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Jüdisches Volksblatt · 1905-05-05 · 18 (5.5.1905) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
18 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 geeignete Organisation wettmachen, während die Majorisierung selbst an einzelnen Punkten ganz wegfallt, an anderen durch eine geeignete Gesetzgebung kulturell und durch interne Arbeit wirtschaftlich unschädlich gemacht werden, in großen Gesamtheitsdingen durch Ausnützung von Machtmitteln und Schließung von Bündnissen vereitelt werden kann. Es gehört hierzu nur Wille oder besser Mut zu solchem Willen. Es ist ja nicht wahr, was die Antisemiten sagen, daß die jüdische Seele feige veranlagt ist. Wenn nirgends, so liegt hier eine Erbschaft des Ghetto vor. Juden, die in ihrem Privat- oder Berufsleben die größte Unerschrockenheit an den Tag legen, sind schreckhaft, wenn es sich um eine Vertretung jüdischer Ansprüche gegenüber der Regierung und anderen Völkern handelt. Es geht in ihren Kopf nicht hinein, daß die Juden statt ewig de- und wehmütig zu petitionieren und den Parteien nachzulaufen, sich auf eigene Füße stellen, selbst Forderungen erheben sollen. Sie begreifen nicht, daß die Völker die Juden nur deshalb so wenig respektieren und so stark beflegeln, weil diese die Tonart wortlos oder unter nutzlosen Abwehrworten einstecken, statt sich einfach nichts, aber auch gar nichts gefallen zu lassen. Damit soll nicht etwa der nAmaßung das Wort geredet werden. Im Gegenteil. Gerade heute, wo sich die Juden verpflichtet fühlen, im Winkelchen zu stehen und sich von halbwüchsigen und bejahrten Gassenjungen verhöhnen zu lassen, ohne aufzumucken — ist ihrer geheimen Erbitterung Gelegenheit gegeben, sich in überspanntes Selbstbewußtsein umzusetzen, das oft in Arroganz ausartet und jedenfalls von dem aufpassenden Arier leicht so empfunden wird. Anders, wenn die Inden ihr gleiches Recht wie eine Selbstverständlichkeit behandeln und auch nicht mit einem Jota weniger sich begnügen, als die anderen haben. Dam: werden sie auch aufhören, sich dafür durch einen schwer zu verbergenden innerlichen Hochmut zu entschädigen, und die anderen werden mit der Zeit weniger Nahrung für ihre antisemitischen Instinkte finden. Dieser künftige Stolz der Juden wird imponieren und höchstens Gegner erwecken, der heutige dünkt aller Welt erbärmlich und schafft Verächter. Heute sind- - wir Gegenstand von Hetzen, zwischen welche sich Ruhepausen einschieben. Dann aber werden wir in regelrechtem Frieden oder Krieg leben. Wir sollen an dem Völkerfrieden Mitarbeiten, — und es wird sich hoffentlich Gelegenheit dazu bieten, — aber wir sollen den Krieg nicht scheuen, den offenen Krieg! Die Wunden, die er schlägt, sind immer noch weniger schmerzlich, als die Hiebe, die wir auf die gekrümmten, immer sich duckenden Rücken krie¬ „Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen" manche Aehnlichkeit in der Behandlung des Problems durch Sulzer (s. darüber R. Sommer S. 204 ff.) und besonders durch Mendelssohn faum entgehen! Ist es doch dasselbe heißumworbene Thema, au dem sich die „Rhapsodie", die Preisschrift und die meisten sonstigen Arbeiten unseres Philosophen versuchten. Freilich hatte er es noch weit naiver angefaßt. Ohne je die Läuterung des haarscharf sondernden Kritizismus an sich erfahren zu haben, stellte er sich den belebenden Einfluß der Kunst auf unser sittliches Vermögen unmittelbarer und wärmer vor als der Schüler Kants. Dennoch liegt der Unterschied beider mehr in der Form als im Gedanken. Mit wie klaren Bestimmungen Schiller auch für die Autonomie der Kunst Antritt: in der Idee wandelt er dieselbe Straße, die einst der Popularphilosopb gegangen, dieser freilich neben dem moralisierenden Sulzer, jener unter der Führerschaft des vor unphilosophischeil Herzenswallungen bewahrenden Kant. Die demonstrativen Wahrheiten, sagt Mendelssohn, wirken nicht alle gleich stark in unser Begehrungsvermögen. „Manche überzeugen den