Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seih' 2 Jüdisches Volksblafct Nr. 19 Und dir Juden des Westens im Reiche?! Sie verdienen ihr schmachvolles Los, wenn sie auch fürderhin ihren Schutz von der „Arbeiter- Zeitung" erwarten und ein Blatt erhalten, dessen Antisemitismus mitnnter «viderlvärtiger wirkt, als das offizielle antisemitische Organ, weil er von Jude«« stammt und durch Inden gefüttert und groszgezogen wird. Die Lage und Forderungen der österreichischen Inden. Von Dr. Hermann Kadisch. (Schluß.) Bevor die positiver: Aufgaben einer jüdischen Volkspolitik und ihr Verhältnis zur Politik der übriger: Völker Oesterreichs und der österreichischer: Reichspolitik dargelegt werden, ist es unerläßlich sich mit den: Einwand derer zu beschäftigen, welche jedwede politische Betätigung der österreichischen Inder: auf vaterländischen: Boden für mirrderwertig oder gar für schädlich ar:sehen, die Lösung der Judenfrage vielmehr auss chließlich in einer „öffentlich-rechtlich gesicherten H e i mstätte ir: Palästina" erblicken. Das Streber: nach einer Heimstätte für j e n e I u d e n, die k e i n H e i m besitze,:, i st g e w i ß rv ü n s ch e u s w e r t und notwendig. Direkt schädlich aber für die Gesamtheit der Inden und für die objektive Erörterung der Judenfrage, ur:d speziell der Heimstättenfrage ist die falsche Auffassung, die sich bei zahlreichen Anhängern und Gegnern mit den: Weser: der Heimstätte verbir:det, indem sie ihre individuelle Anschauung über den Begriff des Vaterlandes und der Heimstätte g e r: e r a l i s i e r e n. Wie schon das Wort „Heimstätte" besagt, kann man darunter nichts anderes verstehen, als eine Stätte, die das Heim eines Individuums respektive eures Volkes bildet. Nur: ist es eine Tatsache, daß ein großer Teil der Jude,:, speziell in Rumänien, Rußland, ja selbst Galizier: sich nicht heimisch fühlt, wie die zahlreichen sich immer:viederholer:der: Auswanderur:ger: beweisen und es daher ebenso rrationale wie menschliche Pflicht ist, (wenn mcn: eine Verbesserung der Lage der Juden ir: ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsorte unmöglich ist) ihnen diese Verbesserung durch Erl angung einer Heimstätte zu ermöglichen. Andrerseits aber liegt die unbestreitbare Tatsache vor, daß die überwiegende Mehrheit der n i ch t galizischcr: Juden Oesterreichs, und überhaupt Westeuropas derzeit Nicht die geringste Absicht besitzt, ihr jetziges Domizil zu verlassen, mögen sie mit ehemaligen Lehrer Europas waren durch den traurigen Gang der Jahrhunderte kindisch oder noch schlimmer, kindische Greise geworden. Alles, was die Gesamtheit in dieser Zeit Oeffentliches, sozusagen Geschichtliches geleistet hat, trägt diesen Charakter der Albernheit und der Verwilderung. Nicht eine einzige erfreuliche Erscheinung, kaum eine achtunggebietende Persönlichkeit, die das Judentum würdig vertreten und zur Geltung hätte bringen können." In dieser Verfassung hat nun Schiller das Volk der Hebräer gefunden. In dieser Verfassung war es schon seit drei Generationen. Wie hätte also Schiller anders schreiben können, ohne unwahr zu sein? Wie sollen wir nun es Schiller verargen, daß er über unsere Nation so wenig schmeichelhaft dachte? Und das ist der zweite Grund, warun: wir Schiller verzeihen, was wir z. B. Richard Wagner immer nachtragen werden. Denn das jüdische Volk von heute und seit Mendelssohn ist nicht dasselbe wie in der Periode des Niederganges und der Verwilderung. Wir haben in 120 Jahren nachgeholt, was wir in Jahrhunderten versäumt haben, und stehen an Bildung und Kultur dem Volke der Dichter und Denker nicht nach. Schiller hätte zweifellos auch anders geurteilt, wenn er ein anderes Judentum angetroffen hätte. Und nun zum dritten Grunde. Wir verzeihen Schiller sein hartes Urteil über uns, weil wir ihn lieben, aufrichtig lieben, wie keinen zweiten Dichter auf dieser Welt. Warum diese Liebe? Warum