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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Jüdisches Velksfelafct Nr. 20 Seite 2 Die Kage and Forderungen der österreichischen Inden. (Schluß.) Von Dr. Hermann Kadisch. Die Verbreitung s o z i a t wissenschaftlicher Bildung ist also eine der wichtigsten Voraussetzungen jüdischer Sozialpolitik. Diese geistige Aufklärung ist aber nicht nur unter den Lohnarbeitern, sondern auch unter allen produzierenden Ständen unseres Volkes zu verbreiten, in Wort und Schrift, in Wanderoersammlungen und durch sozialwissenschaftliche Bildungsvereine. Speziell die jüdischen Gewerbetreibenden, die nicht nur unter der allgemeinen wirtschaftlichen Depression, sondern auch unter dem antisemitischen Boykott sowie unter der Gleichgültigkeit der besitzenden Schichte der Juden leiden, bedürfen eines genügenden Verständnisses für die Aufgaben der modernen sozialen Zeit, wenn sie ihre wirtschaftliche Lage verbessern wollen. Sie müssen, ebenso wie der übrige österreichische Gewerbestand, erkennen, daß es dazu überhaupt nur einen einzigen möglichen Weg gibt: G enossenschaftl ich e Assoziation. Allerdings die in Oesterreich derzeit bestehenden gewerblichen Zwangs genossenschaften,der Tummelplatz erbitterter nationaler, und konfessioneller Kämpfe, die Stätte des Zankes zwischen Meister und Gehilfen dienen keineswegs den wirtschaftlichen Interessen der österreichischen Kleingewerbetreibenden, sondern Sonderinteressen politischer Demagogen. Auf diesem Gebiete ist im Interesse des österreichischen Gewerbestandes im allgemeinen und des jüdischen im besonderen radikale und baldigste Wandlung nötig. Die österreichischen Ge n> er hegen offen schäften müssen an Haupt und G l i e d e r n reformiert werden. Sie müssen sich emanzipieren von jenen Elementen,welchem dieselben nafionale und konfessionelle Zwietracht hineintragen; die österreichischen Gewerbegenossenschaften müssen das werden, was sie seit 20 Jahren im Sinne des Gesetzgebers hätten sein sollen: Politisch neutrale wirtschaftliche Institutionen. Speziell der jüdische Gewerbestand muß sich darüber klar werden, daß bereit vollständige Neuorganisation auf ausschließlich wirtschaftlicher Basis die oberste Vorbedingung für die Verbesserung der Lage der Gewerbetreibenden im allgemeinen und der jüdischen im besonderen bilde. Die Paragraphen 59 u n d 60 der G e w e r b e o r dn u n g sind zum großen Teile das Werk jener gewerblichen Wortführer, die nicht für das eintreten, was der österreichische Gewerbestand vor allem zu seiner Existenz bedarf, Da kam zur rechten Zeit Max Reinhart nach Hause. Er war ganz subsistenzlos. Da kam unserm Herrn Braun der geniale Gedanke, genau so, wie er mit billigem Weizen durch rechtzeitigen Einkauf günstig spekulierte, diese Methode auch bei der Spekulation auf einen billigzustehenden Schwiegersohn anzuwenden, indem er ihn sich rechtzeitig zu sichern trachtete. Dazu die Aussicht auf einen Doktor, welcher Titel in dieser Provinzstadt einen anderen Klang hatte als der eines Branntweinerzeugers oder eines Spezereiwarenhändlers, und vergnügt über diesen klugen Einfall klatschte er in die Hände und lachte von ganzem Herzen. Er war kein Mann von langer lleberlegung und schien ihm ein Geschäft passend, sei es der Abschluß von 1000 Zentnern Hafer oder die Akquirierung eines zukünftigen Eidams, so schritt er rasch zur Tat. Er knüpfte zu diesem Behufe mit dem alten Herrn Reinhart Unterhandlungen an und bald wtirden sie handelseins. Mar sollte von seinem Schwiegervater in spe während der ganzen Zeit der Studien eine Jahressubvention erhalten, von der er anständig leben konnte, und nach Beendigung alle Kosten der Rigorosen und der Promotion. Dafür war er verpflichtet, nach Erlangung des Doktorgrades seine Tochter Karoliiie zu heiraten. Herr Salomon Braun kalklllierte, daß die Summe aller dieser Auslagen nicht den vierten Teil der Mitgift atlsmachen