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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdisches Volksblatt Nr. 18 stärker der AuswaWererstrpm auS dem Osten anschwillt, weil das Elend draußen steigt, desto mehr Emigranten laufen seinen Agenten in die Netze, machen den weiten, kostspieligen Umweg Wer Brünn, erhöhen den unsauberen Profit. Die Tätigkeit dieses Brunner AuSwanderungsbureaus, tn welchem die Profitgier jahrelang ungestört die Aermsten rupfte und anSfog, mußte erst gemeingefährlich iveröen und die egoistischen Instinkte der Brunner wecken, dis auch in die Oeffentlichkeit ein Wort des Widerspruches und der Kritik drang. In engeren Kreisen hatte man die lichtscheue Arbeit des Bureaus seit langem mit Entrüstung verfolgt. Jüdische Anstvanderer haben Flecktyphus eingeschleppt — jetzt erst rüst der „Tagesbote", das Organ der Teutschkib-eralen, nach Polizei und Kontrolle gegen Mandl und seine Helfershelfer. Die 'beiden Notizen lauten: „Ein Flecktpphnsfall in Brünn. Wie wir erfahren, wurde ein Flccktyphussall in unsere Stadt eingeschleppt. Der Patient befindet sich im Landes-Epidemiespital. Es ist ein galiziantscher Auswanderer, der mit vielen seiner Schicksalsgenossen in Brünn eintraf, um sich durch die Vermittlung des Auswanderungsbureaus Mandl ärztlich untersuchen und sodann weiter befördern zu lassen. Wir fragen vergeblich, ob es notwendig ist, gerade in unserer Stadt diese Prozedur vornehmen zu lassen, die ja den Auswanderern n i ch t a m W e g e l i e g t. Wer einmal den Hausen Auswanderer beobachtet hat, d e r s i ch v o r d e m B u r e a u a n s a rn m e l t, der wird von Mitleid erfüllt, so jämmerlich sehen 'die m e i st e n Auswanderer ans. Daß die Gefahr der Einschleppung infektiöser Krankheiten durch die Ausivanderer eine große ist, zeigt deutlich der Flecktyphusfall, den wir erwähnten. Wenn schon das Bureau hier bestehen soll, dann muH es auf das strengste bewacht werden, und die Sanitätsvrgane haben die Pflicht, alles vorzusorgen, daß es nicht zum Seuchenherde werde. Weiter sind die Schla^tätten der Auswanderer strenge zu kontrollieren. Bureau und Schlafstellen dürfen aus keinen Fall in der inneren Stadt geduldet, sondern sollen möglichst weit an der Peripherie der Stadt oder an: besten außerhalb derselben placiert werden. Wir haben leider genug Infektionsquellen bei uns selbst, als daß wir sie noch von außen verschreiben sollten. Ueberhaupt wäre cs am Platze, dem Gebaren der Auswan d e r n n g s b u r e a u s genau aus die F i n g e r z u sehe n." „Flecktyphns. Der von uns gestern gemeldete Fall von Flecktyphus ist leider nicht vereinzelt geblieben. Im Hause Nr. 6 der Stiftgasse, in dem der von dieser Krankheit befallene Auswanderer Unterkunft Hatte, wurde noch ein zweiter Fall konstatiert, der ein Kind betrifft. Hoffentlich wird es dabei sein Bewenden haben. Die Sanitätsbehörde wird jedenfalls alles vorkehren, was zur Verhü- tung der weiteren Verbreitung der Krankheit notwendig ist. An den Gemeinderat aber richten wir den Appell, dem Aus'wanderungswesen unserer Stadt die größte Aufmerksamkeit zuzirwenden und dahin zu wirken, daß die Unterkunstsorte der Auswanderer und das Auswanderungsbureau, in dem die ärztlichen Untersuchungen stattfinden, möglichst isoliert liegen und womöglich ganz außerhalb der Stadt sich befinden. Das Beste wäre