Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 19 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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f.. -... 1 Redaktion: IX/1, Servitensaste 4. Telephon Nr 11723. Eprechstnnden r Htt Wochentagen von bis 0 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches «olksblatt. Wien. 1X| Erscheint jeden Freitag. Eigentümer und Herausgeber: Jakob Kraus;. ¥ \ Administration: IX/1, Svroitengaste 4. Telephon Nr. 14728. AbonnementS-PreiS: Bts<t)W<r4<n wegen verspäte-er oder gar nicht erfolat r Zustellung erbitten wir uns drinaend. — Msmttlttlpte w«rd<» Hiebt zarficiigcitelit. Pvstsparkasien-Konw 847037. In das Abonnement kann man täglich eintreren. k ä Inserate übernehmen di« firmen: M. vukes Nachf., kjaasenstein te Vogler. Ruöolf Masse, in. pozsonqi, fl. Lchalek ln Wien, ferner alle Annoncen- Expeditionen im Auslände. Einzel - Nummer in Wien 30 Heller , Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig .... X 1». - Haldjäh.ig .... X 0 — Bierleljädrig . . .X 8k Für das gesamte LlnSlanb samt Frankozustellung: Ganzjährig ... X »3.«« halbjährig ... X 0.83 Vierteljährig... 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Im Osten des Reiches aber, wo noch jüdisches Leben pulsiert, wo der jüdische Proletarier doppelt zu leiden hat: als Jude und als Proletarier, da scheinen die jüdischen Genossen denn doch zum Bewußtsein gelangt zu sein, daß der jüdische Arbeiter von den polnischen Genossen ebensowenig Hilfe und ebensowenig Verständnis für seine doppelte Not zu erwarten hat wie bei den Allpolen, dafür aber von Polen sozialdemokratischer Couleur genau so für polnische Zwecke dienstbar gemacht werden solle, wie es die Schlachte mit ihm tun möchte. Schon die ersten Versuche der Bildung einer jüdischen Organisation innerhalb der sozialdemokratischen Partei stießen bei den Parteiführern auf großen Widerstand, und man erinnert sich noch der gehässigen Ausfälle des Genossen Daszynski auf dem Krakauer Parteitage gegen die separatistischen Gelüste der jüdischen Genossen. Diese unbegründete, schroffe Ablehnung hat, wie nicht anders zu erwarten war, eine starke Reaktion unter den nationalgesinnten Sozialdemokraten hervorgerufen, die durch die antisemitische Haltung der Partei in den letzten Monaten nur noch gestärkt wurde. Die Krise im Lager der galizischen Sozialdemokraten muß sich schon sehr stark zugespitzt haben, denn ihr Führer Daszynski entschloß sich, den Ton zu ändern und in einem offenen Brief! an die jüdischen Genossen Galiziens sich als; Lehrmeister über Nationalismus aufzuwerfen, i Mit den Argumenten der Allpolen und allen übrigen chauvinistischen Assimilatoren zieht Daszynski gegen die Berechtigung des jüdischen Nationalismus zu Felde und „warnt" die Juden vor den „gefährlichen" Sonder- , bestrebungen.! Es ist hier nicht der Ort, auf alle die falschen und unhaltbaren Ausführungen des , näheren einzugehen. Aber als sicher ist anzu-! nehmen, daß die jüdischen Sozialdemokraten; diesem Unkenruf nicht aufsitzen werden. Den j Wert solcher Lockrmgen mögen sie aus der Hali tung der „Arbeiter-Zeitung", dem Zentralorgane der Partei, ersehen, die in ihrer jüdischi antisemitischen Berserkerwut über die jüdischen j Genossen herfällt und es rund heraus sagt, daß-! Sie Partei lieberaufdieseGenoss e n ] e x 5 i dC) t e, als ihnen das Recht einzuj räumen, welches die anderen Nationalitäten j längst besitzen, ohne daß die Einheit öer Partei darunter gelitten hätte. Die anderen Nationalitäten haben sich dieses natürliche Recht der nationalen Betätigung erzwungen. Es liegt nun an den jüdischen Proletariern Galiziens, die einen bedeutenden Faktor in der Partei bilden, für sich das gleiche zu erzwingen. Sie wären ihres Judentunis unwürdig und hätten keine Berechtigung, gegen das allgemeine Unrecht zu kämpfen, wenn sie es innerhalb ihrer eigenen Organisation gegen sich selbst länger dulden wollten. Die Jude« in der Sozialdemokratie. Die jüdischen Proletarier beginnen endlich sich ihrer Pflichten dem jüdischen Volke gegenüber zu besinnen. Besonders die jüdischen Proletarier Galiziens haben in letzter Zeit manchen Versuch unternommen, ihren Kampf fite die Sache des Proletariats und ihr Verbleiben in der sozialdemokratischen Partei mit ihrem Volks- und Stammesbewußtsein dadurch in Einklang zu bringen, daß sie die Forderung stellten, eine eigene Gruppe innerhalb der Gesamtpartei bilden zu dürfen. Diese Forderung war nicht nur an und für sich gerecht, sondern bildete nur die Konsequenz der notgedrungenen Zugeständnisse der sozialdemokratischen Parteileitung an alle übrigen Nationalitäten des Reiches. Diese nationalen Konzessionen waren für die