nicht eher Lessing, den den politischen und sozialen Verhältnissen des Staates in dem sie leben noch so unzufrieden sein und ein noch so ausgeprägtes j ü d i s ch e s V o l k s b e w u ß tsei n besitzen. Sie betrachten sich keineswegs als „Fremdlinge" in jenen Staaten, die schon durch ihre Geburt und Erziehung ihr Vaterland geworden, die ihre Ahnen und Urahnen bereits seit Jahrhunderten bewohnen, für das jene Gut und Blut geopfert haben und die sie keineswegs zu verlassen beabsichtigen. Nein, mar: erweist der I d e e derHe: mst ä t t e e i n e n s e h r s ch l e ch t e n D i e n st, und man verschafft i h r g a n z ü b e rflüssige Gegner, wenn man die Erlangung einer Heimstätte für die Heimatlosen damit verquickt, daß man die G es a m th eit der Juden als auf der Wanderung begriffen hinstellt, und einen Gegensatz k ü n st l: ch konstruiert, zu jenen ander e u Teil der Juden, der in seinen gegenwärtigeu Wohnsitzen seine Heimstätte, sein Vaterland erblickt, und daselbst die g l e i ch np ol i t i sch e n,n a t io na l e n und wirtschaftlichen Rechte mit d e r ü b r i g e n B e v ö l k e r u n g f o r d e r t. Mit Berücksichtigung dieser Verhältnisse, ist es daher dringend geboten an folgender Devise festzuhalten: Den heimatlosen Ostjuden eine Heimstätte, für die eine Heimat besitze«: de«: Iuden im Westen eine vaterländischePolitik im Sinne der ,.M o d ern e". Sowie das Wese«: der Heimstätte, ebenso wurde der Begriff der „vaterländischen Politik" nicht genügend klar forrnuliert und daher vielfach m i ß verstanden. Der Begriff der Politik hat mit Recht einen bösen Klang. Jnbesondere der Widerwille gegen den Parlamentarismus und gegen das politische Cliquen- und Koterienwesen, wächst in in:mer weiteren Kreisen, und alle jüngeren Volksbewegungen verhalten sich daher besonders in den ersten Jahren ihres Bestandes mit Recht reserviert gegenüber der Betätigung am parlamentarischen und Leben. Die einzige Politik, die sie für berechtigt halten ist die Sozialpolitik. Nun soll ohne weiters^ zugegeben werden die Tatsache der U e b e r s ch ä tz u n g des Parlamentarismus, die parlamentarische Kliquenherrschaft, der Terrorismus zufälliger Majoritäten, die Vergewaltigung der jeweiligen Minoritäten (selbst innerhalb der einzelnen Parteien, besonders wenn sie oppositionelle Allüren Haben), sowie endlich die Vernachlässigung der Wirtschaftspolitik durch die sogenannte«: Volksvertreter. Die Konzentration aller Kräfte auf die Erlangung einiger Mandate wäre tatsächlich Ueberschätzung des Parlamentarismus von Seite der österreichifreiesten deutschen Mann seiner Zeit, jenen Lessing, der schon mit seinem ersten Drama „Die Juden" eine Lanze für uns einlegte und das Mißfallen der christlichen Welt hierdurch erregte, der in seinem „Nathan" uns und seinem freien Menschentum ein ewiges Denkrnal gesetzt? Warum? Ich könnte darauf mit einem Gemeinplatz antworten: Die Liebe ist blind. Wir lieben Schiller, weil wir ihn lieben, und damit basta. Doch nein. Es gibt auch einen tieferen Grund, warum ganz besonders unsere JugeNd Schiller verehrt, warum der Talmudbocher von Tarnow sein zerschlissenes und zerlesenes Bändchen „Schillers Gedichte" heimlich am Herze«: trägt und mit Tränen der Rührung netzt. Es gibt einen tieferen Grund, warum selbst in den Hütten des jüdisch-polnischen Klei«:bürgertun:s Schillers Werke am Bücherregal Prangen und «nit heiligerein Eifer gelesen werde«: als in der deutsche«: Stube. Der Grund ist, daß Schiller der wahre Dichter der F r e i h e i t i st und naturgemäß für die Freiheit jene ain meisten schwärmen, die achtzehn bange Jahrhunderte die Knechteszeiche«: an sich getragen haben, „ln tyrannos“ hat Schiller seine Laufbahn begon««en und in „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit", in der unvergänglichen Ansprache Posas an den König Philipp den Zweiten hat Schiller in höchster dichterischer Vollendung