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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Seite 4 Nr. 20 führen und demnach dem Ersuchen des Knlkus- Vorstände« um Sisticruna des erwähnten Beschlusses nicht Nachkommen könne. Ans die gleichzeitig überreichte Beschwerde an den Statthalter ist bisher eine Erledigung noch nicht erfolgt, andrerseits ist an eine Turchführnng des Gemeinderatsbeschlusses bisher nicht geschritten worden. Aus den obigen Darstellungen gellt hervor, daß der Knltusvorstand nichts unterlassen hat, um diesen neuerlichen, wohl nicht auf tierfreundliche Motive zurückzuführendcn Angriff auf eines der wichtigsten (Gebote uirserer Religion abzuwehreu. Er wurde in seinen Bestrebungen auf das Tatkräftigste unterstützt durch die bereits erwähnten Herren Geuieinderäte Bau rat v. Goldfchmiöt, Dr. Oskar Hein und Ferdinand Diebin der, welchen für ihre ausgezeichneten, von eingehender Vefchä'ftiguug mit den einschlägigen Fragen zeugenden, unter schwierigen Verhältnissen gehaltenen Reden im Gemeiuderate unser wärmster Dank gebührt. Ich erirähnte noch, dag diese An geleg eulx'it Gegenstand einer Interpellation geworden ist, welche in den lebten Tagen durch den Reichs ratsabgevrdneten Dr. Byk im Abgeordnetenhause überreicht wurde, wofür wir dem Genannten den Dank und die vollste Anerkennung schulden. Ich kann es aber nun zum Schlüsse nicht unterlassen, unserer Empörung über die Anwürfe, welche sowohl im Landtage als im Gemeinderatc gegen unsere Religionsgenossenschaft, gegen deren religiöse Institutionen und Einrichtungen, gegen unsere heiligen Schriften vorgebracht und geduldet wurden, entschiedenst Ansdruck zu geben. Eine Religion, ivelche seit Jahrtausenden das Gebot der Menschenliebe und Tierfreuudlichkeit hochhält und welche die hier in Frage gestellte Tierfreundlich l eit gerade dadurch bekundet, das; die unabweisbar notwendige Tötung des Tieres für den menschlichen Genuß, bezw. die Art, wie diese Tötung zu geschehen habe, sogar unter eine religiöse Sanktion gestellt wird, überhaupt und gar in politischen Körperschaften, die doch gewiß nicht das Forum für religiöse Diskussionen sind, in solcher Weise, wie es geschehen, herabzusetzen, — für die Charakterisierung dieser Vorgänge vermag ich die richtige Bezeichnung nicht zu finden. Rechnungsabschluß der Wiener Kultusgemeinde pro 1904. Der Ihnen vorliegende Rechnungsabschluß für das Jahr 1904 schließt — ich werde alle Ziffern mit Hinweglassung der Heller nennen — mit entern Aktivsaldo von X 83 741. Dieser gegenüber dem Präliminare günstige Abschluß erklärt sich daraus, daß, wie cs einer vorsichtigen Budgetierung entspricht, einzelne Entnahmsposten geringer, dagegen Ausgabsposten höher eingestellt wurden, daß weiters einzelne Präliminarposten, so zum Beispiel die Reserve für die Renovierung der Mikmali per X 6000, der für ein Krankenpflegerinnen-Jnstitut eingestellte Betrag von X .10 000, endlich ein größerer Teil der allgenreinen Reserve per X 60 000, nicht zur Ausgabe gelangten. Nicht so günstig wie im Vergleiche mit dem Präliminare stellt sich der diesjährige Abschluß im Vergleiche zum Ergebnis des Vorjahres, welches mit einem Neinpermögen von Kronen 86 271 schloß. Es resultiert daher für das Jahr 1904 eine Verminderung des Gemeindevermögens nur X 2530. Derart vergingen die Wochen, bis endlich der Hochzeitstag herankam. Der liebe Herr Braun ließ sich dabei