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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt (Fortsetzung aus dem Hauptblatte.) Ueber den gegenwärtigen Stand der Judenfrage?) Von Dr. Leo Sofer. Erst seit dem Entstehen des politischen Antisemitismus, dem man anfänglich vollkommen verständnislos gegenüberstand, begann man m jüdischen Kreisen über das Wesen der Assimilation nachzudenken. Solange man dem jüdischen Volke lehrte, daß «biegbare Unterschiede, die abzustreifen in seinem Willen lag, cs von der übrigen Bevölkerung trennten, die Unkenntnis der nationalen Sprache und Geschichte, die Abneigung gegen die nationalen Sitten und Gebräuche, konnte es hoffen, durch Aneignung des fremden Kulturschatzes die Gegnerschaft zu überwinden. Es war im Laufe des 19. Jahrhunderts mit Eifer und Geschick in dieser Richtung tätig; selbst auf dem Gebiete der deutschen Dichtkunst hatte cs Lorbeern errungen; ich hebe dies hervor, weil die echte Poesie mit den Wurzeln des Volkstums verquickt ist. Aber trohdem gönnte das deutsche Volk Heine in unserer denkmalslustigen Zeit nicht eine Elle Bodens für einen Denkstein; trotzdem konnte ein Mann wie Karl Weigert'keine ordentliche Professur an der Leipziger Universität, an der er als Assistent tätig war, erlangen, eingestandenermaßen bloß deshalb, weil er ein Jude war, um aus vielen ein Beispiel hervorzuheben. Prof. Lubarsch, ein Biograph Weigerts, macht zur Entschuldigung des damaligen Verhaltens der Leipziger Fakultät geltend, daß „es in Sachsen, ebenso wie in Mecklenburg und Brannschloeig, ausgeschlossen war und noch ist, die Anstellung eines Juden zum besoldeten Staatsbeamten durchzusetzen. Deswegen waren auch die Verbuche von Ernst Leberecht Wagner (s. Zt. ein sehr bekannter Kliniker), der beim Könige mehr galt als die gesamte Leipziger Fakultät, durch persönliche Vorstellung für Weigert etwas zu erreichen, erfolglos". Das genügt wohl. Man wirft den Juden die Rasse, die sie natürlich nicht ablegen können, vor, man wirft ihnen die vorwiegende Beschäftigung mit dem Handel vor, einen geschichtlichen Prozeß, in dem die Juden der Amboß, der Arier der Hammer war. Blau stößt uns bewußt zurück; damit muß die Konstruktion' des Deutschen, Polen oder Tschechen „mosaischer Konfession" in nichts zerfallen. Der gesellschaftliche Assimilationsprozeß hat ja sein natürliches Analogon in der Art und Weise, wie z. B. der Magen einen fremden Körper sich assiiuiliert. Zwei Dinge gehören im allgemeinen zu der gedeihlichen Entwicklung des Prozesses; ein Körper, der assimiliert werden tvill, und ein Körper, der die Kraft und den Willen zum Assimilieren hat. Der jüdische Körper stürzte sich mit Selbstvergessenheit und Erlösungssucht in den arischen Magen, aber der arische Magen scheint ihn nicht zu vertragen. Er stößt ihn wieder aus. Andrerseits muß man folgendes beachten: Die Nationalitätenbewegung ist allen sozialdemokratischen Voraussagungen zum Trotz immer noch im Wachsen begriffen; jüngst las ich, daß in Innsbruck die Ladiner einen Verein zur Pflege ihrer Eigenart gründeten; in den weltvergessenen Dörfern der Karpathen lernen die Arinenier eifrig ihre nationale Sprache. In einer solchen Zeit schärft sich natürlich der Blick des Ariers für die jüdischen Eigenheiten, aber der Jude verliert auch den Assimilationswillen. Es erwacht die jüdische Nation. Der jüdisch-nationale Wind kam ans dem Osten; doch er weckte im Westen einen kräftigen Widerhall. Die jüdische Jugend des Westens vertiefte sich gleich ihren deutschen Schulkameraden in ihren Schiller; aber sie begann jetzt, die Worte von dem Volke, das nichtswürdig ist, lvenn es nicht sein Alles setzt an seine Ehre, und die Mahnung, zu seinem Volk zu stehen, mit anderen Augen zu betrachten. Aus der deutschen Kultur schöpfte sie ihr jüdisch-nationales Gefühl, um dann die Alten für ihre Ideen zu erwärmen und an die Arbeit für eine jüdische Kultur zu schreiten. Die Assimilation hatte Bankrott gemacht; *j Auszug aus einem in Rr. 2, Jahrg. 