Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 übrigen österreichischen Völker herbeigeführt werden, für welche der soziale Gedanke kein Gegensatz zum nationalen, sondern den w e s e n t l i ch st e n Inhalt desselben bildet. Gerade die Juden, die unter allen Völkern am spätesten zum Volksbewußtsein gelangten, deren nationale Not in erster Linie als eine wirtschaftliche sich äußert, haben die Verpflichtung, vor allem soziale Nationalisten zu fein. Der jüdische Nationalismus wird entweder vom sozialen Geiste durchdrungen sein oder er wird in der großen Masse überhaupt kein Echo finden. Ist in Oesterreich über Haupt w irisch aftlicheOrganisation und Wirtschaftspolitik d as d r in g en d st e, da das Donaureich durch die jahrzehntelangen staatsrechtlichen, nationalen, konfessionellen und Rassenkämpfe in seiner wirtschaftlichen Entwicklung gehemmt wurde, so muß speziell für die j ü d isch e G e g e nlva r tspol iti k das wirtschaftliche Moment im Vordergründe stehen, um so mehr, als die n e uösterreichische Politik nur eine sozialösterreichische sein kann. Radikale wirtschaftliche Maßnahmen sollten von den Staatslenkern und Gesetzgebern Oesterreichs, sowohl als Selbstzweck zur Beseitigung der inneren, immer mehr umsichgreifenden sozialen Not der Armen, Elenden und Enterbten, als auch als das geeignetste Mittel, die einander befehdenden Nationalitäten, Rassen und Klassen auf dem Boden gemeinsamer produktiver Arbeit zu einigen, erstrebt werden. Die wirtschaftliche Not steigert sich von Tag zu Tag, das Interesse breiter Volksschichten an der Tagespolitik und an dem Kampfe der Parteien wird immer geringer und in nicht allzu ferner Zeit wird der Ruf u m B r o t in Oesterreich alle staatsrechtlichen, nationalen und konfessionellen Schlagworte übertönen. Nationale und religiöse Ideen werden nur insoferne die Massen erwärmen, als sie zugleich eine wirtschaftliche Besserung der besitzlosen Schichten verkünden. Speziell in einem Staate wie Oestereich, wo die sogenannten nationalen ..und religiösen „Ideale" der einen im kontradiktorischen Gegensätze zu dem anderen stehen, wird mehr als anderswo die S t a a t s idee eine soziale werden müssen. Der Anteil der Juden an dieser s o z i al österreichischen Politit der Zukunft wird voll dem Grade des Verst ä n d n i s s e s, von der Stärke ihrer Organisation und von der politischen Klugheit abhängen, mit der die neue Generation es versteht, eine Harmonie herzustellen zwischen ihren jüdischvolklichen Interessen und denen der übrigen Völker, die das polyglotte Oesterreich bewohnell. einem Backfisch und einem Jünger der Universität mit all den Liebesschwüren und Ueberspanntheiten wiederholte sich auch da. Heftig loderte bei ihm nun der Kampf Zwischen Liebe und Pflicht. Bald siegte die erstere, bald die letztere. Monatelang währte bei ihn: dieser Widerstreit der Gefühle. Schon war er nahe daran, daß das Herz den Sieg davongetragen hätte. Schon war er im Begriff, au seine Verlobte zu schreiben und ihr die Bitte vorzutragen, sie möge ihrerseits die Verlobung lösen lind das Odium des Bruches auf sich nehinen, da er ein anderes Mädchen liebe. Das Schändliche dieser Handlungsweise kam ihn: in diesen: Ausbruche seiner Leidenschaft nicht Zlun Bewllßtsein. Er vergaß, daß das ein unverzeihlicher Rechtsbruch sei, vergaß die Pflichten der Dankbarkeit, und daß er nur dieser Verpftichtlmg die Gründung seiner