Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 18 Jüdisches Yolksblatt sein, die Propaganda nach außen und ins Breite, die bisher die ganze sonstige zionistische Tätigkeit erstickte, gebührend einzuschränken und dafür den ernsthaften „wissenschaftlichen" Zionsimus aus der Ecke hervorzuholen, m die ihn die Offiziellen und die Propagandnräte verbannt hatten. Man muß wirklich den Zionisten und nicht den anderen die Anfangsgründe eines wissenschaftlichen — ja sogar erst die primitivsten Leitsätze eines überzeugungsmäßigen Zionismus beibringen. Denn unmöglich können wir selbst die Mitglieder der sogenannten Aktionskomitees als zionistisch genügend überzeugt oder genügend geschul^anschen, die cs fertig bringen konnten, die Sache und das Programm, zu denen sie sich bekannten, oder die Rolle, die zu spielen sie übernommen hatten, so mißzuverkennen. wie es ihr aktives und passives Verhalten bei den llgandadebatten des auch sonst reichlich schmachvollen sechsten Kongresses gezeigt hat. Eine Emigratioilsdevatte in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". Samstag den 29. April d. I. fand im großen Saale des „Hotel Guth", 2. Vez., Stefaniestraße 14, unter dem Vorsitze des Präsidenten Sigmund Mayer die zwanzigste ordentliche Generalversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt, in welcher u. a. auch der erste Vizepräsident der Kultusgemeinde Herr Dr. Gustav K o h n, ferner die Herren Kultusvorsteher kais. Rat Sachs, Sigmund K a u d e r s, Eltbogen, kais. Rat P o l l a k und Salo Landau teilnahmen. Ihr Fernbleiben hatten entschuldigt die Herren: Präsident Dr. Alfred Ster n, Dr. Heinrich S ch r e i b e r und Ignaz S i m o n. Der Vorsitzende begrüßte die Versaminlung und wies in seinen einleitenden Worten auf die im Osten sich vollziehenden weltgeschichtlichen Ereignisse hin. Der Zusammenbruch der russischen. Autokratie werde voraussichtlich eine erlösende Wendung in der bisherigen grausamen Hintansetzung speziell der russischen Juden herbeiführen, indem früher oder später die Freizügigkeit derselben in dem riesigen Reich eintreten dürfte. Hiermit wäre auch der wichtigste Teil der Judenfrage als gelöst zu betrachten. Redner führt lveiter aus, daß die in Frankreich vollzogene Trennung der Kirche vom Staate gleichfalls auf die Lage der Juden günstig zurückwirken werde. Erst mit der Beseitigung der Staatsreligion könne eine wirkliche konfessionelle Gleichberechtigung und damit auch eine wirkliche soziale Gleichstellung der Juden Platz greifen. Redner berührt ferner den in Oesterreich cingetretenen Regierungswechsel und gibt der durch die bisherigen Erfahrungen gefestigten Ueberzeugung Ausdruck, daß auch das neue Ministerium, was die Mithilfe begründeter Beschwerden der jüdischen Staatsbürger betreffe, in demselben Geiste wirken werde wie die Negierung Dr. von Koerbers. Redner schließt mit der Bitte, daß unsere österreichischen Glaubensgenossen gleich den deutschen jene Opferwilligkeit an den Tag legen mögen, welche sich aus der Tatsache ergibt, daß der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in kürzester Zeit sein Vermögen von 40 000 auf 80 000 Mark erhöht hat. Hierauf gelaugte durch Herrn Sekretär Siegfried Fleis ch e r der Rechenschaftsbericht unter allgemeinem Beifalle zur Verlesung: In der Diskussion über den Rechenschaftsbericht urgiert Herr E h r l i ch die schon von früheren Generalversammlungen beschlossene Einsetzung von Bezirkskommissioneu. Herr Mütter wünscht, daß die „Union" vermehrte Gelegenheit zur Aussprache über allgemeine, politische und wirtschaftliche Fragen biete und bespricht insbesondere die Schächtftage. Sekretär F l e i s ch e r erwidert, daß die Schächtfrage nicht neu sei und vor allein in das Gebiet der Kultusgemeinde relsortiere, welcher die „Union", obwohl es sich dabei auch um staatsbürgerlich gewährleistete Rechte der Juden handle, den zustehcnden Vortritt gelassen habe. Es