Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2u «Indisches Volksblttfc Seite 4> Höhe der Situation men, so kann diese Sezession den ersten Schritt zu einer allgemeinen, hochbedcutenden Wendung in der Geschichte der Juden Oesterreichs bilden. Die Frage ist viel zu wichtig, als daß wir sie mit dieser Notiz abtun könnten. Wir _ werden in nächster Nummer näher ans sie eingehen. Erster Oesterreichischer Rechtsschutzverein für Hausierer in Wien (2. Bez., Taborstr. 59). Der Erste Oestcrreichl'sche Rechtsschutzverein für Hausierer in Wien beruft behufs Stellungnahme zu dein am 18. ös. im Abgeorbueteuhaufe neu angenonrnrenen Hausiergesetze, welches einem Hausterverbote glerchkommt, für Dienstag den 28. ds. nur 6 Uhr abends in Herlingers Saal zum goldenen Widder, 2. Bez., Taborstr. üb, eine allgemeine Hausicrervcrsannnlung ein. Aus kr MlWeu KmesmA. Jnnerösterr. Distriktskomitee Wien. Auf Grund des von der Distriktsversammlung vom 27. April gefaßten Beschlusses hat sich das innerösterr. Distriktskomitee folgeildermaßen neu gebildet. Obmann: Max Markus, erster Schriftführer: I. Thon, zweiter Schriftführer: med. Stein, Kassier: Heinr. Müller. Nationalfondskommissär: H. van Jung, ohne Funktion: Frl. Berta Hermann, Heinr. Lederer, H. Hasterlik. Die Amtsstunden sind jeden Dienstag von 8 Uhr an im Kongreßbureau. Zuschriften sind zu richten an: Jnnerösterr. Distriktskomitce des Verbandes „Zion", Wien, 9. Bez., Türkenstraßc 9. Die p. t. Vereine des Distriktes werden aufgefordert, vor: allen ihren Veranstaltungen das D.-K. rechtzeitig zu verständigen, die Schekel und Parteibeiträge ehestens abzuführen und einen regen Verkehr mit dem D.-K. aufrechtzuerhalten. Mitteilung des innerösterr. Distriktskomitecs. Die Zionisten Wiens finden sich zwanglos jeder: Donnerstag abends im „schlvarzen Bären" im Prater. Der südgalizischc Distriktstag, der am 7. Mai in Stanislau abgehaltcn wurde, war ziemlich schwach besucht. Aus dem von Frl. Meller verlesenen Tätigkeitsbericht geht hervor, daß der Distrikt sehr rege arbeitet. An den Bericht knüpfte sich eine lebhafte Debatte. Es wurden nach Genehmigung des Berichtes mehrere Beschlüsse gefaßt, unter anderem auch einer, in welchem die Forderung aufgestellt lvurdc, den nächster: Parteitag in Galizien oder der Bukowina abzuhalten. Ferner wurde auch die Subventionierung mehrerer Parteiblätter beschlossen, wie auch, r:ur solche Delegierte zum nächsten Kongresse zu entsenden, welche mit den lokalen Verhältnissen vollkommen vertraut sind. Den Schluß der Beratungen bildete ein mit großen: Interesse angehörtes Referat des Herr:: Dr. I o n a s über „Die allgemeine Lage ur:d die Strömungen in: Zionismus". Die Wahlen ins Distriktskomitee ergaben folgendes Resultat: Dr. Jonas, Rabbiner Dr. Braude, Dr. Schor, Dr. Füllenbaum, Dr. Läufer, Frl. Meller, Gerson Freilich, Bacher, Lichtmann und Magnet. Der erste zionistische Parteitag in Ungarn findet Sonntag den 21. ds. Mts. in B u d a - p e st statt. Dieser Parteitag ist für den Zionismus in Ungarn von außerordentlicher Wichtigkeit, weil — man kann es ruhig sagen — von seiner Beschickung, den zu fassenden Beschlüsse!: und inehr noch von der Durchführung derselben die weitere Entwicklungsmöglichkeit des jüdisch-nationalen Gedankens auf ungarischem Boden abhängt. Es wäre sehr zu wünschen, daß unsere Stammesbrüder in Ungarn sich endlich ihrer Pflichten besinnen und eine gesunde, den ungarischen Verhältnissen entsprechende, auch auf die Landespolitik Einfluß nehn:e!:de nationale Bewegung inaugurieren und stützen. Den: U g a n d a P r o j e k t gegenüber dürfte sich die Majorität des Parteitages ablehnend verhalten. Eine zionistische Farm ist in Cleveland gegründet wordem Der größte Teil der Clevelander Zionisten hat sich nämlich zu einer zionistischen Farmer-Gesellschaft zuiammengetan und bereits eine vollständig instruierte Farin gepachtet. Die Farn: befindet sich in Warrensville (Ohio) und die Mitglieder der Gesellschaft haben zum Teile die Farn: schon bezogen. Als Zweck dieses Unternehmens wird in einen: von der Gesellschaft ausgegebenen Communiquee angegeben: 1. die Ausbildung der Probekolonisten in allen Gebieten der Landwirtschaft. 