Existeilz zu verdanken habe, vergaß, daß er ein braves Mädchen beleidigen und kränken würde. Da trat jedoch eine jähe Veränderung ein, die ihn zur Besinnung brachte. Das von ihm angebetete Mädchen, wegen dessen er im Begriffe war, so treulos zu handeln, wurde als die Tochter sehr reicher Eltern von Bewerbern umschwärmt unfc) sie schlug sich ihre Liebesschwüre lind den armer: Studenten aus dem Sinn rnld wählte einen jungen wohlsituierten Mann und die Verlobung fand statt. Der Ausgang solcher flatterhaften jugendlichen Liebesverhältnisse mag in der großen Stadt Wohl häufig in solcher Weise stattfinden. ^üäisobes Volksblatt Bericht des Präsidenten der Knltusgemeinde über die Schächtnngelesenheit. In der Sitzung des niederösterreichisch en Landtages vom 9. November 1904 wurde über Antrag des Landesansschusses der Beschluß gefaßt, die >k. k. Negierung zu ersuchen, bezüglich der Ausführung des Schächtens, bezw, bezüglich Ausführung von gewerblichen Schlachtungen ohne vorherige Betäubung des Tieres ein Verbot zu erlassen, hierüber mit der Regierung Verhandlungen zu pflegen mW in der nächsten Session Bericht zu erstatten. Weiters wurde in dieser Sitzung über- Antrag des Abgeordneten Dr. Scheicher der Beschluß gefaßt, der Stadtgemeinde Wien zu empfehlen, für ihr Gebiet das Schächten zu untersagen. Da im Referat des niederösterreichischen Landtages ausgeftthrt wird, daß sich b ^Gegnerschaft wider das Schächten rticht auf der: ^chachtakt selbst, sondern vielmehr aus die Vorbereitungs- Handlungen beziehe, suchte der Vorstand Mittel und Wege zu finden, um diesem Schemgrunde den Boden zu entziehen. Es wurden ein Beamter und ein Schächter nach den größeren Gemeinden Deutschlands entsendet, um die dortselbst üblichen Niederleg-Methoden zu studieren und Vorschläge zu erstatten. Aus dem Berichte ergab sich, daß eigene Niederleg-Apparate in einigen Städten Deutschlands in Verwendung stehen, daß aber das Niederlegeu der Tiere in den meisten Schlachthäusern unter Benützung von Aufzugswinden erfolge. Es wurde ein Niederleg-Ilpparat angeschasft und in der Schlachthalle zu St. Mar?: wiederholt ausprobiert. Obgleich sich dieser Apparat als vollkommen zweckentsprechend erwiesen hat, konnte (Öre nicht geringen Anschafsungskosten hätten für uns keine Rolle gespielt) die Einführung des Apparates deshalb nicht erfolgen, weil mit einer kaum nennenswerten Ausnahme in d en Wiener Schlachthäusern kerne Aufzugswinden vorhanden sind und das Vorhanöenseln solcher Winden eine notwendige Voraussetzung für die Anwendung dieses Niederleg-Apparates bildet. Aus demselben Grunde kann keine der in Deutschland üblichen Niederleg-Methoden in Anwendung kommen. Die Studien auf diesem Gebiete werden fortgesetzt. In der Zwischenzeit (anfangs 1905) ist ein Buch gegen das Schächten erschienen, welches, wie hellte bereits nachweisbar gesagt werden kann, in ebenso gehässiger als vielfach entstellter, wahrhettswidriger Weise das bisher zerstreute Material der Schächtgegner in einem 259 Seiten starken Bande vereinigte. Es unterlag für den Vorstand keinem Zweifel, daß dieses Buch die wichtigste Grundlage siir die Behandlung der Schächtsrage vom gegnerischen Standpunkte aus bilden werde und der Vorstand mußte deshalb daraus Bedacht fein, daß die in diesem Buche enthaltenen Angaben gegen das Schächten gründlich widerlegt werden,' er hat sich zu diesem Zwecke mit geeigneten Persönlichkeiten