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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 18 4. Stellungnahme zum VH. Kongreß, Ref. Herr A. F11 u b, Wien, Korref. Herr I. Resek, Prag. Ü. Der Nationalfonds und seine Verwendung, Res. Herr Dr. H. Benedikt, Wien. 6. Stellungnahme zur Frage der innerpolttischen Betätigung, Ref. Herr Dr. Egon Z >v e i g, Korres. ein noch za bestimmender Redner. III. 1. Neuwahlen. 2. Bestimmung des Ortes für den nächsten Parteitag. Die Konferenz des großen Aktionskomitees, von welcher wir in unserer jüngsten Nummer berichteten, wurde auf den 22. d. M. verschoben. Wie bekannt wird, sollen sich mehrere Mitglieder des A.-C. gegen die Abhaltung dieser Konferenz in Wien ausgesprochen haben und erst nach längerem Kapazitieren gelang es, besonders die englischen Mitglieder dazu zu bewegen, diesmal noch nach Wien zu kommen. Ersatz für Uganda. Wir haben bereits vor Wochen berichtet, daß die englische Regierung sich geneigt erklärt hat, für den Fall, daß der Bericht der Uganda-Expedition ungünstig ausfallen sollte, den Juden ein anderes englisches Gebiet zur Verfügung zu stellen. Wie wir nun englischen Berichten entnehmen, liegt das fragliche Gebiet in W e st - A u st r a l i e n und ist bisher vollständig unbewohnt und unkultiviert. Die englische Regierung würde es nun gerne sehen, wenn, die Juden sich dort ansiedeln und den noch ganz jungfräulichen Boden kultivieren und sich in dieser vollständig verlassenen Gegend ansiedeln wurden. Das in Frage stehende Territorium soll siebenmal so groß sein als Palästina und würde für mehrere Millionen Menschen bequemen Platz bieten. Korrespondenten. Allerlei aus Mähren. (Wildgewordene liberale Gewerbetreibende in Brünn. — Zu den Genrcindewahlen in Mähr.- Ostrau. — Die politischen Judengemeinden.) In der Brünner Handels- und Gewerbekammer, deren Reichsrats- und Landtagsmandat stets unbestrittener liberaler Besitzstand waren, sind bisher auch jüdische Kandidaten, getaufte und ungetaufte, fast kampflos gewählt worden; die Wahlmacher — die in Brünn als „Rohrerklique" bekannte Gruppe — kommandierten, die .Kammermitglieder parierten Order. Auspitz, Gomperz, Dr. Licht kamen so als die Vertreter von Großkapital und Großindustrie in den Besitz sicherer Mandate. Die Wünsche und Forderungen der Gewerbetreibenden nach Berücksichtigung ihres Standes blieben unerfüllt. Es gärte deshalb Namen zu verdienen. Ihm kommt es zu, das Vortreffliche seines Gegenstandes (mag dieser nun Gestalt, Empfindung oder Handlung sein, in ihm oder außer^ ihm wohnen) von gröberen, wenigstens fremdartigen Beimischungen zu befreiet:, die in mehreren Gegenständen zerstreutenStrahlen von Vollkommenheit in einem einzigen zu sammeln, einzelne, das Ebenmaß störende Züge der Harmonie des Ganzen zu unterwerfen, das Individuelle und Lokale zun.i Allgemeinen zu erheben" usw. (Eottasche Ausg. von 1883, 4, 767). Diese Konfrontation, zu der noch der oben erwähnte Passus im 70. Stücke von Lessings /HamburgischerDramaturgie"h:nzugezogen zu werden verdient, ist ein drastischer Beleg dafür, in wie engen Beziehungen, trotz aller Abwandlungen und Erweiterungen, die Aestbetik unserer Klassiker mit der Mendelssohns sü.ht. Inwiefern Schillers kunsttechnischer Ausdruck „Komprehension", der in dem Aufsatze „lieber Matthissons Gedichte" eine Rolle spielt, mit Mendelssohnschen Schirl- und Schlagworten zusammenhängt, sucht R. Sommer (S. 129 f.) klarzustellen. Endlich sei noch der Hinweis gestatte, daß die Einleitungen der „Rhapsodie" von 1771 und des Aufsatzes „Heber die tragische Kunst", die beide von der angenehmen Wirkung der Affekte als solcher handeln, eine ziemlich auffällige Uebereinstimmung aufweisen. So viel auch beide Arbeiten den Dübosschen Lehren verdanken mögen, so ist doch mancher Gedanke der feit langem in ihren Reihen. Der langverhaltene Groll kam zum Durchbruche nach der letzten Wahl des Abg. Friedrich Singer, eines reichen Brünner Tuchhändlers, der