werde, die er einem anderen hätte hinauszahlen müssen. Wohl hatte das so vorteilhafte (Geschäft ein Risiko. den genossenschaftlichen Großbetrieb, und als Vorbedingung dazu die Erlangung billigen, leicht zugänglichen Kredites. Die jüdischen Gewerbetreibenden müssen eben, so wie früher oder später die Gesamtheit der österreichischen Gewerbetreibenden, den Weg der wirtschaftlichen Selbsthilfe und der wirtschaftlichen Organisation betreten, dajeder andere ihnen keine Hilfe bringt, sondern ihren Ruin beschleunigt. Wohl bestehen bereits derzeit in Wien ein jüdisches Kreditin ft i t u t und in Prag eine Vorschußkasse, welche obige Zwecke verfolgen, aber ihren Aufgaben in vollen Umfange werden sie erst dann imstande sein, Genüge zu leisten, wenn durch Massen beitritt auch die besser situierte Schichten diese nationalsozial so notwendigen Institutionen fördern und so den Beweis der Bereitwilligkeit zur Unterstützung einer praktisch jüdischeii Sozialpolitik liefern werden. , * ,* * In diesem beschränkten Rahmen konnten nur die Grundrisse einer wirtschaftlichen und politischen Organisation der österreichischen Juden auf Grundlage eines zweckentsprechenden Programmes niedergelegt werden, können logischerweise nicht bis ins Detail, alle die kulturellen, politischen und nationalsozialen Bedürfnisse aller jüdischen Bevölkerungsschichten erschöpfend behandelt werden und ist somit auch das Aufrollen des sozialen Problems in seinem ganzen Umfange unmöglich. Es können hier nur jene Punkte erörtert werden, wo die Juden frage d ie und soziale Frage sich kreuzen. * * * Der Kern des sozialen Problems ist bekanntlich die Beseitigung des arbeitslosen Einkommens, Beseitigung der Arbeitslosigkeit und das Postulat nach einem der Arbeitsleistung jedes Individuums entsprechenden Arbeitsertrages. In diesem Sinne steuert die Entwicklung auf die Ablösung des heutigen Wirtschaftssystem durch ein anderes, welches die direkte Verbindung des Produzenten und Konsumenten mit Allsschluß jedes Zwischenhandels herstellt. Diesem sozialen Zuge der Zeit, dem auch ein ansehnlicher Teil des jüdischen Proletariats folgt, sich entgegenstemmen zu müssen ist das tragische Los eines anderen Teiles der Juden, welcher durch die historische Entwicklung zumBerufe des Zwischenhändlers, des Agenten, des Hausierers gedräilgt wurde. Dieser Teil der sozialen Frage ist nahezu ausschließlich eine Judenfrage, ja sogar der wirtschaftliche Kern der Juden frage, Ein Vertragsbruch seitens des jungen Mannes war zwar bei dem so ehrenhaften Charakter desselben nicht in Betracht zu ziehen, aber es war doch möglich, daß er sich verbummelte, und die Studien statt 6 Jahre 10 dauern könnten, oder daß er gar bei dem Examen durchfiel. Doch ohne Risiko gibt es selten Gewinn. War er doch als Getreidekäufer nicht gesichert, daß das Getreide in feuchten Magazinen faule, oder daß der Preis, statt zu steigen, fallen könne. Also, frisch gewagt ist halb gewonnen. Nun wurde der Plan dein jungen Mann und dem Mädchen mitgeteilt. Zu seiner Ehre sei es gesagt, daß er im Anfänge seine Zustimmung versagte. Er hatte vom Eingang einer Ehe noch ideale Vorstellungen, vom „daß sich das Herz zum.Herzen finde, und nun sollte eine solche als Handelsgeschäft geschlossen werden, stoch dazu, was es in seinen Augen erst recht schmählich inachte, auf Raten, wie man Bilder oder Lose auf Teilzahlungen kauft. Aber feilte greisen Eltern und alle Verwandten beschworen ihn, die Sicherurig seiner Zukuirft nicht durch sentimentale Bedenken aufs Spiel zu setzen. Diese Ueberredungen sowie sein heißer Wurrsch, die Studien, an denen sein ganzes Herz hing, fortsetzen zu können, bewogen ihn, feinen Widerstand aufzugeben. Auch das Mädchen, sensitiv, für weiche Gefühle empfänglich, wissend, daß der Vorgeschlagene nicht in Liebe zil ihr entbrannt sei, sondern bloß als Spekulationsobjekt ihres Vaters in die Verbindung mit ihr willige, gab mit schwerem