2. Erwerbung einer Minimalsunm:e van 5000 Dollars innerhalb der fünfjährigen Pachtdauer der Farn: durch Verwertung der Farmprodukte und der Mitglicdsbeiträge von 100 Dollars pro Jahr. 3. Nach fünf Jahren sollen die fünf Familien nach Palästina emigrieren, daselbst Land in entsprechei:den: Ausmaß ankaufen und eine vollständig unabhängige, sich selbst erhaltende Kolonie gründen. Um diese vollständige Unabhängigkeit der Kolonisten zu sichern, hat jeder der Kolonisten außer der gründliche!: Kenntnis der Landwirtschaft sich auch noch irgend ei:: anderes Gewerbe anzueignen. Mitglieder der Farmcrkolonie können nur paläst inen fische Zionisten sein. Dieser Entschluß der Zionisten von Cleveland dürfte in Amerika bald mehrere Nachahmung finden. Im übrigen sei hier bemerkt, daß Dr. Franz O p p e n h cime r in der Nähe H a m - b u r g s ebenfalls einen Versuch mit einer landwirtschaftlichen Prod u k - t i o n s g c n o s s e n s ch a s t machen . will, Oppenheimer hofft, daß dort tüchtige Pioniere für die Kolonisation Palästinas ausgebildet werden. Ueber Aufgaben jüdischer Gemeindepolitik hielt Referent Dr. K o l l e n s ch e r in der Posener zionistischen Ortsgruppe einen sehr beherzigenswerten Vortrag. Der Referent gab laut Mitteilu::g des „Frkf.Jsr.Familienbl." zunächst einenRückblick über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde; aus einer Volksgemeinde sei sie in: Zeitalter der En:anzipation, unter geflissentlicher Ausschaltung aller spezifisch jüdischkulturellen Interessen, zur reinen Kultusgemeinde geworden. Statt dessen müßte sie wieder eine jüdische Kulturgemeinde werden, und zwar in organischer Anknüpfung an die Tradition, die zugleich eine religiöse und nationale sei. Hierher gehöre die Rückkehr zur altjüdischen Form des Gottesdienstes, Reform der Religionsschulen mit besonderem Ausbau des Geschichtsunterrichtes, Einrichtung von Vortragskursen für die schulentwachsene Jugend, voi: Volksbildungs-, Lehrlings- und Mädchenheimen. Auch die Schaffung jüdischer Lesehallen, Bibliotheken und Archive und die Förderung der jüdischen Statistik sei Sache der Synagogengemeinden. Ein riesiges Arbeitsfeld harre ihrer ferner auf den: Gebiete inoderner sozialphilanthropischer Bestrebungen: Organisation und Zentralisation der jüdischen Armen- und Wohlfahrtspflege, die von vielen Einzelvereinen nicht sachgeinäß betrieben werden können; Förderung des jüdischen Handwerker¬ und Gewerbestandes, namentlich durch Schaffung von Spar- und Darlehnskassen und Zusammenschluß gegen dei: antisemitische!: Boykott; Errichtung von Arbeitsnachweisen. Hand in Hand mit dieser Ausdehnung des Wirkens der jüdischen Volksgemeinde müsse eine Verwaltungsreform gehen: direkte, gleiche und geheime Wahl zu den Vertretungskörpern, Öffentlichkeit ihrer Sitzungen, vor allem Steuerreform. Die Kosten all der erwähnten Neueinrichtungen müßten auf den Gemeindeetat übernonnnen und so die vielfältigen Vereinsbeiträge, die Synagogen- und Grabgebühren, die Religionsschulgelder usw. durch Uebertragung auf das Steuersoll die einzige gerechte Verteilung findci:. Dann würden auch die häßlichen Standesunterschiede im Bethaus und auf den: Friedhof aufhören. Endlich müßten die Kultusgemeinden auch das Recht, sich korporativ an die gesetzgebenden Körperschaften und an die breiteste Oeffentlichkeit zu wenden, energisch ausnützen und über den Kreis des Gemeindeinteresses hinaus, für alle allgemein-jüdischen Interessen sich einsetzen. Korrespondenten. aus Böhmen. (Der „Las" und die jüdisch-natiynale Bewegung. — Heim für isr. Handelsangehörige. — Der „Rozvoj". — Kampf der Jüdisch-nationalen in Tcplitz. — Statistisches. — Gemeindebund der isr. Kultnsgemeinden.) Prag, 16. Mai 1906. Zwei literarische Werke: Tschirikows Drama „Juden", inMaxPleschnersUebertragung, und die Vrchlickysche Uebersetzung der Gedichte Nosenfelds, zwingen die gesamte tschechische Presse zur Besprechung dieser Bücher, die ein- N!