im Jänner dieses Jahres das durch den Verzicht Baron Offermanns freigewordene Reichratsmandat erhielt, nachdem /er schon vor Jahren als Nachfolger des Abgeordneten Rudolf Auspitz in den Landtag gewählt worden war. Die beiden Kammermandate sind jetzt von Dr. Licht und H. Singer besetzt, so daß die deutschen Gewerbetreibenden des Kammerbezirkes abermals leer ausgehcn. Sie hatten die Wahl des Landesausschußbeisitzers Jelinek gefordert, eines Brünner Baumeisters und bekannten liberalen Parteigängers, und meutern ungeniert gegen die Brünner liberalen Machthaber, die ihnen einen als Großkapitalisten sehr unsympathischen Abgeordneten zum xtenmal aufoktroyiert hatten. Sein Judentum ist nicht geeignet, ihre Sympathien zu erhöhen und ihren Aerger zu dämpfen. Während vor einigen Jahren der von Wiener christlichsozialen Parteigrößen unternommene Versuch, in Brünn festen Fuß zu fassen, mit einem jämmerlichen Fiasko abschloß, ist es diesmal der altbewährten, ungeschickten Wahltaktik der Liberalen, die in der Geschichte ihres Niederganges ein unheilvoller Faktor war, gelungen, künstlich christlichsoziale Ideen unter die Gewerbetreibenden Brünns einzuschmuggeln und ihren Antisemitismus zu provozieren, dem sie nun in Fachversammlungen und Konveytikeln erregt Luft machen. Den günstigen Moment ausnützend, haben die Malkontenten unter der Patronanz eines Wiener antisemitischen Gewerbercttcrs ihre Sonderorganisation sich gegründet, einen Gewerbebund auf internationaler Basis, der den Brünner Parteiführern aus naheliegenden nationalen und politischen Gründen sehr unbequem und gefährlich dünkt. Ihr „Tagesbote" hat in einem geharnischten Leitartikel die Sezessionisten der persönlichen Streberei und des nationalen Verrrates bezichtigt. Um den Sturm zu beschwören, hat Herr Singer das Landtagsmandat niedergelegt, das nun als Köder den Gewerbetreibendenüberlassen werden soll. Sehr schlau! Aber die wachsende Unzufriedenheit ist damit nicht gebannt. Die Zünftler wissen, daß für sie im Landtag nichts zu holen und nur das Abgeordnetenhaus fruchtbaren Boden für ihre sozialpolitischen Wünsche und Schmerzen ist. Es wird auch in diesem Falle nicht so heiß gegessen werden, als es gekocht wird. Die nationale Gefahr wird die Herrschaften wieder zusammenführen. Ein antisemitisches Residuum wird immerhin nach dem Mandatskriege Zurückbleiben. Die ganze Episode dieser Rebellion im Brünner liberalen Lager ist charakteristisch für die innere Kraft „Rhapsodie" neu und original, der sich nun in Schillers Abhandlung wiederfindet. Fr. Ueberweg („Schiller als Historiker und Philosoph", 1884, S. 173) findet, daß hier Schillers Darlegung „lebhaft an Aeußerungen Lessings in seinem Briefwechsel mit Mendelssohn erinnert; doch muß dahingestellt bleiben, ob Schiller dieselben gekannt habe." Ich meine, es wäre unbegreiflich, wie Schiller zu jenem Privatbriefe gekommen sein soll; wohl aber kannte er die „Rhapsodie", in deren Eingang jene Lessingschen Aeußerungen wiederholt und fruktifiziert werden. Die anthropologische Stellung der Inden. Am Mittwoch, den 26. April abends fand im Saale des Ingenieur- und Architekteuvereines ein vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstalteter Vortragsabend statt. Der Vortragende, Prof. Dr. v. Lus ch a u aus Berlin, verfocht die von den modernen Rassenanthropologen aufgestellte Theorie, daß die Juden eine semitische Mischrasse mit hethitischein Einschlag seien und daß es darum nicht angehe, die Juden in rassenanthropologischem Sinne kurzerhand n:it den Semiten zu identifizieren. Der Vortragende zeigte hierauf an der Hand von Lichtbildern das Vorkommen semitischer Typen schon auf altassyrischen Baudenkmälern. Nassen könne man nicht wie roten und loeißen Wein vermischen, so daß sie unlösdes deutschfortschrittlichen Parteigedankens und für den Liberalismus des deutschen Kleinbürgertums, der an einer Mandatsfrage Schiffbruch leidet. Und Brünn gilt doch als Hochburg dieses Liberalismus! Wenn so ein Mandat, einem in allen jüdischen Fragen völlig indifferenten Mann übertragen, für die Juden überhalkpt irgend welchen Politischen oder rationellen Allgemcinwert hat, — dieses Mandat des Herrn Singer ist für die Brünner Juden ein Danaergeschenk geworden. * * * Die Gemeindcwahlen in Mähr.