4, der „Politisch-A»thrvpologischen Revue" erschienenen Artikel des Verfassers. nicht Assimilation, sondern Separation; aber wohlgemerkt, verworfen tvurde nur die Assimilation im Sinne der Aneignung einer fremden Eigenart, nicht im Sinne der Aneignung der europäischen KArltur. Eine Assimilation ohne Mischheirat ist undenkbar. Und eine Massenvermischung, ihre Möglichkeit angenommen, aber nicht zugegeben, führte nur zur Entstehung eines modernen Marannentums, einer Schichte, zu der sich Ansätze in Wien und Berlin finden, die nicht jüdisch und nicht christlich ist. und von dem Arier als Fremdkörper empfunden wird, ganz abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit einer Taufe ohne Gläubigkeit, wie es bei den Judentaufen doch die Regel ist. Dem vorletzten spanischen Ministerpräsidenten Maura wurde in offener Sitzung von der Opposition das Wort: Chuetta, bekanntlich der Name der jüdischen Marannen auf den Balearen, zugerufen. Ob Maura wirklich ein Chuetta ist, interessiert uns nicht. Aber der Vorfall beweist, wie kräftig heute noch nach Jahrhunderten trotz Taufe die Nassengegensätze in Spanien empfunden werden. Die jüdisch-nationale Idee wird gewöhnlich mit der zionistischen identifiziert; das ist aber falsch. Die zionistische Idee ist ein Teil, ein Weg der nationalen Idee. Bestimmte Formen hat die jüdisch-nationale Bewegung besonders in Oesterreich angenommen. Sie ging hier von dem Wiener „Jüdischen Volksverein" aus, dessen Obmann R. Rappaport und dessen Organ das „Jüdische Volksblatt" ist. Politische Erfolge erzielte sie bis jetzt nur in der Bukowina; in Czernowitz' ist ebenfalls ein jüdischer Volksverein mit dem gleichen Programm wie der Wiener. Sein Obmann Dr. Straucher ist Landtags- und Reichstagsabgeordneter und Landesausschußmitglied. Ihr Progrannn, an der auch der Soziologe Dr. Paul Weisengrün mitgearbeitet hat, verlangt für die Juden Oesterreichs die nationale- Autonomie. Die spezielleil österreichischen Verhältnisse stellen diesem Programm ein günstiges Prognostikon; seine Ersprießlichkeit aber auch für ungarische, deutsche, russische und rumänische Verhältnisse leidet für nach keinen Zweifel. Es setzt aberseine Revision des Begriffes: Nation und des Begriffes: Staat voraus, die der Zukunft Vorbehalten bleibt. Die Nation darf nur in ihrem eigenen blühen, aber nicht in der Herrschaft über andere Nationen ihr Heil erblicken. Der Staat wiederum muß seine Agenden auf die militärischen, finanziellen und eventuell auf die juridischen Angelegenheiten beschränken; die Sorge für Kirche, Schule und Haus, für Kunst und Wissenschaft muß er der nationalen Autonoinie überlassen. Diese Voraussetzungen erheischt das jüdisch-nationale Progrannn, das ich mit Rücksicht auf den Raum nur skizzieren kann. Seine Verwirklichung macht das Eingreifen eines fremden Volkes in das Innen- und Binnenleben der Nation, die stärkste Quelle des Nationalitätenhaders im allgemeinen und der Judenfrage im besonderen, unmöglich. Der schwächste Teil der antisemitischen Programme sind unleugbar die positiven Vorschläge, die sie zur Lösung der Judenfrage machen. Eine „Antichinesenbill" nach Schönerer, „Schußgeld für Juden" nach dem Abgeordneten Ernst Schneider (Wien), die „Pückleriana" in Berlin können doch höchstens den Wert eines historischen Dokuinentes oder eines tragikomischen Intermezzo erreichen. Dagegen haben die jüdisch-nationalen Vorschläge den Vorzug, daß sie modern im besten Sinne des Wortes sind und nicht nur den Vorteil des jiidischen Volkes, sondern auch die berechtigte Kritik desselben berücksichtigen. Man lasse die Juden in Freiheit itixb Ruhe als gleichberechtigte Staatsbürger ihre eigene Angelegenheit verwalten; dafür entsagen sie jeglichem Einfluß auf die inneren Angelegenheiten der sie umgebenden Völker. Das halte ich für einen annehmbaren Ausgleich. Persmmlnachrichten. Wien. (Bar-Mizwah.) Am Samstag feierte fcm Brigittenau er Tempel, der besonders gut besucht war, der Realschüler Fritz Ko h u, Sohn des Juweliers Jakob K o h u, seine Bar-Mizwah. Die Schl nß-Para sche der Sidra verlas er in der üblichen Regina und dieHasthora in in ehr moderner Weise, mit sichtlichem Verständnis des hebräischen Textes. Im Elternhanse des Kondlr. 