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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Immer und überall dieselbe Torheit. Auch Sozialdemokratie schützt nicht vor ihr. Was haben die russische und die polnische Partei nicht alles angewendet, um den „Bund" im Entstehen zu unterdrücken! Wie feinden sic ihn noch jetzt an! Trotz seiner bewährten Gcsinnungs- und Parteitreue, trotz seiner opferreichen Leistungen für die sozialpolitische Gesamtheit und für die Sache der Freiheit überhaupt, und trotzdem er die jüdische Sonderart und ihre Lebenskraft nunmehr in jahrelangem *) Ich bin gezwungen, die Artikelserie, „Die jüdische Ration in Oesterreich" zu unterbrechen, um das Ereignis der jüdisch-sozialistischen „-Leparation", welches übrigens das Thema jener Artikelserie illustriert, zn besprechen. M. A. Feuilleton. Vor zehn Jahren sah ich ihn zum letztenmal. Es war an einem Sabbat nach Schul. Karl Eötbös hatte damals in einem ungarischen Blatte das zehnjährige „Jubilümn" von Tisza-Eszlar gefeiert. Ich ging neben dem alten S ch a r f, keiner von uns sprach ein Wort. Es war nicht schwer zn raten, welche Gedanken ihn beschäftigten, und ich hätte weiß Gott was dafür gegeben, wenn ich ihn auf seinen: Gedankengange hätte begleiten können. Endlich brach Scharf das Schweigen. „Heute ist Jahrzeit von Tisza-Eszlar und ich halte diesen Tag sehr strenge. Ich gehe zur Thora, danke Gott für die wunderbare Erlösung und noch inehr dafür, daß er mir meinen Sohn gerettet hat aus der Hand der Bösen und ihn mir wiedergegeben hat. Das ist das einzige, was mir die lange Qual, die diele unschuldig erlittene Pein, die Erinnerung an Kerker und Folter erträglich, ich sage es offen, teuer macht. Der Abschluß der Affäre Eszlar war ein Triumph für das Judentum, ein Sieg unserer Religion, aber nur, nur war er viel mehr, mir brachte er das größte Glück, die größte Seligkeit, die einem armen Menschen widerfahren kann: ich habe einen v e r l o r e:: e n S o h n Wiede rgesunden! Wissen Sie was das heißt: einen Sohn, den die ganze Welt verflucht hat, den böse Menschen verderbt haben, um durch Wirken praktisch erhärtet hat! Aber es hat alles nichts genützt und nützt nichts. Der Bund besteht, gedeiht, tut seine Pflicht und flößt Achtung ein. Man hätte nun annehmen sollen, daß sich wenigstens, wenn anderwärts eine Organisation ähnlichen Prinzipes entstünde, keine Behelliger und Verfolger mehr finden könnten. Aber weit gefehlt! Wozu gäbe es denn einen Kresslaus politischer Torheit der Menschen — auch der sozialdemokratischen? Dieselben Leute, die das Beispiel knapp vor Augen haben, die den „Bund" selber „de facto" anerkennen und anerkennen müssen, können sich nicht entschließen, in den galizischen Anhängern einer selbständigen jüdischen Organisation etwas anderes als „Separatisten" zu sehen, gegen die jedes Mittel gut und erlaubt ist. Sie stimmen sie nieder. Dann, als ihrer doch immer mehr wurden, über stimmten sie sie. Als aber alles sehlschlug, auch die Rücksichtslosigkeiten und Seichtheite:: des letzten galizischen Parteitages den Entschluß der Meuterer, aus der polnischen Organisation auszutreten, um eine eigene jüdische zu gründen, nicht hindern konnten, überantwortete man sie der Gesamtexekutive der österreichischen Sozialdemokratie. Nicht ohne daß man ihnen einen Anklagebrief mitgab, der sich selber schon wie ein Urteil liest. Was an der einstimmig gefaßten Resolution der polnischen Parteivertretung sofort auffällt, ist ihr wechselnder Standpunkt. Bald nehmen die Herren den älteren, gröberen, bald den jüngeren, feineren Standpunkt zur Nationalitätenfrage ein. Zuerst tun sie so, als wären ihn ein ganzes Volk ins Verderben zu stürzen, wiederzugewinnen, und auf ihn stolz sein zu können!" rief er aus. „Ich habe immer an ihn geglaubt. Dieser feste Glaube an ::: e i:: Kind ließ mich all die Marter ertragen, die ich in Eszlar zn erleiden hatte und der Triumph dieses Glaubens an den jüdischen Sohn war meine sicherste Stütze nach Tisza-Eszlar. Ich habe viel entbehrt, viel gelitten, aber ich habe den Trost, einen