freilich, wenn das A u s w a n d erungsbnreau ganz von Brünn verlegt würde, da, wie wir bereits gestern betont c n, g a r kein gen ü g e nd e r Grund dafür v v r l i e g t, d a tz d i e von der Route der Auswanderer a bseits gelegene Stadt mit den Segnungen e i n es solchen B u r e a u s b edroht werd e." Es ist bezeichnend, daß nur die drohende Gefahr einer Epidemie das Blatt zum Sprechen zwingt. Die Ausbeutung, der die Auswanderer zum Opfer fallen, wird ignoriert. Und doch sollte gerade sie die Aufmerksamkeit und Kontrolle erregen. Die obige Notiz deutet an, daß Brünn auf der normalen Reiseroute galizischer und russischer Auswanderer nicht liegt und ein Bureau für östliche Auswanderer ohne weiteres entbehren könnte. Das ist der Sache Kern. Da steckt der Skandal. Man lockt sie eben nach Brünn, um die Provision der Schiffahrtsgesellschaften einzustecken und aus den Berpflegskosten, Einguartierungsbeträgen und ärztlichen Untersuchungen wucherischen Profit zu erzielen. Die Auswanderer werden erst in Brünn ärztlich untersucht, ob sie den Forderungen der überseeischen Hafenbehörden entsprechen. E s i st f e st g e st e l l t, d a tz sie bei der Berechnung des für diese Unter s n ch n n g vom Bureau geforderten Honorars gewürzt und geprellt w e rd e n. Muß denn diese Untersuchung erst in Brünn geschehen und kann sie nicht früher hinter der Grenze erfolgen? Wird der Auswanderer untersucht, auf Grund der Untersuchung weiterbosördert oder zurückgeschickt — Herr Mandl verdient. Wird der Auswanderer in elenden Vorstadtspelunken oder stinkenden Massenguartieren der Kröna wie das liebe Vteh einquartiert und verköstigt — Herr Mandl verdient. Miissen manche Auswanderer, welchen die nötige Summe zur Weiterfahrt fehlt, weil die Agenten daheim sie belogen und bestohlen haben, oft Wochen lang in Brünn warten, bis die Angehörigen den letzten Sparpfennig ans Amerika oder der Heimat senden oder nicht — Herr Mandl verdient. Er schlägt aus jeder Notlage dieser Jammermenschen Kapital. Es ist leider rvahr, daß die Quelle des Uebels die schuftige, vampyrhafte Geldgier der Agenten ist. Herrn Mandl kann man schwer an den Leib. Allzu krasse Formen der Ausbeutung, wie sie tm Falle der Honorarberechnung, der Schlafstütten und eigenmächtiger Verpfändung des einzigen armseligen Fahrnisse des Emigranten getrieben wird, können bei strenger Ueberwachung auch hierorts unmöglich gemacht oder erschwert werden. Gänzlich wird man auch damit Herrn Mandl und seinen Agenten das Handwerk , nicht legen. Gründlich vermag dies Aufklärung der Emigrationsgegendcn und die Errichtung eines Auswanderungsamtes, das schon so oft angeregt wurde. Die hebräische und Jargonpresse sollte immer wieder vor jenen Reisewegen warnen, die normalerweise nicht gewählt werden und ans denen die Auswanderer mtr skrupellosen Geschäftsleuten in die Hände fallen. Der Weg über Brünn gehört dazu. Die Brünner liberalen Herren mögen sich damit begnügen, die Gefahr der Einschleppung infektiöser Krankheiten durch sanitäre Maßregeln verhütet zü haben. Für sie ist damit die Frage wohl erledigt. Aber Pflicht der jüdischen Kreise ist es, die jüdischen Auswanderer selbst vor so unerhörter Ausbeutung und Schädigung ernsthaft und dauernd zu schützen. Sie treten ihre traurige Wanderfahrt nicht.an, damit Herr Mandl und Konsorten sich die Taschen füllen und mit