Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Eine gewaltige, wuchtige Tragödie spielt sich vor den Augen der Kulturwelt ab. Kein noch so reaktionäres Blatt wagt das gräßliche Geschehen totzuschweigen; sind die systematisch Hingeschlachteten auch nur Juden, so sind es doch Menschen, die ein grausiges Verhängnis zwingt, inmitten ihrer Hasser zu bleiben; die einem Milieu nicht entrinnest können, das voit ihnen Vaterlandsliebe fordert, ihnen Opfer an Gut und Blut auserlegt und mit Totschlag dankt. Als der l. Mai, der Arbeiterfeiertag, nahte, meldete der amtliche Draht zuversichtlich, daß die Ruhe im Reiche gesichert sei. Und tatsächlich: es blieb am 1. Mai ruhig. Wurde diese Ruhe doch erkauft durch die Gewährung ausgiebiger Judenhetzen. Wurde das dunkle Sehnen nach Freiheit doch geleitet in eine Bahn, Feuilleton. Ein odioser Heiratsticrtrag. (Sittenbild.) Von Adolf Steinschneider. Mit schwerem Herzen, voll banger Sorge entschloß sich Mar Reinhart zur Reise nach der Residenz. Er war 18 Jahre alt, armer Leute Sohn, und hatte nach fleißigem Studium und harten Entbehrungen das Gymnasium in der Provinzstadt absolviert und die günstig bestandene Matmitätsprnsung hinter sich. Jetzt sollte er die Universität beziehest, um sich dem ärztlichen Studium zti widmen. Woher aber die Mittel nehmen, tim in der Großstadt existieren zu könnend Die Eltern konnten nur einett geringen Betrag aufbringen, mit welchem er zur Not in der allerersten Zeit sein Atlskontmeit finden konnte. Doch Not kennt kein Gebot. Er nahm allen Mtit zusammen und begab sich nach Wien. Nach der Jnskribierung war sein erstes Streben, sich Unterrichtsstunden bei zurückgebliebenen Gyinnafialschulern zu verschaffen. Der Zufall war ihm günstig und durch Vermittlung eines wohlgesinnten Bekannten gelang es ihm, in zwei, drei Familien gegen mäßiges Honorar „Lektionen" zu bekommen. Mit dem Ertrage derselben konnte er wohl kein sybaritisches Leben-führen, keine opulenten Mahlzeiten genießen, keine komfortable Wohnung-beziehen, die sich immer noch belvährt hatte, wenn es galt, den Instinkten des Volkes Gelegenheit zum „Austoben" zu bieten. Und während bisher noch geglaubt werden konnte — freilich nur von Optimisten — es handle sich bei den Judenhctzen um vereinzelte Exzesse des Mob, sehen wir jetzt deutlich, daß die Leiden unserer Stammesgenossen dem Haß eines Volkes entspringen, das sich nur zu gerne von seiner Regierung zum Morden -y verleiten läßt. Denn keine Regierung der Welt, am wenigsten die russische, hätte die Macht, die Bevölkerung auszuhetzen gegen gerngesehene Elemente. Die russische Regierung nährt wohl den Judenhaß, sie exploitiert ihn für ihre Zwecke, aber sie har ihn nicht geschaffen. Das ist der große Irrtum der meisten Beurteiler russischer Verhältnisse, daß sie im Uebelwollen der Regierungsgewaltigen allein die Quelle der russischen Judennot sehen. In den Meldungen der russischen Telegraphenagentur begegnen wir fast in jeder Zeile der Behauptung,, die Unruhen seien durch das Provokatorische Benehmen der Juden hervorgerusen worden. Diesen Behauptungen hier entgegenzntreten, erachte ich als überflüssig. Denn wir wissen es nur zu gut, daß die russischen Juden erst in ihrer tödlichen Verzweiflung sich zur Gegenwehr organisiertest, als jedes andere Mittel versagte, sich zur Gegenwehr entschlossen, da sie ben sicheren Tod vor Augen sahen. Eine bescheidene, lose, lockere Organisation: der Todesbund der Verzweifelnden, die sich zu gemeinsamer Aktion erst zusammenfanden, als ein Meer von Blut sie umrauschte. kein Theater oder sonstige Vergnügungen aufsuchen. Aber er war ja von Jugend auf an eiire dürftige Lebensweise gewöhnt; seinen einzigen Zweck, das Sftldium, konnte er betreiben, dem er sich auch init allem Fleiß und Eifer hingab. So ging das erste Jahr zu Ende. Mit dem zweiten aber begann ein unerwartetes Mißgeschick ihn zutreffen. Von den Ferien nach Wien Zurückgekehrt, fand er den Antisemitismus, der früher nur sporadisch