sei unzweifelhaft, baß dieser Beschluß des Wiener Gemeinderates nicht Gesetzeskraft erlangen werde, gleich den Fällen der Städte Graz und Ruinburg, in welchen die „Union" mit Erfolg interveniert und dadurch Präjudikate geschaffen habe, die auch heute anerkannt werden müssen. Herr Albert W i n t e r b e r g bringt den Kassabericht zur Verlesung. Herr Dr. Josef Bloch beantragt . angesichts der hervorragenden Leistungen, die aus dein Rechenschaftsbericht ersichtlich sind, dem Präsidium, ferner dem Vorstand und Beirat, endlich dein Sekretär und Bureau den wärmsten Dank der Generalversammlung zum Ausdruck zu bringen. Dieser Antrag wird unter lebhaftem Beifall angenommen und somit der Rechenschaftsbericht und der Kassabericht genehmigt. Herr Fuchs bringt die Ergebnisse der Vorstandswahlen zur Verlesung. Die ausscheidenden Herren Sigmund M a Y e r, kais. Rat Wilhelm A n n i n g e r und Jakob I a it e l e s wurden einstimmig wiedcrgewühlt. Zum letzten Punkte der Tagesordnung nimmt Herr Redakteur K r a u s z das Wort und reklamiert die Ausführung des bereits gefaßten Vorstandsbeschlusses, im Schoße der „Union" ein Komitee für Kultusangelegenheiten einzusetzen. Redner wünscht ferner, die „Union" möge eine Organisation zur Regelung der akuten Frage der russischen Emigration ins Leben rufen, da die kompetenten Stellen der Meinung seien, die Auswanderer sollten eigentlich nicht auswandern und die Leute dementsprechend behandeln. Herr Dr. K a m i n k a warnt vor einer solchen Organisation, die mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hätte. Zu dieser Tätigkeit sei die „Israelitische Allianz" berufen. Die Mehrzahl der von der „Union" vom Polizeigefangenhause übernommenen Emigranten sei von der „Allianz" weiterbefördert worden. Sekretär Fleis-cher^ konstatiert demgegenüber, daß in der Mehrzahl der Fälle, Ivo Emigranten von der Polizei übernommen wurden, die „Union" im eigenen Wirkungskreise geholfen hat, und nur die Minderheit an die „Allianz" geschickt wurde. Herr W i n t e r b e r g betont, daß der „Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" eine verhältnismäßig große Anzahl russischer Emigranten in Wien unterbringe und daß sich dieselben als tüchtige Arbeiter bewähren. Man möge bei Arbeitsbedarf auf dieselben Rücksicht nehmen. Herr Dr. M i n tz jun. unterstützt den Antrag Krau s z, welcher der Vereinsleitung zur sorgfältigen Vorbearbeitung zugewiesen werden möge. Herr K r a u s z polemisiert gegen die Ausführungen Dr. Kaminkas und bemerkt, daß anläßlich der in Frankfurt a. M. stattgefundeuen Zusammenkunft die „Allianz" und das zionistische A.-C. Pflichten übernommen habe, die sie bis heute noch nicht erfüllt hätten. Herr Dr. M i n tz sen. führt aus, daß cs kein Verdienst,- sondern eine weise Pflichterfüllung sei, unseren hilflosen russischen Glaubensgenossen mit Herz und Gefühl zur Seite zu stehen. Er betrachte die „Union" vermöge ihrer außerordentlichen Leistungen als das berufenste Organ, um den Kern für eine allgemeine Organisation zur Regelung der Emigration zu bilden und so diese schwierige Frage zu lösen. Redner schließt sich dem Anträge des Redakteurs K r a u s z an, daß die „Union" mit anderen Korporationen an die Einsetzung eines solchen Komitees schreite. Herr L ö b l teilt das Resultat einer Unterredung mit dem kanadischen Fittanzininiüer Mr. Fielding mit, lvonach in Kanada an Einwanderer Grund und Boden und auch Reiseunterstützungen vergeben werden. Herr Dr. K a m i n k a weist die gegen die „Israelitische Allianz" erhobenen Vorwürfe zurück (Rufe: Sprechen Sie über die Behandlung der Auswanderer!) und bemerkt, daß die preußische Polizei auf Wunsch der Berliner Wohltätigkeitsvereine Emigranten, die keine Schiffskartet: besitzen, an der Grenze zurückhalte. Die „Allianz" habe in Krakau. Oswieein und Mährisch-Ostrau Komitees eingesetzt (Rufe: Sprechen Sie von der Behandlung in Wien!) und sei darauf bedacht, die