Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 18 (5.5.1905)
- Date
- 1905-05-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K 8.48 ä Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgecsengeiiommell werden: Hermann Goldschnndt, Wien, I. Wollzeile II; Verlag „Zion" Wien, >1/3, Untere Augartenstraße lJ; Robert Weiß, Wien, 1. Jnkoberqasse, Ur. 18 Wien, 5. MaL 1905 (30. Uijsan 5665). V1L Jahrgang. behaupten, sowie eine gedeihliche nationalpolitische Tätigkeit zu entwickeln. Was nun die Frage nach dem inneren Wert und den inneren Möglichkeiten einer jüdischen Kultur in der Zerstreuung Betrifft, so würde uns ihre Beantwortung denn doch zu weit über den Rahmen dieses Artikels hinausführcn, Sie hängt aus das innigste mit dem Problem der sogenannten Bodenständigkeit' zusammen, und kann für uns hier füglich als Sache des persönlicben Geschmackes gelten. Wer will, kann sich das Gegebene auf dem Wege normalerEntwicklung vertieft und vollendet denken. Ein anderer wieder kann feine Kulturwünsche so stellen, daß er daran verzweifeln muß, sie auf diesem Wege zu erreichen. Dagegen ist der Zweifel an der äußeren Fortdauer der im innerlichsten Sinne als aussichtslos empfundenen Kultur nicht mehr unmittelbar Sache des Gefühls. Es schreibt sich vielmehr schon aus klar ausgesprochenen und umrissenen Ueberzeugungen her, und hat deshalb sicherlich ein aktuelleres. Interesse. Wir können hier nicht so weit ausholend auf ihn eingehen, als er es, verdient. Wir können hier nicht das ganze Bündel von Fragen, die in Hinsicht auf die.alte und neue jüdische Kultur in Rußland und der russischjüdischen Kolonien in der neuen Welt gestellt werden, aufrollen. Wir können uns hier nicht über alle die Wirkungen aussprechen, die von der Umgestaltung der russischen Staats- Verhältnisse, so namentlich von der erwarteten Freizügigkeit erhofft oder befürchtet werden. Aber selbst, wenn wir die günstigste Voraussicht hegen, kann uns diese über die jüdischkulturelle Zukunft, speziell Galiziens, nicht sonderlich beruhigen. Gewiß ist ein kulturelles Sicherholen des galizischen Judentums nur unter Aegide des im russischen Judentum kulminierenden ostjüdischen Kultur denkbar. Aber wie sollte dieser Einfluß walten können, wenn ihm etwa die besonderen galizischen Verhältnisse nicht aufkommen lassen, wenn etwa dieselben Ursachen weiter wirken, welche die schöpferische; Kulturkraft des galizischen Judentums so her-; untcrgebracht haben: Einerseits die Maßlosigkeit der hypernationalen Polen oder besser das jüdische Zusammenknicken vor ihr, andrer-; seits die Ansteckung durch die westösterreichischen l Stammesgenossen? > Hiermit finden wir uns mit einem Schlage vor die politische Seite des Problems gestellt. i Wir sehen die national-kulturelle Zukunft des > galizischen Juden davon abhängig, ob es ihnen! möglich sein wird, sich dauernd vom Polentum! zu emanzipieren und in unbedenkliche Beziej Hungen zu den österreichischen Westjuden zu! kommen. Was man vereinfacht auch so ausdrücken kann: Ob das vereinigte österreichische Judentum imstande sein wird', sich politisch zu organisieren, zu behaupten und politische Erfolge zu erzielen? Man weist, um die Aussichtslosigkeit jüdisch-politischer Bestrebungen darzutun, immer auf die überwältigende Majorisierung hin, der die Juden ausgesetzt sind und die durch ihre beispiellose Zersplitterung noch qualifiziert ist. Aber die Zersplitterung läßt sich ja durch Die jüdische Nation in Oesterreich. Eine Artikelserie. II *) Wir haben uns im ersten Artikel gegen jene intransigenten Anschauungen gewendet, wonach das jüdische Leben der Gegenwart eine Sache ist, die man der Zukunft zu Liebe leicht vernachlässigen könne und dürfe. Dabei mußten wir vom Westen absehen. Aber wir konnten auf die Entwicklung der russischen Juden verweisen, die trotz mancher Bekenntnisse zur Provisoriumsauffassung und Stimmung durcharis vom Geiste der menschheitlichen und nationalen Gegenwart erfüllt sind. Auch bei dem national gefährdetsten ostjüdischen Zweig, den Juden Galiziens, fanden wir noch deutlich die ostjüdischeit Züge eigener Kultur und eigener Sprache. Und wir konnten schließlich konstatieren, daß selbst die westösterreichische Judenheit sich aus mannigfachen Ursachen von den anderen Westjuden durch eine erhöhte jüdische Lebendigkeit vorteilhaft unterscheidet. Und doch soll man nach der Meinung der Intransigenten mit allen diesem Material nichts sonderliches ausrichten können. Das jüdische Volk sei in seiner Zerstreuung bedingungslos der Umgebung ausgeliefert. Als ewige Minderheit sei es außer Stande, seine Kultur auszuschöpfen und auf die Dauer zu *) Siehe Artikel T in Nr. 15 vom 14. April d. I. Feuilleton. Mendelssohn «nd Schiller.