Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 Jüdisches Volksblatt So lange man konstatieren kann, daß sie sich hinter den: Zwecke, die Zionisten und jüdischen Ehcmvjnjsten erfolgreicher zu bekämpfen, verkriechen, und daß sie sich mit einer Nationalität ohne nationale Lebeusrechte begnügen. Kein Unbefangener verlangt von ihnen, daß sie den Kampf gegen die bürgerlichen jüdischen Nationalisten, den ihnen ihre Weltanschauung auferlegt, aufgeben. Und die „Poale Zion" haben nicht recht,wenn sie ineinerProklamation so tun, als wäre für jüdische Sozialisten kein anderes als das arbeiterzionistische jüdische Programm diskutabel. Es ist nicht notwendig, alle Juden, die sich als Juden geben, unter einen Gesinnnngshut zu bringen, ihnen allen ein Rezept vorzuschreiben, wie sie ihr Judentum leben sollen. Nur daß darf man von ihnen verlangen, daß sie es wirklich leben und die Garantien seines Lebens, wie sie es auffassen, zu schaffen trachten. Hierin aber kann den jüdischen „Separatisten" Galiziens der „Bund" ein asterdings noch weit zu überbietendes Muster sein. Fürchten sie, schämen sie sich, die nationalpolitischen Konsequenzen zu ziehen, die jener zog, für ihre Sprache und Nationalität die volle Gleichberechtigung zu verlangen? Wofür fürchten sie? Vor wem schämen sie sich? Vor den westjüdischen Genossen, die von der Sache nichts verstehen? Vor den einheimischen jüdischen Feinden, diesen eitlen Narren, die sich über ihrem Volkstum, das ihnen über den Kopf gewachsen ist, erhaben dünken? Vor Daszynski und den seinigen, von welchen sie wegen eben dieser Furcht und Scham verhöhnt werden? Es ist ein großer Moment und wehe, wenn er ein kleines Geschlecht findet! In den Händen der „Separatisten" von Galizien liegt ein gut Stück Schicksal des jüdischen Volkstums. Sie find ausersehen, Vorbilder für den nationalpolitischen Gegenwartskampf der Inden in Oesterreich zu werden. Sie sind berufen, an Seite des „Bundes" und zukünftiger ähnlicher Organisationen durch ehrliche Arbeit und würdige Haltung die nichtjüdische Welt allmählich zur vollen, durch Antisemitismus nicht entwerteten Anerkennung der jüdischen Nationalität zu erziehen. Wehe, wenn sie versagen! Mathias A ch e r. Die Z«dustrialifier«ng Galiziens und die Juden. Von Oskar Keßler. Neben der Revolution in Rußland und den Vorgängen auf dem ostasiatischen Kriegsschauplätze, die mit begreiflicher Spannung und Unruhe die ganze polnische und jüdische Gesellschaft in Galizien erfüllen, bildet die Frage der entweihen, sei es auch, um zur Beerdigung mÄnes geliebten Vaters zu fahren." * * * * Josef Scharf, der Held von Tisza-Eszlar, ist tot. Solange er lebte, haben sich außer interviewlustigen Journalisten die Menschen wenig um ihn gekümnrert. Er starb in Not, seine Familie darbte.Als er starb, gewährte man ihm zwei Predigten und ein —- Gratisgrab. So sind die Menschen! So sind heute die Inden! Das Judentum, um desseiitwillen Josef S ch a r s zeitlebens litt, lehrt ganz anderes ... * * Und es gibt doch einen Menschen, der den Josef S ch a r f um sein Schicksal und mehr noch um seinen raschen Tod beneiden würde, wenn die Nachricht bis zu ihm dringen würde. Es ist der österreichische Schicksalsgenosse des Josef Scharf, es ist der . . . Leopold H i l S n e r. Zwanzig Jahre später ereilte ihn das Schicksal, das Josef Scharf erlitt . . . . Doch ruhig, ich schreibe in Oesterreich, im Reiche der finsteren, undurchdringlichen Nacht, im R'eiche, dessen ganzes Gesellschaftsleben beherrscht wird von den Verkündern der christ lichen Liebe und der christlichen Gerechtigkeit. . Leopold Hilsner schmachtet noch immer unschuldig im Kerker .... Jakob Kransz. Industrialisierung Galiziens, die bereits vor mehreren Jahren aufgeworfen und in Angriff genommen wurde, eine der wichtigsten und brennendsten für ganz Galizien und die öffentliche Meinung sowie die hierfür bestimmten Korporationen befassen sich demgemäß am intensivsten mit derselben. Gehört doch Galizien zu denjenigen Ländern der Monarchie, die am meisten unter der ökonomischen Rückständigkeit zu leiden haben und das relativ eines der größten Kontingente für die überseeische Auswanderung liefert. Es ist hier nicht der Ort, wo man näher auf die Ursachen