Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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JNr. 18 Jüdisches Volksblatt Seite ü bleiben wollten, gefügig zu machen und für die Deutschen zur Urne zu bringen. Der unsinnige, unverschämt rückschrittliche Wahlmodus — es wird im dritten Wahlkörper die ganze Woche hindurch und unendlich gewählt! — ist wie geschaffen, die Wähler dem Terrorismus der Parteien auszusetzen. Die Machtmittel der Gemeindeverwaltung und der Druck der deutschjüdischen Macher auf die jüdischen Wähler waren stärker als die Drohungen und terroristischen Mittel der Opposition. Die Ostrauer Juden werde:: von einer streberischen Kapitalisten- und Advokatenklique beherrscht, die den paar Ausschußmandaten zuliebe die wirtschaftlichen Interessen des jüdischen Mittelstandes skrupellos aufs Spiel setzt. Wenn sie nur Stelleir erjagen und ihr Geschäftchen dabei machen! Diese Ostrauer Wahl könnte für uns Jüdischnationale manche gute Lehre zeitigen. Vor allem hat es sich gezeigt, daß die bisherige zionistische Arbeit in Mähr. Ostrau keinerlei praktische Erfolge in der jüdischen bürgerlichen Bevölkerung hatte und den Ostrauer Zionisten jeder Kontakt mit der jüdischen Masse und jeglicher politischer Einfluß mangelt. Es wird nicht anders werden, so lange man nur in den „oberen" Schichten wirkungslose Schcinagitation treibt und dort nationale und gesellschaftliche Stützpunkte sucht, denen zuliebe dann auf unbequeme öffentliche Betätigung und Bekämpfung verzichtet werden muß. Kommerse, Tanz-, Theater-, Gartenfeste allein bringen die jüdischnationale Propaganda nicht vom Fleck. Und noch eines: Cs muß in Mähren das erste wirtschaftliche Postulat jüdischnationaler Realpolitik werden, durch Schaffung eines reinjüdischen Kreditinstitutes dem jüdischen Mittelstände in politischnationalen Kämpfen eine neutrale Zwischenstellung zu ermöglichen. Solchem Wahlterrorismus, den darauffolgenden politischen Fehlern und wirtschaftlichen Folgen ist sonst schwer vorzubeugen. Eine starke, zielbewußte, jüdischnationale Organisation — das ists, was uns in Mähren allerorten nottut. * * * Eine Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes, die vor einigen Wochen über das Wahlrecht der Jsraelitengemeinde Austerlitz gefällt wurde, kann bei den nächsten großen Wahlen in der Abgrenzung der Wahlkreise sehr einschneidende Aenderungen zur Folge haben, da ihr entsprechend die Jsraelitengemeinde:: nicht mehr in der Städtekurie, sondern mit den Landgemeinden zu wählen haben. Ihre nationale Stellung fällt da fast garnicht ins Gewicht. Vom Standpunkte der jüdischnationalen Politik, die seit Jahren politische Neutralisierung der mähr. Juden in: nationalen Kampfe fordert, ist die Aenderung nur zu begrüßen. Je weniger die Stimmen der Juden in den nastattgefunden zu haben und die Reste dieser blonden, langschädligen Europäer sind eben die 117° blonder Semiten. Auf den Wert der Schädelmessungen für rassenanthropologische Untersuchungen übergehend, bedauert der Vortragende, daß es so schwer sei, eine entsprechende Menge jüdischer Schädel zur Verfügung zu bekommen. Die aufgeklärten Jüdengeineinden müssen darin wetteifern, möglichst viele Schädel den Museen zu übergeben, anstatt sie ohne Nutzen für die Wissenschaft vermodern zu lassen. Dem Fanatismus der sogenannten Nassenjuristen hält der Vortragende die Erfahrungen der sinngemäßen Rassenmischung entgegen; für deren Bedeutsamkeit spreche am besten das hohe Niveau der heutigen Juden, die das Produkt einer derartigen Nassenmischung seien. Das bekannte Wort Renans von der Inferiorität der semitischen Rasse zitierend, erzählt Dr. Luschan, daß er Renan in seinen späteren Jahren gekannt habe und versichern könne, daß der große französische Gelehrte diesen seinen Ausspruch auf das tiefste bereut habe. Hätten doch die Semiten schon in den ältesten Zeiten hervorragende Kulturschöpfungen vollbracht und seien sie doch die Träger einer glänzenden Kultur gewesen, als in Europa die Macht des Mittelalters herrschte. Zum Schluffe gibt der Vortragende der Hoffmmg