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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nr. “ 0 Stimmungsbilder aus Rußland. Gar manches interessante und erschütternde Bild der Lage der Juden in Rußland wird in den mit-- unter sehr freimütigen P ciittonert, lvelche die einzelnen jüdischen Gemeinden in jüngster Zeit an dieBehörden gerichtet haben, entröllt.Sü heißt es in einem von den Bertreterli^der scheu Gemeinde K o w n o an das Stadtoberhaupt Brzezowsky gerichteten Gesttchsschreiben: In der Stabt K o m n o machen die Inden nicht weniger als 50 Prozent der allgemeinen Bevölkerung ans und unter den Zahlern der S.tadt abg a b c it bilden sie eine erdrückende Mehrheit. Die Gerechtigkeit verlangt, daß die Inden in der Stadtverwaltung, die, wie aus oben Gesagtem ersichtlich,, all ihre Interessen so tief berührt, gleich den übrigen Nationalitäten vertreten seren; dagegen sind sie aber, der 'Gerechtigkeit und selbst der einfachsten Zweckmäßigkeit zuwider, von jeglicher Teilnahme an der städtischen Selbstverwaltung ausgeschlossen. Die von der Regierung ernannten Stadtverordneten können, da sie nicht von der Bevölkerung gewählt sind, auch nicht als deren Vertreter erscheinen und im Namen der Bevölkerung sprechen. Die in jeder Beziehung unnormale Rechts- und ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung in den Städten irntfe unvermeidlich auf die ganze Art des städtischen Lebens einen Einfluß ausüben und dies ist auch in der Tat der Fall. Die Ncchtsbcschränkungen haben das Sinken des Wohlstandes zur Folge, sie halten den städtischen Handel und die Industrie auf einem niedrigen Niveau.; Armut hat die Verschlimmerung der sanitären Lage der Stadt, die Vermehrung der Mrankheits- und Todesfälle, die Entwicklung des Frevelhafteil im Charakter der Bevölkerung zur Folge. Die Interessen der einzelnen Klassen der Bevölkerung sind durch Laufende von Fäden miteinander verknüpft und cs liegt nicht nur im Interesse derjenigen Personen, die unter den unnormalen Rechts- und ökonomischen Bedingungen direkt leidet:, sondern auch der ganzen Bevölkerung, diese Zustände aufzuheben. Eine bemerkenswerte, auch unseren Verhältnissen nicht fremde Aeußerung findet sich in einer an Herrn von Witte gerichteten Petition der jüdischen Bevölkerung des Ortes Dubrowno im Gouvernement M o h i - l e w. Wir haben Veranlassung, zu befürchten, daß bei Besprechung der Maßregeln, die auf Punkt 7 des Allerhöchsten Ukases vonl 12. Dezember 1904 Bezug haben, das Mtnisterkomitee sich mit dem Verhör von nur zwei bis drei vornehmen Vertretern der jüdischen Geldaristokratie, die man gewöhnlich als Vertreter der Interessen der viele Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung Rußlands zu betrachten. pflegt, begnügen wird. Deshalb glauberi wir, daß im gegenwärtigen Augenblick jede jüdische Gemeinde, lvie klein sie auch fein mag, rerpslichtct ist, ihre Stimine direkt vor dem Ministertomitee zu erheben und demselben auf diese Weise die Möglichkeit zu geben, aus der Gesamtheit der eingcreichten Vorlagen einen Schlich bezüglich der Bedürfnisse und des Verlangens des rufstschell Iudentuins zu ziehen. Wir richterl an Euer Exzellenz die ulltertänigste Bitte, an das Ministerkomitee auch unser Wort gelangeu zu lassert. Alle Verfügungen, die die Rechte der Fremdvölker beschränken, halten angeblich deil Zweck, die Interessen des Staates und deu sichtbaren Nutzen des russischen Volkes zu wahren; datier kanrl auch keine einzige dieser Verfügungen artsgehoben werderr, so lange die Teilung der