Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2432763-2433077-2433095--2961-2436874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Auswanderung und Kolonisation. Verlage za Nr. 18 des „Jüdisches Volksblatt". Palästina oder Autonomie.? Von Davis Trietfch. Wenn sich in den letzten Jahren durch die rege Propaganda der Zionisten die Meinung hcrausgebildct hatte, daß in diesen: Lager die jüdischen Palästinabestrebungen den entschiedensten Ausdruck, ja eine 'fast aggressive Form gefunden hatten, so war der letzte Zionistenkongreß in Basel geeignet, diese Ansicht ganz nnd gar zu erschüttern. Schon vorher hatte sich nahezu allgemein in den Reihen der Zionisten der schwere Irrtum eingebürgert, als wäre Palästina ohne einen Charter kein Feld zionistischer Tätigkeit. Aber wenigstens war man doch der Ansicht gewesen, daß man dann aus Palästina. lvarten müsse und daß alles zu bekämpfen sei, was auf andere Konzentrationen oder auf weitere Zerstreuung der Juden hinausliefe. Jetzt aber hieß es plötzlich, auf einen Charter für Palästina sei in absehbarer Zeit nicht zu rechnen, und man müsse daher auf andere Lösungen in anderen SBeltgegenbcn sinnen! Und es fand sich eine Majorität, die zwar diese Schwenkung noch nicht definitiv akzeptierte, aber doch den nächsten Kongreß autorisierte, über den Vorschlag einer autonomen Siedlung in Britisch-Ostafrika abzustimmen. Ja, man war sich nicht einmal darüber klar, daß ein solcher Beschluß gar nicht von einein auf dem Baseler Programm stehenden Kongreß gefaßt werden durfte, daß er eine Verletzung sozusagen des „organischen Statuts" darstellte. Es war ganz falsch, zu sagen, daß der Kongreß Herr seiner Beschlüsse und auch seiner Programme sei. Eine Organisation oder eine Gesellschaft, die statutarisch für einen bestimmten Zweck gegründet wurde, darf von diesem nur dann abweichen, weim im ursprünglichen Statut ein Modus vorgesehen worden ist, etwa im Falle der Unausführbarkeit nnd nach einer bestimmten Zeitgrenze einen anderen Zweck durch ein bestimmtes Mehrheitsvotum zu substituieren. Wurde eine solche Bestimmung nicht von vornherein getroffen, so ist sie nachträglich in keiner Weise als durch einstimmigen Beschluß herbeizuführen. Kann eine Einstimmigkeit nicht erzielt werden, so hat entweder die andersgesinnte Partei, selbst im Falle, daß sie die denkbar größte Mehrheit sei, sich der Meinung der Minderheit zu fügen, weil eben die Minderheit auf dem Boden des Programmes — des organischen Statutes — steht, oder aber die Majorität, und sei sie auch noch so groß, inag eine neue Organisation schaffen, hat aber unter allen Umständen der programmtreuen Minorität die Verfügung iiber alle, mrf Grundlage des alten Programms zustande gekommenen Machtmittel der Organisation zu überlassen. Das betrifft auch nicht etwa allein die Fonds, sondern auch die Presse rmd den gesausten Arbeitsapparat der Organisation. Nun ist freilich gesagt worden, daß der nächste Kongreß nur darüber befinden sollte, inwieweit die zionistische Organisation als solche sich mit der Ugandafrage befassen solle oder dürfe, ohne daß damit das Palästinaziel aus dem Auge verloren werde, aber bei klarer Prüfung tritt der Gegensatz zur zionistischen Idee auch hierin schon genügend zutage. Das zionistische Progrannn hat nicht nur einen Z w e ck aufgestellt, sondern auch die M i t t e l zum Zweck aufgezählt, und unter keinen der dort genannten Punkte läßt sich eine — wenn auch nur vorbereitende oder provisorisch gemeinte — Kolonisation in Uganda einstellen. Wenn das nicht ganz absolut klar wäre, so könnte man Mittel finde::, run es klarzustellen. Man brauchte z. B. nur eine Art Schiedsgericht einzusetzen, das aus urteilsfähigen und nicht voreingenommenen Männern zu bestehen hätte; die