Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 18 ren, hoffentlich deutlicheren Sprache zu erklären, als das Programm es tut. Nun denn: Der Zionismus will die Sauunlung — nicht die Zerstreuung. Er will die Regeneration — nicht das Untcrtauchen. Er will den Zusammenschluß zum Zweck eines Zieles — nicht die Spaltung und nicht ein Gewirre gegensätzlicher Projekte. Was aber die notwendige Folge einer konzentrischen jüdische!: Landpolitik ist, das habe ich unter auderem mit besonderem Nachdruck in, meinem Aufsatze „Der jüdische Orient" im „Almanach" ausgeführt. < Ich glaubte dort so klar gesprochen zu haben, daß es selbst voreingenommene Nichtzionisten überzeugen sollte •— jetzt sehe ich, wie sehr diese primitivste Kenntnis vom Zionismus den Zionisten selbst gefehlt hat und noch immer fehlte Es heißt an der betreffenden Stelle: „Die Frage, in welches Land eine solche Ueberführung bewerkstelligt werden könnte, ist in unserer Zeit deutlich im Begriff, engültig entschieden zu werden. Es sind mancherlei Vorschläge gemacht worden, aber gerade in der Viclartigkeit dieser Projekte liegt die Gewähr für die Unausführbarkeit im Sinn einer Zentralisation. Das Land, auf welches man sich eben zu einigen beginnt, hat vor allen anderen mehr als einen entscheidenden Vorzug. Zunächst ist cs dasjenige, welches alle, und mögen sie noch so oberflächlich sich mit dem Problem beschäftigen, ganz instinktiv in Frage ziehen, das alte Judenland — Palästina. Aber nicht nur die Gleichgültigen werden ohne Besinnen zuerst an dieses Land denken, sondern unter den Juden selbst alle diejenigen, die den Zusammenhang mit Religion und Tradition, mit ihren Vätern und Großvätern und mit ihres Volkes Geschichte noch nicht verloren haben und sie nicht zu verlieren entschlossen sind. Und schließlich müssen nach den Oberflächlichen und nach den Tiefen sogar die Verstandesmenschen in der alten Judenheimat die besten Möglichkeiten für eine territoriale Zusammenfassung der Juden erblicken, die in den Ländern ihres jetzigen Aufenthaltes sich nicht behaupten und nach den gewohnheitsmäßig gewordenen Cinwanderungsgcbieten nicht länger in größeren Massen abfließen können. In diesem Zusammentreffen der Volkssehnsucht mit der vernunftgemäßen Ausführungsmöglichkeit liegt die Stärke der orientalischen Lösung der Judenwanderungsfrage." Daß „in der Vielartigkeit der Projekte die Gewähr für ihre Unausführbarkeit im Sinne einer Zentralisation liegt", das noch weiter auszuführen verbietet mir die Achtung vor dein Leser. Ich kann weiter auf die Ausführungen verweisen, die ich noch auf dem Baseler Kongreß, unmittelbar nach der Bekanntgabe der Ugandasache, diesem antipalästinensischen Vorschlag entgegenhielt. Ich wies dort sofort darauf hin, daß das zionistische Programm „Palästina" und „Autonomie" verlangt und daß man daher, wenn nicht beides mit einen: Male zu haben war, Wohl mit Palästina — nicnials aber mit der „Autonomie" irgendwo beginnen könne. Den:: durch zweckentsprechende Tätigkeit in Palästina läßt sich Wohl dort die zunächst noch fehlende Rechtsbasis erringen. Die kann man in ernster Arbeit an vielen Orten erringen. Aber wenn man mit einer „Jrgendwo-Autonomie" anfängt, so läßt sich durch keinerlei Arbeit dieser „Heimstätte" der palästinensische Charakter hinzufügen. Allerdings ist in Verbindung mit dem Ugandavorschlag auch gesagt worden: „Zion ist das freilich nicht und kann es nie werden." Was sollte dann aber die ganze Sache auf dem Zionistenkongreß — in der Gemeinde der Palästina-Zeloten? So rächen sich die hohlen Phrasen! Man hatte sich in die unbedingte Palästina-Grundlage der Bewegung mit einen: Fanatismus festgebissen, der bei dauerndem Mißerfolg in irgend etwas ganz Verkehrten: enden mußte. Als ich vor Jahren einmal den Satz aufstellte : „Ter Zionismus beruht auf Judennot und Palästinasehnsucht — bie Judennot ist die stärkere Triebkraft von beiden", da zetertei: die Zeloten über