Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Jüdisches Volksblatt Seite '6 fluß eines chauvinistischen Treibens der Ungarn beherrschenden magyarischen Nationalität ist. Der Kongreß dürfte sich gehörig gegen die offenkundigen Ziele der magyarischen Reichstagsmehrheit kehren, die darauf hinausgehen, ein weiteres Mittel zu erlangen, um die gegen die Assimilation sich stemmenden Nationalitäten zu magyarisieren. Deutsche, Serben, Rumänen und Slowaken werden in den nächsten Tagen in Temesvar Zusammenkommen und werden laut ihren Protest gegen die beabsichtigten gewaltsamen Entnationalisierungsbestrebungen ihrer Volksgenossen seitens der ungarischen Parlamentsmehrheit erheben und der Sympathie und Unterstützung der Elemente, denen die Erhaltung der österreich-ungarischen staatlichen Gemeinsamkeit am Herzen liegt, sicher, werden sie dem Monarchen für seinen Standpunkt eine neue Stütze bieten. Auch Juden bewohnen das vom politischen Kampfe flammende Land. Und wenn sie auch ni ch t den Untergang einer besonderen nationalen Sprache durch die Einführung der magyarischen Sprache in der Armee zu befürchten haben, sie sollten doch nicht unbekümmert die jetzige Lage vorbeistreichen lassen. Die ungarischen Juden sollten sich auch endlich ihrer nationalen Eigenart bewußt werden und nur einer nationaljüdischen Politik ihre Kräfte leihen. Statt sie für ein fremdes Volk zu opfern, sollten sie dieselben für das eigene Volkstum aufsparen. Dann würden sie aus einen objektiveren Standpunkt gelangen, vor allem aber sich nicht dazu mißbrauchen lassen, einem Volksstamm auf Rechnung anderer Nationalitäten zur Herrschaft zu verhelfen. Dees. Politische Wochenschau. Das Schächtverbot wurde im Gemeinderat angenommen. Man merkte es allen Parteien an, daß ihnen dieser „leidige" Gegenstand viel Verlegenheiten bereitet hat. Lueger hat die Verantwortung für diesen unzeitgemäßen Beschluß auf diejenigen überwälzt, „die sich die Sache eingebrockt haben", während die jüdischen Gemeinderäte nicht recht wußten, wie sie eine Sache verteidigen sollen, von der sie selbst nicht viel halten. Mit Ausnahme des Gemeinderates Dr. Oskar Hein, dem wegen seines energischen, unerschrockenen Eintretens für die Ablehnung des Antrages das Wort entzogen wurde, haben die Verteidiger des Schächtens der Sache eher geschadet als genützt. Bielohlaweks Schweinskopf- Argument war leider zutreffend, aber nur für aber nicht rühren, unterrichten, aber das Gemüt nicht bewegen." Und eines der Mittel, unser Wollen und Sollen, unser dunkles Fühlen mit dem Erkennen des Guten und Wahren in Einklang zu bringen, sind die schönen Künste und Wissenschaften (2, 60 ff.). Oder kürzer in den „Hauptgrundsätzen": „Die Schönheit ist die eigenmächtige Beherrscherin aller unserer Empfindungen, der Grund von allen unseren natürlichen Trieben und der beseelende Geist, der die spekulative Erkenntnis der Wahrheit in Empfindungen verwandelt und zu tätiger Entschließung anfeuert" (1, 282T ' Ganz analog Schiller: „Der Weg zu dem Kopf muß durch das Herz geöffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil; sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zu Verbesserung der Einsicht erweckt." Das Werkzeug dazu aber ist, wie' der neunte Brief hinzufügt, die schöne Kunst. Und diese fruchtbare Gedankenreihe eröffnet wiederum eine neue Perspektive: so wie der Kantsche Rigorismus durch diese Vermählung des Sittlichen und Aesthetischen überwunden wird, so wird von beiden Philosophen auch auf rein ethischem Gebiete „die Notwendigkeit des Antagonismus von Pflicht und Neigung, welche Kant geradezu als Merkmal die Person des Herrn v. Goldsch m i d, nicht aber für die