Ütigem Lob begegnen. Selbstverständlich, daß hierbei auch die jüdisch-nationale Bewegung überhaupt erörtert wird. So z. B. schreibt der „Las" : „Wir in Böhmen können nur mit Sympathie auf eine solche Bewegung blicken: denn sind nicht etwa vielfache Aehnlichkeiten zwischen der Unterdrückung unserer Minorität und der jüdischen?" Ein sozialpolitisch hochbcdeutsamer Verein hat sich hier gegründet. Seine Aufgabe ist, bedürftigen Handelslehrlingen vom Lande, für die bisher in keiner Weise gesorgt war, durch Bequartierung und Verpflegung hilfreich an die Hand zu gehen. In den: „Heim für isr. Handelsangehörige" sollen die Knaben zugleich elterliche Fürsorge und die nötige Beaufsichtigung in ihrer freien Zeit finden. In kurzer Zeit sind dem Vereine bereits über 500 Mitglieder beigetrcten. Der „Rozvoj" kommt in seiner letzten Numiner auf die Korrespondenz des russischen Bildhauers Antokolsky zurück und konstatiert, daß die Anfangsbriefe desselben sehr stark Antokolskys Judentum betonen. Hoffentlich ringt sich der „Rozvoj" auch zu dieser Anschauung durch; Ansätze hierfür finden sich in den: letzten Leitartikel, „Unsere Situation" betitelt, wo unter anderem auch vor der Zücht:u:g eines jüdischen Jntelligenzproletariats mit Fug und Recht gewarnt wird. In Teplitz wird der Kampf gegen die Antizionisten mit aller Verve fortgesetzt. Auf dem letzten internen Diskussionsabende sprach Herr Bechert „Ueber die Gefahren des Antizionismus". Der Redner erwähnte unter anderem, daß unter den Auspizien des Antizionismus die jüdischen Mittelschüler als „Zionisten" angezeigt worden seien und weiters, daß zwei Teplitzer Juden bei den deutsch-fortschrittlichen Blättern diese Bewegung als deutschfeindlich bezeichnet hätten, um diese Lokalblätter zu bewegen, Mitteilungen des hiesigen Volksvereines nicht mehr aufzunehmen und so fort. Von Gegnern sprach der Atheist Dr. Heller von einer jüdischen „Religionsgemeinschaft" :u:d beneidete die russischen Juden, „die das Glück haben, Seite an Seite gegen den russischer: Zarisnms zu käinpfen". Da ist jeder Kommentar überflüssig. Der Mann sollte sich nicht auf Teplitz beschränken, sondern sich auch in der übrigen Welt sehen lassen. Er ist ein Original! Zahnarzt Dr. Dreifus glaubt an ein Nachlassen des Antisemitismus und hält die Anzeige der Mittelschüler für begreiflich und richtig. (?!) Auf alle diese Anwürfe replizierte Dr. Margulies scharf und geistvoll. — Hierauf verlas Herr Sh. Niethof einen Brief des Dr. Eppinger, in welchen: dieser die Erzählung des Jungtschechen Dr. Herold, welche vor Wochen im Parlamente zun: Beweise des Antisemitismus dcrDeutschen Fortschrittspartei vorgebracht, nämlich, daß Dr. Schlesinger für eine deutsche Stelle einen tschechischen Bewerber einem deutsch-jüdischen mit ausdrücklichem Hinweis auf des letztere»: Judentum vorgezogen habe, als unrichtig bezeichnet. Jetzt wäre es interessant, zu wissen, was Dr. Herold dazu sagen wird? Charakteristisch war auch Herr Dr. Stein, der mit Berufung auf seinen Gesinnungsbruder, Herrn Riethof als Zeuge»: folgende Erklärung abgab: „Wir sind zu den Zeitungen gegangen, mn sie zu veranlassen, nichts mehr von den Zionisten aufzunehmen." Erst spät nach Mitternacht schloß die stürrnische Versammlung. Etwas Statistisches: In Böhmen bekannten sich 54%'$uben zur tschechischen Umgangssprache. In dem Augenblicke, wo dieser Brief