in Verbindung gesetzt, mit welchem Erfolge, wird später erwähnt werden. Der Anregung des niebevösterreichifchen Landtages folgte am 22. Februar 1905 die Ausführung seitens des Wiener Stadtrates. Derselbe beschloß, sämtliche in öen städtischen Schlachthäusern zur Tötullg kommenden Schlachttrere vor der Schlachtung durch Stirnschlag vollständig zu betäuben. Die Durchführung dieses Beschlusses, in welchem Vorsichtigerweise jede Bezugnahme aus das Schächten selbst vermieden ist, wäre einem Auf Mcix aber machte diese Treulosigkeit eiueu erschütternden Eindruck. Zugleich aber erwachte sein Gewissen und das Pflichtgefühl trug von jetzt au über seine Herzensregungen den Sieg davon. Die Briefe an seine Verlobte, die bisher eisig kalt gewesen waren, fingen an, in etwas wärmerem Tone geschrieben zu werden, und sie, welche das schöne Bild ihres Verlobten im Herzen trug, atmete erleichtert auf. und gab sich schönen Hoffnungen hin. Das vierte Jahr des Studiums und auch das eine Jahr Spitalsdienst vergingen. Er machte die Rigorosa mit äußerst günstigen: Erfolge, und endlich, endlich war der Tag der Promotion da. Mit zitternden Händen nahm er das Diplom entgegen, die Frucht jahrelangen Strebens und mühsamer: Kampfes. Mit gemischten Gefühlen trat er die Heimreise an, einerseits mit dem stolzen Bewußtsein, als promovierterDoktor vor seinenLandsleuten zu erscheinen; zugleich freudig, die greisen Eltern über seine Erfolge beglückt zu sehen, andrerseits mißnultig und verstimmt wegen der Zwangsheirat, die ihn: bevorstand. Keine Feder vermag die beseligende Wonne der alten Leute zu schildern bei der Heimkunft des geliebter: Sohnes. Alle Hoffnungen, alle Träume, die sie in den langer: Jahren hatten, waren erfüllt, alle Kümmernisse, alle Entbehrnnger: warer: vergessen. Da stand nun vor ihnen der stattliche Sohn als Doktor zum Manne gereift. In sprachlosem Entzücken starrten sie ihn an, sie trauten Seite 3 Schächtverbote vollständig gleichznhakten. Da die Möglichkeit bestand, daß der Stadtrat, ohne die Angelegenheit im Gemeinderate vorznbrtngen, die sofortige Durchführung seines Beschlusses veranlasse, ein Erfolg von einer Vorstellung an den Stadtrat selbstverständlich nicht zu erwarten, war, hat der Vorstand sofort in einer ausführlichen Eingabe, die der Herr -Oberrabbiner und der Präsident dem Herrn Statthalter persönlich überreichten, öargetan, daß die Durchführung des Stadtratsbeschlusses einem Schächtverbote gleichkäme, daß zu einem solchen vom Standpunkte des Tierschutzes kein Anlaß vorliege, daß das Schächtgebot eine seit Jahrtausenden geübte biblische Religionssatzung des Judentums sei und eine Behinderung desselben eine schwere Gewisscnsbedrückung vieler tausender bilden würde; daß weiters im Sinne einer Entscheidung des Mintsterinms und des Verwaltungsgerichtshofes die Erlassung eines Schächtvcrbotcs, in welcher Form immer, gesetzlich unzulässig sei. Tie erwähnte Entscheidung des Ministeriums besagt, daß die gepflogenen Erhebungen ergeben haben, daß, wenn alle Bestimmungen des Rituales erfüllt werden, eine tierqnälerische Handlung im Schächten nicht gefunden werden kann. Die Entscheidung des Verwaltttugsgerichtshofes stützt sich insbesondere auf die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Glaubensfreiheit, welche durch die Erlassung eines Schächtverbotes beeinträchtigt würde. Unter Hinweis auf diese Gründe wurde an den Herrn