würden schnell das herausfinden, wofiir das Urteil von in der Partei stehenden Leuten vielleicht nicht einwandfrei genug ist. Aber es gibt im vorliegenden Fall einen noch einfacheren Weg, um festzustellen, was in: Sinne der zionistischen Bewegung liegt und was nicht. Man braucht nur in der „Welt", den: offiziellen Organ ver zionistischen Partei, nachzulesei:, was dort geschrieben wurde, als vor einigen Jahren (aus denselben Gründen, aus denen uns jetzt Uganda empfohlen wurde) eine großangelegte jüdische Kolonisation in Cypern befürwortet wurde. Damals war — in bedauerlicher. Unkenntnis der großen Nähe und sonstigen Eignung Cyperns nnd in totaler Verkennung des auch in: zionistischen Sinne konzentrischen Charakters einer solchen Koloiüsation — mit großer Schärfe der Gegensatz hervorgehoben worden zwischei: einer Tätigkeit in Palästina und einer solchen „in Argentinien, an: Nordpol oder sonst irgendwo". Wohlverstanden: der Gegensatz! Das zionistische Programm, das vielen so klar schien und jetzt fast allen so unklar geworden ist, wird, wie nur scheint, denen, die an ihn: festzuhalten vermeinen oder wünschen, erst wieder beigebracht lverdcn müssen. Und wenn die einfache Fassung, die allen geläufig oder doch bekannt war, nicht ausgereicht hat. um vor schweren Zweifeln und Mißverständnissen zu bewahren, so wirdFs vielleicht sehr nützlich sein, hinzudeuten nicht nur auf das. was es will und sagt, sondern auch auf das, was es nicht will und nicht sagt. Hier eine solche Untereinanderstellung mit den für die zionistische Landfrage in Betracht kommenden Programmsätzen: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung ei::er öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Von den in diesem Satze vorkommenden Begriffen ist der bei weitem deutlichste, ja fast der einzige präzise: „in Palästina". „Zur Erreichung dieses Zweckes nimmt der Kongreß folgende Mittel in Aussicht: 1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden." Wenn obiges der Zweck war, so werden nun die Mittel umschrieben: Um eine öffentlich-rechtliche Heimstätte in Palästina vorzübereiten (also vorher!), soll die Besiedlung Palästinas (nicht irgend welcher ferner Länder!) gefördert werden . . . „4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, welche nötig sind, un: das Ziel desZionismus zu erreichen." . . . und auch die Zustiinmung der Regierungen soll für die Heimstätte in Palästina nachgesucht werden. Die Zustimmung für irgend ein anderes, fernes Land ist nicht akzeptabel, und man hat nie an etwas derartiges gedacht. Man kann also nach alledem nicht sagen, daß jedes Mittel, von dem irgendwer sich einen Vorteil für die Palästinasache verspricht, zionistisch diskutabel sei. Der palästinensnsche Zweck soll mit palästinensischen Mitteln erreicht werden — mit Hilfe von Mitteln, die mit der Palästinasache in direkterem Zusammenhänge stehen als etwa ein Nachtasyl in Uganda oder eine Kolonisation in Argentinien, von der ja auch viele sagen, daß sie eine Vorstufe zun: Palästinawerke sei. Trotzdem diese letztere Ansicht sogar von Männern wie Colonel Goldsinid geteilt wurde, ist die argentinische Kolonisation iminer als ettvas dem Zionismus diametral entgegengesetztes bezeichnet und bekämpft worden. Im Falle von Argentinien war rnan sich immer klar, daß solche „Jrgendwo-Projekte" eine weitere Zerstreuung im Gegensätze zu der Sanuulung bedeuten, wie die „Palästinenser" sie anstreben. Und diese Stellungnahme der Zionisten war berechtigt und behält ihxe volle Berechtigung, auch nachdein sich ganz kürzlich herausgestellt hat, daß Baron Hirsch zum Zwecke der Konzentration der Judenwanderung den Argeutiuaplan in Angriff genommen hat und daß er ebenso gerne für Palästina zu haben gewesen wäre, hätte man ihm