Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdisches Velksblatt Nr. 19 mit den Proletariern aller Völker für den Ausbau der?l r be i t er sch utzge setzgeb u n g und der gesamtenWohlf a l) r t s g e s e tz e und in weiterer Linie für die a l l g e m e i n e Z u g ä n g l i ch m a ch n n g der Produktionsmittel und insbesondere des G rund und Bodens an die Arbeitenden eintreten. „Ich bin der Ansicht," sagt Graf Leo Tolstoi, „daß das Fundamentalproblem unserer Zeit die Frage des Eigentums an Grund und Boden ist." Meiner Ueberzeugung nach löst Henry George diese Frage durchaus! Wäre die sozial- ^.plitische Aufklärung in Oesterreich nicht sjßiänt so im argen, so wäre man sich längst Darüber klar, daß die B o d e n r e f o r m, insbesondere hierzulande, die Grundlage jeder anderen wirtschaftlichen Reform bildet und die Kernfrage eines von der Utopie zur Wissenschaft tatsächlich fortgeschrittenen Sozialismus ist. Politische Wochenschau. Daß mm: Schiller für klerikale Zwecke ausnützen werde, war vorauszusehen-, daß es in einer Weise geschehen werde, wie Herr Alfred v. Berge r dies in seiner Festrede anläßlich der Schillerfeier der Gemeinde Wien tat, wagten die dunkelsten Illtramontanen nicht zu hoffen. Welchen Sinn, welchen Zweck konnte diese Rede haben, die den klassischen Freiheitsdichter umfärbt, willkürlich, gewaltsam seinen den höchsten Menschheitsidealen gewidmeten Werken kleinliche, beschränkte Tendenzen unterschiebt? In Schauspielerkreisen hat man über die Leistung Bergers als Festredner merkwürdige Ansichten. Man glaubt, Herr von Berger, der bekanntlich so gerne Nachfolger des Herrn Schlenther als Burgtheaterdirektor werden möchte, habe mit seiner Rede die Gunst eines sehr hohen Herrn gewinnen wollen, der vielleicht bald der entscheidende Faktor bei Vergebung des Burgtheaterdirektorpostens sein .werde. Ob diese durchsichtige Spekulation auf die klerikalen Gesinnungen des hohen Herrn Erfolg haben werden, bleibt abzuwarten. Schon die Möglichkeit, daß Herr v. Berger nach dieser Rede Burgtheaterdirektor werden könnte, hat unter den Mitgliedern des ersten Theaters Wiens eine förmliche Panik hervorgerufen. Und mit Recht. Heute ist das Burgtheater das erste deutsche Theater. Ob es sich auf dieser Höhe behaupten wird, wenn sein Programm aufhören wird, ein künstlerisches zu sein, um ein klerikales zu werden, bedarf keiner weiteren Erörterung. in grotesken und plumpen Stellungen dargestellt sind. Neben diesen seltsamen Abbildern heiliger Tiere fanden sich auch roh behauene Steine, die den frühesten Bewohnern Aegyptens als Fetische dienten und vielleicht auch schon die ungefähren Linien tierischer Formen wiedergeben sollten. Aus solchen ersten Versuchen, dem Steine künstlerische Gestalt zu geben, sind dann langsam die großen Schöpfungen ägyptischer Plastik erwachsen und so bieten die Tempel von Abydos auch ein anschauliches Beispiel für die Entstehung und die Entwicklung der Kunst. In derselben Kammer wurde auch ein aus Ton modellierter Kopf eines Kamels gefunden und damit der Erweis erbracht, daß dieses Tier in der Zeit der ersten Dynastie wenigstens schon in Aegypten bekannt war, während malt bis jetzt keine Spur einer Darstellung eines Kamels, keine Anspielung auf dies Tier vor der griechischen Zeit aufgefunden hatte. Ebenso wichtig und aufklärend war der Fund eines Stückes Eisen in einen: Bündel kupferner Werkzeuge in der Schicht der sechsten Dynastie, ‘5400 v. Ehr. Bisher hatte man nämlich nicht ein einziges Stück Eisen in Aegypten gefunden, während es erst in griechischen Zeiten in allgemeineren Gebrauch gekonnnen lvar. Nun sieht man, daß atlch schon 2000 bis 8000 Jahre früher Eisen gelegentlich verwendet wurde. Auch in diesen frühesten Perioden muß schon eine Beziehung zur griechischen Kunst vorhandeit gewesen sein, wie ihn Flindcrs Petrie auch schon früher nachgewiesen. Es wurdet, unter den Funden der ersten Dyna- Dcr erste Parteitag der „Freien Sozialisten" tvird ant 11. und 12. Juni d. I. in Wien stattfinden. Dieser Reichskonferenz sollen eine Anzahl von Beschlüssen zur Genehmigung vorgelegt werden. Einzelne Punkte dieser „Prinzipienerklärung" betreffen die Judenfrage. Wir registrieren die betreffenden Beschlußpunkte nach der Verlautbarung in den Falkenauer „Freien Worten" um so bereitwilliger, als sie sich im großen ganzen mit unserem Standpunkte decken: 7. Wir fordern an Stelle des unhaltbaren Dualismus eine neue, den wirklichen Verhältnissen angepaßte österreichische Reichsverfassnng, die die nationale Autonomie (Selbständigkeiti aller Volker in beiden Reichshälften verwirklicht. 