nicht spotten, die Festlichkeiten auf das splendideste zu veranstalten. Er scheute keine Kosten, er konnte es ja tun, wie er berechnete, welche große Mitgift er einem andern hüte geben müssen, und die Bewohner des Städtchens hatten lange Zeit zu erzählen, wie hoch es da herging, welcher Glanz bei dieser Vermählungsfeier entfaltet wurde. Der Festesjubel war verrauscht. Das Neuvermählte Paar bezog seine behaglich komfortabel eingerichtete Wohnung. Er begann seine ärztliche Praxis auszuüben und bald hatte er die meisten und einflußreichsten Familien der Stadt als Klienten gewonnen. Sein umfassendes Wissen, gegründet auf den neuesten Systemen und Erungenschaften der modernen Heilkunde, verbunden mit gewinnendem Aeußern und feinem Benehmen, eroberten ihn: die Neigung aller. Auch im Innern des Hauses gestalteten sich die Verhältnisse nicht so widrig als er befürchtete. Seine junge Gattin gewann ihm bald nicht nur Achtung, sondern auch eine Art stiller Zuneigung ab. Sie fiel ihm nicht lästig durch ungestümes Liebesbegehren, sie war beglückt, wenn er ihr freundlich zulächeltc. Durch Sparsamkeit, Wirtschaftlichkeit und alle Sorgfalt für das leibliche Wohl wußte sic das Häusliche Leben angenehm zu machen. Sie sah ihm seine Wünsche an den Augen ab, noch bevor er sie aussprach. Ihre Bildung, ihre nicht unbedeutende musikalische Begabung vermochten ihn in Die Kapitel „Betliausverwaltungen Leopoldstabt, Fünfhans und Währing" weisen gegenüber 1903 eine Erhöhung der Ausgaben deshalb ans, weil im Jahre 1904 die Rabbiner-Bestellungen bereits vorgenommen waren. DaS Bethaus Ottakring erforderte im Berichtsjahre für durchgreifende Renovierungen einen Betrag von K 6074, eine Ueberschrcibnng von K 4074 gegenüber dein Präliminare. — Weitaus bedeutender werden die Kosten sein, lvelche zu den Adaptierungen des Leopoldstädter Tempels erforderlich sein werden. Ich kamt heute bereits sagen, daß der Vorstand es sich mit deik behördlich vvrg^schriebett' tt Sicherheitsvvrkehrnngen nicht wird genügen lasset!, daß er sogar — und ich sage dies int Namen der weitaus überwiegenden Majorität — lveit über diese Anforderungen hinanszugchett entschlossen ist. Hierzu kommt noch die gebvtette Rücksichtnahme auf den großen künstlerischen Wert des Tempels, und ich glaube nicht sehlzngehcn, wenn ich annehme, daß ntit dem im Präliminare eingestellten Betrage im Hinblicke auf die vorliegenden neuen Projekte das Ans lau gen nicht gefunden werden wird. Den nngütlstigsteu Abschluß unter allen Zweigen der Gemeindeverwaltung weist das Kapitel „Fleischregie" ans,' bei einer Steigerung der Ausgaben von K 88 090 ans K 89346 sind die Einnahmen von K 66 714 ans K 57 285 gesunken, so daß sich der Zuschuß aus K 31 074, das ist um K 10 299 erhöht hat. Ich hebe dies ausdrücklich hervor, um ein bei der gegenwärtigen Schächthetze sehr beliebtes Argument unserer Gegner, daß nämlich öle Juden auf die Ansrechthaltung des Schächtens nur deshalb so großen Wert legen, weil es eine große Eiunaliutsauesle für die Gemeinde bedeute, an der Hand von Zifferti authentisch zu widerlegen. Zum Kapitel „Mitwat)" habe ich bereits eingangs meiner Ausführungen bemerkt, daß die für die Renovierung derselben eingestellten K 6000 nicht zur Ausgabe gelangten. Eine wirkliche Ersparnis bedeutet dies aber nicht. Es lieget! verschiedene Projekte vor, die alle genauest geprüft trerden müssen und derzeit Gegenstand