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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 kunfts reichste, weil vergeistigteste Auffassung des nationalen Prinzipes, als eines vom Boden losgelösten, teilen. Muß es vielmehr als selbstverständlich hinnehmen, daß sic der entgegengesetzten, rückständigsten, der streng territorialistifchen Auffassung huldigen. Aber wenn sie sich dabei gerade auf das Brunner Nationalitätenprogramm vom Jahre 1899 berufen, dann ist man berechtigt, dies als starkes Stück zu eiupfinden. Man muß sich überhaupt über die Kühnheit wundern, mit der eine Gruppe, deren nationalistische Besessenheit, wenn sie nicht schon ohnehin sattsam bekannt wäre, aus dieser traurigen Resolution geradezu hervorbrüllt, es wagt, den zur Vernunft rufenden Lehrmeister zu spielen. Man ist erstaunt über die Geschicklichkeit, mit der sie es versteht, die nationale Unduldsamkeit und Begehrlichkeit, die innerhalb der Sozialdemokratie ihr ausschließliches Privilegium ist, als gut sozialistische Tugend herauszuputzen und das am wenigsten nationalistisch veranlagte Volkselement, den nationalen Traumichnicht der Internationale, als eigensinnig chauvinistischen Ruhestörer hinzustellen. Man wartet förmlich darauf, daß in dieser Gruppe wenigstens e i n gerader Mensch aufsteht und ausruft: Wozu die Maske? Angst haben wir, einfach Angst! Angst für unseren nationalen, für unseren Partei- und für unseren persönlichen Besitzstand! Angst! Oder ein anderer, ebenso gerader aber fortgeschrittener, der seine Genossen einfach zur Besinnung, zur Wahrheit und Gerechtigkeit, zum praktischen Sozialismus zurückruft. Aber es kommt weder der eine noch der andere dieser Wahrheitsmenschen. Dagegen stößt eine Hilfstrrippe zu den Rechtsbeugern und Wahrheitsstreckern — die Gesamterekutive der österreichischen Sozialdemokratie. Von dem durch und durch unehrlichen polnischen Dokumente nicht angeekelt, folgt sie vielmehr seinen Anregungen und einer „eingehenden" inündlichen „Darstellung" und stellt fest, daß „die Gründer der neuen jüdischen Organisation, indem ne. aus der polnischen sozialdemokratischen Partei ausgetreten sind, faktisch aufgehört haben, Mitglieder der österreichischen Sozialdemokratie zu sein". Man möchte sich an den Kopf greifen, wenn die Motivierung dieses Urteiles nicht daran erinnerte, mit wem man es eigentlich zu tun habe. Sie trägt einen wesentlich anderen Charakter als die Begründung der polnischen Resolution. Die nationalistischen Subtilitäten sind ganz weggeblieben und man hört überhaupt nichts als den Alarmruf: Reaktion! „Die Tendenz, allerdings jüdische Proletarierschichten durch künstliche Konservierung jüdischklerikaler Traditionen und des sie ihrer Freizügigkeit bees Zeitungsartikel, dann Parlamentsreden und gehässige Agitation, die die Beschuldigung verursachten. * * * Als die kleine Esther S o l y m o s s y verschwunden war und auch Sonntag nachmittags nicht wiederkehrte, knüpfte die Mutter des Kindes auch mit Josef Scharf, der an seiner Haustüre stand, ein Gespräch über das Verschwinden ihrer Tochter an. Scharf tröstete sie: „Seien Sie unbesorgt, Frau Nachbarin, Ihre Tochter wird sich wiederfinden. In Hajdu-Nanas hat sich ebenfalls einmal ein solcher Fall ereignet; dort verschwand ebenfalls ein Kind, man begann bereits die Juden zu beschuldigen, daß sie das .Kind umgebracht hätten, später kam aber das Kind wieder nach Hause, es hatte bloß lange Zeit in einem Gesträuche geschlafen." Dieser Wortlaut wird sowohl von der Mutter des verlorenen .Kindes wie auch vom alten Scharf bestätigt. Ein Zweifel ist daher unzulässig. Josef Scharf war stets der Ansicht, daß das Ritualmordmärchen zufolge dieser seiner unvorsichtigen Aeußerung entstanden ist. Ich bin derselben Ansicht. * * * Josef Scharf, der Tempeldiener, trimmt die Klage gleichmütig auf, und weist sie fast spöttelnd von sich und dem Judentum zurück. Am 17. Oktober teilt ihm der Untersuchungsrichter mit, was sein Sohn Moritz als Zeuge ausgesagt hat. Scharf antwortet darauf ruhig, wenn sein Sohn dies am 21. Mai zu sagen Jüdisches Volksblafct raubenden Jargons von denr pölmschen Proletariat dauernd abzusperren, mußte als durchaus reaktionär angesehen werden." Das klingt viel sicherer und viel, viel — verständnisloser und verstündnisunwilliger als im Urteil erster Instanz. Ilnd klingt uns so überaus bekannt, so bekannt . . . Ach ja! Oesterreichische Gesamtexekutive! Daß wir nicht lachen! Vor unseren Augen tauchen sie auf, die Deutschen, die Tschechen, die Italiener usw. Die harmlosen, ganz unbeteiligten, in die unbekannte und fremdeMaterie hineingehetzten, hineinüberzeugten Leute. Das ist ihre Stimme nicht. 