Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdisches Volksblatt Nr, 21 Mangels an Patriotismus, gar des Landesverrates beschuldigen. Ihnen gegenüber stehen die Orthodoxen. Unerbittlich in dem Bestreben, unsere Religion zu erhalten, erblicken sie in der Annahme der von den Neologen vorgeschlagenen ,Einheit" nicht nur eine Gefährdung ihrer eigenen Positionen, sondern mit Recht der jüdischen Religion überhaupt. Ohne chauvinistisch zu flunkern, bilden sie ein verläßliches, staatserhaltendes Element und sind all denjenigen Reformen zugänglich, durch welche die Religion und ihre Satzungen nicht beeinträchtigt erscheinen. Sie waren stets unter sich einig und nur die strenge Rücksichtnahme auf die Religion hat es vermocht, anläßlich der Stellungnahme zum Zionismus vorübergehend eine Trübung der Konkordanz in den Reihen der Orthodoxen zu verursachen. . Als dritte und auch chronologisch wie numerisch jüngste Gruppe stehen die Z i o - n i st e n. Angefeindet und bekämpft von den chauvinistischen Neologen und von den intransigenten Orthodoxen, waren sie gezwungen, von vornherein an beide Parteien Konzessionen zu machen. Dadurch verlor der Zionismus der Juden Ungarns an Ursprünglichkeit und auch an Werbekraft. Er getraute sich weder als radikaler Zionismus noch als offener jüdischer Nationalismus in Erscheinung zu treten und wenn nicht nach der einen oder anderen Seite offen Farbe bekannt wird, dürfte Ungarn aus lange Zeit für die Bewegung ganz bedeutungslos bleiben. Wenn man also von einer Bewegung im Leben der Juden Ungarns sprechen will, muß man, um verständlich zu sein, auch hinzufügen, welchen Teil der jüdischen „Einheit" Ungarns die Bewegung erfaßt hat. Zunächst gaben die Neologen wieder ein Lebenszeichen von sich. Die Distriktspräsidenten hielten vorige Woche in Budapest ihre Jahresversammlung ab. Der Bericht, den der Sekretär der neologen Landeskänzlei, Franz M e z e i, verlas, ist eine Sammlung von Beschwerden gegen die Regierung, und es soll der Wahrheit die Ehre gegeben werden: seine Sprache ist mutig und selbstbewußt, wenn auch nicht verfehlt wird, dem Ultrachauvinismus eine Huldigung darzubringen. " Der Bericht beschwert sich zunächst darüber, daß die Regierungen bei den verschiedenen Versuchen, die Angelegenheiten der anerkannten Konfessionen zu regeln, die Tatsache, daß auch die jüdische Konfession zu den rezipierten gehört, stets außer acht ließen. Die Landesgemeinden gehen unter dem Drucke der modernen, von den Regierungen geduldeten, judenfeindlichen wirtschaftlichen Strömungen allmählich zugrunde. Der Staat habe aber das größte Interesse, daß diese jüdischen Institutionen erhalten bleiben, denn — klagt der Bericht vorwurfsvoll — „die Arbeit, welche die vaterländischen Juden in den letzten vierzig Jahren auf dem Gebiete der Magtzaris i e r u n g, d e r K u l t u r und zur Erhaltung der eigenen Institutionen geleistet haben, kann keine andere Konfession aufweisen. Und dennnoch wurde dies seitens der Regierungen nie anerkannt,dennoch ist die uns zugesicherteGleichberechtigung noch immer nicht zur Wahrheit geworden". Der Bericht stellt dann die bekannten Forderungen: Die Durchführung des G. A. 20 vom Jahre 184S betreffend die staatliche Unterst ü h n n g, die K o n g r u a, führt, wie gewöhnlich, einen Seitenhieb gegen die Orthodoxen, indem er die Durchführung der A u t on o m i e der Inden auf einheitlicher Basis fordert. Es sei hier noch eine markante Stelle des Berichtes wiedergegeben, der die beste Widerlegung der bisherigen Politik der chauvinistischen Inden Ungarns und eine glänzende Bestätigung des vom „Jüdischen Volksblatt" eingenommenen Standpunktes in der Judenfrage Ungarns enthält: „Gegenüber den großen Opfern unserer Konfession legt der Staat den größten Gleichmut an den Tag. Vergeblich nimmt jeder einzelne von uns in erhöhtem Maße Teil an den Lasten des Staates, vergeblich wurde rlnsere Religion unter die rezipierten Konfessionen gereiht: wir bekommen die Macht des Gesetzes nur in der Tragung der unerschwinglichen Lasten zu spüren. Vergeblich verlangen wir. daß von den auch aus unseren Beiträgen gesammelten Staatseinnahmen auch unsere Konfession verhältnismäßig unterstützt werde: d e r Staat, der in ancher anderen, v o in nationalen Standpilnkte sicherlich nicht einwandfreien K o n - s e s s i o n gegenüber überaus s r eigeb i g i st, g e h t d e r p a t r i o t i s ch e n ungarischen I u d e n h e i t gegenü b e r über leere V e rsPre ch u ng e n nichthinaus!" Es sei noch bemerkt, daß an Stelle des langjährigen Präsidenten der Landeskanzlei Martin Schweiger, der aus Gesundheitsrücksichten eine Wiederwahl refüsierte, Dr. Moriz M e z e i zum Präsidenten gewählt wurde. Vizepräsident wurde Alexander