8. Als Teil der nationalen Frag« betrachten lvir auch die Judenfrage, die nicht ausschließlich als eine wirtschaftliche und noch weniger als eine konfessionelle Frage aufgefaßt werden kann. Sie (die Jllldenfrage) kann weder durch die vergeblichen und bisher immer gescheiterten Assimilationsbestrebungen «Verheiratung mit anderen Nationen, Ausgehen in eine andere Nation, Dcmsenlassenj noch durch die maß- und ziellosen Rassen- und Konfessionshetzen gelöst werden. Die freien Sozialisten treten, fußend auf dem Programme der nationalen Gleichberechtigung, auch für die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes mit allen anderen Nationalitäten Oesterreichs ein, unbeschadet ihres entschiedensten Kampfes gegen Ausbeutung und Parteidespvtismus, ohne Rücksicht aus deren Ursprung. Am -er zionistischen Bewegung. Die deutschen Zionisten rüsten zum Kongreß. Das Zentralkomitee der zionistischen Vereinigung für Deutschland veröffentlicht in der jüngsten Nummer der „Jüdischen Rundschau" einen Ausruf, in welchem betont wird, daß mit Palästina d a s B a s e l e r P r o g r a m m stehe und falle. Irr der künftigen Entwicklung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina sei die gesunde Grundlage für den Zionismus gegeben,- die Arbeiten irr Palästina hätten den Zweck, die Politik der zionistischen Bewegung zu stärken. Im Ausruf ivird schließlich die Notwendigkeit betont, die Massen des jüdischen Volkes den nationalen Organisationen znznführen, um die moralischen und materiellen Kräfte der Bewegung zu erhöhen. Ten Aufruf beschließt die folgende Erklärung des Zentralkomitees: Wir erblicken im Baseler Programm die unerschütterliche Grundlage des politischen Zionismus. Demnach' ist das Ziel der zionistischen Bewegung die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in -Palästina. Wir lehnen daher den Territ o r i a l i s m u s ab, der als Ziel der Bewegung an die Stelle Palästinas ein anderes Laub setzen will. Da sich das Ostafrikaprojekt schon jetzt als undurchführbar erweist, ist es für uns nicht erforderlich, zn dieser Frage Stellung zu nehlUen. Jnr übrigen sind wir der Ansicht, daß die Ausführung von Kolonisationsprojekten außerhalb Palästinas und seiner Nachbarländer nicht Sache der zionistischen Organisation sein soll. ftic auch Vasen entdeckt, die aufs genaueste den von Evalns in Kreta ausgegrabenen griechischen Vasen gleichen. Huntes Feuilleton. „Di familje Zwi." Am Samstag abends fand die vom Verein zionistilsrher Hochschüler ans Rußland „Leo Pinsker" veranstaltete Aufführung der Tragödie „Di familje Zwi" voll David Pinski statt. Der studentische Verein hat sich mit der Aufführung ein großes Verdienst erworben um die Vermittlung vstjüdischer Kultur. So gering auch die dem Verein zur Verfügung stehenden Mittel waren, sv sehr auch dilettantische Darbietungen von vvrneherein eine nach jeder Hinisicht abgerundete künstlerische Wirkung ansschlieben, können die Veranstalter doch zufrieden sein mit dem von ihnen erzielten moralischen Erfolg. Fast keine auf Wirkung berechnete Szene versagte und wenn das Interesse gegen Schluß der Vorstellung vielleicht ein wenig abslante, sv mag dies daran liegen, daß infolge des verspäteten Beginnes und der langen Zwischenakte die Aufführung sich etwa bis Mitternacht hinzog. Die Regie war eine mustergültige. Die jugendlichen Darsteller entledigten sich ihrer Rollen mit Begeisterung und gutem Verständnis der Intentionen des Dichters. Sv hat sich namentlich der Träger der Hauptrolle, des Maggid stieb Mvjsche Zwi, Herr Trvtzky. sehr gut -bewährt. Er war ein von heiligem Feuer durchglühter Maggid, und wenn er auch das Visionäre der grvßgedarhten -Figur llirht ganz heransbrachte, sv gelang ihm doch die Gestaltung der innigen Gläubigkeit des Maggid an den endlichen Sieg der heiligen Sache. Mit Lob verdieuen auch die Herren E h iv i l i w i z k i, B e r - .dis ch e lv s t i, K o h n und M a r s ch o f f genannt zn werden. Ein starkes komisches Talent Als die nächsten Aufgaben der Bewegung betrachten mir: 1. Aufrechtcrhaltnng und Ausbau der angeknüpftcn politischen Beziehungen. 