russischen Bürger in „Fremdvölker" und „russisches Volk" in Kraft bleibt. Die Inden sehen keinerlei, weder historische, noch politische Veranlassung, als „Fremdvolk" betrachtet zu werden und sie lverden sich nie ulit dem Gedanken anssöhneil können, vom russischen Volke nicht nrlr getrennt, sondern demselben direkt entgegengesetzt zu werden. Wir sind kein Fremdvolk, sondern russische Bürger, und wir wünschen von ganzer Seele, auch ferner russische Bürger zu bleiben, jedoch llicht rlnr als Zahler von dlbgaben und als Lieferanten voll Soldaten für die russische Armee, sondern im vollen Umfange des Begriffes eines Bürgers, d. h. unbedingt all e einem rllssi scheu Bürger zu stehe ndeil Rechte zu genießen und allen Pflichten, ohne Ausnahme, vom verantwortlichen Staatsdienst bis zur Hingabe unseres Lebens für das Vaterland, nachznkommen. Wir halten es für unsere bürgerliche Pflicht, zu erklären, daß irgend eme partielle Besserung der Lage der Indell bloß heuchlerische Untermürfigteitskulwgebungen seiterls der jüdischen Bourgeoisie hervvrrnfell könnte, der rnsslsche Zar vermag nur durch Gewährung der Glelchberechtigung in der jüdischen Bevölkerung ergebene Freunde des Thrones zu erwerben, die bereit wären, all ihre materiellen, physischen und geistigen Kräfte dem Dienste und der Verteidigung des Vaterlandes zu widmen. Rassische Bilder. Wer die letzten Wochen in meinem Wohnorte Radomysl oder in Kiew. Shitomir gelebt hat, der hat gewiß, mag er noch so eisenstavke Nerven besitzen, einen guten Teil seiner Gesundheit zusetzen müssen. Denn die Schreckenstage der christlichen Feiertage und die Ankündigungen von neuen Iudenmetzeleien haben bei ntemanöenl, auch nicht bei dem Stärksten, ihre Wirkung ans das Nervensystem versohlt. Man irrt ganz und gar, wenn man glaubt, daß etwa die Jüdisches VolksUstfr jüngste Verordnung die Bevölkerung einschüchterte. Im Gegenteil, wir leben jetzt hier wie. aus eitlem Vulkan. Das Verhältnis zwischen Inden und Christen ist ein derartig feindseliges geworden, daß man sogar ausgohört hat, sich auf der Straße, wie üblich, zu begrüßen und bet etwaiger Zuiammenklmst die Hand zu reichen. Das bedeutet für den Rüssen das Zeichen der tiefste« Verachtung. In jeder Woche wird eine neue Krawallankündigung ausgegeben, gleichzeitig mit der Drohung, daß die bisherigen Krawalle nur ein Kinderspiel, ein kleines Borpostengefecht gegen das jetzt kommende ivaren. — Die hiesigen jüdischen Bürger besitzen bereits Me verschiedene Waffen zur Selbsthilfe. Man'muß es mit erleben, um sich ein Bild davon machen zu können, wie die Juden mit ihren bleichen Gesichtern die Radomysler Straßen durchziehen und jede Minute den Tod durch Mördcrshand crivarten. Vorige Woche mar ich in Kiew llnd logierte in einem Hotel. Nachts 2 Uhr wurde das Haus plötzlich von einer Abteilung Militär umstellt. Es wurde gewaltig an der Glocke gerissen; man öffnete und ein Dutzend Gorodowojs (Schutzleute) mit einem Nadsiratel (Polizeinnterlentnant) an der Spitze traten dem Oeffnenden entgegen. Ter Nadsiratel ersuchte in wenig höflichem Tone den Hausherrn, sich gegen die beabsichtigte Durchsuchung absolut passiv zu verhalten. Ich trug infolge der Aufregung eine Erschütterung des Nervensystems davon. Wer es nur irgend ermöglichen kann, kehrt der hiesigen Gegend für immer den Rücken; täglich wandern Dutzende Juden aus. Zürn größten Teil gehen sie nach Amerika, einige nach Palästina. I. D. Einwanderung in New-Z)ork im Monate Februar. Im Laufe des Monates Februar landeten in New-Aork 6300 j ü d i s ch e E i nwanderer (3232 männliche, 1115 weibliche). Hiervon kamen: 3083 aus Rußland, 992 aus Oesterreich, 240 aus Rumänien, 46 aus England, 31 aus Deutschland, 9 aus der Türkei. Von den Angekommenen ließen sich 3960 in unserer Stadt nieder, die übrigen zerstreuten sich im Lande. Kunstnachricht. Aus Budapest wird uns gemeldet: Auf Vorschlag der Jury der Winterausstellung der Künstlergenosscnschaft hat der ungarische Minister für Kultus und Unterricht unter anderen auch ein Bild von Salomon I. Solomon, „Porträt d e s I s.r a e l Z a n g w i l l", mit der g r o ß e n Staatsmedaille ausgezeichnet, während das Bild des Jsak Perlmutter, „Straßenszene in Holland", die kleine goldene Staatsmedaille erhielt. Die Pässe russischer Einwanderer. Im russischen Amtsblatt ist eine Mitteilung abgedruckt, wonach lallt Verordnung des ö st e r r e i ch i s chu ll g a r i sch e n Millisteriums des Aeußern die Pässe solcher russischer Untertanen, die nach Oeüerveich-Uugaru zu reisen beabsichtigen, vorn 1. Mar d. I. angefangen dirrch die österreichisch-ungarischen Konsuln in den betreffenden russischen Städten vidimiert werden müssen. Hebräische Musik. Der Verein zur Pflege hebräischer Musik h' Berlin veranstaltete unter seinem Dirigentelt Kapellmeister Albert Kellermann eilt geistliches Konzert mit Komposition von Salvlnvn Rossi. In einem einleitenden Bortrage gab Dr. Leopold Hirschberg einen Ueberblick über die Tvnschöpfnngen jener Epoche (Rossi lebte 1542 bis 1028). Dem Bortrage, der mit einer Sonate Rossis bekannt machte, folgten drei Chöre mit hebräischen Texten, die eilte meisterhafte Technik verraten. Palästinas kontrapunktische Kunst wie seine ganze Kvmpositionsart haben wohl großen Einfluß auf Rofsis Tonschöpfungen ausgeübt. allein in dem dritten Chor „Advn olam" zeigt sich eine selbständigere, warmempsindende Art, die der Komposition zu besonderer Anerkennung verhalf. Der Psalm 80 und der Kadosch sind iveniger volkstümlich, überraschen jedoch dafür durch die Differenziertheit im Ausdruck und die Feinheit der Technik. In Kirchenkonzerten, die ja auch das Kol Nidre bieten, dürft» man den intercffmttcn Chören wieder begegnen und auch mit den weltlichen Tondichtungen, lvie der Ode all L. Gonzaga, bekanntst macht lverden. Ueber Lesser Urh, der jetzt in Hamburg ausgestellt hat, schreiben die „Hamburger Nachr.": Ein Landschaftsmaler, der in der Großstadt lebt, tritt im Grunde die wichtigste Bedingnis seiner Entwicklung mit Füßen. Statt aus seiner Umgebung heraus immer wieder neue Stärkung zu sangen, wirkt diese als Schwächung, statt seine Aufnahmefähigkeit mit jedem Blicke zu bereichern, gibt er von dieser immerwährend ab. Die starre Unbeweglichkeit der sein Geistesfeld einengenden Formen und Linien wirkt abstumpfend. Gilt dies schon vom Landschaftsmaler im allgemeinen, so in einen: gesteigerten Grade von dem Stimmungsmaler, dessen Sehnsucht nach Harmonien und musikalischen .Klangwirkungen geht. Viele suchen einen Allsgleich dadütchzü erlangen, daß sie fallweise in die Natur hinaus flüchten, in Zwischenräumen den'Stadtstaub von den Füßen schütteln.' Das ist allerdings Hilfe, aber doch keine Erlösung. Wir haben cs ja erfahren, daß die höchsten Wirkungen doch nur von solchen Künstlern ausgehen, die die Selbstverbannnng aus der zermürbenden Atnwsphäre der Großstadt mit Beharrlichkeit durchzusetzen verstanden haben, wie s. Zt. die Fontaincbleauer und in unseren Tagen die Worpsweder. Ein z. Zt. in dem Kunstsalon Louis Bock '& Sohn ausstellcnder Maler, Lesser Ury, der in Berlin lebt, lehrt uns indes, daß es noch