den letzten Hellern dieser vor dem Hungertode fliehenden Paupers sich bereichern. Die Brünner Juden müßten und könnten, wenn sie ihre Pflicht tun, verhindern, daß „die von der Route der Auswanderer abseits gelegene Stadt mit den Segnungen eines solchen Bureaus bedacht werde. Sogar der „Tagesbote" will es! Dann ist's aber auch schon zu arg und Abltjffe dringendst nötig. B r ü n n. Rudolf Nassau. Vermischte Nachrichten. PrämienverteiLung an die Handwerksgehilfen und -Lehrlinge bei der 15. ordentlichen Generalversammlung des Vereines zur! Hebung der Gewerbe am Samstag den 29. April 1905. Nachdem der Präsident des Vereines Herr B r o d in einer ernsten Ansprache die Segnungen der Arbeit hervorgehoben, betraten die zu prämiierenden 2 0 G e h i l f c u und Lehrlinge im Arbeitsgewande den Versammlungssaal und nahmen die aus Sparkassabüchern von je 20—60 Kronen bestehenden Prämien für deren vor dem Handlverkerverein und dem Arbeitsnachweise, dein Gewerbevereinsvocstande nachgewieseneir Eifer und besonderen Fleiß entgegen. Vorstandsmitglied W e r t h e i m erstattete Bericht über die von ihin vorgenommcnen nochinaligen Recherchen der Empfohlenen. Einer der Prämiierten sprach im Namen aller Ausgezeichneten dem Vereine zur Hebung der Gewerbe und dessen Leitung den Dank aus. Wer diesem Akt anwohnte, wird denselben in Erimierung behalten. Im Namen des Kultus- Vorstandes war Herr kais. Rat Wilhelm P o ll a k, für den Handwerkerverein Herr Ober- Jngenietlr Felix Reifer anwesend, viele Industrielle, lute Tiller, Quittner, Frankl nsw., bemerkte mcm unter den Gästen. Die Prämiierten sollen hier nochmals angeführt werden. Es sind dies die Lehrlinge: Sigmund Hirsch bei Ignatz Hecht, lithographische Anstalt: Samuel Augenblick, bei Josef Wrba, Tischlermeister; Salomon Kaufmann, bei Artur Grab, Bau- und Kunstschlosser; Oskar Hirschler, bei M. Spitzer, Silberkettenfabrikant; Hermann Jellinek, bei Pinkas Juhn, Bäckermeister; Jakob Epstein, bei A. Schlesinger, Schuhmacher; Julius Berger, bei Jakob Engel, Goldarbeiter; Siegfried Pietzncr, bei Josef Seßler, Installateur; Abraham Nußhaum, bei I. Sinek, Lcdergalanteriewarenerzeuger. Die Gehilfen: Alois Goldstein, bei Moritz Tiller & Eo., Schneider und Uniformierungsanstalt; Siegfried Diamant, Maschinist bei Josef Kowanitz, Bettfedernfabrik; Friedrich Stwcrtka,Schlosser, seit 12 Jahren in den Werkstätten der Kaiserin Elisabeth-Westbahn; Manes Schrenzel, Drechsler, seit 21 Jahren bei Jg. Großmann sen., Dainpfsägebesitzer; Samuel Hammerschlag, Maschinenschlosser, seit 24 Jahren bei 0er k. k. priv. Südbahn-Gesellschaft; Eduard Flügelmann, Gerber, seit 24 Jahren bei Gerhardus & Söhne, Lederfabrik; Emanuel Prager, Gelbgießer, seit 22 Jahren bei Schweiger & Foest, Metallwarenfabrik; Eduard Fischer, Glaser, seit 16 Jahren bei Jakob Kohn, Bau- und Portalglaser; Hermann Fried, Monteur, bei S. Brod & Co., Installateure für Gas-, elektrische und Wasserleitung; Leopold Weiß, Schlosser, seit 26 Jahren bei Josef und Leopold Quittner, Eisenmöbelfabrikanten. Sodann erstattete der Präsident den ausführlichen Jahresbericht, der eine reiche Fülle von Leistungen des Vereines im letzten Vereinsjahr aufwies. Allseitiger und wiederholter Beifall folgte demselben. Der Kassenbericht, vom Vorstandsmitgliede Herrn S. Steiner erstattet, wurde ebenfalls mit Anerkennung