Entwicklung der Partei selbst geradezu eine Lebensfrage und die reine Vernunft hätte es der Parteileitung diktieren müssen, ein solches Recht der nationalen Betätigung innerhalb der Partei auch auf die Juden auszudehnen und dies umsomehr, als die Juden sowohl materiell als auch politisch die verläßlichsten Elemente bilden. Die Parteileitung und besonders der Führer der polnischen Sozialdemokraten waren jedoch anderer Meinung! Sie glaubten, die Juden, die in ihrer Unvernunft bisher schon der Partei auf die Beine halsen, sie heute noch durch Geld und selbstverleugnende Arbeit erhalten, würden auch in Hinkunft sich all die Fußtritte ge- Feuilleton. Schiller und die Juden. Von Dr. Mayer-Ebner. So überschwänglich dankbar wir Juden für Worte der Anerkennung sind, so erbost pflegen wir zu sein, wenn wir geschmäht werden. Und doch haben ivir einem Schmähungen schlimmster Art verziehen, von Herzen verziehen. Und dieser eine war — Schiller. Es sind einige saftige Grobheiten, die uns der Dichter in seiner „Sendung Moses" an den Kopf wirft, Grobheiten, die uns um so schmerzlicher berühren müßten, als sie ja in historischwissenschaftlicher Form auftreten und von einem Manne herrühren, der ausdrücklich versichert, daß alles Böse, welches man den Juden nachzusagen gewohnt ist, alle Bemühungen witziger Köpfe, das jüdische Volk zu verkleinern, ihn nicht hindern werden, gegen dasselbe gerecht zu sein. Nun hören wir einmal, wie diese vorurteilslose Gerechtigkeit ausfällt. „Die Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation kann das erhabene Verdienst ihres Gesetzgebers nicht vertilgen .... Als ein unreines und gemeines Gefäß, worin aber etwas sehr Kostbares auf- -ewahrt worden, müssen wir sie schätzen; wir müssen in ihr den Kanal verehren, den, so unrein er auch war, die Vorsicht erwählte, uns das edelste aller Güter, die Wahrheit, zuzukehren, den sie aber auch zerbrach, sobald er geleistet hatte, was er sollte." Das schrieb der zum Manne gereifte Schiller. Der Jüngling Schiller hat den schäbigsten Kerl unter den „Räubern" (Spiegelberg) beschneiden zu müssen geglaubt, um ihn lebenswahr zu machen. Kurz, der modernste und feurigste Nassenantisemit könnte an Schiller seine Freude haben und wenn es noch nicht als abgeschmackt gälte, Schiller zu zitieren, wahrlich, wir hätten das Wort von der Unwürdigkeit und Verworfenheit der Nation und von dem unreinen Kanal noch recht oft zu hören bekommen. Und dennoch haben wir Juden Schiller die schlechte Meinung, die er von uns hatte, verziehen. Wir waren eigentlich nie recht böse über ihn. Warum? Aus drei Gründen. Erstens, weil die Herabsetzung des Volkes gleichzeitig mit einer Anerkennung der „universalhistorischen Bedeutung des Volkes der Hebräer" erfolgt und wir Juden schon einnial eine eitle Schwäche für unsere „Welt und Kulturmission" haben. Zlveitens weil die Juden jener Zeit dieses harte Urteil herausforderten, weil sie der Ächtung nicht wert waren, und drittens — weil wir Schiller lieben, von ganzem Herzen lieben. Man muß sich die Geschichte der Juden jener Zeiten vergegenwärtigen, uni es begreiflich zu finden, daß einer der edelsten Geister des deutschen Volkes über uns den Stab gebrochen hat. Während in der Mitte des 17. Jahrhunderts der Glaubenseifer der Marannen, die freudig auf den Scheiterhaufen stiegen, auch der christlichen Welt Bewunderung abrang und einem Volke Achtung verschaffte, das, aus tausend Wunden blutend, noch die Kraft hatte, Märtyrer hervorzubringen, waren zwei Ereignisse eingetreten, die das Ansehen der Judenheit stark herabsetzten, zwei Ereignisse, die, ganz verschieden voneinander, in ihrer Wirkung ähnlich waren. Die Entfremdung Baruch Spinozas vom Judentum wirkte wie eine kalte Dusche auf den Feuereifer der zum Judentum Zurückgekehrten Marannen. Sein Bruch mit der Amsterdamer Synagoge machte es ivieder aller Welt offenbar, daß einer der größten Geister unter den Juden starke Bresche in die bis dahin unerschütterlich gewesene jüdische Glaubensburg geschlagen habe. Das war das eine Ereignis, das andere war der schmähliche Messiasschwindel des Sabetai Zewi, der nach einem kurzen Taumel der Freude und der Hoffnung das Judentum dem Hohngelächter der christlichen Welt preisgab. Nach diesen zwei Niederlagen begann der auffallende Niedergang des Judentums. Dieser Niedergang hielt bis zum letzten Drittel des 18. Jahrhunderts an, also bis in jene Zeit, in welche Schillers Jugend hineinfällt. Der jüdische Geschichtsschreiber Grätz schreibt über die „Verwilderung" dieser Epoche: „Die Juden boten zu keiner Zeit eine so klägliche Haltung wie zu Ende des 17. Jahrhunderts bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die ^m