Verstand, ohne das Gemüt besitze ich schon" (ebenda III, 1, 11. Jänner 1793). — Mendelssohn-Studien setzen auch wohl das ästhetische Kolleg im Winter 1792/93, die Arbeiten zum „Kallias" und der von Jena unter dem 25. Jänner 1793 datierte Brief an Körner (ebenda III, <>f.) voraus. Jüdisches Volksblatt gen. Lernen wir hier von den russischen Juden, die nebst anderem auch noch den großen Ruhm für sich beanspruchen dürfen, die ersten Schritte dieser epochalen Wandlung der Juden zu politisch mutigenMenschen gemacht zu haben. Auch sie haben ja genug nach der Richtung gesündigt und sündigen noch. Aber nach vielen, vielen Tausenden zählen bereits jene unter ihnen, die aus ' der Ausnahnisstellung der Juden nicht mehr die traurige Pflicht ableiten, den Mund zu halten, den Arm zu hemmen, das Hirn stille stehen zu lassen. Sie fürchten nicht mehr, durch ihre Taten ein böses Schicksal von irgend eiper Seite über ihr Volkstum heraufzubeschwören. Sie sagen sich: Sei's drum! Wenn wir uns nicht rühren, kann es nur noch schlimmer kommen, versumpfen und ersticken wir alle in maßloser Erniedrigung und Fesselung. Nur über Kampf und Opfer geht der Weg zum Frieden und zu menschenwürdigem Schicksal. Diesem Beispiel müssen wir folgen. Soweit auch unsere Meinungen auseinandergehen, in der Methode der Unerschrockenheit müssen wir Zusammentreffen. Wir müssen sie als eine gesunde und normale Form der Abwehr gegen die antisemitischen Frechheiten und Albernheiten anwenden; sie aber ganz besonders auch im positiven Wirken für unsere Kultur- und Wirtschafts-Interessen zur Geltung bringen. Nur, weil uns die politische Unerschrockenheit noch j fehlt, erscheint uns die. Aufgabe so schwer, sehen wir nur Hindernisse und Schwierigkeiten, /. zweifeln wir am Erfolge, . flüchten wir ganz aus der Gegenwart, die eben solche Unerschrockenheit voraussagt. Wir müssen trachten, diese Lücke zu verstopfen. Wohl sind die galizischen Juden von der neueren Kulturflut des russischen Judentums kaum erfaßt, wohl sind sie wirschaftlich kaum gereift, Wohl haben die westösterreichischen Juden auch nicht einmal Judentum in alter Kulturform mehr. Aber es gibt noch Jüdisches, Antisemitisches, Wirtschaftliches genug, woran angeknüpft werden kann, und politische Gelegenheit genug, um beide Teile in dem Gedanken einer mutigen Organisation ihrer Kräfte zu vereinigen. Und dann werden sie bald durch die Tat beweisen können, daß eine jüdische Politik nicht so hoffnungslos ist,' wie sie gerne hingestellt wird. Sie werden für, nach ihren politischen und sozialen Programmen verschiedene, wirtschaftliche Maßnahmen zu sorgen haben, durch welche indirekt auch die nationale Unabhängigkeit gestärkt wird: Für berufspolitische Vorkehrungen, namentlich für innere Jndustrie- und Ackerbaukolonisation, Gründung von Hilfskassen und Genossenschaften, Konsumvereinen, Gewerkschaften usw. zu bewegen, gewähren deutliche Erkenntnis, aber ohne Kraft, Leben und Wirksamkeit." „Wer von einer Wahrheit überzeugt ist, der kann sie zu eben der Zeit unmöglich in Zweifel ziehen; allein man kann von einer Verbindlichkeit theoretisch überzeugt fein und ihr dennoch Zuwiderhandeln,, (2, 6l). So auch Schiller im 8. seiner Briefe: „Das Zeitalter ist aufgeklärt, d. h. die Kenntnisse sind gefunden und öffentlich preisgegeben, welche hinreichen würden, Ivenigstcns unsere praktischen Grundsätze zu berichtigen . . . Die Vernunft hat sich von den Täuschungen der Sinne und von einer betrügerischen Sophistik gereinigt, und die Philosophie selbst, welche uns zuerst von ihr abtrünnig machte, ruft uns laut und dringend in den Schoß der Natur zurück — woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind? Es muß also, weil cs nicht in den Dingen liegt, in den Gemütern der Menschen etwas vorhanden sein, was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie noch so hell leuchtete, und der Aufnahme derselben, auch wenn sie noch so lebendig überzeugte, im Wege steht." —.Was ist nun das Hemmnis und was