diesen Materialisu:us. Aber auf dem Uganda-Kongresse waren sie die ersten Ugandistcn. Und doch liegt der Ausweg aus dem Dilennna so klar vor den Augen der Sehenden — von denen es freilich bei :n:s erstaunlich wenige zu geben scheint. Es gibt eine Brücke über den Zwiespalt — - es gibt eine zionistische Abhilfe, wie sie durch den unzionistischen Ugandavorschlag geboten werden sollte. Und diese Vereinigung der „Notstandsaktion" mit dem palästinensisch-zionistischen Plan ist durch die ohnehin logischere Setzung eines „größeren Palästina" anstatt „Palästinas" gegeben. Ja, nicht einnml nur möglich — sie ist sogar durch jede vernünftige Auslegung unseres in dieser Beziehung sehr mangelhaft abgefaßten Programmes direkt geboten. Ich habe das in dem schon oben zitierten Artikel „Der jüdische Orient" ebenfalls ausgeführt. Es heißt dort: „Und auch das wohlverstandene Progratnn: der Zionisten läßt keinen Zweifel, daß da keii: auf feilte kleinsten Dimensionen reduziertes Palästina gemeint sein kann. Man braucht nur für die Vokabeln des ersten Programmsatzes die entsprechenden Zahlenwerte zu setzen, um die absolute Haltlosigkeit einer solchen Annahme sofort einzusehen: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk (10—12 Millionen Seelen) die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina (28 000 Quadratkilometer)." Sicherlich ist da nicht gemeint, daß ein so großer Teil der Nation, wie ihn eine nationale Bewegung immerhin im Auge haben muß, sich notwendig nur auf das engste Palästina beschränken dürfe. Den:: die Beschräi:kln:g auf die engsten Lalldesgrenzen und auf den geringen Bruchteil der Nation, der auf diesen: Gebiete Raun: fänbe, hieße ja, von allen: Anfang an und prinzipiell den weitaus größten Teil des Volkes aussthließcn!" Und hellte möchte ich jagen: Wein: cs dst Konzentration sein soll, so kann es mir Palästina sein, denn für jeden anderen Vorschlag gibt es endlose Gegenvorschläge. Wenn cs Palästiila fein soll, so muß es ein „größeres Palästina" sein, beim die Beschränkung auf die engften Grenzei: schließt prinzipiell bei: Weitalls größeren £cU der Nation aus. Menu es ein „größeres Palästina" sein soll, so lilllß ill den nächsten Nachbarländern angefangen werden, damit der Zusammenhang der Kolonisation gewahrt bleibt. Und von den llächsten Nachbarländer!: sind die englisch verlvalteten zuerst ins Auge zu fassen, weil dort die Sicherheit imb Freiheit heute schon zu finden sind, ohne die unser Werk fast undurchführbar wäre. Ja, wir brauchen eine provisorische Hilfe, bevor wir noch die im bisherigen Progranlm aufgestellte „Endgültige" in Angriff nehmen können. Aber die „Endgültige" braucht Vorbereitungen, und es ist nun Aufgabe, solche Vorbereitungen zu treffen, die auch tatsächlich und möglichst geradlinig zun: vorgesteckten Ziele führen. Und aildrerscits müssen lvir auf der Hut sein, daß, was wir für Vorbereitungen halten, uns nicht von: Ziel ablcnkt und nicht gegen ulkscr Ziel ausfallcn kann! Wundervoll klar hat Nathan Birnbaum das schon vor 10 Jahrei: ausgesprochen. Er unterscheidet scharf zwischen Hilfsaktionen, die eine weitere Zersplitterung der Jlldenheit bedeuten, und solchen, die räumlich lind geistig eine Konzentration beabsichtigen. Er erkennt „die beschränkte Kolonisation" der Jca ii: Argentinien als „durchaus unschädlich" und unterscheidet _ sich dadurch sehr vorteilhaft von den d jugendlichen Feuerköpfen der spätere:: Periode im Zionismus, deren beliebtester Angriffspunkt eben diese argentinische Kolonisation war. Andrerseits steht Birnbaun: bereits in jenen: frühen Stadiun: derart fest auf den: Boden bür Tatsachen, daß seine damaligen Vorschläge noch heute das weitaus Beste und wahrhaft Staatsmännischste sind, lvas im Zionismus und allei: verloandten Bestrebm:gen bis heute ans Licht getreten ist. Es hat den: Verfasser dieser Ausführungen keine geringe Freude verursacht, zu finden, daß seine eigenen, selbständig und von