20 sirmanden erschienen viele Gratulanten, und der Bar-MEwah gelobte in einer feierlichen gehaltvollen Rede, am Glauben der Väter sestzulialten. Das Mesumen-Benschen seinerseits beschloß das schöne, echt jüdische Fest. Salomon Bnber — kaiserl. Rat. Der Kaiser hat den in Lemberg lebenden, auch außerhalb des Judentums bekannten jüdischen Gelehrten Salomon Bnber zum kaiserlichen Rate ernannt. Buber hat sich nm sie Wissenschaft des Judentums Verdienste erworben wie kaum ein zweiter unter den jetzt lebenden Zeitgenossen. Seine verschiedenartigen Midrasck>-E-itionen sind für die weitere Forschung auf diesem Gebiete als maßgebend airerkannt. Herr Buber erhielt aus Anlaß der kaiserlichen Auszeichnung zahllose Glückwünsche ans allen Weltgegenden, denen mir uns mit Freuden anschließen. Pilsen. Die k. k. Statthalterei trat die Bestellung des Herrn Phil. Dr. Samuel W. Link in Pilsen zum Matrikenführerstellvertreter für die hiesige Israel. Kultiisgeineindc. genehmigt. Hermanmöstoc. 2fm 20. Mai d. I. feiert Herr Oberkantor Ignaz R o s n e r das Jubiläum seiner 25jährigen Tätigkeit in der hiesigen Gemeinde. Der Jubilar, der sich nicht nur in Fachkreisen, sondern auch bei den zahlreichen Mitgliedern unserer Gemeinde großer Beliebtheit erfreut, isst durch fäiieit Lehrgang mit einigen der hervorragendsten Namen der Synagogen-Gesangskimst verknüpft. Er ist ein Schüler von Professor I r i e d rn a u u und S u l z e r und ein Studiem genosse G oldste ins, mit dem er gemeinschaftlich die Musikschule in Lngos besuchte. Rosner ist auch gründendes Mitglied des Oesterr.-nugar. Kantorenvereines. Bei dem großen Verdien, die sich der Jubilar um die tliulerische Ausgestallung des Gottesdienstes in nuferer Gemeinde erworben hat, dlirfte sein Ehrentag zugleich auch ein Festtag für die Knltusgemeinde in Hekman- »tCiiec werden. Kotzman (Bukowina!. Hier wurde der jüdische Gutsbesitzer Hersch Weißglas ans Sastaivna zum Ehre n b ü r g e r der Stadt gewählt. Herr Weißglas hat sich durch bedeutende Spenden für gemeinnützige Zwecke besondere Verdienste erworben. Klansenbnrg. Hier starb der ordentliche Professor der 'Universität-Moriz S z i l a s s i im Alter von 50 Jahren. S z i l a s s i dozierte Ural-Ältaijche Sprachsünde und genoß als Fachmann aus dieiem Gebiet« das größte Ansehen. Der Leichuain wurde nach Budapest überführt und am dortigen jüdischen Friedhofe unter großer Teilnahme ver Gelehrtenwelt zur ewigen Ruhe bestattet. Budapest. In fcer am 9. d. Al. statt gehabten Atzung der ersten «philologischen« Klasse der II n gar,ifcf) e n Ak a dein i c "5c i Wi s se uicha ften wurde der berühmte Orientalist Dr. -vignaz G v l d z i e h e r einstimmig zum P r ä s iö e ii te it dieser Klasse gewählt. Fiume. IN abbi ii e v w a h l.) Die Kultusgemeiii'de in Fiume wählte den bisherigen Rabbiner der Mnraszvmbater Gemeinde Dr. Josef Frankl zu in Rabbiner. Brasso (Kronstadt). Die hiesige autonome orthodoxe Gemeinde hat Dr. Hermann Klein ans Nagy-Sallü zu ihrem Oberrabbiner gewählt. Nözsahegy. (A u s z e i ch n u n g.) Der Kaiser hat dem Generaldirektor der hiesigen Sparkassa, Herrn Jakob K l e i n, in Anerkennung seiner Verdienste aus dem Gebiete der Volkswirtschaft das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. Ein jubilierender Oberrabbiuer. Der Nagnbeeskereker Oberrabbiuer Dr. Moriz Klein begeht am 21. ds. die fünfundzwanzigste Jahreswende seiner Seetsorgertätigkeft. Ans diesem Anlässe wird der Sohn des Jubilars, der Ofner Oberrabbiner Dr. Arnold Kiß auf Einladung der Nagybecskereker israelitischen Gemeinde am genannten Tage im dortigen Tempel die Festpredigt halten. Vermischte Nachrichten. Wiener Kultusgemeinde. Der Bericht über die am 14. d. M. stattgefundene öffentliche Plenarsitzung wird wegen Raummangels in der nächsten Nummer nachgeholt werden. Den Finanzbericht des Herrn Vizepräsidenten kaif. Rat. M. H i r s ch bringen wir an anderer Stelle dieses Blattes. Nnssische Studierende an der Münchener königl. Technischen Hochschule. Münchener Blätter bringen folgendes offiziöses Kommunique: „Mit Rücksicht auf den gegenwärtigen sehr erheblichen Prozentsatz der russischen Studierenden an der königl. Technischen Hochschule in München, der bei der hohen Gesamtfrequenz eine weitere Steigerung nicht zulässig erscheinen läßt, -ist die Aufnahme von Angehörigen dieser Rationalität in der genannten Hochschule bis auf weiteres eingestellt worden." (Diese Verfügung trifft zunächst und am stärksten die ans Rußland stammenden j ü d i s ch en Stndeuten, die in denheimischen Hochschulen wegen der dort herrschenden perzentuellen Beschränkung der Inden gegenüber gezwungen sind, ausländische Anstatten auszusuchen,. die ihnen nunmehr auch im „freien" Europa verschlossen bleiben sollen. Red.)

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