bringt die Erlösung? „Energie des Mutes gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen. Nicht ohne Bedeutung läßt der alle Mythus die Göttin der Wahrheit in voller Rüstung aus Jupiters Haupt steigen; denn schon Nr. 18 In zweiter Linie werden sie sich der Bildungs- und nationalen Kulturarbeit zu widmen haben. Hierher gehört hauptsächlich die Gründung von Bildungsvereinen und Schulen, die zwar keiner politischen Tendenz dienen sollen, aber einfach durch die Voraussetzung der jüdischen Nationalität und ihrer Kultur außerordentlichen Wert für die Festigung und Stärkung des jüdischen Volkstums erlangen können. Alles dies ist bis zu einer gewissen, garnicht so niedrigen Grenze auf Grund der bestehenden Gesetze und selbst bei äußerster Unliebenswürdigkeit der Behörden möglich. Was trotzdem durchzusetzen übrig bleibt, muß allmählich durch eine mutige und einsichtige politische Tätigkeit in den parlamentarischen Körperschaften und außerhalb ihrer durchgesetzt werden, wie wir bereits oben angedeutet haben . . . Wenn wir nur Mut und Ausdauer haben, keine Propheten unserer eigenen Schwäche und Unzulänglichkeit sind. * Matthias Acher. (Ein weiterer Artikel folgt.) Die Magyaren und die Nationalitäten. In Ungarn wird ein entscheidender Kampf vorbereitet. Nachdem die vielen Berufungen ungarischer Staatsmänner und Politiker vor Se. Majestät keine Verständigungsbasis gezeitigt haben, ist eine kleine Pause in der Entwirrung der Krisis eingetreten. Inzwischen hat die KoalitionsmajoriM des Parlamentes ihre Wünsche an die Krone in die Form einer Reichstagsadresse gegossen. So maßvoll diese an sich gehalten ist, zeugt sie doch von dem starren und trotzigen Festhalten an dem von der vereinigten Opposition von allem Anfang an eingenommenen Standpunkte. Ein weiteres Entgegenkommen seitens Sr. Majestät und ein Nachgeben in dem von der Koalition geforderten und erwünschten Sinn ist kaum wohl zu erwarten. Nach diesem langen und fruchtlosen Hin und Her nuß nun etwas Neues folgen. Und es ist in Vorbereitung. In der nächsten Zeit soll ein Kongreß der n i ch t m a g y a r i s ch e n Nationalitäten in Ungarn abgehalten werden, der zu den chauvinistisch-magyarisch-' nationalen Forderungen der ungarischen Parlamentsmehrheit Stellung nehmen soll. Es soll der Welt und den magyarischen Chauvinisten vor Augen geführt werden, daß Ungarn nicht allein von dem magyarischen Volksstamme bewohnt wird, daß die Forderung nach magyarischer Kommandosprache in der Armee nicht eine Forderung des ungarischen Staates ist, nicht dem ungarischen Volkswillen entsprungen ist, sondern der Ausihre erste Verrichtung ist kriegerisch. Schon in der Geburt hat sie einen harten Kampf mit den Sinnen zu bestehen, die aus ihrer süßen Ruhe nicht gerissen sein wollen." Verwandte Ideen bei Moses: „Wir Menschen besitzen außer der Vernunft auch Sinne und Einbildungskraft, Neigungen und Leidenschaften, die in der Bestimmung unseres Tuns und Lassens von äußerster Wichtigkeit sind. Das Urteil unserer Vernunft kommt nicht allezeit mit dem Urteil unserer niederen Seelenkräste überein und wenn sie miteinander streiten, so müssen sie notwendig eines des anderen Wirksamkeit in den Willen schwächen" (2, 61). Wie gelangen wir nun zur Veredelung des Charakters, da die Erkenntnis allein uns diesen Dienst nicht leisten will? Durch „die Ueberzeugung des Herzens", antwortet Mendelssohn. „Das innere Gefühl, diese Empfindung des Guten und Bösen, Wahren und Falschen, wirkt nach unveränderlichen Regeln, nach richtigen Grundsätzen, die durch anhaltende Hebung unserem Temperament einverleibt, bei uns gleichsam in Saft und Blut verwandelt worden sind. Ob sie gleich auf. undeutliche Erkenntnis und öfters auf bloße Wahrscheinlichkeiten gegründet sind, so ist ihre Wirkungskraft auf das Begehrungsvermögen dennoch weit feuriger und lebhafter als die Wirkungskraft der deutlichsten Vernunftschlüsse, die ohneFertigkeit überzeugen.

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