Leopold aus Szegzard. Letzten Sonntag fand hier die dritte Landeskonferenz der ungarländischen Zionisten statt. Sie war von 32 Delegierten besucht. Die Verhandlungen der Landeskonferenz gaben die traurige Bestätigung dessen, was ich weiter oben über den Standpunkt und das Verhalten der Zionisten in Ungarn gesagt habe: ein Herumdrücken um die eigentlichen Intentionen des Zionismus, ein offenkundiges Leugnen des jüdischen Nationalism u s, das war die Signatur der Landeskonferenz. Man verflieg sich sogar so weit, aus dem Statutenentwurfe das Wort. „national" zu streichen, um auf diese Weise die Gunst der Regierung und die Bestätigung der zionistischen Vereine zu erhoffen. Das ist kein nationaler Kampf mehr, das ist nichts anderes als Zionismus mit einem assimilatorisch-philanthropischen Feigenblatt, das amgehängt werden nnißte, weil man sich des nackten, natürlichen Nationalismus geschämt oder ihn nicht durchzusetzen vermocht hat. Dieser Zionismus wird sich selbst in Ungarn nicht behaupten können, weil er keine Existenzberechtigung hat, weil er kaum den gegenwärtigen Verhältnissen Rechnung trägt und die unausbleibliche künftige politische Gestaltung in Ungarn außer acht läßt oder nicht ahnt. Noch ein charakteristisches Symptom sei hier hervorgehoben. Der Führer der ungarlandischen Misrachim, der Präsident der ungarischen Landesorganisation, Herr Samuel B e t t e l h e i m, trat nicht nur für N g a n d a ein, sondern hat sich als waschechter Territ o r i a l i st entpuppt, dem jedes Territorium erwünscht erscheint. Nur dem energischen Eingreifen des auch sonst als radikaler Nationalist sich bewährenden Delegierten Lebowitsch ist es zu danken, daß der Beschluß etwas milder ausfiel, als er von Herrn Bettelheim beantragt wurde. Demnach wurde Uganda als dem Judentum nicht schädlich anerkannt und beschlossen, diesem Projekte die m o r a l i s ch e Unterstützung zu gewähren. Zum Schlüsse sei noch bemerkt, daß Herr Bettelheim zumPräsidenten wiedergewählt und die Landeskonferenz dieGründung vonJugend- und Turnvereinen lifto. beschlossen hat. Es wird unsere Leser vielleicht auch interessieren, zu erfahren, daß die Rabbiner, die der Organisation angehören, der Konferenz fast ausnahmslos fernblieben, was hier vielfach kommentiert wurde. I o ch a n a n. Gemeinde-«. VereinsNlheichten. Israelitische Kultusgemeinde Wien. Die diesjährige Konfirmation der Mädchen findet statt: 1. Bezirk, Stadttempel, Leitenstettengasse 4, Sonntag den 28. Mai, 10 Mir vormittags, 2. Bezirk, Levpvldstädter Tempel, Tempelgasse 8, Donnerstag den 1. Juni, 10 Mir vormittags, >5. Bezrn «^ünsliausj, Tnrnergasse 22, Sonntag den 28 Mar, 10 Ubr vormittags, 10. Bezirk lOttakring», .s>nbergasse 8, Sonntag den 28. Mai, 10 Uhr vormittags, 18. Bezirk lWäliringl, Schvponhauerstraste 0», Sonntag den 4. Juni, 11 Uhr vormittags. Der Eintritt in den Stadtnnd L e vp v l d st ä d t e r T e m p e l kann wegen Raummangel nur gegen Abgabe der Einladungskarte gestattet werden. Aufruf! Neuerlich sind grauenhafte Nachrichten zu lins gedrungen! Furchtbare, jedes menschliche Gefühl empörende, sich täglich tri verstärktem Maste wiederholende Massaeres gegen schutzlose ft a m i l i e n i n R u st l a n d haben unter vielen unserer Glaubensgenossen unsägliches Elend 6eranfbeschworen. Zahlreiche Familien allerorts im nordischen Reiche greifen zum Wanderstabe, um sich vor den: drohenden Untergänge zu retten. Unsere für derlei Zwecke aufgobvachten Mittel sind beinahe vollständig erschöpft, und nun treten n e u e Anforde - r it n ß c ii in größtem Stil an uns fjeron. Wir wäre aber außerstande, helfend einzugreifen, wenn uns nicht rasche und ausgiebige Hilfe zuteil würde. Um nicht in unserer philanthropischen Aktion, welche fcnt Laufe der letzten Monate nam- Hafte Summen in Anspruch genommen, inrrehalten zu müssen, wenden mir uns an alle edlen Menschenfreunde mit der innigen Bitte u rn Spenden zugunsten der verfolgten urti dem Elend preisgegebenen russischen Juden, die ohnedies unter den schwierigsten Verhältnissen um ihre kürnnrerliche Existenz zu kämpfen haben. Die Zusendung der Spenden erbitten wir uns in das Bureau der „Israelitischen Allianz zu Wien", 1. Bez., Werhburgg. 10. Der Vorstand der Israelitischen Allianz z« Wien. Wien, 20. Mai 1905. fl 1 fl I ■ «MiU.WK M. Wettermann* Lieferant der f.ü.f.Kriegsmarine. VIen.VI..M»r>»dU»eriteH«ie«! UvaLLILL A b r e i s e aus HAVRE jeden Samstag " 0 Bequeme, rasche Fahrt, ausgezeichnete Verpflegung samt Wein und Likör. Fahrkarten nach allen. Stationen sämtl. amerikanischer Bahnlinien zu Originalpreisen. Nähere Auskünfte erteilt gratis und franko L' Französische Linie WIEN, IV., Weyringergasse 8. 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