entgegengenommen. Nach sehr interessanten und lebhaften Debatten wie auch Anregungen für die Zukunft wurde zur Wahl geschritten. Der bisherige Präsident Brod wurde per acclamationem wiedergewählt. Mit Stimmzettel wurden folgende Herren in den Vorstand gewählt: Hermann Beck, Firma Beck & Sohn, Uniformierungsanstalt; S. Friedmann, Installateur; L. Guttmann, Fabrikant; Alfred Kisch, Buchdrucker; Ignaz Klein, Mieders rbrikant; S. Mayer, Kammfabrikant; Ferdinand Pick, Spänglermeister; I. Nosenthal, Rollbalkenfabrikant; Friedrich Schön, Architekt; S. Steiner, Tonwarenfabrikant; Mar Makler, bgl. Anstreichermeistcr; Leopold Walter, Eisenmöbelfabrikant. An der Debatte beteiligten sich die Herren Ingenieure Schwadron und Löwenstein, Siegfried Beer, Beck, Böhm, Friedmann, Jakabsohn, Klein, Kolben, Kornmehl, Löwy, Spiegelmann, Spitz, Steiner, Wertheim nsw. Wie». (Israelitische Kultusgemeiude.) Der Kültusvorstand bringt hiermit zur Kenntnis, daß in Gemäßheit des §01 des Statutes der israelitischen Kultusgemeinde Wien die Rechnungsabschlüsse über die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgcmeinde und sämtlicher unter Gemeindeverwaltung stehender Fondes und Anstalten für das Jahr 19 >4 vom 24. April ab, durch 14 Tage im Sekretariate (l. Bez., Seitenstettengasse 4, II. Stock) zur Einsicht der Gemeindemitglieder aufliegen. Die Gemeindemitglieder sind berechtigt, innerhalb dieser Frist ihre Erinnerungen schriftlich eiuzubringen. Die öffentliche Vorstandssitzung zur Erledigung der Rechnungsabschlüsse wird auf Sonntag den 14. Mai 1905, vorm. 11 Uhr, Sitzungssaal der israelitischen Kultusgemeinde, 1., Seitenstettengasse 4, II. Stock) anberaumt. Wien. Literarischer Geselligkeitsverein jüd. Mädchen „Moria". Sonntag den 7. Mai 1905 findet iiu Kongreß-Saal, IX, Türkenstraße, ein Vortrag des Fräulein Thekla Blech über „Maxim Gorki" statt. Beginn 8'/, Uhr nachmittags. Gäste herzlich willkommen. Krakau. Bei der vorige Woche stattgehabten Ersatzwahl wurde Herr Dr. Samuel Tiles zum Präsidenten der Krakauer Kultusgemeinde gewählt. Herr Tiles steht erst im Alter von vierzig Jahren, doch werden ihm viele Vorzüge nachgerühmt, welche ihn zum Leiter einer solch ansehnlichen Gemeinde vollständig eignen und welche zur Hoffnung berechtigen, daß es dem neuen Präsidenten gelingen werde, seine Gemeinde einer gedeihlichen Entwicklung zuzuführen. Prag. (Todesfall.) Am 2. d. M. verschied hier au Herzschlag der angesehene Großindustrielle, Seniorchef der Firma M. Fischls Söhne in Prag, Herr Siegmund Fischl im Alter von 58 Jahren. Der Verstorbene, der Zensor der österr.-ungar. Bank und der böhmischen Sparkasse hat sich auch als Vizepräsident der Sektion Prag des Bundes österr. Industrieller große Verdienste erworben. Sein Leichenbegängnis fand am 4. o. M. unter überaus zahlreicher Beteiligung aller Gesellschaftskreise statt. Wien. (Todesfall). In Meran ist am 2. d. M. nach längerem, schwerem Leiden der Direktor des Wiener Bankvereines, Herr Moritz Bauer gestorben. Direktor Bauer, der im Jahre 184-0 zu Augsburg geboren wurde, war seit dem Jahre «880 als Direktor des Wiener Bankvereines tätig. Die Wiener Finanzwelt verliert in Direktor Moriz Bauer einen ihrer t chtigsten und geschicktesten Ftnan-polttiker. Beilage r«r nächsten Nummer: „Synagoge, Schule «nd Sana".

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