Ausdruck, daß auf den Schlachtfeldern von Ostasien für die russischen Juden die Morgenröte der kommende:: Freiheit geboren werden wird. Bisher habe der in Rußland auf 'den Juden lastende starke Druck jegliches Kultionalen Wahlkämpfen ausschlaggebend sinjd, je seltener sie Gelegenheit haben, sich in den Besitzstand zwischen Deutschen und Tschechen für erstere zu engagieren und zu exponieren, desto besser wohl für sie. Es wäre übrigens falsch, diese Jsralitengemeinden, deren Vereinigung mit den benachbarten Ortsgemeinden nur eine Frage der Zeit ist, um jeden Preis erhalten, sie als ein Stück jüdischer Tradition und Geschichte betrachten zu wollen.- Die vollständig gesonderten Judengemeinden in Mähren sind in ihrer heutigen verwaltungsrechtlichen Gestalt durchaus nicht die Fortsetzung der alten Judenkommunitäten, sondern ein neuzeitliches Gebilde, seit dem Jahre 1849 bestehend. Auch die Legalität ihres Bestandes ist bestritten. Schon in: Jahre 1877 hat der Verwaltungsgerichtshof in den Entscheidungsgründen zu einen: aus Anlaß der ci »gebrachten Beschwerde wegen der Gemeindeausschußwahlen der Christengemeinde Gaya gefällten Erkenntnis ausgesprochen, daß die Jsraelitengemeinde Gaya keine Katastralgemeinde bildet, daher vor dem Gesetze keine Judengemeinde Gaya besteht. Die Jsraelitengemeinde Gaya wurde nämlich im Jahre 1860 konstituiert, entgegen den Bestimmungen des § 1 des Gemeindegesetzes vom Jahre 1849, welches unter Ortsgemeinde mindestens die als selbständiges Ganzes vermessene Katastralgemeinde versteht. Wie Gaya bilden übrigens auch viele andere Jsraelitengemeinde:: Ortsgemeindei: ohne ein physisch abgcgreNztes Territorium, d. h. sie bestehen illegal. Ihre Erhaltung verdanken sie den politischen Verhältnissen im Lande und dem Umstande, daß die Deutschen in der Stadtkurie die Wahlhilfe der Judengemeinden brauchen. Als auf Grund der in oberwähnter Entscheidung ausgesprochenen Rechtsanschauung mehrere Mitglieder der israelitischen Örtsgcmeinde Gaya um Auflösung der politischen Judengemeinde Gaya als einer gesetzwidrigen einschritten und der mährische Landesausschuß einen Gesetzentwurf für den mährischen Landtag zur Beseitigung der Illegalität vorbereiten sollte, hat dieser in seiner Majorität deutsche Landesausschuß dies abgelehnt. Die Gründe sind durchsichtig genug. Im Jahre 1888 haben die Jsraelitengeineinden auch den Reichsrat beschäftigt. Gegen die Wahl des Abgeordneten Rudolf Auspitz in dem Städtewahlbezirkc, dem die Judengemeinden von Nikolsburg, Lundenburg, Straßnitz, Austerlitz, Kanitz, Pohrlitz, Gaya angehörten, deren Wähler den deutschen Wahlsieg entschieden, waren Wahlproteste eingebracht worden, welche das Recht dieser Wähler, in den Sladtgemeinden zu wählen, bestritten, während der Legitimationsausschuß die Judengemeinden als integrierenden Beturstreben unterdrückt. Gerade unter den östlichen Juden, seien aber vielleicht die kulturfähigsten Elemente zu finden und man dürfe hoffen, daß auch sie bald vollwertige Westeuropäer werden würden. Der Vortrage betont, daß man die antisemitische Bewegung mit Recht als eine kurzsichtige und rohe bezeichnet habe: die Ergebnisse der rassenanthropologischei: Untersuchungen zeigten auch, daß die Bewegung als anti semitisch auch unter falscher Flagge segle. Knnstnachricht. Die Malerin Frau Manzi Kestel-Baner, die durch das im jüdischen Museum ausgestellte Sulzerb-ild so anevkenneuswerte Beweise ihres künstlerischen Könnens geliefert hat, erhielt vor einiger Zeit den ehrenvollen Auftrag, das Bild des Obersthofmeisters des Erzherzogs Rainer, Exzellenz Grafen Orsini-Rvseüberg, zu malen. Das Bildnis fand vollste Anerkennung, die im nachfolgenden, an die Künstlerin gerichteten, überaus schmeichelhaften Schreiben zum Ausdrucke kau:: Der Obersthofmeister Sr. k. u. k. Hoheit des «durchlauchtigsten Herrn Erzherzogs Rainer. Gnädige Frau! Erlaube mir beifolgend ein bescheidenes Andenken mit dem bester! Danke «für «das ausgezeichnete Bild, welches nicht nur mtr, «sondern auch allen anderen, welche es bisher geisehen haben, gefiel, zu