vielen Tausende, die durch das Schächtverbot getroffen werden. Die Gemeinde Wien wird diesen Unsinn noch sehr schwer zu büßen haben. In der Debatte wurde von gegnerischer Seite auch Potsdam als Beispiel angeführt. Wir möchten unseren Juden ebenfalls das Vorgehen unserer Potsdamer Stammesbrüder als nachahmenswertes Beispiel ans Herz legen. Sie. haben nach Annahme des Schächtverbotes in einer Sitzung des Kultusvorstandes beschlossen, daß fortan jeder Potsdamer Jude es sich, zur Pflicht machen müsse, nur geschlichtetes Fleisch, welches von auswärts zu beziehen sei, zu genießen. Ob unsere Juden auch so viel Selbstverleugnung aufbringen werden §1 * * * Die Juden in Ungarn erfreuen sich einer ganz besonderen Aufmerksamkeit der „Deutschvölkischen". So sehr auch alles, was diese Herren gegen die ungarischen Juden und die Magyaren zu sagen haben, maßlos übertrieben ist, haben sie doch die eine Tatsache richtig erkannt, daß die assimilatorischen Juden die agilsten und lautesten Propagatoren des magyarischen Chauvinismus sind. Es ist natürlich unrichtig, wenn die deutschnationalen „Neuen Bahnen" behaupten, die Juden hätten in Ungarn 37 Prozent des gesamten Grundbesitzes in Händen. Das ist ein blühender Unsinn, denn die Zahl der grundbesitzenden Juden ist auch in Ungarn eine verschwindend geringe. Beachtung verbieten aber die folgenden Aeußerungen des antisemitischen deutschnationalen „Grazer Tagblatt": „Der magyarische Chauvinismus bot den Juden eine schützende Umfriedung. Sie (die Juden) haben diesen Chauvinismus, wenn nicht selber gezeugt, so doch in allen Stadien gefördert und gereizt und dann beschützt und gesichert. Chauvinisten gibt es überall, sie können aber nicht den gesunden Sinn der anderen Leute betören, .weil die Tageskritik ihre Lächerlichkeit aufdeckt. In Ungarn selbst ist dies nicht geschehen md nach außen hin hat die Juden p p esse alle Ausdrücke des .Chauvinismus als berechtigte A e u ß'e r u n g e n gesunden N a t i o n a l g e f ü h l s ausgelegt und die Welt zur Duldung des Unerträglichen systematisch erzogen. So erklärt es sich, daß die „Neue Freie Presse" bisher in keinem Stadium der magyarischen Aufruhrpolitik die Interessen Oesterreichs vertrat und daß sie ebenso gern Franz Kossuth als Sieger begrüßte, wie sie Tisza, der nur langsamer dem gleichen Ziele zustrebt, bejubelte. Die „Neue Freie Presse" ist das magyarisch-chauvinistische Blatt für Wien. Nur im äußersten Falle warnt sie manchmal der Leser wegen in der moralischen Handlung erscheint" (Windelband 2, 253), verworfen. „Wenn auf das sittliche Betragen des Menschen", schreibt Schiller im vierten Briefe, „wie auf natürliche Erfolge gerechnet werden soll, so muß es Natur sein, und er muß schon durch seine Triebe zu einem solchen Verfahren geführt werden, als nur immer ein sittlicher Charakter zur Folge haben kann" uftv. Damit vergleiche man folgende Stelle ans der „Rhapsodie" von 1761: „Ja, wer nach der höchsten Stufe der sittlichen Vollkommenheit ringt, wer nach der Seligkeit strebt, seine unteren Seelenkräfte mit den oberen in eine vollkommene Harmonie zu bringen, der muß es mit der: Gesetzen der Natur wie der Künstler r.nt_ den Regeln seiner Kunst machen. Er muß so lange mit der Hebung fortfahren, bis er sich, in wahrender Ausübung, seiner Regeln nicht mehr bewußt ist, bis sich seine Grundsätze in Neigungen verwandelt haben und seine Tugend mehr Naturtrieb als Vernunft zu sein scheint" (1, 276). lieber Kant hinweg reichen hier sein Vorgänger und Nachfolger einander die Hände; beide glauben an die „schöne Seele", in der sich der sittliche Takt aller Empfindungen bis zu dem Grade versichert hat, . daß es keinen Kampf mehr gibt zwischen Sinnlichkeit und Vernunft. Schwerer lassen sich bei Schiller etwaige Spuren Mendelssohns verfolgen, wo sie sich schwachmütigen Phrasen vor Ueberschwang. So erklärt es sich aber auch, daß der von Galizien nach Oberungarn eingewanderte Jude, kaum daß er die Schmachtlocken und den Kaftan gekürzt hat, als Journalist in seinem Judendeutsch für den magyarischen Chauvinismus eintritt. Das Magyarentum ist vollkommen eingewickelt vom Judentum und kann sich nicht mehr rühren." Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das antisemitische Blatt die Phrase von dem sich nicht rühren könnenden Magyarentum selbst nicht glaubt. Andrerseits aber ist es ebenso zweifellos, daß die in Ungarn herrschende Praxis der Unterdrückung der Nationen nur darum nicht auch aus die Juden angewendet wird, weil die numerisch schwachen Magyaren die Juden nicht nur wirtschaftlich gut kommen, sondern weil sie sie auch zur Bildung einer für die Magyaren günstigeren Statistik brauchen können. Denn wenn in der Statistik die Juden nicht als Magyaren fungieren würden, käme das Mißverhältnis noch mehr zum Ausdrucke, das darin besteht, daß die Magyaren als eine den ungarländischen Nationalitäten gegenüber sich in der Minorität befindliche Nation ganz allein die politische Macht im Staate haben. Wahr aber ist, daß die lautesten „Magyaren" in Ungarn die Juden sind, die in der „Assimilation" das Heil v erblicken. Wir sehen aber die Zeit nicht mehr ferne, da auch die Magyaren die Assimilationsbestrebungen der Juden als nicht mehr in ihrem Interesse gelegen betrachten werden. Und dann werden die Juden vielleicht ihren wahnwitzigen magyarischen Chauvinismus bereuen und einsehen, daß es nicht nur ehrlicher ist, fein nationales Judentum offen zu bekennen und zu betonen, sondern auch zweckmäßiger. Aus der Mijli scheu Kmesuug. Mitteilungen des Laudeskomitees. Bei der am SV. April d. I. im Kongreßbnreau stattgefundenen Vorkonferenz zum IV. österreichischen Parteitag wurde beschlossen, denselben nicht — wie ursprünglich vorgeschlagen — am 11. und 12. Juni, sondern am 12. und 13. Juni d. I. in Prag abzuhalten. Tagesordnung: I. 1. Begrüßung. 2. Wahl des Bureaus. 3. Wahl des Legitimationsausschußes. II. 1. Allgemeiner Rechenschaftsbericht des L.-K. 2. Kassabericht. 3. Organisation, Res. Herr Dr. S. Krenberger, Wien. im einzelnen verlieren. Gewiß ist, daß der Begriff der Anmut nicht ganz ohne sein Verdienst fortgebildet ist (s. oben S. 117 f.), dagegen läßt die Entwicklung des Naiven seine Vorgängerschaft nur ahnen (vgl. oben S. 112*) und auch die ganz auf das Sittliche zugespitzte Lehre vom Erhabenen erscheint uns bei Schiller zu selbständig und zu kantisch, als daß man bei ihrer Erklärung noch viel auf Moses zurückgreifen dürfte (vgl. oben S. 148 ff.). Das Jdealisierungsverfahren des Künstlers wird von Schiller zweimal im Sinne, ja fast mit Worten Mendelssohns gekennzeichnet. Man vergleiche den oben S. 46 f. mitgeteilten Abschnitt aus den „Hauptgrundsätzen" mit folgenden bekannten Stellen aus der Abhandlung „Ueber die tragische Kunst" und der Rezension „Ueber Bürgers Gedichte": „Die Kunst erfüllt ihren Zweck durch Nachahmung der Natur, indem sie die Bedingungen erfüllt, unter welchen das Vergnügen in der Wirklichkeit möglich wird, und die zerstreuten Anstalten der Natur zu diesem Zwecke nach einem verständigen Plane vereinigt, um das, was diese bloß zu ihrem Nebenzwecke machte, als letzten Zweck zu erreichen" (Cottasche Ausg. von 1888, 4, 631). „Eine notwendige Operation des Dichters ist Idealisierung seines Gegenstandes, ohne welche er aufhört, . seinen >) P§l. hierzu B ci s ch, „La po^tique de Schiller“, Paris 1902.