Statthalter die Bitte gerichtet, die eventuelle Durchführung des Stadtratsbeschlusses zu sistieren. Bei diesem Anlasse wurde dem Herrn Statthalter auch eine Eingabe überrecht, welche sich gegen den Beschluß des niederöstcrreichischen Landtages richtet und sich in eingehender Weise mit dem bezüglichen Referate befaßt. Die Befürchtung des Vorstandes, daß der Stadtrat die Durchführung seines Beschlusses im eigenen Wirkungskreise veranlassen werde, erwies sich als unbegründet. -Der Gegenstand wurde vielmehr wiederholt auf die Tagesordnung des Gemeinderates gestellt. In der Sitzung desselben vom 18. April 1905 wurde das Referat erstattet, die Debatte hierüber auf eine der nächsten Sitzungen vertagt. Schon in diesem Referate zeigte sich, daß, wie der Vorstand vorausgesetzt hatte, das früher erwähnte schächtgegnerische Buch die hauptsächlichste Grundlage für das Referat und die daselbst aufgestellten Behauptungen bildete. Dank den bereits früher eingeleiteten Erhebungen war der Vorstand in der Lage, die vielfachen in diesem Referate enthaltenen und dem erwähnten Buche entnommenen wesentlichen Unrichtigkeiten zu widerlegen,^ was in kurzer Form in einer an den Bürgermeister gerichteten, seither veröffentlichten Eingabe geschah. Die jüdischen Gemeinderüte Ritter v. Goldschmiüt, Kleöinöer und Dr. Hein ergänzten dann anläßlich der in der Gemeinderatssitzung vom 28. April 1905 stattgehabten Debatte die in der Zuschrift des Vorstandes an den Bürgermeister angeführten Tatsachen des Wetteren. Trotz dieser siir jeden objektiv Denkenden überzeugenden Ausführungen wurde der Beschluß des Stadtrates, wie voranszufehen war, angenommen. Der Vorstand bat unmittelbar nach Fassung des Beschlusses schon tagsdarauf, an: 20. April, die Beschwerde, welche gleichzeitia ein Sistierungs- Ansuchen enthielt, sowohl an den Bürgermeister als auch an den Statthalter gerichtet. Von Ersterem ist am 5. Mai 1905 eine Zuschrift au den Vorstand gelangt, des Inhaltes, daß er verpflichtet sei, die Beschlüsse des Gemeinderates durchzusich gar nicht, ihn laut anzusprechen, als wäre es eine Entweihung seiner Würde. Um so lauter und geräuschvoller war der Jubels mit welchem der künftige Schwiegervater ihn empfing. Dieser feine junge Mann mit den weltmännischen Manieren und dem bestechenden Aeußeren, dieser Doctor medicinae mit den: Diplom der Wiener Fakultät, wird sein Schwiegersohn werden. Er musterte und betrachtete ihn von oben bis unten. Dieser Mann ist sein Werk, seine Schöpfung. Ich glaube, wenn der Meterzentner Korn so gestiegen wäre, wovon er einige tausend am Lager hatte, er würde nicht halb so viel Freude empfunden haben. Und nun kan: die Vorstellung des ihm verlobten Mädchens. Sie war in: Laufe der Jahre nicht schöner geworden, aber eine Schwermut, eine Resignation, die sich in ihren Zügen ausprägte, machte ihren Anblick interessant. Ohne Befangenheit, ohne erkünstelte Schüchternheit, trat sie ihn: entgegen, begrüßte ihn wie nmn etwa einen von der Reise zurückgekommenen Bekannter: bewillkommt. Als sie ihn ansah, sein vornehmes, edles Wesen, seine schöne Mannesgestalt, da errötete sie, es Pochte ihr Herz und wehmutsvoll empfand sie die erwachende Liebe. Er aber war taktvoll genug, so viel es ihm möglich war, in seinen Ton Wärme zu legen, sie häufig ins Gespräch zu zieher:, wobei er mit Vergnügen ihren ausgebildeten Geist, verbunden mit wahrhafter Herzensgüte, wahrnahm.