ausgetreten war, tnächtig angewachsen, alle Gesellschaftsschichten verseuchend, vor. Unglücklicherweise waren die Familien, bei denen er bisher unterrichtet hatte, christlich, und er war Jude. Das Losungswort „Kauft nicht bei Juden" wurde noch mehr verstärkt durch die Aufforderung „Laßt eure Kinder nicht von Juden unterrichten". So sehr auch die Eltern mit seinem gründlichen Unterrichte der Kinder zufrieden waren, so sehr auch dieSchüler ihn wegen seines bescheidenen und gütigenWesens Uebgewonnen hatten, sie konnten der allgemeinen Strömung sich nicht entziehen und mit bedauernden Worten kündigten sie ihm die weiteren ^Dienstleistungen auf. Da stand er nun wieder wie am Beginne, nur noch hoffnungsloser, denn durch die antisemitische Berbannungsmaßregel verloren auch viele andere jüdische Studenten in christlichen Häusern ihre Stellungen, der Andrang zu den jüdischen Familien ward immer größer und selbst diese verblendeten törichten Eltern in ihrem assimilatorischen Eifer zogen häufig christliche Instruktoren vor. Mehr als die mittelalterlichen Juden seufzen unsere russischen Volksgenossen' unter j dem Fluche des Golus. Denn eine gewaltigere! Organisation des Hasses hatte noch nie gegen uns angestürmt. Und doch gibt es noch Juden, die der „Assimilation" das Wort reden, die unsere tiefe Not nicht begreifen, die nicht Ansehen wollen, daß wir unseren Untergang nur hindern können, wenn wir alle als Masse zusammen marschieren. Was sind denn all die kleinlichen Differenzen, die das jüdische Volk künstlich spalten, gegenüber dem eisernen Ringe, der uns alle so fürchterlich umspannt? Die in Rußland so gut wie uns. Denn unser Elend ist nur darum äußerlich geringer als das unserer Brüder in Rußland, weil die klügeren Politiker Europas die Vorteile kennen, die sie ans unserer Intelligenz und Tüchtigkeit ziehen können. Was in Rußland möglich ist, ist es vielleicht nicht mehr in Europa und Amerika. Aber nur vielleicht. Eine sichere Gewähr haben wir dafür nicht. Wer die Sachlage darum richtig erfaßt, wird begreifen, daß wir u n s e v e Heimat erringen müssen, soll die Geschichte des jüdischen Volkes nicht als fürchterliche, blutige Tragödie enden. Alle Parteinnterschiede müssen aufgeopfert werden. Nur eine Partei darf es geben: die jüdische. Dem Dümmsten hämmern es die blutigen Ereignisse in Rußland in den denkfaulen Schädel. Hoffentlich haben die Blutopfer das Gute, alle jene, die sich anschicken, in Basel die angebahnte Judeneinheit zu zertrümmern, wieder an unsere große Not erinnert zu haben. Otto Kraus. Max ging demnach leer ans. Lange . kämpfte er gegen das über ihn hereingebrochene Elend, darbte, lebte bei trockenem Brote. Als ihm auch dieses ausging und er dein Verhungern nahe war, mußte er, Verzweiflung im Herzen, das Studium aufgeben und die Heimreise antreten. In derselben Stadt wohnte ein reicher Getreidehändler, der eine Tochter hatte. Das Mädchen, in gleichem Alter wie Max, war von der Natur ein wenig stiefmütterlich bedacht. Wohl war sie von schlankem Wüchse, hatte seelenvolle Angen; aber die Gesichtszüge waren unregelmäßig. Die Stumpfnase, die niedere Stirn, der blasse Teint machten keinen fesselnden Eindruck. Ihres Mangels an Schönheit sich wohl bewußt, suchte sie ihn durch Geistesgaben ztl ersetzen, und durch fleißiges Studium, durch eifrige Lektüre, durch Kultivierung ihres Talentes für Musik sich auszubilden und galt für eines der intelligentesten Mädchen der Stadt. Aber alle diese Vorzüge des Geistes, selbst auch ihre edle Herzensgüte, die sie bei jedem Anlaß an den Tag legte, konnten in den Augen der jungen Männer nicht den Schönheitsmangel ersetzen. Während ben schölten Mädchen der Stadt gehuldigt wurde, blieb sie unbeachtet, ein wahres Aschenbrödel. Ihr Vater, Salomon Braun, ein geriebener Geschäftsmann, sah wohl eilt, daß, wenn er seilte unschöne Tochter wird verheiraten wollen, er tief in den Säckel werde greifen müssen, um, wie er sich zynisch , ausdrückte, die Pofelware los zu werden.