-Ostrau, die mit einem „imposante:: Siege" der Deutschen — diese aufgebauschten deutschen „Siege" in Mährens gemischtsprachigen Städten sind immer verdächtig und die Vorboten des drohenden Falles — geendet haben, gaben der Boykottbewegung neue Nahrung. Unsere Juden sorgen von Zeit zu Zeit dafür, daß sie nicht im Sande verlaufe. Die tschechische Presse Mährens predigt wieder einmal in allen Tonarten den wirtschaftlichen Kampf gegen die mährischen Juden, welche den nationalen Bestrebungen der tschechischen Majorität hindernd im Wege stehen, und stellt den Grundsatz auf, Mähr.- Ostrau müsse durch geschäftliche Niederringung und Aushungerung der dortigen Juden erobert werden. Die letzten Wahlen haben den Tschechen eine arge Enttäuschung, ihren Wahlverbündeten eine Blamage gebracht. Die Tschechen haben trotz ihrem Wahlbündnisse mit den Sozialdemokraten, mit den jüdischen „Führern" Dr. Haas und Reiß, die im dritten Wahlkörper kandidierten, diesmal viel weniger Stimmen aufgebracht, als sie bei der vorletzten Wahl allein auf ihre nationalen Kandidaten vereinigten. Die beiden „Führer", die nach Meldungen tschechischer Blätter 400 jüdische Stimmen garantiert hatten und die jüdischen Kleinkaufleute eingefangen zu haben glaubten, haben 6 jüdische Stimmen der Opposition zugeführt!! Die Tschechen sind den Aufschneidern einfach aufgesessen. Mit Hohn weist ein Blatt darauf hin, daß es den jüdischen Kandidaten, die sich ' laut dem „Östravan" zu den führenden Stellen in der Opposition förmlich vorgedrängt haben, nicht gelungen ist, ihre nächsten Angehörigen für ihre Liste zu gewinnen. Ueberhaupt zeigt der Parteienmischmasch auf beiden Seiten, wie viel allzu Persönliches und Privatgeschäftliches bei diesen Ostrauer Gemeindewahlen mitspielte. Deutsche liberaler, völkischer und christlichsozialer Couleur, Juden mit berüchtigten Geschästspolitikern an der Spitze, Polen und abhängige Beamte auf der einen Seite — nationale Tschechen, jüdische Sozialdemokraten ohne Anhang und Einfluß, tschechische Sozialisten drüben. Die Rathauspartei hat mit Hochdruck gearbeitet, um die kleinen Juden, die neutral lich miteinander verbunden sind, n:einte der Vortragende. Eher sei durch die Rassenmischung das Gleichnis von einer Vermengung schwarzen und weißen Sandes anwendbar. Denn wenn auch der so durcheinandergemengte Sand eine homogene graue Masse darstelle, könne man doch, wenn man sich nur die entsprechende Mühe geben wollte, den schwarzen Sand wieder vom weißen sondern. Die vollkommene Vermischung der Nassen werde verhindert durch das Gesetz der Energie der Vere r b u n g; selbst latente Eigenschaften der Rasse vererben sich und man könne noch nach hunderten von Generationen die Elemente der Kreuzung erkennen. Es sei daher falsch, wenn man einfach, wie dies die früheren Anthropologen taten, eine Anzahl von Schädeln messe, das arithmetische Mittel bestimme und dies dam: als den Rassentypus aufstelle. Das sei etwa so, als ob man, weil das arithmetische Mittel der Temperaturen einer zentralasiatischen Steppe den: Mittel der Temperaturen einer stets gleich milden ozeanischen Insel gleich sei, sagen wollte, die Steppe und die Insel hätten das gleiche Klima. Der Vortragende beschäftigt sich hierauf mit der Erscheinung der blonden Jrrden und meint, in Vorderasien ließen sich etwa 11% blonder Typen feststellen. Man dürfe aber dieses Vorkominen blonder Typen nicht Zufälligkeiten, wie dein Einflüsse der Kreuzfahrten, dem häufigen Lqnden nordischer Seefahrer usw. zuschreiben. Denn schon in vortrojanischer Zeit scheinen große Einwanderungen europäischer Völker in Vorderasien

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