dieser Erscheinung eingehen könnte, doch sei es uns mit Rücksicht auf diejenigen, denen die galizischen Verhältnisse nur wenig bekannt sind, gestattet, das Wesentlichste flüchtig hervorznheben. Galizien ist durchwegs Agrikulturland mit einer Bevölkerung, die Jahrhunderte hindurch von ihren Herren, den Schlachzizen, lediglich als Sache, als Werkzeug zu deren Bereicherung angesehen wurde und von der die Ketten der Sklaverei vor kaum einigen Dezennien herabgenommen, so daß jeder Selbständigkeitstrieb in ihr erstickt wurde. Der Schlachzize wachte und wacht noch heute mit Eifersucht darüber, daß der Bauer nur ja nicht zum Bewußtsein seiner Kraft gelange, da er doch sonst seinen Einfluß im Lande, im Reiche und in der polnischen Gesellschaft einbüßen müßte. Die Verhältnisse haben sich freilich schon geändert, doch ist noch heute die Schlacht« im ungeschmälerten Besitze der Macht im Lande. Andrerseits aber wurden die durch die Ausnützung des Volkes gewonnenen Reichtümer von der Schlachta nicht zur Sanierung und Festigung der Gutsherrschaften verwendet, sondern in ererbt leichtsinniger Weise meist im Auslände verschwendet, so daß faktisch weder der Bauer noch dessen Herr etwas besaßen. Zu diesen beiden Faktoren gesellte sich als dritter der Jude, der seit König Kasimir dem Großen in Ermangelung einer polnischen Mittelstandspartei die wichtige Rolle des Mittlers zwischen Herr und Bauer übernahm, die von diesem erzeugten Bodenprodukte veräußerte oder abkaufte und außerdem den stets in Geldnöten befindlichen Herrn mit stets frischen Geldmitteln zu versorgen hatte. Er wurde der Käufer, der Verkäufer, der Handwerker, der Bankier und der Wucherer des Volkes. Von der Entwicklung einer selbständigen Industrie konnte unter diesen Umständen keine Rede sein, weshalb auch alle für den Ackerbau sowie für den sonstigen Bedarf erforderlichen maschinellen und technischen Bedarfsartikel von auswärts bezogen werden mußten. In den letzten Jahren macht sich in polnischen Kreisen ein bezeichnender Umschwung bemerkbar. Der Suntes Feuilleton. Schillers Popularität bei den Juden. .Man schreibt uns: In einer der jüngsten Nummern Ihres geschätzten Blattes hat Herr Dr. Mayer- E h u e r sehr treffend die Tatsache erklärt, weshalb die Inden Schiller so sehr verehrten, obgleich sie keine direkte Veranlassung hatten, ihn „für sich" zu reklamieren. In dieses Kapitel der Verehrung Schillers durch die Inden gehören auch die folgenden zwei Mitteilungen, die nicht des Interessanten entbehren: Bekanntlich würden durch kaiserliches Dekret m>m 20. Juli 1808 die Israeliten des El sah, die bis dahin nur ihre nberlioferreir jüdischen Namen trugen, gezwungen, gleich ihren christlichen Mitbürgern Familiennamen und Vornamen anznnchmen. Infolge dieses Dekretes erschienen die Israeliten von Schwindratzheim um 0. Oktober 1808 mir dem Bürger meistere iamt, und es nahm Daniel Nathan mit seinen Bindern Freude! Nathan und Daniel Nathan den Nameu Daniel Schiller, Fanny Schiller und Nathan Schiller an. Ein Nachkomme jenes Daniel Schiller, der Handelsmann Julius Schiller, lebt noch heute in Schwindratzheim. Da der N'ame Schiller sonst in der Gegend und wohl auch im ganzen Elsas; nm jene Beit nicht vorkommt, dürfte nwhl jener Daniel Nathan seinen neuen Namen nach dem großen Dichter, dem Kämpfer für Freiheit und Menschenrechte gewählt haben. Auch eine Schillrrerinnernng, die in diesen Tagen wohl der Erwähnung wert sein dürfte. — Amüsant ist das folgende Geschichtchen, das sich in einer Nummer der „Gartenlaube" von 1800 in einem Artikel über Schillers Anfentlialt in Banerbach findet: In Baüerbach waren zur Zeit schon Inden. Schiller, der ans belannlen Gründe» seinen Aufenthalt geheim hielt und an Herst einsam liebte, hatte nur wenige Bewohner des Dorfes kennen gelernt. Nur mit einem Inden, Matt ich. kam er häufig znsvumen, i>tii er wegen seiner ziemlichen 'Bildung nah seines gesnuden Musterw'ires gern nb und Zeit« 6 im Auslände nach westeuropäischem Muster erzogene, hpchbegabte Stanislaw Szczepanowski kam nach einer eingehenden Untersuchung der sozialen und ökonomischen Verhältnisse in Galizien zum Ergebnis, daß in Galizien der zunehmenden Verelendung aller Bevölkerungsschichten nur