2. -Systematische Ausgestaltung unserer bereits v v r h a n d e n e n P o s i t i o u c n i ll P a l ä st i n a, um die realen Unterlagen nnd die nötige Stärkung für unsere politischen Aktionen zu schassen. Jnr einzelnen erstreben wir in dieser Hinsicht: Wissenschaftliche Erforschung des Landes und seiner Verhältnisse. Förderung wirtschaftlicher Unternehmnngen, L a n d e r rv erb und Stär k n n g der A n g lo - P a l e st i n e Company. Umwandlung der städtischen Bevölkerung in ein produktiv cs Element. Einwirkung ans die KolvnisationAmtternchmungen in Palästina im nationalen Sinne, insbesondere auch im Hinblick aus die nationale Erziehung der pal ä st i n 1s ch e n I u g e n d. Scha ffung von A r b e i t s g e l e g e nh eit f ü r e i n rv ändernde I u den, soweit die Einwanderung aus legalem Wege möglich ist. 6. Altsgestaltung der Organisation und Ausbau der zionistischen Institutionen. 4. Unterstützung aller Maßnahmen, welche geeignet sind, das jüdische Selbstgefühl und Volksbewußtsein zu stärken. Korrespondenzen. Noch einmal Ostrauer Ve- «cindewahlen. Die Gemeindewahlen in Mähr.-Ostrau sind längst vorüber, die deutsche freisiltnige (?) Partei bat einen glänzenden Sieg errungen, aber in den Blätterlt, den deitlschen, tschechischen uitd sozialdemokratischen, spuckt es noch imnter. Boykott gegelt Boykott, das ist der Schlachtruf. Noch nie ist eine Wahl mit gemeineren Waffen ansgetragen worden wie diese. Bei 'der Opposition beganit der Ung.- Broder Jtlde, der .Krankellkassesekretär S. Reiß, dem kleinert jüdischen Kaufmanns mit dem Boykott Zu drohen, falls er für die Nathauspartei stintmett würde. Die Deutschen blieben die 5tntiuovt nicht schuldig und beschlosselt, die Kaufleute, atlch wenn sie sich nur der Stütnne e n 11) teile n, zu boykottieren. Für detlJtlden hätte eilt Boykott der Deutscheit gar keine Bedeutuilg gehabt, da sie bei den jüdischelt Geschäftsleuten nichts kaufen. Aber seine Androhung genügte, um große Verwirrung und Angst unter dem „kleinen Mann" hervorznrufen. Jetzt traten Kulttlsvorstaitd Dr. Hilf tntd Kultnsrat LyzealdirektorSchwarz als Wegtveiser uttd Führer aus dem Chaos der Boykottalldrohultgen auf. Da sich am ersten verriet Herr Saidis iit der Rolle des ,-Diken batten", doch wäre etwas mehr Diskretion am Platze gewesen. Mit der Unbefangeniheit einer Berufsschauspielerin spielte Frl. Gisela Feld und erschütternde Akzente fand Frl. Gisela K v h n. Im ganzen tarnt die Veranstaltung als überaus gelungen -bezeichnet werden und man darf wohl hoffen, baß sich in den jüdischen Kreisen Wiens nach dieser vollwertigen Probe ein regeres Interesse für die Schöpfungen ostjüdischer Kultur zeigen wird. -Wie wir hören, ist der materielle Erfolg -des Abends ein zufriedenstellender. Das möge den rührigen Verein anspvrllen, auch weiterhin mtf der betretenen Bahn fvrtzuschreiten, und die „westlichen J-uben" mit anderen Schöpfungen der Kultur unserer Brüder int Osten bekannt zu machen. O. lieber die Ausgrabung eines großen Tempels in Aegypten wird aus Kairo berichtet: Prof. Fliitders Petrie hat den alten Tempel von Serabit El Khadem ausgegraben, der südlich voll Suez liegt und von dort in fünf Tagen zu erreichen ist, wenn man die Reise anf dem Kamel zurücklegt. Der Tempel ist semitischen Ursprunges und unterscheidet sich von jedem andereit ägyptischen Teutpel, den man bisher keilnt. Er besitzt zwei Höfe für Waschtlngen und eilte lauge Reihe unterirdischer Kammern, die nacheiltattder von den Königen der 18. bis 20. Dynastie hinzugefügt wtlrden. Atlßerdein förderte Flinders Petrie viele bisher unbekannte Hieroglypheninschriften ztitage, die sich auf Bergwerksexpeditionen in Aegypten beziehen.