ans dein Bewußtsein des jüdischen Volkes immer mehr schwindet. Den Grund hierfür anzugehen, durfte Wohl nicht schwer fallen. Unseren Vorfahren war die hebräische Sprache ein intergriercnder Bestandteil ihrer ReligionSübung, ihrer Kindererziehung und ihres Gotteslebens. Die hebräische Sprache spielte da trotz der Verwahrlosung ihrer äußeren Formen eine große Rolle. In keinem jüdischen Hanse durften die hebräischen Bücher fehlen und die Beschäftigung der freien Tage und Stunden konnte nur bic mit hebräischer Literatur sein. Was nun ist die hebräische Sprache den Inden heutzutage? Das Erziehuinzssystem ist total nmgestaltet, das religiöse Bewußtsein existiert nicht mehr und die Ghettomauern sind gefallen. Der jüdische Heranwachsende Jüngling lvird nicht mehr inS Eheder oder in die Talmud-Thora geschickt, um daselbst den Talmud zu studieren. Gänzlich geschwunden sind die religiösen und sozialen Gründe, ans denen unsere Vorfahren mit dem Hebräischen znsannnenwuchsen. Der moderne Jude, der seine Erziehung in den öffentlichen Schulen genossen hat, steht dem Hebräischen fern. Die religiösen und sozialen Motive existieren für ihn nicht und der nationale Gedanke hat über ihn noch keine ausreichende Macht gelvoimen. Er ist noch lange nicht so stark lvie der religiöse Gedanke, der rille Handlungen, Erziehung und Lebensweise bestimmte. , Da muß nun endlich einmal eingegrisfen und Wandel geschaffen lverden. Die Wiederbelebung unserer Nationalsprache ist nicht von äußeren Faktoreil abhängig, lvie die Wiederaiisrichtiing des jüdischen Staates. Sie liegt in unserer Hand. Da ich mm gerade die Schule für eine zur Erlernung der hebräischen Sprache geeignete glätte halte, so trete ich mit aller Entschiedenheit für eine Reform des Religionsunterrichtes an den Mittelschulen ein, da der Religionsunterricht nach der Methode, lvie er jetzt abgehalten lvird, keineswegs Gelegenheit zur Erlernung der hebräischen Sprache bietet. Da lverden lvohl acht Jahre hindurch hebräische Sprache und jüdische Geschichte gelehrt und der Jüngling, der die Mittelschule verläßt, hat lveder eine Ahnung von der hebräischen Sprache noch von der Geschichte seines Volkes, es lväre denn, daß er sich privatim damit beschäftigt hätte. Die Hebräischen Nebersetzungen, die während der acht Jahre Gegeilstand des Unterrichtes bilden, lverden mechanisch eingelernt, ohne jedes Verständnis für Inhalt, Ausdruck und Form. Es ist also hoch an der Zeit, das; eine so lvichtige Frage einer vernünftigen Lösung zugeführt lverde, daß endlich einmal auch in der Schule die hebräische Sprache eine lviirdige Pflege finde. Der Religionsnnterricht mußte ungefähr in folgender Weise umgestaltet lverden: In deil ersten vier Jahren sollte an der Hand von hebräischen Uehnngsstücken die hebräische Grammatik gelehrt, in der fünften und sechsten Klasse könnten bereits Auszüge der bedeutendsten jüdischen .Klassiker gelesen lverden rmd in der siebenten und achten Klasse müssen die Schüler in die itenhebräische Literatur eiiigesührt werden. Parallel mit