das ga«:ze Sehnen seiner Zeit z«m: A«lsdrucke gebracht. Wer konnte Schiller besser nache«npfinden als wir Juden, die wir alle Drangsale der geischen Jude«: u««d eine arge Schädigung der national-soziale«: Interesse«: des jüdische«: Voltes. Für die nächste Zeit «vird die geistige und ethische Bildung der rückstäildige«: jüdischer: Massen, ihre «v i r t s ch a f t l i ch e O r g a r: i s a t i o «: zum Zlvecke der Verbesserung ihrer trauriger: soziale«: Lage, als die d r i i: g e i: d st e Aufgabe einer zeitgemäße«: jüdische«: Volkspolitik betrachte«: «vorder: müssen. Aber a««ch hier darf «««an nicht vo«: einen: Extrem i««s andere verfallen, u«:d vor aller«: die Tatsache «licht a««s den« A ir g e verliere««, d a ß d e r z e i 1 «: o ch keine arrdere J«:sti tut i o n für die Vertretuirg der Volksi««teressen existiert, als der Parlamerrtaris- ««:««s. So «venig «: utzbriirgeird der österreichische Parlamentarisrnus auf der bisherige«: Grundlage ist, so sehr er insbesondere durch die Besch aff er« h eit der einzelnen Parteien, z««r Karikatur entartete und so «venig Gutes die österreichische Gesamtbevölkerung und insbesondere die österreichischen Jude«: vo«: denselben zu hoffen haben, so darf man eures nicht übersehe««, daß er für letztere«: ir«sbesor:dere auf wirtschaftlich em Gebiete eine direkt schädliche Tätigkeit errtfalten Faun «v e n«: die Jude«: ihre bisherige Politik f o r t s e tz e«: o d e r i««: «n e r u«: d u n t e r alle«: U m st ä «: d e n A b st i n e i: i auf ihre F ahne schreiben. Es gibt ebe«: keine größere Utopie als die Meinung, daß irgendeine jüdische Fraktion oder irge«:dein Fraktionsbeschlnß die Mehrheit der Jude«: verarrlassen köimte, bei allen Wahlen in die einzelnen Vertretungskörper sich der Abstimmung zu enthalten. Die theoretischen Vertreter der Nicht einmischurrg in die innerösterreichische Politik sind nicht die letzten, welche bei den Wahle«: ihre Stimmzettel ir: die Ur«:e «v e r f e««, allerdings, «vie sie sagen, „nicht als Vertreter ihrer Partei, sondern als Einzeli«:dividue«:". Theoretische Auffassu«:gen von Zeitu«:d Glaubensfragen und das Leben, wie es tatsächlich in Oesterreich herrscht, si«:d eben verschiedene Dinge. Die Verhältnisse entrvickel«: sich selten nach der: aufgestellten Theorie«: und Programrne«:, sor:dern diese «nüssen ebe«: de«: jeweiligen Verhältnissen der Staaten, in welchen die Individuen u«:d Völker lebe«:, angepaßt werde««. Allerdings enthält ja auch die Auffassung, daß sich die Juden in die innerösterreichische Politik nicht eirrmischen solle«:, inso«v eit eure«: berechtigten Kerrr, stigen und der leibliche«: Knechtschaft durchgekostet haben? Schiller war gewisserinaßen ein politischer Dichter ganz im Gegensätze zu seinem Freunde Goethe, der nur Philosoph und Künstler blieb zu ei«:er Zeit, wo Jndifferentisrnus geradezu nationaler Verrat war (Freiheitskriege). Goethe war der Exzellenzherr unter den Dichtern, offizieller Hofdichter, Aristokrat natürlich von höchsten: Geistesadel, aber immer Aristokrat — odi profanum vulgus ct arceo. Aber Schiller war sein Lebenlang Deinokrat, seine Werke Ware«: lairge Zeit auf Hofbühnen perpönt, er verstand das starke Gäre«: jener revolutionären Zeit, er brachte zum Ausdrucke, was das Volk enrpfand, und dann«« ward er auch der Dichter des Volkes. Wie Voltaire die französische, so hat auch Schiller die deutsche Revolution vorbereitet, die spät, aber doch auch u«:s Juden die bürgerliche Freiheit gebracht hat. Darurn feiern wir Jude«: diesen große«: Gedenktag «nit, aus ganze««: Herze«: «nit. Ewig und unvergeßlich bleibt u««s der große und edle Dichter der Freiheit — Schiller. Aus Aegyptens ältester Geschichte. lieber die Ausgrabunge«: der zehn Teinpel von Abydvs, der ältesten Kultstätte Aegyptens, «nacht der bekannte Archäologe Prof. Flinders Petrie in eine«:: längeren Aufsätze der „Egyptian Gazette" interessante Mitteilungen: „Zum