*) Was Mendelssohn und Schiller verbindet, ist ihr hoher sittlicher Ernst, jener moralische Idealismus, der sich in ihren Jugendwerken sogar eine verwandte Art schwungvoller Darstellung gebildet hat. Beide erschließen f mit innerer Wärme der Platonischen Idee, daß die Schönheit die Erscheinungsforin des Guten sei. Mendelssohn ahnt, Schiller postuliert — dieser nach, jener vor Kant, aber beide in gewissem Gegensätze zu ihm — eine ästhetische Bildung des Menschen, die ihn für die höchste sittliche Vollkommenheit empfänglich macht und die rohe Natur in eine schöne verwandelt. Besonders den Briefen „Ueber die Empfindungen" muß der junge Schiller Sympathie entgegengebracht haben. Standen sie doch unter dem Zeichen Shaftesburys, aus dem auch seine Begeisterung schon frühe Nahrung und Kraft gesogen hatte! Seine Phantasie „Die Künstler" ist kaum mehr als der poetische Niederschlag jener Studien, die mit den Namen Shaftesbury, Baumgarten und Mendelssohn verknüpft sind (siehe Braitmeier 2, 160 f.). *) Audem soeben erschienenen Werke: „MofeS Mondelösohn und dideutsche Arstheti!" von Dr. Ludwig Goldstein, Königsberg i. Pr., Perlag von Orttfr und Ünzer, 1904. Der Künstler soll nicht moralisieren, darin waren beide einig. Aehnlich wie Moses eine besondere künstlerische Sittlichkeit von der des praktischen Lebens unterscheidet, lehrt Schiller in der Abhandlung „Ueber das Pathetische", daß „der nämliche Gegenstand in der nioralischen Schätzung mißfallen und in der ästetischen sehr anziehend für uns sein" könne: „Er wird dadurch, daß er ästhetisch brauchbar ist, nicht moralisch befriedigend, und dadurch, daß er moralisch befriedigt, nicht ästhetisch brauchbar". Beispiele werden beigebracht für solche „Handlungen, über welche das moralische und ästhetische Urteil verschieden ausfallen". „Die Gesetzmäßigkeit, welche die Vernunft als moralische Richterin fordert, besteht nicht mit der Ungebundenheit, welche die Einbildungskraft als ästhetische Richterin verlangt". Damit hängt zusammen, daß sittlich vollkommene Charaktere und historische Treue dem Dichter keinen poetischen Erfolg verbürgen, ja die ästhetische Kraft des Eindruckes leicht in Frage stellen. „Es ist ein Glück, daß das wahre Genie auf die Fingerzeige nicht viel achtet, die man ihm, aus besserer Neigung als Befugnis, zu erteilen sich sauer werden läßt; denn sonst würden Sulzer und seine Nachfolger der deutschen Poesie eine sehr zweideutige Gestalt gegeben haben. Den Menschen moralisch auszubilden und Nationalgefühle in dem Bürger zu entzünden, ist zwar ein sehr ehrenvoller Auftrag für den Dichter und die Musen wissen es am besten, wie nahe die Künste des Erhabenen und Schönen damit Zusammenhängen mögen. Aber was die Dichtkunst mittelbar ganz vortrefflich macht, würde ihr unmittelbar nur sehr schlecht gelingen. Die Dichtkunst führt bei dem Menschen nie ein besonderes Geschäft aus und man könnte kein ungeschickteres Werkzeug erwählen, um einen einzelnen Auftrag, ein ' Detail, gut besorgt zu sehen. ' Ihr Wirkungskreis ist das Total der menschlichen Natur und bloß insofern sie auf den Charakter einfließt, kann sie auf seine einzelnen Wirkungen Einfluß haben" usw. Wie nahverwandt sind diese Gedanken den Mcndelssohnschen, die wir oben in dem Kapitel über „Kunst und Moral" kennen gelernt haben! Die hier nur angedeutete ästhetische Erziehung als Vorbedingung der freien Sittlichkeit hat Schiller dann in einer Serie von 27 Briefen zum Gegenstände tiefsinniger Untersuchungen gemacht. Aus mancherlei Aeußerungen ist bekannt, daß der Niederschrift dieses Werkes das Studium der Schulphilosophen voranging.**) Aber auch ohne diese zufällige Kenntnis würde uns bei der Lektüre der Briefe **) „B aumgarten will ich auch noch vorher lesen." (Briefw. Schillers mit Körner II, 809; 25. Mai 1792.) — „Besitzest oder weißt du wichtige Schriften über die Kunst, so teile sie mir doch mit: Bürke. Sulzer. Webb, Meyer, Winckelmann, Home, Batteux, Wood, Mendelssohn nebst fünf oder sechs schlechten Kompendien