guten braven isohn zu haben. Mein Moritz wird meiner nie vergessen!" * * * Seinen Verteidiger Karl E ö t v ö s verehrte Josef S ch a r f geradezu abgöttisch. „Nicht meinetwegen", sagte er innner, „was lag auch an nur, den: armen Dorfschächter, aber daß er damals dem Judentun: zu seinem Rechte verholfen, daß er von unsere::: Volke ein unabsehbares Unglück abgewendet, das kann ich ihn: nie vergessen!" * * * Es wird unsere Leser sicherlich interessieren, einige kurze Aufzeichnungen, die Karl E ö t v ö s über den Fall des alten Scharf erst jüngst veröffentlicht hat, kennen zu lernen. „An den: betreffenden Ostersamstag hielten sich auch einige jüdische Bettler in Tisza- Eszlar auf — es waren ihrer vier—und waren bei::: Schächter Josef Scharf einquartiert. Die Dorfleute nannten ihn den „jüdischen Glöckner" obgleich die Juden keine Glocken haben. Seine armselige Wohnung lag unmittelbar neben den: Bethanse und anstoßend daran befand sich das jüdische Badehaus. Scharf oblag die Wartung für die nationale Gruppierung der Sozialdemokratie andere als nationale Momente maßgebend. Lassen sich dabei aber nicht ein eigenes Organij'ations- und Agitationsinteresse, das gewöhnlich vorgeschützt wird und tatsächlich eine große Rolle spielt, genügen, sondern fordern eine Verschiedenheit der politischen und sozialen Interessen, die, wie etwa das deutsch-tschechische Beispiel lehrt, sonst gar nicht gefordert zu werden pflegen. Dann besinnen sie sich plötzlich überhaupt auf einen ganz entgegengesetzten, den nationalkulturellen Standpunkt. Doch nicht etwa, um zu den Fragen der Assimilation oder des jüdischen Idioms entschieden Stellung zu nehmen. Um diese drücken sie sich lieber mit ein paar feigen, unverfänglichen Worten Hern:::. Dafür beuten sie die Unreife der jüdischen „Separatisten" aus, welche „positive jüdischnationale Forderungen" zu erheben unterließen. Und machen aus der Tatsache, daß der nationale Gegensatz zwischen Juden und Nichtjude:: ausgeprägter und sinnfälliger als sonst meistens zwischen verschiedenen Nationalitäten ist, zu „einer von der herrschenden Klasse sorgfältig bewahrten und ausgenützte:: Hinterlassenschaft der feudalen Epoche". Mn, man kann von den Leuten nicht Verständnis dafür verlangen, daß mit der Stärke eines nationalen Gegensatzes die Pflicht wächst, ihn durch nationale Selbständigkeit ungefährlich zu machen, statt ihn durch hartnäckige und künstliche Jneinanderschachtelung zu verschärfen. Man kann auch von ihnen nicht erwarten, daß sie die fortgeschrittenste und zudes Badehauses und ebenso versah er auch die Dienste des Tempeldieners. Von Beruf war er eigentlich Flickschuster, da er dabei sein Auskommen nicht fand, verdang er sich den Bauern als Taglöhner für Feldarbeiten. Er hatte Familie. Außer einer einzigen Kuh und einigen wenigen Möbelstücken besaß er kein Vermögen. Er gab den: Bettler Wollner und seiner Familie Nachtquartier, ebenso beherbergte er auch das allein wandernde Bettelweib. Er sorgte auch dafür, daß die Bettler bei je einer jüdischen Familie anständigen Mittagstisch erhielten. Das eine Bettelweib war kränklich; es wurde von seiner Gattin den ganzen Tag gepflegt. Die zwei Frauen hatten sich vorher nie gesehen. Neben den: Häuschen des Scharf stand ein Strohschober. An diesen Schober gelehnt saßen die zwei Frauen und sonnten sich den ganzen Tag. An: 1. April pflegt es noch kühl zu sein, konnnt aber die Sonne heraus, so sitzt es sich ganz angenehm hinter dem Stroh- oder Heuschober. Ueberdies ist das Bettelvolk an die Unbilden der Witterung schon gewöhnt. Am anderen Tag verließen die Bettler das Dorf. Familie Wollner separat und das alleinstehende Weib separat. Dies die Geschichte des Ostersmnstags der Eszlarer Juden, wie sie das Gericht nach vieler Anstrengung und mit vieler Aufmerksamkeit konstruiert hat. Es wurde nur deshalb so viel Aufmerksamkeit und Umsicht angewendet, um einen Verdacht heransznkristallisieren. Denn nicht an jenen: Tage entstand die Ritualmordanklage, sondern viel später. Zunächst waren

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