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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-12 · 19 (12.5.1905) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
19 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 19 Jüdisches Volksblatt Seite b und auch am zweiten Wahltage etliche Juden der Stimmen enthalten hatten, so wurden in die K u l t u s g e m e i n d e l o k a l i t ä t e n Versammlungen jüdischer Kaufleute einberufen. Nur wenige durften von den Versammlungen wissen. Hier „überzeugte" Doktor Hilf und die anderen Kultusräte die Wähler von der Notwendigkeit des Anschlusses an die Deutschen, stellten ihnen Konzessionen in Aussicht, kurz versprachen ihnen goldene Berge. Auf einmal erkannte Herr Dr. Hilf, daß es gar nicht so „unpolitisch und unvernünftig" wäre, eine jüdische Wählerversammlung einzuberufen. Vor den Gemeindewahlen war eine Deputation jüdischer Wähler zum Kultusvorsiande Dr. Hilf gekommen und verlangte von ihm die Einberufung einer jüdischen Wählerversammlung. Dr. Hilf lehnte dies brüsk ab und tat unter anderem, als er die glänzende Lage der Juden in Mähr. Ostrau unier der deutschen Herrschaft schilderte, folgende Aeußerung: „Wenn heute der best qualifizierte utib anständigste Ju d e sich in Ostrau um einen Posten beider Stadtgemeinde bewerben würde, so wäreich im Inter es se der Gesamtheit der erste, der dagegen sprechen würde." Und als ihn ein Herr fragte, ob der Jude in Eger bei den Schönerianern sich um einen Posten bewerben sollte, blieb er die Antwort schuldig. (Zur Aufklärung : In Ostrau dürste demnächst die Stelle eines zweiten Stadtarztes neu besetzt werden.) Die Versammlung unterblieb, und Herr Dr. Alois Hilf, Kultusvorstand uub Gemeinderat, erkühnte sich die Herren der Deputation zu ersuchen, seine Antwort ihren Auftraggebern mitzuteilen. Bei den nächsten Kultusgemeindewahlen werden wir noch darüber reden! Inzwischen werden die Juden daran nicht vergessen, Herr Dr. Hilf! Es wird sich mancher finden, der Ihnen das sehr häufig in die Ohren schreien wird. Auch am Gemeinderate Popp hoffen wir einen Helfer zu finden. Die Wahlen endeten mit einem Riesenerfolge der Deutschen, dank der Agitation der Juden und der Hilfe der Gewerkschaften. Der Erfolg ist ein so großer, daß die Deutschen im dritten Wahlkörper auf Jahre hinaus ihrer Herrschaft sicher sind, da sie überdies auf ein neues Mittel gekommen sind. Sie stellen nämlich den Koksarbeitern Wahllegitimationen in inllmtum aus, und stellen Beamte der Gewerkschaften als ihre Kandidaten auf. Bei der öffentlichen Wahl muß der Arbeiter für den Vorgesetzten stimmen, sonst wird er entlassen. In der vorletzten Wahl hat sich der deutsch-antisemitische Fabriksbesitzer Ing. Otto Süß als strammer Anführer einer Arbeitergruppe gezeigt, und jetzt wählten ihn die Juden im dritten Wahlkörper zum Gemeindeausschuß. Der jüdische Antisemit, der Advokat Dr. Brammer, hat sich Herrn Süß zum Muster genommen, ihn als findiger, jüdischer Kopf noch übertroffen, indem er diesmal auf seine Kandidatur verzichtet, tapfer mit den Wählern zechte und das Glück hatte, bei der Wahl durch ein geschleudertes Bierkrügel verletzt zu werden. Er wird in der nächsten Wahlperiode bestimmt in den Ausschuß gewählt werden. Die Juden haben überhaupt sehr viel Glück in Ostrau! Im ganzen sind 11 Juden in die Gemeindestube gewählt worden, darunter zwei Gemeinderäte. Die Gewerke haben als ihren Vertreter ebenfalls einen Juden entsendet, und dann wurde noch der getaufte Rabbinerssohn Dr. E i s n e r ewählt. Und da wagt man noch zu beaupten, daß es den Juden hier schlecht gehe! Schade nur, daß die jüdische Bevölkerung gar nichts von ihren jüdischen GemeideauSschüffen hat. Wenn ein Jude etwas vor: der Gemeinde wollte und sich an einen jüdischen Gemeinderat um Unterstützung wendete, da bekam er stets die Antwort: „Die wissen doch, wir können nichts tun. Wir sind doch Juden. Wenden