Emigranten nicht nur zu expedieren, sondern ihnen auch an der Ankunftsstcllc Arbeit zu verschaffen. Herr Professor Dr. Ehr nr a n n wendet sich unter lebhafter Zustimmung der Versammlung gegen die Behauptung Dr. Kaminkas, daß die preußische Polizei auf Wunsch der jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen unbemittelte Auswanderer die Grenze nicht passieren lasse und betont die aufrichtige Liebe und Hingebung, mit welcher die genannten Körperschaften sich ihrer hilfsbedürftigen Glaubensgenossen annehmen. Dieser Vorfall sei nur auf die Intervention der verschiedenen Schiffahrtsgesellschaften zurückzuführen, denen unbemittelte Auswanderer Unannehmlichkeiten bereiten. Herr Mar M a r k u s beanständet die rücksichtslose Behandlung der russischen Emigranten seitens der „Israelitischen Allianz". Herr Dr. K a m i n k a bemerkt zur tatsächlichen Berichtigung, daß er mit den Emigranten selbst nichts zu tun habe. Die Verhandlungen mit denselben werden nicht von ihm, dem Sekretär, sondern von zwei Vorstandsmitgliedern der „Allianz" geleitet. Herr Dr. M i n tz sen. bemerkt, daß man ■ mit der Geheimtuerei nicht vorwärts komme. Wenn inan sich an die große Oeffentlichkeit wende, wie dies in Amerika geschehe, so werde man genügende Mittel aufbringen. Das zu bildende Komitee möge nur in kurzen Zwischenräumen ausführlichen Bericht für die Oeffentlichkeit erstatten. Der Antrag, die Vereinsleitung der „Union" möge die Bildung eines selbständigen Komitees zur Regelung der russischen Emigration in sorgfältige Erwägung ziehen, wird hierauf unter stürmischem Beifall einstimmig angenommen. Bezüglich der Interpellation des Redakteurs K r a u s z wegen Durchführung des Vorstandsbeschlusses, ein Komitee für Kultusangelegenheiten einzusetzen, erklärt der Vorsitzende kais. Rat A n n i n g e r, daß der Vorstand der „Union" sich mit dieser Angelegenheit in seiner nächsten Sitzung befassen werde. Hierauf wurde die Versammlung von dem Vorsitzenden mit dem Ausdrucke herzlichsten Dankes geschlossen. Jüdische Auswanderer als Ausveutungsobjekte in Brünn. Der hiesige jüdische Spediteur' M a n d l aus Broöy betreibt feit Jahren mit jüdischen Auswanderern aus den östlichen Ländern einen schwungvollen und einträglichen Handel. Das Geschäft nährt seinen Mann. Herr Mandl ist dank ihm ein wohlhabender Mann, Hausbesitzer geworden. Hunderte blutarmer Auswanderer, die ihm gewissenlose Agenten zutreiben und nach Brünn locken, haben dazu als die Opfer mitleidsloserProfitgier beigetragen. Das skandalöse Ausbeutungssystem seines Auswanderungsb'ttreans war auf zionistischer Seite wohl wiederholt Gegenstand scharfer Kritik. Es hat nichts gefruchtet. Die Brunner Inden, die über Macht und Einfluß verfugen, erachteten es nicht für notwendig, gegen das Treiben des Bureaus, das die jüdische Oeffentlichkeit nicht kannte, in irgendeiner Form Front zu machen. Die Vrttnner Polizei kümmerte sich nicht um die hvhttsprechenden sanitären Zustände in den Mafseuquartteren, in denen Herr Mandl seine Leute unterbringt. Die Brunner Presse mit Leserkreis und nennenswertem Einfluß schwieg. Das Gericht kan: nie dazu, sich mit den Geschäften des Mannes näher zu. befassen. Denn einerseits sind sie sehr schlau und raffiniert eingefädelt und abgewickelt, für verbrecherische Handlungen seiner rnssiischen oder galizischen Agenten haftet Herr Mandl strafgesetzlich nicht. Andrerseits gcht der Emigrant hier nicht znm Richter, weil er, der in der eigenen Heimat niemals Recht und Schutz gefunden, sich im wildfremden Lande gänzlich schutzlos wähnt und froh ist, wenn er Brünn verläßt. Die Spekulation cuif diese ängstliche, wohlbegreifliche Zurückhaltung der gedrückten Elendskinder ans dem Osten, die dem Auswandererbnrean auf Gnade rmd Ungnade überliefert sind, spielt eitle große Nolle im geschäftlichen Kalkül der Agenten und ihres Auftraggebers. Das Geschäft des Herrn M a n d l geht immer glänzender. Je