übermitteln. Sollten Sie die Absicht haben, es im Herbste auszustellen, so steht es selbstverständlich zur Disposition. Nochmals herzlichsten DUnk, Ihr stets ergebener Nosenber g. standteil der betreffenden Städte erklärte. Der genannte Wahlkreis ist ein Unikum seiner Art, ein Musterbeispiel für Schmerlingsche Wahlgeometrie. Wenn demnächst, was die deutschen Juden in Mähren hinausschieben, jedoch niemals verhindern helfen können, die Landtagsmajorität den Tschechen zufällt, dann hat wohl auch den politischen Judengemeinden das letzte Stündlein geschlagen. Weder politische, noch nationale, noch wirtschaftliche Vorteile lassen ihren Weiterbestand besonders wünschenswert erscheinen. Als Ansätze einer nationalen Autonomie könnten sie manchen: erscheinen, aber das wäre eine schlechte Basis. Diese Gemeinden, in denen kein Verkehr herrscht, der Handel stockt, Grundstücke und Gebäude entwertet sind, die schon in vielen Fällen von einer nichtjüdischen Majorität bewohnt sind, in denen ein wirtschaftlich sehr schwaches jüdisches und christliches Proletariat sich kümmerlich fortbringt, mögen immerhin verschwinden. Sie sind wertloser, anachronistischer Ballast im jüdischen Gemeindelcben und in der Gerneindeorganisation des Landes. Im Wege der Landesgesetzgebung wird früher oder später die Auflösung der politischen Judengemeinde:: erfolgen: entweder wider Willen der Gemeinden, die wegen fragwürdiger Vorteile auf dem Gebiete der Gemeindelaste::, Schulen und dergl. sich dagegen sträuben, oder durch freiwillige Vereinigung.« —ß— Unter überaus zahlreicher Beteiligung der jüdischen Gen:einde Budapests und der zahllosen Verehrer und Freunde wurde Dr. K a y s e r l i n g vergangenen Montag in Budapest zu Grabe getragen. Die Zahl der Trauergäste wurde auf fünszigtausend geschätzt. Vertreten waren außer den Verwandten der Vorstand der Pester Kultusgemeinde, Chcwra-Kadischa, die Haupt- und Residenzstadt Budapest, die israelitische .Landeskauzlei, das Rabbinerseminar, viele auswärtige Kultusgenreinden, humanitäre Vereine usw. Die Wiener Kultusgemeinde war durch Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang und den ersten Sekretär kais. Rat Dr. Theodor Lieben vertreten. Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang hielt an der Bahre des Verblichenen folgende Trauerrede: „Im Namen und im Aufträge der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verleihe ich der tiefen Trauer um das Ableben des verblichenen Seelenhirten und hervorragenden Gelehrten inniglichen Ausdruck. Ich kann die Empfindungen Aller beim Vernehmen der Trauerbotschaft in die Worte des Dichters des hohen Liedes fassen: „Mein Freund stieg hinab in seinen Garten, in die duftenden Beete, Lilien zu pflücken"; denn dieser Satz wird von den Weisen auf Gott gedeutet, der die Gelehrten und Weisen aus den: irdischen Leben in die Ewigkeit ruft. Der Abschiedsgruß gilt dem geliebten Lehrer dieser großen Gemeinde, dessen Leöensprogramm und Wahlspruch sich kurz in den Worten ausdrückt: „Ich gehöre meinem Freunde, meinem Gott, und mein Freund nur." Sein Charakterbild und Wesen kann ich nach dem einmaligen, aber unauslöschlichen Eindrücke schildern, den der teure Verblichene in jener ernsten Stunde auf mich gemacht hat, als er an der Bahre des unvergeßlichen großen Rabbi Aron Jellinek stand. Es ist am besten dargestellt durch das Wort der heiligen Schrift, mit dem der hohepriesterliche Dienst eingeleitet wird: „Kein Mensch war im Stiftszelte, wenn der Hohepriester kam, den Sühnedienst in: Heiligtun: zu verrichten, bis er es verließ; er sühnte für sich, sein Haus und die ganze Gemeinde Israel." Ebenso wie nichts Menschliches dem edlen Verstorbenen fremd gewesen ist, hat nichts Menschliches seinen heiligen Dienst gestört oder getrübt. Er hat ihn verrichtet zu seiner Ehre, zun: Glücke seines Hauses und zum Ruhn:e der ganzen Gemeinde Israel. So wie es vom Hohepriester heißt: „Er nahm die Pfanne, gefüllt mit feurigen Kohlen, von dem Mare, der vor Gott stand, und füllte seine Hände mit duftigem Räucherwerk", so hat dieser edle Priester