'Nein, es sind nur die Hände, die Hände, die sich zum Anathema miterhoben haben. Der Geist und die Stimme aber sind Jakobs, sind Geist und Stimme unserer rvestöfterreichischen jüdischen Sozialdemokraten. In diesem Punkte finden sie sich ja alle, die strengsten und die sanftesten, die geistvollsten und die geistlosesten, die feinsten und die rohesten, die Männer und die Meinmen. Das sind sie, gvie sie sich gerade von sprachlosem Staunen über dem unerhört neuen zur Wut undEmpörung erholt haben. So lange es nur bloß in Rußland war —- im Lande der Exotika — da ging es ja noch an. Aber . . . Wie heißt es nur in der polnischen Resolution, die Stelle scheint direkt für sie zu sein: „In keinem konstitutionellen Lande der Welt, in dem die jüdischen Arbeitermassen von der sozialistischen .Klassenbewegung ergriffen sind (Amerika, England, Holland, Oesterreich) sondert sich das jüdische Proletariat als besondere politische Partei ab." lind sie denken nicht daran, daß die Absonderung auch in Rußland nicht möglich gewesen wäre, wenn ihre nationalkulturelle Grundlage nicht bestanden hätte. Sie kommen nicht darauf, daß sie nur deshalb dort begonnen hat, weil dort die neue ostjüdische Kultur kulminiert. Sie sagen sich nicht, daß ja die galizische Gründung selbst die Berufung auf den bisher verschonten konstitutionellen Boden widerlegt. Sie denken keinen Augenblick daran, daß in Stürze auch die anderen angeführten Länder ebensoviele Widerlegungen werden können. Sie kommen auf nichts, sie sagen sich nichts, sie denken an nichts. Sie wüten nur. Wüten über das Unerhörte und — wittern Gefahr. Es muß auch dies gesagt werden: Eine Furcht ist in ihnen, eine instinktive, unbewußte: daß der unbekannte, seltsame, ungekannte, gehaßte Sturm aus dem Osten auch über sie kommen und sie wegfegen könnte. Sie fühlen das Erdreich unter ihren Füßen zittern. Vielleicht ohne Grund. Denn wo gibt's vorläufig im Westen einheimische jüdische Arbeitermassen? Und wer könnte den einzelnen aus einer nationalen sozialdemokratischen Organisation verwußte, lvarum erzählte er dies nicht chm, seinem Vater, während der Zeit vom 1. April bis 20. Mai. Und wie konnte es wahr sein, lvenn er es ihm, dem Vater nicht anvertraut hat? * * * Man hat auch die Friedhöfe untersucht. Seit dein 1. April waren bloß zwei Monate verstrichen. Ursprung, Zeit und Alter jedes einzelnen frisch erscheinenden Grabhügels im christlichen Friedhofe waren jedermann bekannt. Nach dem Aberglauben der Dorfbewohner würden die Juden auch niemanden in einem christlichen Friedhofe begraben. Aber'die Leiche des verschollenen Mädchens mußte doch irgendwo begraben worden sein. Das konnte also nur im j ü d i s ch e n Friedhöfe geschehen sein. Man begab sich also dahin. Richter, Panduren, Vorsteher, Aerzte, Taglöhner, Zeugen und Neugierige. Man muß die Gräber aufgraben. In einem dieser Gräber muß das Mädchen sein. Man stieß auf einige frische Grabhügel. Bei dem allerfrischesten bat Josef Scharf, es nicht zu berühren, er habe hier am 90. Jänner 1882 sein ueuntägiges Knüblein begraben. Man kehrte sich nicht an dieses Flehen, das Grab lvurde geöffnet. In der Grube lagen die verwesenden Ueberreste des Säuglings. Die Leiche lag auf der bloßen Erde; ein einfaches ungehobeltes Brett lag über ihr. Die Bestattung des Würmchens erfolgte mit der Einfachheit der alten Juden und der Armseligkeit des armen Vaters . . . Dann wurden die übrigeil dir. 21 weisen, zu der er gehören will? Oder