nur eine Durchführungsmöglichkeit zeigen können! (nach der „Welt" und zahlreichen anderen Blättern). Es konunt mehr darauf an, was wir tun als darauf, was wir uns dabei gedacht haben. Man n:öge noch so sehr „irgendwo" — z. B. in Argentinien oder in Uganda — „provisorische" Kolonisation zu treiben glauben, die Entwicklung der Dinge fragt nicht darnach, was ihr dainit habt erreichen wollen, sondern die Entwicklung ergibt sich aus den Tatsachen, die sie vorfindet und die ihr geschaffen oder nicht geändert habt. Der Jude, den ihr nach Argentinien oder nach Uganda gehen lassen werdet — der wird, wenn's ih:n gut geht, nach Hause schreiben, daß feine Verwandten und Freunde ihm Nachfolgen sollen, und wird sich nicht darum kümmern, daß nach eurem Plane die Späteren „gen Zion wallen" sollten. Und wenn ihr nach einer „provisorischen" Uebersiedlung für die Späteren die Heimstätte in Palästina geschaffen habe:: werdet und wenn diese Späteren dann vor der Wahl stehen werden, ob sie ihren Freunden und Verwandten, denen es in Argentinien oder in Uganda gut geht, dorthin folgen sollen, oder euch, um sich in Palästina eine Existenz neu zu erkämpfen, so stellt ihr sie vor eine schwere Wahl, die gar nicht ohne Schaden für eure zionistische Idee entschiede:: werden kann . . . denn selbst in den: für euch besten Falle wäre fern vom jüdischen Zukunftsland eine kulturfchaffende^ Gegenwartsarbeit geleistet worden, wie ste immer und überall mit der Begründung von Existenzen verbunden ist. Von dem Falle, daß es den „irgendwo" Angesiedelten nicht gut, sondern schlecht gehen könnte, wollen wir dabei lieber gar nicht reden. Ihr hättet zu gewärtigen, daß euch eure politischen und sonstigen Gegner die „Opfer" eurer Jrrtümer vorzählen werden — wirkliche Opfer, wenn wirklich Jrrtümer vorkamen, und im anderen Falle vielleicht konstruierte! Denn in: Kampfe — auch der Meinungen — ist vielen Leuten jedes Mittel recht, und ihr begebt euch eurer Starke, sobald ihr die unverrückbare Landbasis des Zionismus verlaßt (bei der die Massen mit euch sind und mit euch sein werden trotz vieler Rückschläge), . . . sobald ihr euch auf „Jrgendwo-Abenteuer" einlassen werdet, wie die Gegner, die ihr dafür so scharf bekämpft habt.*) Aber wir wollen von dieser Mahnung zu einer neuen Attacke auf die Idee der „Jrgend- Wo-Autonomie" übergehen. Denn diese unglückselige Idee würde noch nicht einmal :nit den: Ugandaplane fallen — und ob der gefallen ist, steht gar nicht einmal so fest — und sie kann gar nicht „tot genug geschlagen" werden. So weit war ich gekommen, da kamen die Berichte von dem jüngst in Wien zusammengetretenen sogenannten kleinen Kongreß und — fast zu meinem eigenen Erstaunen — sah ich: „Uganda" lebt noch. Ich hatte das vom „Totschlägen" streichen wollen — so bildlich das auch gemeint war — jetzt aber muß es bestehen bleiben und gar noch unterstrichen werden. Es ist denn doch ein starkes Stück, daß die zionistische Gefolgschaft das Grundprinzip des Zionismus derart wenig begriffen haben foll. Aber da es offensichtlich so ist, so wird man sich schon die Mühe geben müssen, den Herren Ja-Sagern (Ja- und Amen-Sagern, wie sie jemand genannt hat) das zionistische Grundprinzip erst zu erklären — und in einer ande- *) Diese Meinung, daß die Stärke des Zionismus in der Nnverrückbarkeit seiner Forderung eines ganz bestimmten Landes liege, bat besonders auch Dr. Max N o r d a u bei früherer Gelegenheit gegenüber gewissen Vorschlägen einer Erweiterung der Landbasts mit aller Schärfe betont. Er war bekanntlich auch gegen Uganda („der erste Neinsager"!). Trotzdem hat er freilich auf dem letzten Kongresse wie kein anderer die Neinsager — seine dialektisch allenfalls schwächeren Gestnuugsgenossen — ad absurdum zu führen gesucht.