Herzen dem Drängen ihres Vaters nach, im Stillen die weil er in erster Linie die Juden und speziell das jüdische Proletariat betrifft und weil er in weiterer Linie den Hauptausgangspunkt und die Basis des wirtschaftlichen Antisemitismus bildet. Hier auf diesem Gebiete kann für die Gegenwart die erst in ferner Zukunft vor sich gehende Umgestaltung des Wirtschaftssystems keine Wandlung schaffen. Um so mehr ist es eine der Hauptaufgaben jüdischer Sozialpolitik, Wege und Mittel zu finden, welche den infolge der wirtschaftlichen Entwicklung erwerbslos werdenden Individuen, respektive ganzen Kategorien von Agenten, Hausierern rc. die Gründung einer anderen Existenz ermöglichen. Wenn der in vorliegender Schrift vorgeschlagene Weg akzeptiert wird, wenn die hier niedergelegten Anschauungen zum Durchbruche gelangen, so wird nicht nur die wirtschaftliche und politische Lage der Juden in Oesterreich sich bessern, sondern auch das Verhältnis zur übrigen österreichischen Bevölkerung in jedwederHinsicht sich günstig gestalten, ja noch mehr, die Juden Desterreichs werden einen ansehnlichen Anteil an der Gesund u n g und Modernisierung des österreichischen Gesamt st aates haben. Die Erw erbu ng einer Heimstätte für das erwerbs- und heimatlose jüdische Proletariat, das nicht nur Rußland und Rumänien, sondern auch die östlichen Teile Oesterreichs beherbergen, wird alle von antisemitischer Seite geforderten Gesetze g e g e n d i e Einwanderung osteuropäischer Juden überflüssig machen. Eine nationale Organisation der österreichischen Juden, die sich von jeder Einmischung in die nationalen und religiösen Streitigkeiten unter den übrigen österreichischen Völkern fernhält, dabei aber energisch eintritt für die nationale, konfessionelle und wirtschaftliche Gleichberechtigung aller Oe st erreiche r, würdenichtnur zur Herbeiführung des inneren Friedens in Oesterreich beizutragen imstande sein, sondern auch den Rassen-, konfessionellen und wirtschaftlichen Antisemitismus in der arisch-christlichen Bevölkerung sehr stark vermindern. Schließlich würden die hier vorgeschlagenen wirtschaftlichen Reformen nicht nur zur Verbesserung der sozialen Lage der notleidenden jüdischen Bevölkerung führen, sondern gerade auf wirtschaftlichem Gebiete, das in Oesterreich der Nährboden und der Ausgangspunkt speziell des christlich - sozialen Antisemitismus ist, würde eine Kooperation mit denjenigen Elementen alle^ Hoffnung hegend, daß sie mit der Zeit durch treue Hingebung seine Liebe vielleicht werde erringen können. Der Pakt wurde also abgeschlossen, dann begab sich Max neuerdings nach der Residenz. Von materiellen Sorgen befreit, hing er nun mit allem Feuereifer seinem Studium nach. Er mußte um so pflichtgetreuer allen Fleiß anwenden, als das Ziel, der Doktorgrad, nicht mehr ihm allein, sondern quasi auch einem angehörte, der dessen ungeduldig harrte. Durch die munifizente Unterstützung seines künftigen Schwiegervaters konnte er jetzt trotz fleißigen Studierens die Annehmlichkeiten der Großstadt genießen. Da erst öffneten sich ihm die Augen. In Theatern, Vergnügungsorten sah er viele schöne und anmutige Mädchen, die er früher nicht beachten konnte. Mit Wonne betrachtete er sie, seine Jugend machte sich geltend, und sein Herz wurde liebesdurstig. Jetzt erst kam es ihm zum Bewußtsein, welche Verpflichtungen er eingegnngen war, welche Fesseln ihm auferlegt wurden, als er sich gebunden, ein unschönes, ungeliebtes Mädchen nach Erreichung seines Zieles zu heiraten. Doch es kam noch ärger. Er lernte in einer der Familien, in welche durch einen Kollegen eingeführt wurde, ein bezaubernd schönes und geistreiches Mädchen kennen und fing Feuer. Er verliebte sich in sie mit aller Glut der Leidenschaft der ersten Jugend. Auch sie fand Gefallen an dem schwärmerischen jungen Studenten, und das so häufig vorkommende Liebesverhältnis zwischen

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