durch Eines entgegengesteuert werden könnte: durch Schaffung einer bodenständigen Industrie. Nur diese wäre in der Lage, jene Hunderttausende, die, von Elend und Hunger gezwungen, nach Amerika emigrieren, im Lande festzuhalten und jene anderen Hunderttausende, die im Lande. Zurückbleiben, vor deni Hungertode zu schützen. (Sein eigener großangelegter Versuch mißlang. Zu sehr phautasiereicher Jdeeumensch, ließ er sich zu gewagten Unternehmungen Hinreißen und ging schmählich zugrunde. Aber seine Idee lebte und fand stets neue Anhänger, die seine Anregungen und Erfahrungen zu einer heute hochentwickelten Petroleum- und Erdwachsindustrie verwendeten. Aber man ließ es nicht dabei bewenden. Man fand heraus, daß zahlreiche andere Industrien im Lande geschaffen werden können, wodurch die vielen Millionen, die jährlich an das Ausland abgegeben werden, im Lande selbst zurückblieben. Es ist selbstverständlich, daß die Juden diese Ideen nur mit größter Sympathie begrüßen. Als Kaufleuten wäre ihnen die Möglichkeit geboten, eine ergiebige Tätigkeit zu entfalten, die bereits vorhandenen, schwach entwickelten und fast ausschließlich von ihnen selbst betriebenen Industrien müßten eine größere Ausdehnung erlangen und schließlich könnten vielleicht die hunderttausende von Juden, die heute vergebens nach Arbeit und Erwerb ihre Hände ausstrecken, ein auskömmliches Stückchen Brot verdienen. Das war freilich logisch gedacht, nur hatten sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Statt den Juden als willkommenen Faktor bei der Durchführung dieser großen, Unternehmungsgeist und kommerzielle Erfahrung und Fähigkeit erfordernden Idee mit hineinzubeziehen, wollen die Polen, die weder über angeborene noch anerzogene kommerzielle oder industrielle Fähigkeiten verfügen, auf eigene Faust und, wie es schon in Galizien der Fall zu sein pflegt, womöglich gegen die Juden die Industrialisierung durchsetzen. Dadurch stiften sie aber dopeltes Unheil an. Erstens wird die Durchführung dieser an sich schönen und notwendigen Sache ins unendliche verschoben, zlveitens wird unter dem Mäntelchen der Industrialisierung eine böslvillige antisemitische Tendenz eingeschmuggelt. In allen polnischen Blättern kann man in fetten Lettern die Aufschrift lesen: „Kaufet nur Landeserzeugnisse!" Was aber unter Landesmit dem er bisweilen das damals in Banerbach beliebte Kartenspiel „Sechs Männchen" spielte. Die Iran des Juden sah freilich den Umgang ihres Mannes mit dem Unbekannten sehr ungern, ja sie machte ihm darüber häufig Vorwürfe. „Was läufst du zu dem Chattes?" zankte sie. „Geh lieber deinen Massamatten nach!" Der brave Jude aber antwortete seinem keifenden Weibe: „Schwag uer still! Ich watz net, wie wer tvird, wenn er mich rnst. Ich mutz folgen. Er ist ein braver, ein gescheiter Ma' und mer wetz doch och nicht, was dahintersteckt." Eine wertvolle Bibelhandschrift. Die Frankfurter Stadtbiblivthek hat, wie uns Direktor Pros. Dr. Ebrard mitteilt, von Frau Baronin Es - m ond v v n 9t v t h s ch i l d in Paris, die der Bibliothek ihrer Vaterstadt schon wiederholt ihr Wohlwollen bewiesen hat, eine sehr wertvolle Schenkung erhalten. Es ist dies eine' reich illustrierte, im Jahve 1296 im Süden Deutschlands entstandene Pentatenchhandschvift, ein starker Foliant ans seinem Pergament und zierlich geschrieben. Er umsatzt den Pentateuch, seine aramäische Uebersetzung und den Kommentar des Salomo I izchati (Raschst. Daran schließen sich die Hastaroth IP ro p h eien ab schni ttes; den Text begleitet die Massvra l kritische Lesarten des Pentateuch), die, kunstvoll in Figuren geschrieben, den Rand der .Handschrist einnimmt. Der Anfang jedes Abschnittes des Pentateuch und der Hastaroth ist mit Bildern reich verziert. Die Initialen und Ornamente sind von seltenem Farbenreichtum, zuweilen mit starkem Gold überzogen. Jedes der fünf Bücher des Pentateuch beginnt mit einem Vvllbild. Die Abbildungen, meist Ttergestalten und Fabelwesen, zuweilen Iagdszenen und Tnrnierq, verraten die lustige und übermütige Art des Illustrierens, die dem 18. Jahrhundert eigen ist. Selten sind Darstellungen, die mit dem Inhalt tu Verbindung stehen. Seinwertvoll sind die Illustrationen für die Kvstüinknude.