eilte Form gibt, in der der Landschafter die schädigenden Einwirkungen der großstädtischen Umgebung zu paralysieren weiß. Er tut dies, indem er zur Tatsache macht, was scherzweise in bildlicher Form zuweilen von den deutschen Poeten gesagt wird: daß sie sich das Leben und alles Mögliche dazu aus der Tiefe ihres Gemütes heraus konstruieren können. Lesser Urv kann dies in Wahrheit und er tut es. Der Katalog nennt zivar in einigen Fällen die Orte, die den Gemälden Lesser Urys die Vorbilder geliefert haben: Grunewald und Schlachteusee, Schwarzburg, Thüringen, Monte Baldo am Gardasee usw. Diese geographischen Auskünfte aber interessieren uns nicht im geringsten, wir sehen nur und stehen ausschließlich im Banne des polyphonen Farbenzaubers, den der Künstler mit einer Kühnheit sondergleichen über seine Tafeln ausgegossen hat. Gold und Schwarz, Karmin und Kobaltblau, Rot und Orange und Grün, die schreiendsten, innerlich widerstrebendsten Gegensätze hat er solcherart einander anzuuähern gewußt, daß sie in vollendeter Harmonie ausklingeu. Freilich nicht für jeden. Unsere Zeit hat es sich zur Gewohnheit gemacht, jegliches Kunstwerk mit der Wirklichkeitselle zu messen und für die also Messenden dürften Lesser Urys Landschaftsbilder Ungeheuerlichkeiten sein und bleiben. Doch wer auch der durch das Medium des Poeten geschauten Welt Existenzberechtigung zuspricht, dem werden auch diese Gemälde Verkündiger sein neuer und weihevoller Wahrheiten. Schwieriger schon ist cs, sich in die Haupttafel der Ausstellung hineinzusehen, eine zirka vier Meter im Quadrat messende Historie: „Jerenüas". Diese Tafel füllt die Abschlußwand des Saales fast völlig aus und da sie auf den ersten Blick sich fast nur aus zwei Grundfarben Zusammenzusehen scheint — Braun u. Blau — wirkt sie auf den Beschauer als Ueberraschung, und zwar als unerfreuliche. Erst im Näherkouuneu werden wir gewahr, wie, was einheitliches, braungefärbtcs Gestein geschienen, über dem ein nächtlich blauer, besternter Himmel sich aufbaut, ein auf den: Boden in gekrümmter Haltung liegender Mensch ist, der, sein bärtiges Haupt in die Hand gestützt, den Nähertretenden mit funkelnden Augen anblickt. Hier steht der Maler nicht ans gleicher Höhe mit dem Poetelt. Von turnt wühlenden Leid, das den ob der über seilt Volk hereingebrochenen schweren Heimsuchung zu Boden gesunkenen Jeremias wehklagend in die Nacht hinausgetriebeu hat, unterrichtet uns nur der Name, nicht der auf dein Boden gelagerte Mann selbst. Malt muß über Aussehen und Ausdruck dieses Jeremias sich Rats erst bei der kleinen, in Tusch ausgeführten Studie eiuholen, die in der Nähe hängt. Auf dem eigentlichen Gentälde gehen alle Feinheiten dieses prachtvollen Charakterkopfes in dem monochromen Gleichklcmg der braunen Farbe unter, in der der ganze untere Teil des Bildes angelegt ist. Von schönem farbigen: Reiz, besonders in der Belebung der linken Wandseite ntittels in Goldrahmen gesteckter Bilder usw. ist auch das int Jahre 1386 gemalte Interieur. Eine getuschte und mit Weiß aufgehühte Moses-Studie und ein farbiges Figurenbild — „Die Geschwister", darstellend z)vei barfüßige Batleritkinder, die im Gri'tnen stehen . lassen zwar ungleich deutlicher als der lagernde „Jeremias" erkennen, daß der Künstler mit Erfolg sich auch in der figürlichen Malerei betätigt, aber die ganz persönlich gehaltene, lyrisch vollendete Traumstimmung seiner Landschaftsmalerei gibt doch den eigentlichen Maßstab ab, nach dem er einzuwerten ist. H. E. W.

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