Sie sich an einen Christen." Was nützen da die 12 Juden? Die Deutschen habe:: sich bereits bei den Juden für ihre Unterstützung bedankt. Nach dem Siege wurde ein Siegesfest für den 24. April angesagt. Da die Juden jedoch der Feiertage wegen nichts von dem Freibier gehabt hätten, wurde das Fest für den 27. verschoben. Diese Freude unter den Juden! Ein bißchen wurde sie getrübt. Herr Nathan Lichtenste r n war^ gegen die Abmachung, nicht z u m zweiten Gemeinderate gewählt morde::. Er hat eben das Unglück, Jude zu sein. Aber dennoch wurde beim Feste von den Juden mit Riesenbegeisterling die „Wacht am Rheingesungen und für den „Deutschen Schulverein' gesammelt. So haben sich die Ostrauer Juden bei der Wahl benommen, und wie hätten sie sich benehmen sollen? Es ist sehr schwer, darauf eine Antwort zu geben. Mit der heurigen Opposition hätten sie ganz gut gehen können, da sie einen stark sozialistischen Einschlag hatte. Die heurige tschechische Opposition mit Dr. F a i f r l i k an der Spitze war nicht zu verwechseln mit der jungtschechischen, klerikalen Dr. Palkovsky-Gruppe. In: großen ganzen war es jedoch richtig, daß die Juden mit der deutschen Partei gegangen sind. Falsch und nicht genug zu verdammen war es, daß die Juden an der Spitze der Deutschen marschiert sind und für die anderen die Kastanien aus dem Feuer geholt haben. Man sehe nur die Vertrauensmänner der Deutschen: Dr. Katzer, Oberintzenieur Berger, Dr. Richter, Doktor Hilf und Professor Schwarz! Lauter Juden mit Ausnahme des Herrn Dr. Karl Richter! Verdammenswert ist es, daß die züdischen Führer in ihrer Stellung als Kultusräte ic. für die Deutschen agitiert haben. Es ist ein trauriges Zeichen von Ghettogesinnung, nur dem Mächtigen dienen zu wollen! Diese offiziellen Vertreter der Juden sind eben keine Juden und wagen es nicht, für ihre Stammesgenossen einzutreten, weil sie nicht als Juden gewählt wurden, sondern nur gewählt wurden, obwohl sie Juden sind. Es ist dieselbe Erscheinung, von der Mathias Ach er in der letzten Nummer dieses Blattes in dem Artikel „Die jüdische Nation in Oesterreich" spricht. Auch durch Schaffung eines rein jüdischen Finanzinstitutes wird in Ostrau nicht viel zu machen sein. Die Kaufleute, die Geld brauchen, nehmen es bei der Zivnostenkä banka oder bei Mährisch-Ostrauer Handels¬ und Gewerbebank auf, die fast ganz in jüdischen Händen ist. Nützen kann nur eine starke jüdisch nationale Organisation, an deren Spitze ein energischer, vollkommen unabhängiger Mann steht. Der jüdische Turnverein ist zu schwach und leidet an der großen Indolenz der Mitglieder. H e r m a n n . . . w. Der Klerikalismns in Kroatien. Bis vor ein, zwei Jahren gab es in Kroatien Wohl politische Parteien, die klerikal waren, doch gab es keine Partei, die ausschließlich im Dienste des Klerikalismus gestanden wäre. Die sogenannte „Obzor"-Partei war eine Zeitlang extrem klerikal, doch vertrug sich dies nicht mit dein freundschaftlichen Verhältnis den griechisch-orthodoxen Serben gegenüber und so durfte diese Partei Wohl judenfeindlich, nicht aber klerikal sein. Ebenso war die einstige Domovinaschenpartei antisemitisch, ohne dabei ausschließlich im Fahrwasser des Klerikalismus geschwommen zu haben. Da vollzog sich der Versuch, alle oppositionellen Parteien in Kroatien in eine-zu verschmelzen. Den Versuch machte der nun schon tote aufrichtige Abgeoyrdnete Dr. Breßtjensky, der ein äußerst ergebener Diener der Kirche war. Aber nicht nur, daß der Versuch ein vollkonnnenes Fiasko erlitten hatte, was ja bei der Verschiedenheit der Ansichten vorauszusehen war, sondern es entstanden nach einer vielleicht halbjährigen illusorischen Eintracht noch größere Divergenzen. Das Resultat also war, daß das Gefüge einiger Parteien vollkonnnen zerrüttet war, während sich andrerseits aus den aus verschiedenen Parteien Ausgetretenen eine neue Partei — langsam Tmd sicher — bildete, eine