schreckt sie etwa schon der Gedanke, sich in Zukunft mit ihrem Judentum nicht mehr so gut verbergen zu können wie bisher. Daß der Sturm aus dem Osten den Nebel zerreißen könnte und sie dann nackt dastehen inüßten vor aller Welt, m der von ihnen gehaßteslen eigenen, in der Haut von Juden. Und beben vielleicht mailche von ihnen unbewußt davor, daß dann ihre Anlagen nicht mehr in lveiten Kreisen oder in Dcit Kreisen, die just als weit zu empfinden sie sich gewöhnt haben, zur Geltung kommen könnten? Es ist ja alles menschlich begreiflich und, wenn man will, entschuldbar. Aber cs ist nicht einzusehen, warum sich deshalb eine Entwicklung nicht vollziehen soll, die sich vollziehen muß? Weil sich irgend ein Wiener Jude innerhalb der deutschen Gruppe nur die Sozialdemokratie verdient, ein anderer durch sie bloß bekannt gemacht hat, sollen hunderttausende jüdischer Proletarier, die jüdisch leben, jüdisch sprechen, jüdisch denken, jüdische Herzen, jüdische Temperamente, jüdische Stimmungen haben, jüdische Lieder singen, in die russische und polnische Organisation gepreßt, soll es ihnen verwehrt werden, sich zusammen/.'.'.- schließen, um in ihrer Art der großen Sache der Menschheit zu dienen? Und muß sich die Schule, in der die ostjüdischen Proletarier die ersten jüdischen Massensozialisten von Hingebung und Verläßlichkeit wurden, wirklich von der Handvoll westjüdischer Führer, von welchen gewiß nicht alle drei Drittel Mustermenschen und Mustersozialisten sind, der „Konservierung klerikaler Traditionen" zeihen lassen? Muß sich das ostjüdische Volk seine Sprache, die es mit seiner wunderbaren geistigen Elastizität zu einer neuen Kulturwaffe geschmiedet hat, und durch die es in seiner Freizügigkeit nicht mehr und nicht weniger als andere Völker und am allerwenigsten, soweit es proletarisch ist, gestört wird, muß sich dieses Volk diese seine Sprache von lieb- und teilnahmslosen, ohne Sachkenntnis urteilenden Fernstehenden verunglimpfen lassen? Vielleicht täten die Herren doch besser und klüger daran, nicht zu provozieren. Niemand will sie in der Freiheit ihres Nationsbekenntnisses stören. Sie sollen diese Freiheit aber auch den anderen gewähren und nicht zuviel auf deren Gutmütigkeit pochen. Man kann nicht wissen. Es könnte ihnen mit der Zeit übler bekommen, als sie ahnen. ' Allerdings, sie werden so lange einen Schimmer von Recht für sich haben und auch die Polen werden ihn für sich in Anspruch nehmen können, so lange die jüdischen „Separatisten" in Galizien nicht den vollen Mut ihrer Tat haben. So lange sie den Hohn verdienen, den ihnen die polnische Resolution reichlich zumißt. Gräber aufgegraben, mit wildem Fanatismus nach der Leiche der kleinen Ester suchend, sie m u ß t e am jüdischen Friedhofe begraben worden sein, man mußte sie hier finden . . . Doch sie wurde nicht gefunden .... * * * Wozu weiter fortsetzen! . . . Wozu alte Wunden aufreißen, wie die Panduren von Tisza-Eszar die alten Gräber austvühltenl. . . Nun ist Josef Scharf tot. Sein Grab umstand eine große Zahl älterer Juden, denen die Schreckenstage von Tisza-Eszlar noch in frischer Erinnerung sind. Ein jeder hatte eine Träne für den armen, in Armut gestorbenen Märtyrer. Unter den Trauergästen befand sich auch ein alter Mann mit langem weißen Barte und über die Schulter herabwallenden silberweißen Haaren. „Er war mein bester Freund," soll er gejammert haben „ich werde seinen Tod nicht überleben!" * :|: :|: Sein Sohn Moritz lvar erst vor kurzer Zeit zum Besuche seines Vaters in Budapest. Er lebt in Amsterdam und ist bekanntlich Diamantschleifer. Er gilt als tüchtiger, fleißiger Mann und als strenggläubiger Jude. Zum Begrab nisse seines Vaters kam er nicht. In einem lau gen, an seine Geschwister gerichteten Briefe nimmt er Abschied vom Sarge seines Vaters. . . „Ich bin heute fünfunddreißig Jahre alt" — schreibt er in diesem Briefe — „aber wäh rend meines ganzen Lebens habe ich den Sabbat kein einziges Mal entweiht! Lieber will ich in meinem Kummer vergehen, als den Sabbat

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