eingehender Studien sind. Daß die Durchführung des einen oder anderen Entwurfes ttt jedem Falle noch mehr als X 6000 erfordern toerdc, unterliegt für mich keinem Zivcifcl. Zum Kapitel „Religionsunterricht" will ich tun bemerken, daß der Beitrag ans dem Bezirksschulfvnds trotz vermehrter Stundenzahl wieder eine Verminderung um rund X 1000, ü. i. auf X 36 283 erfahren hat. Dieser fast alleinigen Einnahme für diesen Zweck stehen Ausgaben im Betrage von X 149 885 gegenüber. Das Kapitel „Zentralsriedhof" erzielte einen Ueberschuß von X 252 639, welcher wie folgt vertvendet wurde: X 115 069 wurden — gleichwie ein Teil des Ueberschusses des Kapitels „Beerdigungswe'sen" — dem Kapitel „Unterstützungen", X 137 569 dem Friedhof-Erwerbungsfonds zugewiesen. Am Währinger Friedhofe wurde die gärtnerische Ausgestaltung fortgesetzt. Es wurden hierfür X 14 742,— verausgabt, von welchen Kronen 2371,— durch die Zinsen der Ignaz von Li ebenberg scheu Graberhaltungsstiftung, X 7458,— durch die eingeleitete Sammlung gedeckt wurden. Mit der resultierenden Mehrausgabe wurde die Liebenbergstiftung belastet. Eine dringende und meines Erachtens nicht lange zu verzögernde Arbeit ist die Instandsetzung des ältesten jüdischen Friedhofes Wiens in der Seegasse. den freien Stunden zu fesseln und zu erheitern, und als sie nach Verlauf eines Jahres einem Knaben das Leben gab, wurde seine Anhänglichkeit noch mehr befestigt. Die idyllische Ruhe ihres Lebens wurde jedoch nach einiger Zeit grausam zerstört. In der Stadt war eine Typhusepidemie ausgebrochen, und verbreitete sich mit reißender Schnelligkeit. Jetzt erst hatte er Gelegenheit, seine ärztliche Tätigkeit und seinen unermüdlichen Eifer sowie sein medizinisches Wissen an den Tag zu legen. Er gönnte sich keine Stunde des Tages und der Nacht Ruhe und es gelang seiner zweckmäßigen Behandlung, der tückischen Krankheit viele Opfer zu entreißen. Aber in seiner aufopfernden Tätigkeit sich nicht schonend, ergriff die Ansteckung auch ihn und rasch lag er in: hitzigen Fieber darnieder. Schreckensbleich, Todesangst in den Mienen, stand Kuroline an dem Lager des so innig geliebten Gatten, Tag und Nacht, immerfort bei ihm wachend, Nahrung insoweit zu sich nehmend, daß ihre Kräfte nicht erlahmten, lauschte sie aufs jedem Atemzug, Pflegte sie ihn mit minutiöser Pünktlichkeit, die Vorschriften des ihn behandelnden ärztlichen Kollegen befolgend. Wenn inmitten seiner Delirien ein lichter Moment kam, fand er sie unermüdet an seinem Lager. Viele Tage lang schwebte er zwischen Leben und Tod, bis endlich durch seine jugendlich kräftige Natur und die sorgfältige Pflege der Gattin Ich habe im Vorjahre, ebenfalls gelegentlich der Vorlage des Rcchnungsabschlnffes, zum Kapitel „Spital" die Bemerkung gemacht, daß dieses Kapitel vom Standpunkte der Gemeindeftnanzetr das erfreulichste ist, und daran den Wunsch geknüpft, daß durch private Wohltätigkeit der Gemeinde diese große Last wenigstens teilweise genommen werde. Früher als ich es selbst gedacht, ist diesem Wunsche durch die Ihnen allen bekannte hochherzige, zur vollen Belegung des Spitales gewidmete Spende des Herrn Baron Rathaniel Rothschild zu einem großen Teile die Erfüllung gefolgt. Ich glaube aber zur Richtigstellung einer vielfach verbreiteten irrigen Meinung darauf Hinweisen zu müssen, daß durch die erwähnte nrunisizcnte Spende wohl ein ansehnlicher Teil der' Ausgaben für das Spital