klerikale Partei reinsten Wassers unter dem Schutz einiger Bischöfe und der Jesuiten. Es sei hier in Paranthese erwähnt, daß der jüngst verstorbene Bischof Stroßmayer von Anfang an dieser Partei sehr abhold war und die Partei wird auch nach einem Aussprüche, den er gemacht haben soll, die „Furtim"-Partei genannt. Man sah anfänglich nicht klar, wozu denn diese neue Partei gegründet wurde. Ihr Programm war ursprünglich ziemlich unklar. Doch die Partei gewann immer mehr an Festigkeit und damit auch an Klarheit der Bestrebungen. Der Klerikalismus, der zuerst nur verschleiert zu sehen war, kam endlich offen und klaH^utage. Uns Juden tritt immer der Ultramontanismus unliebsam nahe und obschon sich die Partei den anderen Konfessionen gegenüber bisher in ihrem Standpunkte reserviert verhielt, mehr negativ als positiv, so versäumte sie es doch nicht, dann und wann ihre „Sympathie" für die Juden zu bezeugen. Die „korrupte Judenpresse" usw. bildete schon des öfteren das Thema in ihrem Organe „Hrvatstvo". In den letzten Nummern dieses Blattes kommt nun der Klerikalismus zum offenen Durchbruche. Sehen wir, was die Klerikalen in Kroatien wünschen. „Wir wollen, daß für unser ganzes privates und öffentliches Leben die ewigen christlichen Wahrheiten maßgebend feien, die die römisch-katholische Kirche lehrt, daß, inwiefern es z u m i n d e st uns Katholiken betrifft, der kroatische Landtag, die staatliche Administrative, das Gericht, das Schulwesen usw. ihr Wirken darnach einrichten. Das Christentum (!) soll praktisch sich betätigen . . . Wir müssen eine Partei haben, die ihr Wirken nach den Grundsätzen der Lehre Christe (!), wie sie die katholische Kirche lehrt, einrichien wird. In Wirklichkeit, das ist die Staatskirche ..." Das Interessanteste kommt erst. „Nur eine von allen Religionen kann die wahre sein. Und diese Wahrheit wird doch füglich größere Rechte auf die E x i st e n z haben, als die falschen, ein größeres Recht, von dem Staat erkannt, beschützt und zur Richtschnur g eifü mm cn z u werden." So also! Es ist ja wahrlich nichts Neues, was da gepredigt wird. Das Mittelalter ist uns wohlbekannt und alle leben wir doch nicht im zwanzigsten Jahrhundert. „Der Standpunkt der Gleichberechtigung der Kirche und des.Staates ist kein Fortschritt, sondern eine schädliche Dekadenz." Nun ja, wir find weit zurück vom Mittelalter, denn heute dominiert ja. nicht mehr überall „der einzige Vertreter Christi auf Erden". Die Partei, die alles in Christo reformieren will, ist so beschaffen. Und diese Partei ist stark geworden, sie genießt den Schutz des Pfaffentums und des Stillschweigens der alten Parteien. Nur die Jungen, die Fortschrittlichen, die sogenannten Realisten bieten ihr offen und nnltig, energisch und für den Fortschritt begeistert, den Kampf an. Der „Pokret", „Novi List" und die „NarodnaObrana" und in Dalmatien die „Crvena Hrvatska" führen einen Kampf gegen diese Partei, vor allen jedoch das Organ der Fortschrittlichen, der „Pokret". Schwer wären die Folgen, wenn diese noch durch wenige Abgeordnete vertretene Partei einmal im Landtage zur Macht gelangte. Und bei der jetzigen klerikalen Haltung des Banus von Kroatien ist dies wohl nicht ausgeschlossen. In Kroatien führen die Geistlichen ein starkes Wort. Ihr Einfluß auf das Volk ist groß und da könnte es noch dazu kommen, daß die Klerikalen das öffentliche Leben vergiften, Scheidewände der größten Unduldsamkeit errichten und beit Druck der Knebelung fühlen lassen würden. Doch hoffentlich gelingt es ihnen nicht. Ihre Zeit ist denn doch schon nicht mehr ganz da und der freisinnige Zug bricht sich einen großen und breiten Weg. Doch es heißt auf dein Schauturm sein und sich stemmen. Halten wir es in unserem Interesse mit denjenigen, die dagegen ankämpfen, damit wir als Passive auch von ihnen nicht im Stich gelassen werden. A. L.

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