anderen Gesichtspunkten aus gclvonnenen Anschauungen von einen: so hervorragenden Kopfe wie Nathan Birnbaun: zu einem wesentlichen Teile schon früher vertreten worden waren, und gern wird — wie manche frühere — so auch diese Gelegenheit benützt, seinen Aufsatz von: April 1804 nochnmls zu reproduziere!:. Die selbstständige Uebereinstimmung mit Birnbaum in einer der vornehmste!: Fragen des ganzer: Komplexes der allgemcii:-jüdischcn Problerne wiegt mir reichlich die Gegnerschaft des gesamten patcntiert-zionistischen Nachwuchses auf, den: ich heute Gelegenheit geben wollte, nochmals auf die leider vergessenen Grundlagen zurückzugehen, auf denen sich der Zionismus und jede verständige jüdische Palästinatäiigkeit anfbauei: sollte. „Wer rächt mit mir ist, der ist wider mich, und lver nicht mit mir sannnelt, der zerstreuet." Wern: der Zionismus sich dieses Wort zu eigen machen wollte, so hat er nur eine kleine Gefolgschaft aus den letzten Wirren heraus gerettet. Aber wenn es je wahr gewesen ist, daß nicht Macht und Zahl, sondern der „Geist", nämlich Jdeenfestigkeit, in die Zukunft hinübcrreichen, so gilt es hier. Gegen feste Ueberzeugung und gegen die Erkenntnis gibt es keine Majoritäten und keine Autoritäten. In diesen: Sinne können lvir über den Ausgang des heutigen Widerstreites wohl hinreichend beruhigt sein. Was uns beunruhigen muß, ist etwas anderes. Es sind die Jahre an Zeit und die tausende von Menschen, die wir gewonnen glaubten; es ist die Strecke zurückgelegten Weges, um die unsere Sache in Gefahr ist, wieder zurückgeworfen zu Werder:. Was also ist'jetzt zu tun? Wir müssei: uns verhalten wie eine Armee im Felde, die sich plötzlich von noch nicht klar erkennbaren Gefahren uingeben sieht. Wem: weder die Stärke des Gegners noch auch die Richtung feststeht, in welcher der Ar'.griss droht, so gilt es, alle vorgeschobenen und exponierten Posten auf die Hauptstellung zurückzuziehen, wo man — sicher verschanzt —* in größerer Ruhe die Weiterentwicklung der Dinge abwarten kann. Die Hauptstellung der Zionisten is! das Bastler Programn:. Das, worii: alle noch erklärtermaßen einig sind — die gemeinsame Grundlage — das ist die Forderung der Heimstätte in Palästina. Was.davon abweicht — in: guten wie in: falschen Sinne das gehört nicht zur Hauptstellung — das sind vorgeschobene Posten —~ darüber herrscht keine Einigkeit — das verwirrt und bedroht das Ganze — das gefährdet die mühevolle Arbeit dieser Jahre. In der vielfach verworrenen Situation von heute heißt es also zurückkehren von den Abweichungen, die uns trennen — zurückkehren zn der Basis, von der wir ausgegangen waren. Habei: lvir dann die Gemeinsamkeit des ursprünglichen Standpunktes wiedergewonnen, so hindert uns nichts, diese unsere Hauptstellung stärker zu machen, zu entwickeln oder eistsprcchend den Erfordernissen zu verschieben, soweit eine solche Verschiebung im Sinne unseres Programmes liegt, und so weit sie allgemein als gut und notwendig erkannt wurde. Das Zionistische Programm war sicherlich kein vollkominenes gewesen, aber wir standen einig auf diesen: Programm, das nach Sinn und Ausführbarkeit wenigstens vernünftige Grundlagen bot zu einer gesundci: Weiterentwicklung. Die Weiterentwicklung aber, die sich in letzter Zeit tatsächlich vollzogei: hat und die frisch und frei und unvermittelt voi: Programmbegcisterung und Palästinazelotismus die Briicke nach Uganda schlug . dieser Auswuchs von Rückgrat- und Verständnislosigkeit kann gar nicht schnell genug wieder beseitigt werden. Der politische Zionismus Birnbaums -- das Baseler Programm von 1807, das bei aller Fehlerhaftigkeit doch die Basis unserer Einheit lvar — das sind die Grundelemente, auf welche die jetzt erst eigentlich beginnende zionistische Arbeit zurückzugreifen hat. Zunächst wird inan nun die leider seit Uganda stark ir:s Wanken geratene Organisation zu repgrieren haben, dann und gleichzeitig damit nmß es ein erstes Erfordernis