gedeckt ist, der weitaus größere Teil im Gegensätze zu auderen Großgeuteinden. aber nach wie vor von der Gemeinde getragen werden muß, daß also der Betätigung des Wohltätigkeitssinnes auf diesem Gebiete noch ein weiter Spielraum gelassen wird. Hinsichtlich der inneren Verwaltung des Spitales will ich nur bemerken, daß seit kurzer Zeit behufs Erzielung einer möglichst ökonomischen (Gebarung ähnliche Maßnahmen wie in der Versvrgungsanstalt getroffen wurden. Wenn sich dieselben so bewähren wie in dieser Anstalt, kann aus eine nicht unwesentliche Ersparung gehofft tverden. Ich glaube, diesen Anlaß nicht vorübergehen laßen zu sollen, um dem Damenkomitee und insbesondere seiner rührigen Präsidentin Frau Jda Diamant für die auch im Berichtsjahre erfolgreiche Tätigkeit den wärmsten Dank anszüsprechen. An Kultussteuer und Jmmatrikulationsgcbühren sind im Jahre 1904 X 1 170 598,— cingegangeu, bloß um X 16,161,— mehr als im Jahre 1903. Zum Schluffe will ich nur noch bemerken, daß der Saldo pro 1904 zur teilweisen Deckung des für das Jahr 1905 prüliminierten Fehlbetrages pro X 213 958,— verwendet werden soll. Ich bitte um die Genehmigung des RechnnngsabschluffeS. Politische Wochenschau. Die Juden in der Sozialdemokratie — Genossen zweiten Grades; dies bedeutet der Beschluß der sozialdemokratischen Parteileitung, daß die separate Organisation der jüdischen Sozialdemokraten Galiziens nicht zur Kenntnis genommen werde und diese Bestrebungen der Juden mit allen Mitteln zu bekämpfe n seien. Charakteristisch bei diesem Beschluß ist, daß die Parteileitung wohl den Standpunkt der polnischen Sozialdemokraten einninnnt, es aber ablehnt, der Konferenz der jüdischen Sozialdemokraten, in welcher der Standpunkt der Juden auseinandergesetzt werden soll, beizuwohnen. Haben die jüdischen Sozialdemokraten einmal so viel Gemeinsinn und Selbstbewußtsein aufgebracht, um sich selbständig zu organisieren, so werden sie hoffentlich auch die Kraft aufbringen, den Drohungen der verjudeten Parteileitung entsprechenden Widerstand zu bieten. Wenn die jüdischen Sozialdemokraten sich jetzt auf der die Krankheit besiegt wurde und nach einer heilsamen Krisis die Rekonvaleszenz eintrat. Doch jetzt erlahmte die treue Wärterin erst recht nicht, und noch sorgfältiger überwachte sie ihn bei seiner Wiedergenesung, ihm alle Mittel der Kräftigung bietend. Mit ihm aber war mit seiner körperlichen Gesundung eine seelische Wandlung vorgegangen. Die Schuppen fielen ihm von den Augen. Er sah, welche Perle er an seiner Frau gefunden habe, deren Wert er bisher nicht beachtet hatte. Er zog sie an sich, überhäufte sie mit Liebkosungen, nannte sie seinen Engel, seinen Schutzgeist. Mit seligem Entzücken sank sie an seine Brust. So wie ihr Vater hatte sie sich auf edle Weise diesen geliebten Mann erkauft. Er erkannte nun, daß jene Liebe, die im ersten Liebesrausche bloß wegen körperlicher Reize entstanden, ebenso wie ein Rausch auch vergeht. Wenn durch die Macht der Gewohnheit die Schönheit gleichgültig geworden oder die Blüte abgestreift, der Nimbus der physischen Amnut geschwunden ist, was bleibt übrig, wenn nicht Eigenschaften des Herzens und der Seele eine dauernde Grundlage gegeben haben? Und ewig bleibt der Ausspruch in den Sprüchen Salonws: „Vergällglich ist die Schönheit, eitel die Anmut. Die Tugend des Weibes allein hat Bestand."

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